Rezension über:

Renate Pieper: Die Vermittlung einer Neuen Welt. Amerika im Nachrichtennetz des habsburgischen Imperiums 1493-1598 (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz. Abt. für Universalgeschichte; Bd. 163), Mainz: Philipp von Zabern 2000, XIV + 354 S., 4 s/w-Abb., ISBN 978-3-8053-2621-6, DM 88,00
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Rezension von:
Heinrich Lang
Bamberg
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Heinrich Lang: Rezension von: Renate Pieper: Die Vermittlung einer Neuen Welt. Amerika im Nachrichtennetz des habsburgischen Imperiums 1493-1598, Mainz: Philipp von Zabern 2000, in: sehepunkte 1 (2001), Nr. 2 [15.02.2001], URL: http://www.sehepunkte.de
/2001/02/2372.html


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Renate Pieper: Die Vermittlung einer Neuen Welt

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Die Grazer Historikerin Renate Pieper hat mit "Die Vermittlung einer neuen Welt. Amerika im Nachrichtennetz des habsburgischen Imperiums (1493-1598)" das beeindruckende Ergebnis ihrer langjährigen Habilitationsforschungen vorgelegt. Hierin unternimmt sie den "systematische(n) Vergleich verschiedener Kommunikationsmedien hinsichtlich ihrer Funktion, ihres Einflusses auf den Inhalt von Meldungen und der Geschwindigkeit der Informationsvermittlung" - wie Pieper das Forschungsdesiderat selbst formuliert (4). Ihre Aufmerksamkeit richtet sich auf die Interdependenz der frühneuzeitlichen Kommunikationsmedien sowie auf die Nachrichtennetze: Gestalt und Inhalt der Meldungen aus der "Neuen Welt" hängen von der Struktur der Transfernetze von Informationen und dem Einsatz verschiedener Medien ab. Angelehnt an netzwerktheoretische Grundüberlegungen benötigt sie für den Vergleich diverser Netze Daten langfristiger Beobachtung, wobei sie den Wandel seit dem Eintreffen der ersten Nachrichten von der "Entdeckung" der Neuen Welt durch Kolumbus in Europa bis zum Tode Philipps II. charakterisiert.

Mit diesem Ansatz bewegt sich Renate Pieper weg von der traditionelleren Analyse der europäischen Machtgeometrie in Verbindung mit der kolonialistischen Expansion. Ebenso grenzt sie sich von der rezeptionsgeschichtlichen Beschreibung der Amerikabilder in Europa oder den zahlreichen punktuellen Untersuchungen und der oftmals irrwegigen Fokussierung auf nur ein Medium ab. Vielmehr konzentriert sich das vorliegende Buch in Adaption der Begrifflichkeiten Michael Gieseckes auf "die das Kommunikationssystem des Habsburgerreiches charakterisierenden Kommunikationsmedien (Speicher) [...], die die verschiedenen Teilnehmer des Kommunikationsprozesses (Prozessoren) miteinander verbanden" (37f.). Zu berücksichtigen ist, dass ein Kommunikationsmedium unterschiedliche Informationsmedien umfasst: So bestehen etwa "skriptographische Informationssysteme" aus diversen Formen von Korrespondenzen (familiärer Briefwechsel der Habsburger, regierungsamtliche Korrespondenzen, diplomatischer Nachrichtenaustausch, Kaufmannsbriefe, handschriftliche Nachrichtenbriefe beziehungsweise geschriebenen Neue Zeitungen, Avvisi), aber auch aus handschriftlichen kartografischen Erzeugnissen. Auf diese Weise versucht Renate Pieper, Konstitution und Wandel des multimedial zusammengefügten Amerikabildes zu erklären.

Ein eröffnendes Methodikkapitel trägt die Teilnehmer des europäischen Kommunikationssystems, die Kommunikationsmedien und Kommunikationsverbindungen zusammen, um die analytischen Kriterien zur anschließenden beschreibenden Netzwerkanalyse vorzustellen und systematisch zu positionieren. Von linguistischen Sprachmodellen entlehnt Renate Pieper das dreigliedrige Modell von Sender, Vermittler und Empfänger, das sich tabellarisch als Darstellung der quantitativen Komponenten von Orten im Netzwerk und grafisch als komplexes Verbindungsmodell umsetzen lässt - vierzehn Tabellen und 23 Grafiken spicken den Text. Wiewohl die Autorin in umfangreichen Anhängen handschriftliche Nachrichten sowie handschriftliches Kartenmaterial an deren jeweiligen kommunikativen Stationen (Sender, Vermittler, Verfasser, Empfänger) dokumentiert (Anhänge, 285-327), legt sie kein Gesamtinventar vor. Es sei noch festgestellt, dass in Deutschland und Italien - dem habsburgischen Machtbereich - im Verlauf des 16. Jahrhunderts rund zwei Millionen Druckerzeugnisse mit Amerikabezug, mithin 1-2% aller Druckerzeugnisse, zirkulierten.

