Rezension über:

Stuart Airlie: Power and Its Problems in Carolingian Europe (= Variorum Collected Studies Series), Aldershot: Ashgate 2012, XVIII + 328 S., ISBN 978-1-4094-4600-2, GBP 85,00
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Rezension von:
Sören Kaschke
King's College, London
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fischer
Empfohlene Zitierweise:
Sören Kaschke: Rezension von: Stuart Airlie: Power and Its Problems in Carolingian Europe, Aldershot: Ashgate 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 4 [15.04.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/04/22153.html


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Stuart Airlie: Power and Its Problems in Carolingian Europe

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Seit Jahren zählt Stuart Airlie zu den besten Kennern der karolingischen Aristokratie. Allerdings war diese Expertise bislang nur in Gestalt von meist in Tagungs- und anderen Sammelbänden verstreut publizierten Aufsätzen zugänglich. Der vorliegende Band ist zwar noch nicht die für die nahe Zukunft angekündigte große Karolinger-Monographie Airlies (VII), versammelt aber eine klug zusammengestellte Auswahl von 13 seiner zwischen 1990 und 2007 erschienenen Aufsätze zur politischen Kultur der karolingischen Zeit.

Die kurze Einleitung mit einer Skizze der jüngsten Forschungstendenzen und deren Protagonisten bietet eine erste Orientierung zur Thematik des Bandes. Für die meisten Leser dürften aber die anschließenden Kommentare zu den einzelnen Beiträgen, die nicht zuletzt je nach Alter des betreffenden Textes im Umfang deutlich variieren, wertvoller sein. Die Kommentare enthalten neben einer Zusammenstellung der seit der jeweiligen Erstpublikation wichtigsten neu erschienenen Literatur kleinere inhaltliche Nachträge, Revisionen oder Präzisierungen (XIII-XVII).

Wie in der Collected Studies Reihe üblich werden die einzelnen Beiträge zumeist fotomechanisch in der Gestalt ihrer Ersterscheinung reproduziert. Lediglich bei den Nummern 5, 7 und 11 erforderte das ursprüngliche Format einen Neusatz. Anders als vergleichbare Nachdrucke gibt es jedoch keine zusätzliche durchgängige Paginierung des gesamten Bandes. Entsprechend stellen alle Verweise des siebenseitigen Personen- und Ortsregisters (mit lediglich zwei einsamen Sacheinträgen, "honores" und "queenship") der jeweiligen Seitenzahl die römische Nummerierung der Beiträge voran, ein zunächst etwas gewöhnungsbedürftiges, aber jede Verwechslung wirksam ausschließendes Verfahren.

Die Aufsätze fügen sich harmonisch zu drei Sektionen. Diese erscheinen auf den ersten Blick zwar eher traditionell nach dem Schema von Aufstieg, Blütezeit und Niedergang angelegt (The Rise of the Carolingians, Carolingian Authority, Crises in the Carolingian World). Doch verbirgt sich hinter dieser rein chronologisch anmutenden Ordnung ein erstaunlicher Reichtum an Themen und Perspektiven.

In der ersten Sektion spannt sich der Bogen von Bonifatius bis zum Tod Karls des Großen. Lediglich in einem der Beiträge (Nr. 1, erstmals 2007 erschienen) steht die Ausgestaltung inneraristokratischer Beziehungen im Frankenreich im Vordergrund, hier am Beispiel des 'Außenseiters' Bonifatius. Die übrigen drei Beiträge nehmen hingegen vorrangig Interaktionen zwischen Großen und karolingischer Dynastie in den Blick (Nr. 2, 2004: Grifo und sein Anhang; Nr. 3, 1999: die Absetzung Tassilos III.). Der letzte Beitrag (Nr. 4, 2005), einem nicht zuletzt als Einführungswerk für Studierende konzipierten Band über Karl den Großen entnommen, hätte mit seinem überblicksartigen Charakter zur Rolle der Großen in dieser Zeit auch gut den gesamten Band programmatisch eröffnen können.

