Rezension über:

David Petts / Sam Turner (eds.): Early Medieval Northumbria. Kingdoms and Communities, AD 450-1100, Turnhout: Brepols Publishers NV 2012, XIV + 332 S., 6 Farb-, 66 s/w-Abb., 20 Tabellen, ISBN 978-2-503-52822-9, EUR 115,00
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Rezension von:
Sören Kaschke
Department of History, King's College, London
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fischer
Empfohlene Zitierweise:
Sören Kaschke: Rezension von: David Petts / Sam Turner (eds.): Early Medieval Northumbria. Kingdoms and Communities, AD 450-1100, Turnhout: Brepols Publishers NV 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/22094.html


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David Petts / Sam Turner (eds.): Early Medieval Northumbria

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Northumbria war in seiner Blütezeit das mächtigste der angelsächsischen Reiche, erlebte aber vom 8. Jahrhundert an einen beispiellosen Niedergang. Die Erforschung seiner Geschichte ist dennoch ein vergleichsweise wenig bearbeitetes Feld. Verantwortlich dafür ist eine Mischung aus schlechter Quellenlage, machtpolitischem Abstieg - vom Verlust der hegemonialen Stellung an Mercia über die partielle Eingliederung in das Danelaw bis zur Verwüstung durch Wilhelm den Eroberer - und moderner Grenzziehung, welche seine vormaligen Gebiete heute zwischen England und Schottland aufgeteilt sieht.

Doch für die neuere Forschung ist gerade diese Vielzahl nicht immer friedlicher Kulturkontakte und Brüche von Interesse. So fand sich die britische Bevölkerung der Region nach dem Abzug der Römer im 5. Jahrhundert bald im Westen mit den irisch geprägten Dál Riata konfrontiert, im Norden mit den alten piktischen Nachbarn, während von Osten und zum Teil auch Süden vornehmlich Angeln ins Land kamen. Deren Reichsgründungen von Deira und Bernicia bildeten letztlich die Keimzelle des frühmittelalterlichen Northumbria.

Der vorliegende Band geht zurück auf eine multidisziplinär angelegte Tagung in Newcastle 2006. Ziel war es seinerzeit, in Abkehr von der alten Meistererzählung britisch-angelsächsischer Gegensätze ein differenzierteres Bild zu zeichnen, das die Interaktionen der deutlich zahlreicheren Gruppen dieser vernachlässigten Region über mehr als ein halbes Jahrtausend hinweg verfolgt (6).

Die beiden Herausgeber haben die 14 Beiträge in zwei Sektionen gegliedert, wobei die Kriterien für die Zuordnung der einzelnen Beiträge recht vage bleiben ("regionality" bzw. "material culture", 10). Jeder Beitrag schließt mit einer eigenen Bibliographie, die die zuvor (unter Verzicht auf Fuß- oder Endnoten) jeweils als Kurzverweis im Text angeführten Titel versammelt. Zahlreiche Karten, Tabellen und Abbildungen, einschließlich vier farbiger Tafeln, verteilen sich über den gesamten Band. Allerdings sind diese manchmal übermäßig verkleinert worden, so z.B. Graph 5 (144) oder Figure 17 (247).

Aus der ersten Sektion "Regions and Places" sticht vor allem der Beitrag von Felicity Clark (113-128) heraus. Mittels drei kurzen Fallbeispielen aus der Zeit von 600-800 (zwei Schriftquellen, ein Ausgrabungsbefund) demonstriert sie das Potential einer Fragestellung, die auf den Westen Northumbrias als Grenzraum fokussiert. Analog zur frontier-Situation in den USA wird eine Grenze dynamisch als Ort und als Prozess gesehen (114), der die Identität aller beteiligten Gruppen veränderte. Hierzu fügt sich gut der Beitrag von Nicola Toop (85-111). Sie interpretiert christliche Monumente aus dem 6.-8. Jahrhundert als Ausdruck des im Zuge der northumbrischen Expansion nach Westen gesteigerten Bedarfs, die je eigene Identität eindeutig nach außen zu kommunizieren.

Grenz- und Kontaktsituationen thematisieren auch Rob Collins, der vor Drucklegung verstorbene Richard Hall sowie Aleksandra McClain. Collins erläutert die Bedeutung der nach Abzug der römischen Truppen fortdauernden Besetzung der Forts am Hadrianswall bei der Herausbildung lokaler Herrschaften (15-34). Hall wiederum bietet einen Überblick der Geschichte Yorks bis ins 11. Jahrhundert (71-84). McClain schließlich widmet sich der Kontinuität von Patronagepraktiken für lokale Kirchen in Northumbria auch über die Ankunft der neuen normannischen Herren hinaus (151-178).

Aus philologischer Warte analysiert Mark Wood (35-70) die älteste Ortsnamenschicht im ehemaligen Bernicia hinsichtlich einer britisch-anglischen "hybrid society" (66). Signifikante Unterschiede der materiellen Kultur sowohl zwischen Northumbria und England aber auch zwischen verschiedenen Gebieten innerhalb Northumbrias konstatieren Julian Richards und John Naylor in ihrem gemeinsamen Beitrag (129-149). Methodisch interessant ist das hier demonstrierte Potential quantitativer Untersuchungen, wie sie in Großbritannien auf Grund der enormen Verbreitung privat genutzter Metalldetektoren möglich sind. [1] Entgegen Befürchtungen vor allem der akademischen Archäologie hat sich gezeigt, dass diese Praxis mehr nutzt als schadet, insofern sie zahlreiche Funde ans Licht gebracht hat, die andernfalls von der modernen Landwirtschaft in absehbarer Zeit unwiederbringlich zerstört worden wären.

