Rezension über:

Stefan Reichmuth / Florian Schwarz (Hgg.): Zwischen Alltag und Schriftkultur. Horizonte des Individuellen in der arabischen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts (= Beiruter Texte und Studien; Bd. 110), Würzburg: Ergon 2008, XVI + 204 S., ISBN 978-3-89913-638-8, EUR 42,00
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Rezension von:
Stephan Conermann
Institut für Orient- und Asienwissenschaften, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Conermann: Rezension von: Stefan Reichmuth / Florian Schwarz (Hgg.): Zwischen Alltag und Schriftkultur. Horizonte des Individuellen in der arabischen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts, Würzburg: Ergon 2008, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 4 [15.04.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/04/18125.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Islamische Welten" in Ausgabe 10 (2010), Nr. 4

Stefan Reichmuth / Florian Schwarz (Hgg.): Zwischen Alltag und Schriftkultur

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"Bis vor kurzem galt Individualität als eine charakteristische Errungenschaft der europäischen Moderne. Nach einer weit verbreiteten These soll sich im Laufe der Entwicklung zur modernen Gesellschaft im Rahmen eines Prozesses fortschreitender Säkularisierung auch ein neues Ich-Bewusstsein ergeben haben. Daraus resultierte ein 'modernes' Selbst, das sich aus den herkömmlichen politischen, religiösen, wirtschaftlichen und sozialen Ordnungen habe lösen können und mit einem hohen Grad an Autonomie agiere. Die islamische Welt hingegen kenne, so ist oft zu lesen oder zu hören, Individualität nicht, da sich die muslimischen Gesellschaften nie ganz aus den traditionellen Bindungen hätten befreien können und noch nicht wirklich in der Moderne angekommen seien." (3) Es ist zwar ungewöhnlich, eine Rezension mit einem Zitat anzufangen, doch bringt Astrid Meier zu Beginn ihres eigenen Beitrages in diesem aus einer Arbeitstagung im Dezember 2003 an der Ruhr-Universität Bochum hervorgegangenen Sammelbandes ausgezeichnet die diskursive Vereinnahmung einer ganzen Kultur durch das europäische Deutungsmonopol auf den Punkt. Damit wird auch verständlich, warum die Beschäftigung mit dem Thema des Individuellen in vormodernen arabischen, persischen oder osmanischen Texten so wichtig ist. Stefan Reichmuth und Florian Schwarz weisen in ihrer Einleitung zu Recht darauf hin, dass das Individuum in seiner Rolle als historisches Subjekt vor allem in der historischen Anthropologie seit einiger Zeit auch in den auf Europa konzentrierten Kulturwissenschaften ein Revival erfährt. Insofern bietet die Auseinandersetzung mit Selbstzeugnissen der islamisch geprägten Schriftkulturen, von denen seit dem 15. Jahrhundert erstaunlich viele vorliegen, ein großes Potenzial für eine transkulturelle Vergleichsforschung, die die nur auf Europa bezogene Sichtweise zu relativieren vermag.

In dem hier zu besprechenden Band finden sich acht Beiträge, von denen zumindest sechs die Thematik direkt berühren. Die bereits erwähnte Astrid Meier beginnt mit der Analyse eines Notizbuches, das uns der Damszener Gelehrte Ismā'īl al-Maḥāsinī" (1611-91) hinterlassen hat ("Dimensionen und Krisen des Selbst in biographischen und historischen Schriften aus Damaskus im 17. und 18. Jahrhundert", 1-22). Alles in allem kann sie sehr gut zeigen, welche Dimensionen des Selbst in der Darstellung der eigenen, aber auch anderer Personen in diesem Text aufscheinen. Dabei macht sie in ihrer langen Einführung noch eine theoretische und eine methodische Vorüberlegung, an der sich eigentlich alle Artikel hätten orientieren sollen und die hier für künftige Forschungen einmal in extenso wiedergegeben seien: Individualität konstituiere sich, so Meier, aufgrund kultureller Werte und Vorgaben und artikuliere sich immer im Horizont jeweils kollektiver und begrenzter Sinnwelten. Gefragt werde daher nur, "auf welche Art und Weise und mit welchen Mitteln ein Ich sein eigenes Selbst zum Ausdruck bringt. Diese Selbstdarstellung ist ein Kommunikationsakt und kann als 'performance' bezeichnet werden, gerichtet an ein bestimmtes Publikum von einem agierenden Ich, das von Normen, Werten und Konventionen seiner Umwelt zwar geprägt, aber nicht bis ins Letzte bestimmt wird und diese seinerseits bis zu einem gewissen Grad mitgestalten kann." (5) Zur besseren Verortung der Untersuchungsergebnisse schlägt Meier eine Skalierung vor, die die drei grundlegenden Konzeptionen des Selbst einfängt: 1. Das Selbst erscheint als Produkt eines erfolgreich abgeschlossenen Prozesses von Erziehung und Sozialisation, der bewirkt, dass ein abgerundetes, in sich ruhendes Selbst einen sicheren Platz in seiner Gesellschaft findet und so vollständig integriert ist. Die Lebensgeschichte eines solchen Selbst suggeriert einen zusammenhängenden Ablauf von Ereignissen von Geburt bis Tod. Das resultierende Selbst wird als einzigartig, stabil, zusammenhängend, kontinuierlich und konsistent beschrieben. 2. Dieses stabile Ich entpuppt sich als "Illusion", denn es wird als grundsätzlich gefährdet betrachtet, immer in oder nahe an einer Krise. Beschreibungen dieses zweiten Selbst sind oft pessimistisch, es präsentiert sich als diskontinuierlich, desorientiert, inkonsistent, instabil, fragmentiert und entfremdet. 3. Das Charakteristikum einer einzigen Identität, sei sie stabil oder gefährdet, trifft nicht mehr zu. Das Selbst wird multipel wahrgenommen, als Resultat eines kontinuierlichen Prozesses von Identitätsformationen in verschiedenen sozialen Feldern, deshalb ist es veränderlich und oszillierend. Dieses multiple Selbst spielt Rollen, macht Performances und erfindet neue Facetten seiner Selbst. Identität wird hier als grundlegend fluktuierend aufgefasst, das Individuum als teilbar interpretiert.

