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Stephan Conermann: Islamische Welten. Einführung, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 4 [15.04.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/04/forum/islamische-welten-134/

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Islamische Welten

Einführung

Von Stephan Conermann

Vor uns liegen im FORUM Islamische Welten zehn Buchbesprechungen zu sehr unterschiedlichen, aber dennoch natürlich interessanten und wichtigen Themen. Darüber hinaus haben wir auch wieder einen Kommentar zu zwei spannenden Filmen aufgenommen. Die Verfasser der einzelnen Rezensionen haben dieses Mal die Kernaussagen ihrer Texte sehr schön selbst formuliert, so dass ich ihnen weitgehend das Wort überlasse.

Die Beschäftigung mit den verschiedenen Formen des Judentums innerhalb der Islamwissenschaften hat eine lange Geschichte. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts publizierten frühe Orientalisten wie Ignaz Goldziher (gest. 1921) oder Hartwig Hirschfeld (gest. 1934) Studien über Juden unter islamischer Herrschaft. Deswegen kann man mit Recht behaupten, dass sich die Beschäftigung mit den historischen und aktuellen Verhältnissen von Juden, die unter islamischer Herrschaft lebten, zu einer Unterdisziplin dieses Faches entwickelt hat. Sehr nützlich ist daher eine soeben erschienene Bibliographie zu diesem Thema. (Scheiner über Gallego)

Die unter der Bezeichnung Tanzimat bekannt gewordenen Reformen im Osmanischen Reich, die im engeren Sinne zwischen 1839 und 1878 durchgeführt wurden, stießen auf ein reges Interesse seitens der historischen Forschung. Jedoch liegen nur sehr wenige Studien vor, die sich eingehender mit der Umsetzung der Reformvorhaben in den einzelnen Provinzen beschäftigen. Hannes Grandits geht in seiner sehr detaillierten Analyse der Frage nach, wie dieser Prozess der versuchten umfassenden staatlichen Durchdringung des Raumes die Macht- und Loyalitätsverhältnisse im Alltag sozialer Gruppen in der Herzegowina veränderte. (Koller über Grandits)

Dass ideengeschichtliche Untersuchungen ihren Schwerpunkt zu allererst auf die historisch erfolgreichen Traditionen legen, ist eine wohl recht triviale Einsicht. Davon ist auch die schiitische Geistesgeschichte nicht ausgenommen: Hier lag und liegt das Hauptaugenmerk insbesondere auf einer eher rationalistischen Tradition, die als Usuliyya bekannt ist und die nicht zuletzt, zumindest nach vorherrschender Meinung, im safawidischen Iran des 16. und 17. Jahrhunderts zu einer Blüte der nunmehr theologisch geprägten Philosophie geführt hatte. Wie komplex und anspruchsvoll aber auch das Denken der "traditionalistischen" Akhbaris war, die das religiöse Denken im zwölferschiitischen Islam im späteren 17. und im 18. Jahrhundert beherrschten, zeigt sehr gut eine neue Publikation von Robert Gleave. (Hartung über Gleave)

Um zu verstehen, wie der für die Islamwissenschaft zentrale Autor at-Tabari gearbeitet hat, ist viel Forschungsarbeit nötig. Das liegt vor allem daran, dass at-Tabaris Werk gewaltig ist. Neben seiner berühmten und vielgebrauchten Weltgeschichte, den Annalen, die in der Edition 15 Bände umfasst und in 40 Bänden ins Englische übersetzt wurde, hat at-Tabari einen 30 Bände umfassenden bisher unübersetzten Korankommentar und ein 6 Bände umfassendes biographisches Lexikon verfasst. Ein hier besprochener Sammelband ist das Ergebnis einer 1995 in St. Andrews abgehaltenen Konferenz. Er beinhaltet neben einer umfangreichen Bibliographie 20 Beiträge, die sich mit verschiedenen Aspekten von at-Tabaris Gelehrtentätigkeit befassen. (Scheiner über Kennedy)

Maria Subtelny konzentriert sich in ihrem neusten Werk "Timurids in Transition" zwar auf die Regierungszeit von Sultan Husain Bayqara (1469-1506), doch kommt sie immer wieder ausführlich auf die Geschichte der vorangegangenen Herrscher zu sprechen. Die Autorin nimmt eine Neuinterpretation der Bedeutung religiöser Stiftungen für die gelungene Veralltäglichung des Charismas des Dynastiegründers nach dessen Tod vor. Ihre Kernthese lässt sich dahingehend formulieren, dass Sufi-Schreine und zugehörige Stiftungen Ausgangspunkt und Vehikel der landwirtschaftlichen Entwicklung waren, die Sultan Husains Herrschaft zu einer ökonomischen wie kulturellen Blütezeit machten. (Bentlage über Subtelny)

