Rezension über:

Timothy D. Barnes: Early Christian Hagiography and Roman History (= Tria Corda. Jenaer Vorlesungen zu Judentum, Antike und Christentum; 5), Tübingen: Mohr Siebeck 2010, XX + 437 S., ISBN 978-3-16-150226-2, EUR 29,00
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Rezension von:
Raphael Brendel
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Raphael Brendel: Rezension von: Timothy D. Barnes: Early Christian Hagiography and Roman History, Tübingen: Mohr Siebeck 2010, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 4 [15.04.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/04/18090.html


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Timothy D. Barnes: Early Christian Hagiography and Roman History

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Mit der hier zu besprechenden kleinen Monografie, deren erste fünf Kapitel bereits im November 2008 an der Universität Jena in deutscher Sprache vorgetragen wurden, bietet Timothy D. Barnes, der insbesondere durch seine Forschungen zu Konstantin der Fachwelt bekannt ist, eine Reihe von lose miteinander verknüpften Einzelstudien, die sich der Auswertung hagiografischer Texte als historische Quelle widmen.

Das erste Kapitel (1-41) behandelt neben dem Märtyrerbegriff Aspekte des frühen Christentums um die Apostel Petrus und Paulus. Von den verschiedenen Thesen dieses Abschnittes, die am Schluss (40f.) nochmals in übersichtlicher Form zusammengefasst werden, sind hervorzuheben: Petrus wurde verbrannt, nicht gekreuzigt; Paulus wurde in Spanien hingerichtet; die Offenbarung des Johannes wurde Winter 68/69 in Kleinasien verfasst.

Bei dem zweiten Kapitel (43-95) handelt es sich um eine nützliche Quellenkunde zu den Christenverfolgungen bis zum Jahr 260, die insbesondere Gerichtsakten und Augenzeugenberichte sowie die Briefe Cyprians behandelt.

Auch wenn die Überschrift "The 'great persecution' (303-313)" (97-150) dies nahelegen mag, ist das dritte Kapitel nicht nur der diokletianischen Verfolgung, sondern auch der entfernteren Vorgeschichte gewidmet. Barnes vertritt hierzu die These, dass es in dem Zeitraum von 260 bis 303 keine Soldatenmärtyrer gab. In den eigentlichen Ausführungen zur diokletianischen Verfolgung werden insbesondere die Durchsetzung der diokletianischen Gesetzgebung im Westen und die erhaltenen Dokumente aus dem Osten diskutiert.

Das vierte Kapitel (151-198) ist den Anfängen fiktionaler Hagiografie gewidmet. Hier werden folgende Autoren und Werke präsentiert: Das Martyrium des Theodotus von Ankyra (verfasst in den 360er-Jahren), die Antoniusvita des Athanasios, die Vita des Paulus (Mönch unter Decius und Valerian), die des Malchus und die des Hilarion aus der Feder des Hieronymus und die Ambrosiusvita des Paulinus von Mailand.

Hauptfigur des fünften Kapitels (199-234) ist Martin von Tours. Nach einer ausführlichen Zusammenfassung des Forschungsstandes zu seiner von Sulpicius Severus verfassten Vita zeigt Barnes die in diesem Werk bestehenden Widersprüche, die ihm jeglichen Wert als Quelle für die militärische Karriere Martins nehmen.

Wieder stärker auf die Quellenkunde konzentriert ist das sechste Kapitel (235-283). Dieses bietet Einführungen zu den (mehr als neun) Viten von insgesamt neun Heiligen. Die Zeitspanne reicht hierbei von dem Mönch Isaak, der 378 erstmals als Gegner des Valens in Erscheinung tritt, über die jüngere Melania (die bekannte Aristokratin) und die Styliten Symeon und Daniel bis hin zu der Vita Severini des Eugippius (verfasst 511) und dem Leben des Porphyrios von Gaza des (Pseudo-)Marcus Diaconus (nach 500 verfasst).

Forschungsgeschichtlich orientiert ist das siebte Kapitel (285-328), das einen guten Überblick über die Anfänge und Entwicklung der kritischen Erforschung hagiografischer Texte bietet. Hierin zeigt Barnes zudem an einer Reihe von Beispielen die gegenseitige Bedeutung von prosopografischen und hagiografischen Forschungen.

