Rezension über:

Arndt Schreiber: Adeliger Habitus und konfessionelle Identität. Die protestantischen Herren und Ritter in den österreichischen Erblanden nach 1620 (= Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung; 58), München: Oldenbourg 2013, 402 S., 34 s/w-Abb., ISBN 978-3-486-71961-1, EUR 59,80
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Rezension von:
Jiří Hrbek
Prag
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Jiří Hrbek: Rezension von: Arndt Schreiber: Adeliger Habitus und konfessionelle Identität. Die protestantischen Herren und Ritter in den österreichischen Erblanden nach 1620, München: Oldenbourg 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 5 [15.05.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/05/23512.html


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Arndt Schreiber: Adeliger Habitus und konfessionelle Identität

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In der Forschung zu Mitteleuropa nimmt die Adelsgeschichte immer größeren Raum ein, weshalb zunehmend auch Einzelaspekte des adligen Lebens stärker in den Fokus der Geschichtswissenschaft rücken. Die ältere Forschung, deren Interessen sich oft auf genealogisch-topografische Muster oder auf die Biografien bedeutender Einzelpersönlichkeiten richteten, wird seit geraumer Zeit durch breiter angelegte Fragestellungen erweitert. Dieser Tendenz folgt auch Arndt Schreiber, indem er nach dem Leben des protestantischen österreichischen Adels in den Jahrzehnten nach der Schlacht am Weißen Berg fragt. Seiner Ansicht nach handelt es sich bei ihr um einen Markstein für das Verständnis nicht nur der tschechischen, sondern der gesamten mitteleuropäischen Geschichte.

Auf außerordentlich breiter Quellenbasis, die sich nicht nur aus adliger Korrespondenz, sondern auch aus von Adligen verfassten literarischen Werken, zeitgenössischen Beschreibungen politischer Ereignisse sowie polemischer Literatur unterschiedlicher Provenienz zusammensetzt, rekonstruiert der Autor das Bild eines Adels, der den sicheren modus vivendi mit einem frühmodernen Staat sucht, der ganz eindeutig die Angehörigen einer anderen Konfession bevorzugte. Schreiber bedient sich bei seiner Analyse des Terminus der "Konfessionskultur", den Thomas Kaufmann am Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts prägte. [1] Kaufmann beschrieb so den Formungsprozess einer "bekenntnisgebundenen Auslegungsgestalt des christlichen Glaubens in die vielfältigen lebensweltlichen Ausprägungen und Kontexte hinein, in denen der allenthalben wirksame Kirchenglaube präsent war" (17).

Den Hintergrund von Schreibers Untersuchung bildet das Spannungsverhältnis zwischen Normen und ihrer Einhaltung. Auf der einen Seite steht dabei die durch Ferdinand II. und Ferdinand III. verordnete Rekatholisierung, die in den einzelnen österreichischen Ländern mit unterschiedlicher Intensität erzwungen wurde, auf der anderen Seite die konkrete Anpassung der protestantischen Adeligen an die neuen Rahmenbedingungen, die sie selbst nicht beeinflussen konnten. Bei seiner Untersuchung gelangt der Autor zu manch interessantem Ergebnis. Allein die Tatsache, dass eine große Gruppe der Adeligen in den österreichischen Ländern dem Protestantismus treu blieb, und zwar auch lange nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, vermag zu überraschen. Nützlich und daher hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das Verzeichnis im Anhang des Buches. Weil bisher noch keine ähnliche Grundlagenforschung zu den tschechischen Ländern betrieben wurde [2], fehlt leider die Möglichkeit zu dem so wichtigen Vergleich mit den Verhältnissen in den anderen Territorien der Habsburgermonarchie. Diese Lücke bemüht sich Schreiber aber im fünften Kapitel seines Buches durch den Blick auf westeuropäische Parallelen zu schließen.

Dem Autor gereicht zur Ehre, dass er sich von religiös wertenden Urteilen völlig befreien kann und das Verhalten der einzelnen von ihm in den Blick genommenen protestantischen Adeligen nicht in im Vorfeld festgelegte Kategorien hineinpresst. Stattdessen möchte er die individuelle Stellung jedes Individuums innerhalb der neu entstandenen Situation betonen und lässt dazu ganz die Quellen sprechen, am häufigsten die Ego-Dokumente adliger Provenienz. Im Falle der Konversionen zum Katholizismus lehnt er es ab, innere und äußere Gründe zu unterscheiden und betont stattdessen die Komplexität der jeweiligen Entscheidung. So musste für eine Konversion nicht eine tiefe innere Wandlung ausschlaggebend sein, auch nicht die kalte Berechnung der Karrierechancen. Der Beweggrund konnte auch einzig sein, dass der Betreffende neben seinen Vorfahren in der nun katholischen Kirche begraben sein wollte. Dabei interessiert er sich nicht nur für die Reaktionen der Familien der Konvertierenden, sondern auch der Gruppe der protestantischen Adeligen insgesamt, die sich mit dem "Abfall" ihrer Mitgläubigen konfrontiert sah. Gerade die sozialen Bindungen, ihre Festigkeit und die religiösen Einstellungen, die im Rahmen des adligen Alltags sichtbar werden, interessieren Schreiber.