Den zweiten Beitrag bildet die Zusammenfassung eines Kapitels aus der Habilitationsschrift von Lutz Berger ("Deviantes Verhalten in einer vormodernen islamischen Gesellschaft: Damaskus 1550-1800", 23-58). Berger befasst sich mit drei Formen von Verhaltensweisen, die von den religiösen Normen abweichen: Drogenkonsum, gleichgeschlechtliche Sexualität und Selbstmord. Die Quellenbasis für diese Untersuchung ist klar umrissen und bietet genug Substanz für einen Einblick in die mentalen Strukturen vormoderner Damaszener Individuen in der Zeit von 1500 bis 1800. Um einmal zu zeigen, wie umfangreich das Material ist, seien einige der (auto-)biographischen Texte genannt, mit denen sich Lutz Berger in seiner Qualifikationsschrift auseinandergesetzt hat: (1) Ibn Ayyūb al-Anṣārī (gestorben 1594): Nuzhat al-ḫāṭir wa-bahǧat an-nā ẓir und Kitāb ar-rawḍ al-'āṭir (2) al-Burīnī (gestorben 1611): Tarāǧim al-a'yān min abnā' az-zamān, (3) al-Ġazzī (gestorben 1651): Luṭf as-samar wa-qaṭf aṯ-ṯamar min tarāǧim a'yān aṭ-ṭabaqa al-ūlā al-ḥādī 'ašar und al-Kawākib as-sā'ira bi-a'yān al-mi'a al-'āšira, (4) al-Muḥibbī (gestorben 1699): Ḫulāṣat al-aṯar fī a'yān al-qarn al-ḥādī a'šar und Nafḥat ar-rayḥāna, (5) al-Murādī (gestorben 1791): Silk ad-durar fī a'yān al-qarn aṯ-ṯānī 'ašar, (6) Ibn Kannān (gestorben 1740): Yawmīyāt šāmīya und (7) al-Budayrī (gestorben 1762): ṭawādiṯ Dimašq al-yawmīya. In seinem in den hier vorgelegten Sammelband inkorporierten Beitrag weist Berger nach, dass sowohl die Sexualmoral wie auch der Drogenkonsum Phänomene der longue durée sind, die aus der vorislamisch-mittelmeerische Kultur stammen und in dialektischer Beziehung zu den Normen des Islam stehen. Deutlich kommt an individuellen Beispielen die Liberalität der damaligen Damaszener Gesellschaft zum Vorschein. Selbstmord hingegen wird durchgehend tabuisiert und ist negativ konnotiert.

Im Zentrum von Carol Wittwers Kontribution stehen zwei sehr unterschiedliche Reisebeschreibungen ("Ibn Ḥamāduš und al-Warṯīlānī beschreiben ihr Leben - individuelle Selbstdarstellungen in Reiseberichten des 18. Jahrhunderts aus Algerien", 59-80). Wählte Ibn Ḥamāduš (gestorben um 1780) das Genre des Fahrtenberichts, um sehr persönliche Empfindungen zum Ausdruck zu bringen, so bewegt sich al-Warṯīlānī (gestorben 1779) vollständig innerhalb der traditionellen Parameter der riḥla. Der Autor bemüht sich darum, die Entsprechung zum Idealbild eines Gelehrten narrativ umzusetzen. Ibn Ḥamāduš möchte hingegen eine Lebenskrise und eine Art Antithese zu diesem vorbildlichen 'ālim formulieren. Er sucht nach Gründen für das Scheitern seiner Karriere im Anschluss an eine Studienreise nach Marokko. Dabei bricht er an vielen Stellen bewusst mit den Vorgaben der Gattung. Interessanterweise hat Ibn Ḥamāduš damit keinen Erfolg, sein Werk findet so gut wie keine Akzeptanz.