Wie in jeder von Barnes verfassten Monografie nehmen die in großer Zahl angefügten Anhänge (329-413) einen nicht unerheblichen Teil des Buches ein; in diesem konkreten Fall etwas weniger als ein Viertel. Bei den insgesamt neun Anhängen handelt es sich sowohl um listenartige Zusammenstellungen etwa von modernen Sammlungen antiker hagiografischer Texte (343-359) als auch um die Diskussion von Spezialfragen. So ist der erste Anhang (331-342) der Frage gewidmet, ob frühe Christen mit Kreuzigung bestraft wurden, was Barnes verneint. In einigen Fällen sind die Anhänge auch einer speziellen Quelle gewidmet, namentlich den Acta Maximiliani (379-386), der Schrift des Eusebios über die Märtyrer von Palaestina (387-392) und den Acta Sebastiani (393-396). Ein umfassender und sorgfältiger Registerteil (415-437) - ein Literaturverzeichnis ist nicht beigegeben, sondern muss aus den Anmerkungen zusammengetragen werden - rundet den Band ab.

Wie nicht anders zu erwarten, handelt es sich bei diesem Werk um ein typisches Produkt von Barnes. Das heißt: Thesen werden offensiv und mit einer gelegentlichen Neigung zur Hyperkritik vertreten. Es bedeutet aber auch, dass Quellen und Literatur sorgfältig ausgewertet wurden und insbesondere (zu) wenig beachtete Quellen die ihnen zustehende Berücksichtigung finden. Des Weiteren bedeutet es, dass sich nicht darauf beschränkt wird, die eigentlichen Informationen zu vermitteln, sondern dem aufmerksamen Leser immer wieder lehrreiche ergänzende Details - beispielsweise über den Tod von Érnest-Charles Babut im Ersten Weltkrieg (200f.) - geboten werden. Zuletzt bedeutet es, dass sich einer deutlichen und verständlichen Sprache bedient wird, aus der ohne unnötige Verkomplizierungen stets klar wird, worauf der Autor eigentlich hinaus will.

Dies mag nun so klingen, als lautete das Schlussurteil etwa so: Man wird nicht immer mit Barnes übereinstimmen, dennoch sollte man dieses Buch lesen. Tatsächlich trifft es aber eher folgende Feststellung: Man wird nicht immer mit Barnes übereinstimmen und genau deshalb sollte man dieses Buch lesen. Denn genau dies ist es, was die Forschungen von Barnes hier wie meist auch sonst tun: Sie fordern zum Widerspruch auf - und zwar im positiven Sinne. [1]


Anmerkung:

[1] Siehe auch die zahlreichen Besprechungen dieses Buches, die insgesamt positiv, aber für gewöhnlich nie ohne Widerspruch in Einzelfragen ausfallen: Bengt Alexanderson, in: Augustinianum 51 (2011), 256-266; Mark G. Bilby, in: Religious Studies Review 37 (2011), 218f.; Glen W. Bowersock, in: Journal of Ecclesiastical History 62 (2011), 565ff.; Peter Gemeinhardt, in: Zeitschrift für antikes Christentum 14 (2010), 663f.; Graham Gould, in: Journal of Theological Studies N.S. 62 (2011), 356f.; William V. Harris, in: Times Literary Supplement 5641 (13. Mai 2011), 5; Christian Hornung, in: Theologische Revue 107 (2011), 474f.; Pieter Willem van der Horst, in: Bryn Mawr Classical Review August 2010, Nr. 4 (http://bmcr.brynmawr.edu/2010/2010-08-04.html); Jos Janssens, in: Gregorianum 92 (2011), 213ff.; Winrich A. Löhr, in: Jahrbuch für Antike und Christentum 53 (2010), 195-198; John W. Marshall, in: University of Toronto Quarterly 81 (2012), 673f.; Paolo Mastandrea, in: Lexis 29 (2011), 446-451; Ekkehard Mühlenberg, in: Theologische Literaturzeitung 136 (2011), 1193ff.; Marc van Uytfanghe, in: Römische Quartalschrift 107 (2012), 120-126; Michael S. Williams, in: Journal of Roman Studies 102 (2012), 406ff.

Raphael Brendel