In drei übergreifenden Kapiteln handelt Renate Pieper zunächst von der chronologischen Übermittlung und Verteilung der Meldungen von den ersten Entdeckungen Amerikas in Europa bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts, als sich die Existenz Amerikas im europäischen Bewusstsein weitgehend verankert hatte. Ein zweites Kapitel untersucht als thematische Stichproben den Informationsfluss über zwei besondere Ereignisse - die Auslöschung der Hugenotten-Kolonie in Florida 1565 und die Überfälle des Francis Drake auf Santo Domingo und Cartagena 1586, um daran den Wandel in den Nachrichtennetzen Europas und den Einsatz der verschieden Speichermedien zu zeigen. Ein drittes Themenkapitel beschäftigt sich mit den für das Amerikabild so determinierenden Edelmetallen in den Kommunikationssystemen der Alten Welt sowie den Papageien als luxuriöser Importware und Symbol der Neuen Welt.

Daraus folgt erstens: Die Auseinandersetzung mit den ersten Entdeckungsreisen, wesentlich in handschriftlichen Medien, fiel in Italien stärker aus (1493-1503: 103 Kommunikationsvorgänge) als im deutschsprachigen Raum (1493-1503: 71 Kommunikationsvorgänge). Das in Italien ausgeprägte Interesse an der Neuen Welt erklärt sich aus den engen wirtschaftlichen wie politischen Verflechtungen mit Spanien, wodurch sich für den italienischen Raum eine aktuellere, schnellere, präzisere und quantitativ erheblichere Informationsübermittlung ergibt (die römische Kurie ist als besonderer Fall zu nennen). Als herausragender Multiplikationsfaktor erweist sich über längere Zeit der am spanischen Hof lebende Italiener Pietro Martire d'Anghiera. Nach Abflauen des durch die kommunikative Zentralität des spanischen Königshofes dominierten Anfangsinteresses für Neuigkeiten aus Amerika gewinnt die portugiesische Sichtweise aus Konkurrenz zur kastilischen Expansion vor allem durch die direkten Handelsverbindungen oberdeutscher Kaufleute nach Lissabon zu Beginn des 16. Jahrhunderts an Interpretationsmacht. Über die Alpen indes werden kaum Informationen vermittelt. Im beschriebenen Zeitraum bis zum Erscheinen des in Paris 1503 gedruckten, besonders in Deutschland aufgenommenen Mundus-Novus-Briefes beschränkt sich im deutschen Sprachraum das Wissen über die Entdeckung einer Neuen Welt weitgehend auf Sebastian Brants Narrenschiff (in einem vierzeiligen Hinweis), das - seit seinem Erscheinen 1494 - die weitaus größte Menge an gedruckten Amerikana nördlich der Alpen ausmacht.

Am Beginn des 16. Jahrhunderts haben sich zwei strukturelle "Cluster" im Netz der Informationsvermittlung herausgeschält: Die italienischen Städte (mit dem Zentrum Rom bis etwa 1497, dann Venedig und durch die portugiesischen Selbstdarstellungsversuche erneut Rom) einerseits, die Städte nördlich der Alpen (Druckort Straßburg verdrängt Basel) andererseits. In dieser Phase werden die traditionellen Kommunikationsmedien handschriftlicher Informationsvermittlung in den etablierten Netzen vorrangig Mittel-Norditaliens durch Druckerzeugnisse nicht ersetzt. Die Kommunikationsnetze im Habsburger Reich sind von loser Dichte. Die Darstellungen der Neuen Welt in kartografischen Erzeugnissen speisen sich aus italienischen und deutschen Informationen, die humanistischer Verflechtung entspringen, und erleben ihre erste Blüte zu Anfang des 16. Jahrhunderts.

Zweitens: Unter der Leitfrage, wie sich die Stellung Madrids und der iberischen Halbinsel im europäischen Nachrichtennetz im Verlauf des 16. Jahrhunderts verändert, bemerkt Renate Pieper anhand der europäischen Aufnahme des Massakers von Matanzas ("Bartolomäus-Nacht des amerikanischen Kontinents", 1565) und des Überfalls des Francis Drake auf Santo Domingo im Januar 1586, dass sich ein regelmäßiges, komplexes wie auch dichtes Netz handschriftlicher Neuer Zeitungen mit großer Reichweite herausgebildet hat, auf das englische wie auch spanische Nachrichtenschreiber zugreifen können. Nach Eintreffen von Meldungen in Sevilla vergehen gewöhnlich ein bis zwei Monate, bis flächendeckend berichtet wird. London, das erst nach der Rückkehr von Francis Drake im August 1586 zu einem bedeutenden Verteiler von Informationen wird, hat keine direkte Verbindung zu Empfängern: Vermittlungszentren und Multiplikatoren sind besonders Antwerpen und Venedig, aber auch Köln und Rom. Von einem relativ eigenständigen Netz des Pfalzgrafen von Pfalz-Neuburg abgesehen, ist das immer noch in zwei Segmente (Italien und Nordeuropa) zerfallende europäische Kommunikationssystem ziemlich einseitig auf Italien ausgerichtet. Zwischen handschriftlichen Medien und Druckerzeugnissen besteht keine systematische, unmittelbare Verbindung. Die Drucke als Speichermedium unterrichten über einen längeren Zeitraum in kleineren Räumen bei größerer sozialer Diffusion vor allem im Norden Europas, wo eine große Zahl von Druckerzeugnissen insbesondere in den protestantischen Druckerstädten produziert und zu propagandistischen Zwecken eingesetzt wird. Bemerkenswert ist die folgende Beobachtung: Spanien verzichtet weitgehend auf Propaganda durch das Medium Druck.