Kenntnisse der Grundlagen des Islams sollten Basis jeder Betrachtung von Gesellschaften sein, die durch diese Religion geprägt werden. Hierzu leistet Adel Theodor Khoury mit einer auf fünf Bände angelegten Publikation zum Ḥadīṯ-Material einen maßgeblichen Beitrag. Besprochen wird der erste Band dieses wegweisenden Werkes. (Krüppner über Khoury)

Im Mittelpunkt einer Studie des Bochumer Islamwissenschaftlers Stefan Reichmuth steht der 1791 verstorbene Murtaḍā az-Zabīdī. Der Verfasser untersucht Leben und Schriften dieses herausragenden muslimischen Gelehrten des 18. Jahrhunderts und legt eine geschlossene und überzeugende Biographie dieses Mannes vor. Der Leser kann fasziniert seine Karriere verfolgen, von seinen indischen Wurzeln über seine Aufenthalte im Jemen und im Ḥiǧāz bis hin nach Kairo, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. Wir bestaunen sein bemerkenswert weit gespannte Netzwerk von Kontakten zu anderen Gelehrten und verfolgen aufmerksam Reichmuths Analyse und Interpretation seiner beiden zentralen Arbeiten, d.h. seines lexikographischen Werkes und seines voluminösen Kommentars zu al-Ġazzālīs (gest. 1111) berühmten "Die Wiederbelebung der Religionswissenschaften". (Conermann über Reichmut)

Bis vor kurzem galt Individualität als eine charakteristische Errungenschaft der europäischen Moderne. Die islamische Welt kenne Individualität nicht, da sich die muslimischen Gesellschaften nie ganz aus den traditionellen Bindungen hätten befreien können und noch nicht wirklich in der Moderne angekommen seien. Dieser diskursiven Vereinnahmung einer ganzen Kultur durch das europäische Deutungsmonopol tritt nun eine Reihe hochinteressanter Aufsätze entgegen, die von Stefan Reichmuth und Florian Schwarz in einem Sammelband gebündelt worden sind. Die Auseinandersetzung mit Selbstzeugnissen der islamisch geprägten Schriftkulturen, von denen seit dem 15. Jahrhundert erstaunlich viele vorliegen, bietet ein großes Potenzial für eine transkulturelle Vergleichsforschung, die die nur auf Europa bezogene Sichtweise zu relativieren vermag. (Conermann über Reichmuth/Schwarz)

Die Bedeutung des bekannten muslimischen Denkers Averroes (gest. 1198) liegt in der Rezeption und kritischen Auseinandersetzung mit dem Denken des antiken Empirikers Aristoteles, insbesondere mit dessen Schrift De Anima ("Über die Seele"). Die von Averroes verfasste Schrift "Die entscheidende Abhandlung und die Urteilsfähigkeit über das Verhältnis von Gesetz und Philosophie", die letzten Endes einem Rechtsgutachten über die Berechtigung der Ausübung der Philosophie durch einen Muslim vor dem Hintergrund der im Koran niedergeschriebenen Vorgaben gleichkommt, kann nun in einer ausgezeichneten bilingualen Ausgabe studiert werden. (Harwazinski über Schupp)

Robert Baer hat ein Buch über Iran vorlegt, das sich bewusst vom herrschenden Iran-Diskurs in den westlichen Medien abhebt. Das iranische Atomprogramm, die persische Zivilgesellschaft und selbst der Palästina-Konflikt sind nicht die zentralen Bezugspunkte von "The Devil We Know". Es handelt sich eher um eine persönliche Gesamtschau des Autors, die zuweilen den Charakter einer politischen und historischen Analyse, manchmal den eines persönlichen, anekdotischen Erfahrungsberichts und in seinen besten Momenten den eines klugen Essays besitzt. (Aengenvoort über Baer)

Schließlich werden noch beispielhaft für die kritischen Arbeiten junger arabischer Filmemacher zwei Filme beschrieben, die sich intensiv der historischen Verquickung mit Deutschland und dem Faschismus im Zweiten Weltkrieg widmen, doch dabei sehr unterschiedliche Herangehensweisen und Inhalte haben: "Le chant des mariées" (Das Hochzeitslied) von Karin Albou und "Indigènes" (Eingeborene) von Rachid Bouchareb. (Harwazinski: Junge arabische Filmemacher und ihre Auseinandersetzung mit europäischer Kriegsgeschichte)

Ich wünsche allen eine erbauliche Lektüre!

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