Rezension über:

Wilfried Hartmann: Ludwig der Deutsche, Darmstadt: Primus Verlag 2002, 304 S., 8 s/w-Abb., ISBN 978-3-89678-452-0, EUR 29,90
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Sören Kaschke
Historisches Seminar, Universität Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Sören Kaschke: Rezension von: Wilfried Hartmann: Ludwig der Deutsche, Darmstadt: Primus Verlag 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 1 [15.01.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/01/1301.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Wilfried Hartmann: Ludwig der Deutsche

Textgröße: A A A

Mit dem vorliegenden Titel setzen die Wissenschaftliche Buchgesellschaft und der Primus Verlag ihre verdienstvolle Reihe "Gestalten des Mittelalters und der Renaissance" fort. Nach Egon Boshofs 1996 in dieser Reihe erschienenen Biografie Ludwigs des Frommen schließt Wilfried Hartmann nun mit seiner Biografie von dessen gleichnamigem Sohn eine empfindliche Forschungslücke.

Angesichts der langen Vernachlässigung Ludwigs des Deutschen und seines Reichs ist es dabei nur zu begrüßen, dass Hartmann die Biografie Ludwigs mit einer übersichtlich strukturierten Darstellung des ostfränkischen Reichs verbindt. Diese beiden Abschnitte nehmen jeweils gut 100 Seiten ein. Dem Buch vorangestellt sind einige Bemerkungen zum Problem des umstrittenen Beinamens Ludwigs sowie ein Überblick über die wichtigsten Quellen und die Forschungsgeschichte.

Hartmann zeichnet in seiner Biografie das Bild eines hoch gebildeten, frommen Königs und erfolgreichen Herrschers. Dabei lässt er in kluger Auswahl die Quellen selbst ausführlich zu Wort kommen. So wirkt Ludwigs Herrschaft einerseits gekennzeichnet von einer Fortsetzung karolingischer Traditionen (energischer Widerstand gegen eine Allodialisierung der Ämter, Regierung von ein bis zwei bevorzugten Pfalzen aus). Daneben finden sich aber auch Elemente, die für das spätere ottonische Königtum typisch werden sollten (Rückgang der Schriftlichkeit, wachsende Bedeutung von Ritualen).

Einen Schwerpunkt des strukturell orientierten zweiten Großkapitels bildet die Beschäftigung mit der Rolle der Kirche, sowohl für Ludwig persönlich als auch für Reichsverwaltung und Kultur. Nicht nur hier sorgen erhellende Vergleiche mit dem westfränkischen Reich seines Bruders für eine angemessene Einordnung des oft als primitiv oder unterentwickelt missachteten ostfränkischen Reichs in die Zeitumstände. Bedauerlicherweise konnte der wichtige Aufsatz von Franz Staab [1] zu einer der Hauptquellen dieser Zeit, den Annales Fuldenses, offenbar nicht mehr berücksichtigt werden. Hier hätten sich ansonsten wohl einige Akzentsetzungen bei der Quellenanalyse verschoben, ebenso wie die Gewichtung von Mainz und Fulda für die geistige Landschaft des ostfränkischen Reichs.

Positiv hervorzuheben ist die sorgfältig die einzelnen Bereiche durchmusternde Darstellung, die eine schnelle, gezielte Information etwa zu den einzelnen Regionen des Reichs oder den verschiedenen Ebenen der Ämterhierarchie ermöglicht. In einigen Fällen hätte man sich dabei jedoch eine stärker raffende Synthese gewünscht, so etwa wenn alle bekannten Bischofserhebungen (174-184), Synoden (193-200) oder Kloster- und Dombibliotheken (236-238) einzeln besprochen werden oder wenn Hartmann sechs verschiedene Zeugnisse, die Ludwig als Richter beschreiben, aneinander reiht (155-157).

Eher knapp geraten ist dagegen der Abschnitt "Landwirtschaft", der gerade einmal zwei Absätze umfasst. Diese beschränken sich jeweils auf kurze Verweise, auf die urbariale Tätigkeit im Reich beziehungsweise auf das Problem der Hungersnöte. Über die Lebensumstände abseits des königlichen Hofes wie auch über die mentale Verfassung der Menschen des 9. Jahrhunderts erfährt man so leider nur wenig. Ähnlich verhält es sich mit dem Problem der Entstehung eines spezifisch ostfränkischen Zusammengehörigkeitsgefühls, wo die Ergebnisse der neueren Ethnogeneseforschung wenig Berücksichtigung finden. Ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl wird dann zwar in der Zusammenfassung zu Recht angeführt, aber dessen Ausbildung - und Ludwigs Anteil daran - wird letztlich im Band selbst kaum behandelt. Dabei hätten hier Hartmanns eigene Ergebnisse bezüglich Ludwigs Umgang mit dem ostfränkischen Adel durchaus fruchtbar eingebracht werden können.

Leider hat offenbar der Verlag aus nicht nachvollziehbaren Gründen darauf bestanden, einmalig verwendete Literatur aus der Bibliografie auszuschließen und dort nur mehrfach zitierte Werke aufzunehmen. Da Letztere wiederum in den Anmerkungen stets als Kurztitel erscheinen, ist es prompt zu einigen Verwechslungen gekommen, so dass man die Auflösung einzelner Kurztitel vergeblich in der Bibliografie sucht. Die Benutzerfreundlichkeit wird dadurch nicht eben erhöht, und ob die bei einer einheitlichen Praxis erforderlich gewordene Verlängerung der Bibliografie um einige wenige Seiten die Produktionskosten unzumutbar gesteigert hätte, erscheint fraglich.

Abschließend bleibt jedoch festzuhalten, dass Wilfried Hartmann ein sehr lesbares, vorbildlich strukturiertes und kenntnisreiches Werk vorgelegt hat. Für eine wichtige Epoche auf dem Weg vom ostfränkischen zum deutschen Reich stellt es als Einführungs- und Überblicksdarstellung zweifellos ungeachtet kleinerer Einschränkungen eine Bereicherung der Literatur dar und dürfte hier auf absehbare Zeit als Standard gelten.

Anmerkung:

[1] Franz Staab: Klassische Bildung und regionale Perspektive in den Mainzer Reichsannalen (sog. Annales Fuldenses) als Instrument der geographischen Darstellung, der Bewertung der Regierungstätigkeit und der Lebensverhältnisse im Frankenreich, in: Gli umanesimi medievali: atti del II congresso dell'Internationales Mittellateinerkomitee, Florenz 1998, 637-68.


Sören Kaschke