Neben den Konversionen blickt er daher auch auf die Emigration protestantischer Adeliger, für die die Gründe ebenso verschiedenartig sein konnten, wie sie es bei den Konversionen waren. So war es nicht nur der Druck seitens der sogenannten Reformationskommissionen, der zu einer entsprechenden Entscheidung führte, sondern auch wirtschaftliche Gesichtspunkte und drohender Bankrott (190-192). Zwischen der Entscheidung zur Konversion oder Emigration gab es eine Vielzahl anderer Reaktionen, deren sich die Mitglieder einer protestantischen Gemeinde bedienen konnten. Sie reichten von der konfessionellen Opposition (häufig in Verbindung mit den Reichsständen) über unterschiedliche Arten der Anpassungen bis zur offenen Bekundung von Loyalität, für die die protestantischen Adeligen mit neuen Titeln belohnt wurden. Gustav Reingrabners These einer "antihöfischen Kultur" des österreichischen Adels [3] ist somit bedingt widersprochen (141-143).

Neben dem Zugang zu Ämtern, der vor allem den adligen Protestanten aus Niederösterreich weder vor noch nach 1620 völlig versperrt war, beschäftigt sich Schreiber auch mit den wirtschaftlichen und kulturellen Interessen des protestantischen Adels. Hier hätte jedoch der Vergleich mit der katholischen Mehrheit gut getan, zu dem Schreiber aber leider nur im Zusammenhang mit den Kavaliersreisen und deren Zielen greift (88-97). Zu fragen bleibt auch, inwieweit man die Äußerungen der für die Untersuchung in den Blick genommenen Einzelpersonen wie Wolf Helmhard von Hohberg als allgemeingültig voraussetzen kann. Dessen monumentales literarisches Werk bildet nämlich den entscheidenden Teil der Kapitel, die sich dem Bereich der "standesbewussten Erziehung" widmen. Hervorzuheben ist auch, dass Schreiber bei der Auseinandersetzung mit der neuen Situation geschlechterspezifische Unterschiede herausarbeitet (zum Beispiel durch die Analyse der Korrespondenz von Catharina Regina von Greiffenberg). Durch den Vergleich mit dem Umfeld in Tschechien drängt sich beinahe die Feststellung auf, dass die protestantischen Frauen dem konfessionellen Druck länger und erfolgreicher als ihre Männer widerstanden.

Bei der Lektüre von Schreibers hervorragender Arbeit entstehen einige Fragen, die in späteren Forschungsarbeiten geklärt werden müssten. Neben dem oben angesprochenen Vergleich mit dem katholischen Milieu wäre vor allem zu fragen, inwieweit der protestantische Adel in den österreichischen Ländern nach dem Jahr 1620 eine unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten homogene Gruppe darstellte (also, ob Unterschiede zwischen den reichen und armen protestantischen Adeligen existierten). Gleiches gilt auch für konfessionelle Gesichtspunkte: Wie verhielt es sich mit den Unterschieden zwischen dem calvinistischen Adel und der lutherischen Mehrheit? Gänzlich außerhalb von Schreibers Blickfeld bleibt leider die Religionspraxis der protestantischen Adeligen, die die Andersartigkeit gegenüber der Mehrheit der Katholiken doch eigentlich erst definierte. Eine genauere Analyse adliger Taufen, Hochzeiten oder auch anderer Festivitäten unter Berücksichtigung des Konfessionsbegriffs könnte die alltäglichen Unterschiede verdeutlichen. Ob es, wenn etwa Braut oder Bräutigam verschiedenen Konfessionen angehörten, Kompromisse im Alltag oder im Festtag gab, erfährt der Leser nicht.

Im Zentrum von Schreibers Interesse stehen das Individuum und seine sozialen Beziehungen, durch die es sich mit Personen verband, die, nicht nur auf konfessioneller Ebene, ähnliche Werte und Ansichten vertraten. Die vorliegende Arbeit zeigt, dass die protestantische Gemeinde durch Hauswirte, Dichter, Reichshofräte und Ehefrauen religiös halbherziger Männer geprägt war, die selbst aus einem mangelnden Interesse für das Geistliche zum Katholizismus übergingen. Mit der Erforschung dieser durch ihre Konfession abgegrenzte (sonst sehr heterogene) Gruppe entsteht ein plastisches Bild der Adelsgesellschaft in den österreichischen Ländern, die eine komplizierte und deshalb allmähliche, das gesamte 17. Jahrhundert andauernde Verwandlung durchlief.


Anmerkungen:

[1] Besonders Thomas Kaufmann: Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Friede. Kirchengeschichtliche Studien zur lutherischen Konfessionskultur (Beiträge zur historischen Theologie; 104), Tübingen 1998.

[2] Aus der tschechischen Forschung zu Einzelfragen rezipiert Schreiber nur die Werke von Tomáš Knoz, die anderen einschlägig arbeitenden Autoren bleiben unerwähnt, obwohl einige auch auf Deutsch publizierten. Genannt seien Jiří Mikulec: Die staatlichen Behörden und das Problem der konfessionellen Emigration aus Böhmen nach dem Jahr 1620, in: Glaubensflüchtlinge. Ursachen, Formen und Auswirkungen frühneuzeitlichen Konfessionsemigration in Europa, hg. von Joachim Bahlcke, Berlin 2008, 165-186; Lenka Bobková: Böhmische Exulanten in Sachsen während des Dreißigjährigen Krieges am Beispiel der Stadt Pirna, in: Frühneuzeit-Info 10/1 und 10/2 (1999), 21-29.

[3] Gustav Reingrabner: Adel und Reformation. Beiträge zur Geschichte des protestantischen Adels im Lande unter der Enns während des 16. und 17. Jahrhunderts, Wien 1976.

Jiří Hrbek