Rezension über:

Folker Reichert: Asien und Europa im Mittelalter. Studien zur Geschichte des Reisens, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, 557 S., 97 Abb., ISBN 978-3-525-30072-5, EUR 70,00
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Rezension von:
Stephan Conermann
Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Conermann: Rezension von: Folker Reichert: Asien und Europa im Mittelalter. Studien zur Geschichte des Reisens, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 12 [15.12.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/12/28290.html


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Folker Reichert: Asien und Europa im Mittelalter

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Der seit 2012 emeritierte Historiker Folker Reichert hat sich intensiv mit europäischer Reiseliteratur und dem dort vermittelten Bild außereuropäischer Gesellschaften auseinandergesetzt und darüber reichlich publiziert. Neben höchst interessanten Monographien [1] sind natürlich auch über die Jahre zahlreiche Aufsätze entstanden, die aber naturgemäß an sehr unterschiedlichen Orten veröffentlicht worden sind. Aus diesem Grund hat sich Folker Reichert entschlossen, 20 dieser Artikel in einer vorsichtig überarbeiteten und formal aneinander angepassten Form in einem Band zusammenzufassen. Hinzu kommen noch zwei neue Texte. Sie alle handeln "von den vielfältigen Beziehungen, die Europa und Asien im (eher späten als frühen) Mittelalter und am Beginn der frühen Neuzeit miteinander unterhielten, sei es, dass sie Wissen, Vorstellungen und Meinungen erzeugten, sei es dass sie Reisen, Handel und Austausch herbeiführten, sei es, dass sie in Konflikte umschlugen." (11) Vormoderne Fahrtenbücher sind schon immer sehr begehrte Quellen gewesen, da man in ihnen vor allem auch abschätzen konnte, wie die europäischen Gesellschaften sich selbst in Abgrenzung zu den "anderen" verstanden bzw. verstanden wissen wollten. Interessanterweise können die fremden Kulturen und Völker sowohl als Vor- wie auch als Gegenbild dienen.

Die beliebten Reisetexte sind als Forschungsgegenstand in den letzten Jahren allerdings auch problematisiert worden, als im Zuge der neuen Globalgeschichte das Paradigma der "Entdeckung der Welt" durch die sogenannten "Europäer" hinterfragt und damit der hier zugrunde liegende Eurozentrismus thematisiert wurde. Insofern sollte man bei der Lektüre unbedingt mit dem letzten Beitrag "Umgekehrte Entdeckungsreisen in der europäischen Geschichte" (479-524) anfangen. Hier findet sich nämlich ein guter Ausgangspunkt für alle künftige Forschung zu diesem Thema. Der Begriff der Entdeckungsgeschichte verharmlose - Reichert zufolge - "die mit ihr verbundenen Folgen, indem er nur von Einsichten und Erkennt/nissen, nicht vom Krieg, Eroberung und gewaltsamer Landnahme spricht; er favorisiert die Großtaten Einzelner und übersieht die unbekannten Vorläufer, anonymen Begleiter und vergessenen Nachfolger; er überzeichnet den Moment der Entdeckung und isoliert ihn von seinen kognitiven Voraussetzungen und wissenschaftlichen Folgen; er konstruiert eine kontinuierliche Folge aufeinander aufbauender Fortschritte; er unterstellt also einen zielgerichteten Prozess und unterschlägt die Hemmnisse, Brüche und Irrwege des Wissens; [und] er bezieht sich auf die europäische Erfahrung und lässt die Möglichkeit umgekehrter Entdeckungsreisen, also von Asien, Afrika oder Amerika nach Europa, fast völlig außer Acht." (479) Der zu dekonstruierende Vorgang einer "Entdeckung der Welt" durch Europa stehe, so Reichert weiter, quer "zur (selbst-)kritischen Sicht auf die Geschichte der europäischen Expansion, zu den Bemühungen um eine Sozial- und Alltagsgeschichte der Expansion, zu der Erkenntnis, dass jede Erfahrungsgeschichte in eine umfassende Wissens- und Wissenschaftsgeschichte eingebettet werden muss, zur Dekonstruktion der sogenannten "Meistererzählungen" (master narratives) im herkömmlichen Geschichtsbild, [sowie] zu der Einsicht, dass Globalgeschichte nicht von einem einzigen Zentrum, auch und schon gar nicht von Europa her geschrieben werden kann." (ebda) Besser lassen sich m.E. die Dilemmata der gängigen Explorationsforschung, welche in der Regel medial unterstützt und von einem europäischen Publikum auch zur Selbstvergewisserung eingefordert wird, nicht beschreiben. Eine "Provinzialisierung Europas" (Dipesh Chakrabarty) ist vor diesem Hintergrund dringend notwendig. Auf der anderen Seite gibt es aber auch einige nicht von der Hand zu weisende Spezifika der europäischen Welterschließungsgeschichte. Reichert listet auf: (1) "Der Zusammenhang von Entdeckung und Eroberung, Neugier und Gewalt ist nur auf europäischer Seite zu beobachten und reicht zeitlich weit zurück." (509) (2) "Der Anstoß zum Kontakt der Kulturen ging seit dem späten Mittelalter so gut wie immer von Europa aus, von der geographischen und kulturellen Peripherie. Die außereuropäische Welt hat allenfalls reagiert." (510) (3) "Die Erforschung der Erde war Bestandteil einer öffentlichen Debatte in Europa. Deren Ergebnisse gingen in allgemeines Bildungswissen ein." (511) Das ist alles sehr bedenkenswert und Teil der Antwort auf die Frage nach den Gründen, die dazu führten, "dass von Europa und Neo-Europa aus die Welt entschleiert, kategorisiert und erobert (...) wurde." (512)