Die Beiträge der zweiten Sektion sind thematisch breiter angelegt und weniger auf einzelne Personen ausgerichtet. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Einbindung der Großen in den karolingischen Staat, nicht zuletzt mittels der Verleihung von Ämtern (Nr. 5, 2006) sowie der Interaktionen am Hof, etwa unter Ludwig dem Frommen (Nr. 6, 1990). Dem königlichen Hof als Zusammenhalt und Identität stiftendes Zentrum widmet sich auch der bis in das 10. Jahrhundert hinein ausgreifende siebte Beitrag (2000) anhand dreier Fallstudien aus dem West- und Ostfrankenreich sowie Italien. Der einzige französische Beitrag des Bandes ergänzt schließlich einen für das an Konflikten und Rebellionen nicht arme 9. Jahrhundert zunächst paradox erscheinenden Befund: die große Wertschätzung von Loyalität gegenüber dem jeweiligen karolingischen Herrscher im Selbstbild der Großen (Nr. 8, 1998).

Die Schlusssektion ist nominell wiederum stärker personal ausgerichtet, mit Beiträgen zu den Geschichtsschreibern Nithard und Regino, zu König Lothar II. und dem Usurpator Boso von Vienne, sowie zum Bild des 'Adelsheiligen' Gerald von Aurillac. Doch erneut wird dem Leser keineswegs eine Abfolge biographischer Skizzen geboten. Nithards Geschichtswerk und die Quellen aus dem Umfeld des Ehestreits Lothars II. etwa dienen zur Ergründung unvermuteter gender-Aspekte. Im Falle Nithards betrifft dies seine Sicht auf männlich-aristokratische Identitäten (Nr. 9, 2007), im Falle Lothars das Frauen- und speziell Königinnenbild (Nr. 10, 1998).

Die Karrieren von Boso von Vienne und Arnulf von Bayern werfen in der Analyse Airlies ein instruktives Schlaglicht auf die unterschiedlichen Strategien, mit denen Mitglieder der alten karolingischen Aristokratie vom Ende des 9. Jahrhunderts an versuchten, neue Modelle von Herrschaft zum eigenen Nutzen zu entwickeln (Nr. 11, 2000). Eröffneten sich einzelnen Großen somit willkommene Aufstiegschancen, sahen andere Zeitgenossen diese Neuansätze eindeutig negativ. Insbesondere Regino von Prüm zeichnete in seiner Chronik das Bild eines unaufhaltsamen Niedergangs der alten Ordnung, wie Airlie eindrücklich darlegt (Nr. 12, 2006).

Wie tiefgreifend der Umbruch das Selbstbild der Großen veränderte, demonstriert die Analyse der Vita Geralds von Aurillac aus der Feder Odos von Cluny. Trotz aller literarischer Mühe fand dieser Text wenig Anklang, denn ein adliger Laie der alten karolingischen Schule war dem 10. Jahrhundert nur noch schwer als Heiliger zu vermitteln (Nr. 13, 1992).

Insgesamt gelingt dem vorliegenden Sammelband das nicht alltägliche Kunststück, mehr zu sein als die Summe seiner im Zeitraum von bald 20 Jahren entstandenen Teile. Denn die einzelnen Beiträge illustrieren treffend aus verschiedensten Perspektiven eine der Hauptthesen des Verfassers: dass sich die karolingische Dynastie nach Übernahme des Königtums 751 keineswegs auf dem Erreichten ausruhen konnte, sondern die eigene Herrschaftsposition im Zusammenspiel mit den Großen permanent neu legitimieren musste - mit beachtlichem Erfolg selbst noch im 'krisenhaften' 9. Jahrhundert. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Aufsatzsammlung bald die angekündigte Monographie Airlies zur Seite gestellt werden kann.

Sören Kaschke