Drittens: Auf Grund der essenziellen Bedeutung von Edelmetallen für die kreditfinanzierte habsburgische Ökonomie und Kriegsführung werden präzise sowie schnelle Information über das Ankommen der Edelmetallflotten benötigt. Die monopolisierte Registratur der Lieferungen in der Casa de la Contratación in Sevilla (und die Weitergabe der Daten an den spanischen Hof) prägt die Ausformung des Informationsstandes in Europa: Im spanisch-italienischen Segment des europäischen Nachrichtennetzes sind Berichte qualitativ weitgehend verlässlich, wobei Meldungen zunächst hauptsächlich in diplomatischer und geschäftlicher Korrespondenz, dann überwiegend durch handschriftliche Neue Zeitungen vermittelt werden. In Korrelation mit dem zunehmend unrentablen Bergbau Mitteleuropas nimmt das Interesse im Reich an der Silbereinfuhr aus Übersee gegen Ende des Jahrhunderts deutlich zu. Die entscheidende Neuerung im sukzessiven Wandel des europäischen Nachrichtennetzes, in dem sich die Zentralität des spanischen Hofes zu Gunsten derjenigen der Vermittler Venedig und Antwerpen schleichend vermindert, ist die Teilnahme Londons und Middelburgs am Kommunikationsprozess über Edelmetalle. Augsburg entwickelt sich zum wichtigsten aller Empfänger (Fuggerzeitungen). Allerdings, der Topos vom amerikanischen Gold lebt in Druckerzeugnissen nördlich der Alpen fort.

Papageien stellen Konsum von Luxusgütern zu Repräsentationszwecken dar: Nach den Berichten Pietro Martires werden die ersten Exemplare des hoch geschätzten exotischen Federviehs von Spanien über Italien nach Nordeuropa eingeführt. Die Rezeption der Wissenschaft von diesen außergewöhnlichen Tieren nimmt denselben Weg. Wie auch bei den Nachrichten über Edelmetalle ist der Kaiserhof zu Wien und Prag einer der wichtigsten Abnehmer für Amerikana. Bei Papageien in gedruckten Erzeugnissen dominiert der deutsche Sprachraum nicht, wohingegen die Abbildung von Papageien auf Weltkarten besonders gern in Nordeuropa - nach der Jahrhundertmitte weniger - gesehen wird. Genauigkeit und Geschwindigkeit gedruckter und handschriftlicher Darstellungen der Vögel unterscheiden sich nicht.

Renate Pieper gelingt ein umfassender Überblick, der eine attraktive Fülle von Einzelstudien beinhaltet, und deren Forschungsleistungen deutlich in den beiden "Stichprobenkapiteln" liegen. Die Analyse der Kommunikationsmedien und -netzwerke liefert einen wichtigen Beitrag zur Kommunikations- und Mediengeschichte der Frühen Neuzeit, indem der umfangreiche Themenkomplex durch die synchrone Dokumentation der Wahrnehmung zweier Einzelereignisse und durch die diachrone Beschreibung zweier für die Rezeption sowie Eingemeindung der Neuen Welt relevanter Aspekte anhand der Edelmetalle und Papageien sinnvoll erschlossen wird. Allerdings muss die Frage gestellt werden, ob der hohe methodische Aufwand zur Errechnung und Darstellung kommunikativer Orte im europäischen Netzwerk bei relativ geringen Stückzahlen nicht lediglich erneut darlegt, was auch schon vorher bekannt war - etwa die wichtige Stellung des spanischen Hofes, die Verbindung zwischen Oberdeutschland und Lissabon zu Beginn des 16. Jahrhunderts oder die Vermittlerrolle Antwerpens und Venedigs. Verlust an Quellenmaterial oder archivalische Bedingtheit der entsprechenden Überlieferung werden als methodisches Problem nicht weiter diskutiert. Wohl auch bedingt durch den spezifischen methodischen Ansatz kommt es mitunter zu erheblichen Redundanzen innerhalb der verschiedenen Kapitel und des abschließenden Fazits. Die Untersuchung der Konsequenzen der Veränderungen des kommunikativen Netzwerkes in Hinsicht auf das kulturelle Gedächtnis dürfte den Stoff einer eigenen Arbeit bilden.

Heinrich Lang