Die Beiträge der zweiten Sektion "Identities and Material Culture" sind thematisch oft sehr speziell gehalten. Ein größeres programmatisches Feld erschließt allein der die Sektion eröffnende Beitrag von Martin Carver (185-206). Er betont die Bedeutung des gesamten Nordseegebiets als Kultur- und Kommunikationsraum, der freilich keineswegs einheitlich war. Zu Recht wendet sich Carver dezidiert gegen die vereinfachende Konstruktion von homogenen Identitäten und Gegensätzen (wie etwa zwischen Christen und Heiden), die den flexiblen lokalen Praktiken der Zeit nicht gerecht werden.

Kulturelle Verbindungen thematisiert von Seiten der Codicologie auch Michelle Brown (267-282). Sie erläutert Eigenheiten von northumbrischen Handschriften vornehmlich am Beispiel der Lindisfarne Gospels, wobei sie erneut das Konzept einer mercischen Schriftprovinz vorschlägt, die Mercia, Northumbria, Südschottland und Irland, aber auch Dependenzen auf dem Kontinent umfasst habe.

Sorgfältige, aber in ihrer Aussagekraft für das Bandthema begrenzte Detailstudien präsentieren Sarah Groves (241-266; zu einem Gräberfeld des 6.-8. Jahrhunderts bei Bamburgh) und Steven Ashby (303-319; zu verschiedenen Typen aus Horn gefertigter Kämme im 9.-11. Jahrhundert). Christopher Ferguson (283-302) versucht, ältere Positionen zur Reisegeschwindigkeit per Schiff im 7.-9. Jahrhundert zu revidieren, wobei allerdings die Flussschifffahrt trotz anders lautender Absicht etwas zu kurz kommt.

Wenig überzeugend sind die hochspekulativen Ausführungen von Jenny Walker (221-239). Gestützt auf Fallstudien zweier halls bzw. deren Vorgängerbauten will sie aus Veränderungen an der Position der Türen sowie zusätzlichen Innenräumen einen Trend zu einer "increasingly hierarchical society" erschließen (233). Deutlich nüchterner und stimmiger sind hier die Ausführungen von Colm O'Brien (207-220), der die These einer britisch-anglischen Hybridkultur u.a. am Beispiel einer der auch von Walker untersuchten Anlagen einer kritischen Prüfung unterzieht.

Erschlossen wird der Band von einem zwölfseitigen kombinierten Personen-, Orts- und Sachregister. Dieses hinterlässt bei aller Sorgfalt einen zwiespältigen Eindruck. Denn obwohl Northumbria in verschiedenen Beiträgen ausdrücklich als Kontaktzone verschiedener Kulturen analysiert wird, finden sich neben zahlreichen Verweisen auf "Anglo-Saxon(s)", "Anglo-Scandinavian(s)" und "Vikings" gerade einmal drei Verweise auf "Picts", je zwei auf "British" sowie "Anglo-Norman" und ein einziger auf "Saxon". Die Suche nach "Irish", "Normans", "Celts", "Germanic" und "Danes" bzw. "Danelaw" bleibt gar völlig vergeblich. Ausgerechnet die Menschen des behandelten Raums sind hier also, trotz oft differenzierter Behandlung im Band selbst, über das Register nur teilweise oder auf Umwegen (etwa über den Eintrag "language") zu fassen.

Die im Vorwort von den beiden Herausgebern angekündigte "integration between historical and archaeological approaches" (10) wird letztlich von den Beiträgern zu selten eingelöst. Im Band dominieren vielmehr archäologische Perspektiven, während Schriftquellen nur ausnahmsweise und am Rande in den Blick genommen werden. Interdisziplinäre Verknüpfungen und gegenseitige Bezüge bleiben so leider meist aus. Dafür ist zum Teil allerdings auch die Auswahl der Beiträge verantwortlich, von denen immerhin die Hälfte auf den Doktorarbeiten ihrer Verfasser basiert [2] und daher verständlicherweise stark auf die jeweilige "Heimatdisziplin" und deren Methodik konzentriert ist.

Ein gewisses Problem ist schließlich die ungleichmäßige zeitliche Streuung der Beiträge. Zwar bewegen diese sich, wie im Untertitel des Bandes angekündigt, zumeist innerhalb des Rahmens "450-1100". Doch stehen die behandelten Themen mit ihren je eigenen Entwicklungslinien eher unverbunden nebeneinander. Die von den Herausgebern beschworene longue durée (6) verdichtet sich so (noch) nicht zu größeren Linien der Geschichte Northumbrias im gewählten Zeitraum, zumal die allermeisten Beiträge sich auf die Frühzeit konzentrieren und kaum über das Jahr 700 ausgreifen.

Doch ist es dem Band hoch anzurechnen, die gerade für schriftquellenarme Regionen wie das frühmittelalterliche Northumbria wünschenswerte engere Kooperation der verschiedenen Disziplinen angeregt zu haben. Dass dieser Weg mit dem vorliegenden Buch noch keineswegs zu Ende beschritten ist, kann angesichts der Größe der Aufgabe nicht ernstlich verwundern.


Anmerkungen:

[1] Bereits 1995 wurde deren Zahl auf 30.000 geschätzt, wobei sie einer Studie zufolge zwischen 1988-1993 für 69% aller Funde angelsächsischer Metallarbeiten verantwortlich waren (132).

[2] Dies betrifft in der ersten Sektion die Beiträge von Collins (2007), Wood (2007), Toop (2005) und McClain (2005), in der zweiten diejenigen von Walker (laufend), Groves (2006) und Ashby (2006); die Angabe in Klammern gibt das Jahr der Fertigstellung an.

Sören Kaschke