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Rezension von:
Nils Freytag
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Nils Freytag: Steckengeblieben - Vernachlässigt - Vergessen. Neuerscheinungen zur Revolution 1918/19 (Rezension), in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 3 [15.03.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/03/21766.html


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Steckengeblieben - Vernachlässigt - Vergessen. Neuerscheinungen zur Revolution 1918/19

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"Unvollendet", "gescheitert", "verraten" - das sind nur drei Adjektive, mit denen Historikerinnen und Historiker die Revolution von 1918/19 versehen haben. [1] Es sind gar Zweifel geäußert worden, ob die Vorgänge jener Monate überhaupt das Etikett "Revolution" verdienten, nicht zuletzt weil sie weder in politischer noch in sozioökonomischer Hinsicht einen tiefgreifenden und nachhaltigen Wandel auslösten. [2] Zudem glaubte man bereits in den Anfängen die Ursachen für das Scheitern der Weimarer Republik zu erkennen. Zwar spülte der Umbruch 1918/19 das Bismarcksche Kaiserreich und die Herrscher in den deutschen Einzelstaaten hinweg, auch etablierte er die politische Gleichberechtigung von Männern und Frauen, das unbeschränkte Koalitionsrecht, die Aufhebung der Gesindeordnung sowie den Achtstundentag. Aber es sei dennoch eine große Chance vertan worden, denn allen voran Friedrich Ebert und die Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) hätten den vorhandenen Handlungsspielraum nur unzureichend ausgenutzt, so lautet etwa das Urteil Reinhard Rürups. [3] Sie verzichteten demzufolge auf eine dauerhafte Demokratisierung von Staat und Gesellschaft, auch weil sie sich bereits mit dem Oktoberreformen von 1918, der lange geforderten Parlamentarisierung des Kaiserreichs, am Ziel wähnten. Reform statt Revolution lautete die Parole. Die bereits im November 1918 eingeleitete Zusammenarbeit mit den alten Eliten in Militär, Wirtschaft und Verwaltung sowie die starke Position des Reichspräsidenten in der Weimarer Verfassung gelten als von der MSPD zumeist mit zu verantwortende Grundbelastungen der ersten deutschen Demokratie, die überschattet wird von dem, was nach 1933 folgte. Gemessen an ihren Zielen und den Möglichkeiten sei die Revolution daher gescheitert. Wohl auch deshalb zählt sie nicht zum Kernbestand deutscher Traditionen: Im nationalen Gedächtnishaushalt der Bundesrepublik spielt 1918/19 keine Rolle - nicht nur im Vergleich zur Revolution von 1848/49. [4] Seit dem Ende der DDR ist sie immer seltener Gegenstand erinnerungspolitischer Festreden, ein Streit der Erben um 1918/19 scheint allenfalls noch am Horizont der Öffentlichkeit auf. Der Befund fällt kaum anders aus, wenn man auf die geschichtswissenschaftliche Forschung blickt.

Schon bald nach ihrem Ausbruch beanspruchten die unterschiedlichen politischen Lager die Deutungshoheit über die Revolution. Es überrascht daher kaum, dass widersprüchliche Revolutionsinterpretationen und spätestens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der ideologische Kampf der Systeme sowie die Instrumentalisierung in der politischen Arena die Revolutionsbilder ebenso wie die geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzungen dominierten. Die 30. Wiederkehr der Ereignisse von 1918/19 stand 1948 vor allem im Schatten des 100. Jubiläums von 1848/49 - im Westen noch stärker als im Osten. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg galten links stehenden Autoren die ausgebliebene Sozialisierung der Wirtschaft, der Bruch der MSPD mit den Arbeiter- und Soldatenräten und die Spaltung der Arbeiterklasse als grundlegende Versäumnisse. Die Fehler sollten sich nicht wiederholen. In der Sowjetischen Besatzungszone tat sich insbesondere Otto Grotewohl mit einem Bändchen hervor. Er wollte aus den Fehlern der "unvollendeten bürgerlichen" Revolution für den Aufbau des sozialistischen Staates lernen und beschwor zugleich die internationale Einheit der Arbeiterbewegung. [5]