Florian Schwarz wartet mit zwei sehr unterschiedlichen Texten ein und desselben Verfassers auf ["'Ich erzähle nichts als die Wahrheit!' Erlebnis und Erinnerung im Notizheft in im Dīwān von Muḥammad Fatḥallāh al-Bailūnī aus Aleppo (gestorben 1632)", 81-100]. Der aus Aleppo stammende Gelehrte al-Bailūnī verfasste zum einen ein Notizheft über seine Begegnungen mit Schülern und Kollegen. Über 26 Jahre lang (1605-1630) schrieb er in der ersten Person kurze Biogramme seiner Zeitgenossen in das Buch hinein. Der Text bietet in seiner unabgeschlossenen, spontanen und nicht literarisch redigierten Gestalt einen bemerkenswerten Einblick in die Selbstsicht des Autors. Zum anderen ist von al-Bailūnī ein poetischer Dīwān erhalten geblieben, an dem eine Wandlung vom Konventionellen zum Persönlichen nachvollzogen werden kann. Die von al-Bailūnī selbst in Reinschrift gebrachte Kompilation eigener Dichtung führte der Dichter mehrere Jahre mit sich, wobei er den Text am Rand mit neuen Poemen und Notizen zu ihrem Entstehungsanlass ergänzte. Offenbar war Dīwān ursprünglich für einen möglichen Mäzen erstellt worden, doch kam es aufgrund des Scheiterns beruflicher Pläne in Istanbul nicht zu einer Übergabe des Manuskriptes. Der Autor überwand seine Krise im religiösen Erlebnis der Pilgerfahrt, doch blieb der Dīwān weiterhin in seinem Besitz und nahm in den nächsten 18 Jahren einen neuen Charakter an.

Dem berühmte ḥadīṯ-Gelehrten und Lexikographen Murtaḍā az-Zabīdī, der über ein weit reichendes persönliches Netzwerk von Schülern, Freuden, Kollegen und Bekannten verfügte, widmet Stefan Reichmuth seine Aufmerksamkeit ["Freundschaft und Liebe im Werk von Murtaḍā az-Zabīdī (1145-1205/1732-1701)", 101-130]. Die genaue Auswertung der von az-Zabīdī verfassten alphabetischen Sammlung von Biographien, die unter dem Titel Mu'ǧam bekannt geworden ist, bringt einen erstaunlich differenzierten Freundschafts- und Liebesdiskurs zutage. Murtaḍā az-Zabīdī sieht die Liebe, worunter er sufische, freundschaftliche wie literarische Beziehungen versteht, als bestimmendes Grundelement der Welt und als Bindeglied zwischen Gott, Mensch und Natur. In einem zweiten Teil seines Aufsatzes ergänzt Reichmuth diese Ergebnisse durch eine feinsinnige Analyse einiger bei al-Ǧabartī (gestorben 1825) überlieferten Trauergedichte für az-Zabīdīs verstorbene Ehefrau. Diese Poeme sind in ihrer Intensität und persönlichen Betroffenheit sehr ungewöhnlich. Auch hier werden zur Erzeugung von Individualität die Grenzen der literarischen Tradition wie der sozialen und religiösen Normen überschritten.

Dass man auch bei Texten mit wenigen individuellen Anteilen durchaus Züge von Individualität herauskristallisieren kann, zeigt Patrick Franke anhand einer gewissenhaften Untersuchung der Werke von Mullā 'Alī al-Qārī ["Querverweis als Selbstzeugnis. Individualität und Intertextualität in den Schriften des mekkanischen Gelehrten Mullā 'Alī al-Qārī (gestorben 1014/1606)]. Franke arbeitet die intertextuellen Querverweise heraus, also diejenigen Verweise, mit denen der Autor zwischen verschiedenen Schriften seines Gesamtwerks einen Kontext herstellt. Die Auswertung von 62 Texten fördert eine Gesamtzahl von 140 konkreten intertextuellen Querverweisen zutage. Sie fungieren als wichtiges Hilfsmittel zur Freilegung der Individualität des Autors. "Durch die Berücksichtigung der Querverweise wird", so Franke, "deutlich, wie stark dem Autor das sich aus den einzelnen Schriften zusammensetzende Gesamtwerk als gedanklicher Referenzrahmen gedient hat." (141) Die Einzelschriften erweisen sich als Teil eines Ensembles, das in sich durchdacht und durchkomponiert ist. Mullā 'Alī al-Qārī bezieht aus seinem filigran vernetzten Œuvre sein Selbstbewusstsein als Gelehrter. So verwundert es nicht, dass er sich selbst als muǧaddid des neuen Jahrhunderts, ja sogar des neuen Jahrtausends bezeichnet.

Alles in allem stellt der Sammelband, der mit Ralf Elgers Überlegungen zum adab in der Frühen Neuzeit (165-178) und Atallah S. Coptys Bemerkungen zu Ibrāhīm Ibn Ḥasan al-Kūrānīs Einschätzung des ḏikr ǧabrī (179-190) schließt, einen ausgezeichneten Einstieg in das Thema der Individualität und der Selbstinszenierung in islamisch geprägten Schriftkulturen.

Stephan Conermann