Da Folker Reichert seine in diesem Band versammelten Aufsätze zeitlich (zum Teil weit) vor dem Schlussbeitrag verfasst hat, spiegeln sich diese Überlegungen in den Texten naturgemäß nicht unbedingt wider. Damit soll aber auf keinen Fall gesagt werden, dass die einzelnen Studien nicht hochinteressant, detailreich und wertvoll sind. In der Summe geben sie uns im Gegenteil ein ausgezeichnetes Panorama europäischer Reisetätigkeiten und Fremdwahrnehmungen im Mittelalter. Sinnvollerweise wurden die Artikel größeren thematischen Blöcken zugeordnet: "Das Bild der Welt" (4 Aufsätze), "Das Heilige Land und die Welt der Muslime" (4 Aufsätze), "Begegnung mit China" (5 Aufsätze), "An den Rändern der Welt" (5 Aufsätze) und "Asien in Amerika" (3 Aufsätze). Im Mittelpunkt der meisten Analysen stehen ganz konkrete Reisende und ihre Fahrtenbücher. Die Präsentation der Autoren und ihrer Werke ist ebenso präzise und gelehrt wie die historische Kontextualisierung. Der aufmerksame Leser kann aus der Lektüre sehr viel lernen. Insgesamt hat es sich also auf jeden Fall gelohnt, Folker Reicherts verstreuten Arbeiten zu europäischen Reisebeschreibungen an einem Ort zusammenzuführen. Ein sehr erfreulicher Band!


Anmerkung:

[1] "Begegnungen mit China. Die Entdeckung Ostasiens im Mittelalter" (= Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters; Bd. 15), Stuttgart 1992, "Erfahrung der Welt. Reisen und Kulturbegegnung im späten Mittelalter." Stuttgart et al 2001, (Hg. mit Helmut Brall-Tuchel): "Rom - Jerusalem - Santiago. Das Pilgertagebuch des Ritters Arnold von Harff (1496-1498). Nach dem Text der Ausgabe von Eberhard von Groote übersetzt, kommentiert und eingeleitet." 3., durchgesehene Auflage, Köln et. al 2009, "Das Bild der Welt im Mittelalter." Darmstadt 2013.

Stephan Conermann