Rezension über:

Roman Siebertz: Preise, Löhne und Lebensstandard im safavidischen Iran. Eine Untersuchung zu den Rechnungsbüchern Wollebrand Geleynssen de Jonghs (1641-1643) (= 70), 2013, 143 S., ISBN 978-3-7001-7263-5, EUR 37,50
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Rezension von:
Stephan Conermann
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Conermann: Rezension von: Roman Siebertz: Preise, Löhne und Lebensstandard im safavidischen Iran. Eine Untersuchung zu den Rechnungsbüchern Wollebrand Geleynssen de Jonghs (1641-1643), 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/24000.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Islamische Welten" in Ausgabe 13 (2013), Nr. 9

Roman Siebertz: Preise, Löhne und Lebensstandard im safavidischen Iran

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Über die höfische Kultur und das Leben der Elite innerhalb des Safavidenreiches (1501-1722) wissen wir aus den persischen Chroniken und Dokumenten, den von Chardin, Tavernier, Olearius, Kaempfer oder Della Valle vorgelegten Reise- und Gesandtschaftsberichten und aus den offiziellen Schreiben von Mitgliedern der englischen und besonders der niederländischen Ostindiengesellschaft recht viel, doch sind unsere Kenntnisse, was das Alltagsleben und die Verhältnisse der unteren Bevölkerungsschichten angeht, bisher eher gering. Diesem Desideratum kommt nun Roman Siebertz mit seiner wirklich sehr schönen Studie entgegen. Siebertz wertet hier nämlich fünf Rechnungsbücher aus, die Wollebrand Geleynssen de Jongh (1594-1684), der 30 Jahre in Diensten der niederländischen Vereinigte Ostindische Compagnie (VOC) in Asien tätig gewesen ist, hinterlassen hat. Diese Rechnungsbücher sind Teil des 330 Stücke umfassenden Nachlasses, der im niederländischen Nationalarchiv in Den Haag aufbewahrt wird. Wollebrand Geleynssen de Jongh, der 1641-1643 und 1645-1647 als Leiter der Niederlassung in Iran fungierte, gibt uns einen tiefen Einblick in das tägliche Leben der Gesellschaftsangehörigen und der Einheimischen vor Ort sowie in die materielle Kultur der Safavidenzeit. Dies klappt jedoch nur, weil es Siebertz wirklich vorbildlich gelingt, das trockene Material - letztlich eine Aufstellung der Gehälter, Kostgelder, laufenden Ausgaben für Haushalt und Stall, der Kosten für Bauarbeiten, Geschenke etc. - auszuwerten und narrativ aufzubereiten. So erfahren wir - anhand eines konkreten Zeitausschnitts, nämlich für die Jahre von 1641 bis 1643 - doch sehr viel Neues und Interessantes über die Lebensumstände von Kaufleuten, Bediensteten sowie von Handwerkern, Tagelöhnern und z.T. auch von den Bauern sowie über das Leben in der Niederlassung in Isfahan. Dies alles kann Siebertz aus den bisher - mit einer Ausnahme - nicht publizierten Rechnungsbüchern herausziehen, wobei sich die Argumentation sinnvollerweise an den Preisen und Löhnen orientiert. Die beiden maßgeblichen, am iranischen Münzfuß ausgerichteten Einheiten sind die auch in Indien im Umlauf befindliche Silbermünze und kupferne Qazbegi. Als Umtauschkurs galt: Acht Stuijver für einen Mahmudi.

Die von dem Siebertz vorgenommene Gliederung leuchtet sehr ein. In den einzelnen Abschnitten erhält der Leser sehr viele Informationen, die sich jedoch jeweils zu einem lesbaren und lesenswerten Gesamttext fügen: Löhne und Personalkosten (15-37), Die Lebensmittel und ihre Preise (37-57), Kosten der Haushaltsführung (57-69), Bauarbeiten und Reparaturen (69-78) und Reisekosten (78-95). Sehr spannend sind dann noch die Ausführungen zum Thema "Iran im globalen Vergleich" (95-109). Hier kann Siebertz überzeugend zeigen, auf welcher Ebene sich der Lebensstandard des Durchschnittsiraners im Vergleich zum Mogulreich, aber auch zu Holland, England und dem Heiligen Römischen Reich bewegte. Ein Ausblick ["Zur Preisentwicklung in der Folgezeit" (109-115)], ein Fazit und ein Anhang mit kurzen, aber wichtigen Informationen zu Währungen, Maßen, Gewichten, zur Kaufkraft eines Tageseinkommens in Isfahan, zu den Monatsgehältern in Iran, Indien und den Niederlanden sowie zu den Preisen für Grundnahrungsmittel zwischen Bandar ʿAbbās runden diese gelungene Monographie ab.

Also: insgesamt ein wirklich originelles Werk, das auf der Basis völlig neuen Quellenmaterials Aufschlüsse über die Bedürfnisse eines iranischen Haushaltes, den Lebensstandard der breiten Bevölkerung und über die allgemeine wirtschaftliche Lage Irans zur Mitte des 17. Jahrhunderts gibt und damit die Forschung auf entscheidende Weise weiter vorantreibt.

Stephan Conermann