Hier setzt der Potsdamer Historiker Mario Keßler mit einer kleinen Broschüre der Rosa-Luxemburg-Stiftung an. [6] Er verfolgt den Wandel der Rätedebatte seit Ende der 1950er Jahre, indem er die (ost)deutschen Diskussionen konsequent in ihren internationalen Kontext rückt. Da dies mit Blick auf die "deutsche" Revolution immer noch viel zu selten geschieht, ist es besonders positiv hervorzuheben. Ausgangspunkt ist ihm der 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, der nicht nur die Entstalinisierung in die Wege leitete, sondern auch die Revolutionsforschung befruchtete - im Osten wie im Westen. In der Folge kam es im Vorfeld des 40jährigen Jubiläums in der DDR zu einer grundlegenden Debatte über den Charakter von 1918/19 und den Stellenwert der Rätebewegung, die nicht ausschließlich reformistisch oder revolutionär eingestuft wurde. Allen voran Albert Schreiner, Leiter der Abteilung 1918-1945 im neu gegründeten Institut für Geschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften, bemühte sich darum, die Revolution als eine in ihren Anfängen steckengebliebene, sozialistische neu zu bewerten. Die vergleichsweise offene Debatte beendete Walter Ulbricht im Juni 1958 mit dem fortan geltenden Machtspruch, womit die SED-Führung Stalins Einschätzung von 1918/19 als bürgerlich-demokratische Revolution bestätigte und diese zur Parteilinie erhob. Zugleich hob Ulbricht damit den Führungsanspruch der Sowjetunion auch in geschichtswissenschaftlicher Hinsicht hervor: Die Oktoberrevolution galt weiterhin als einzig echte sozialistische Revolution. Diese offizielle Position blieb bis 1989 ebenso erhalten wie das Unvereinbarkeitsdogma von Rätemacht und parlamentarischer Demokratie. Die parteiamtliche Linie trug auch maßgeblich dazu bei, dass der zunächst vorhandene Forschungsvorsprung der DDR-Geschichtswissenschaft gegenüber dem Westen zusehends schwand. Dies ist trotz aller Differenzierung und einer gewissen Lockerung im Vor- und Umfeld des 70jährigen Jubiläums von 1988/89 zu unterstreichen.

Aber auch die bundesdeutsche Forschung reizte ihre Möglichkeiten bei Weitem nicht aus. Bis in die 1960er Jahre gehörte die These Karl Dietrich Erdmanns zum Gründungskonsens der Ära Adenauer, wonach im Winter 1918/19 eine Wahl nur bestanden habe zwischen einer Rätediktatur sowjetischen Zuschnitts und einer parlamentarischen Demokratie im Bündnis mit den alten, monarchisch-konservativen Eliten. Erst eine genaue Analyse der Arbeiter- und Soldatenräte brach mit dieser Sichtweise. Untrennbar verknüpft ist diese auf breiter Quellengrundlage vollzogene Wende mit Namen wie Eberhard Kolb, Peter von Oertzen oder Ulrich Kluge. [7] Keßler hebt mit guten Gründen die Leistungen amerikanischer und britischer Historiker wie David Morgan oder Robert F. Wheeler hervor, die der Revolutionsforschung darüber hinaus gehende Impulse verliehen haben und welche die historischen Defizite der MSPD sowie das Dilemma der USPD, etwa in der Diskussion um die Freiheitsrechte, früher und deutlicher als bundesdeutsche Forscher benannt hätten. [8] Noch immer stammen maßgebliche Untersuchungen aus dieser Zeit, zu denken ist auch an die Darstellung Allan Mitchells zur Revolution in Bayern. [9]

Und heute? Von intensiven Debatten, von innovativen Ansätzen kaum einmal eine Spur. Streitgeschichte? - Fehlanzeige. Taugt 1918/19 dafür nicht? Den eingangs zitierten Urteilen der historischen Zunft über die Revolution lassen sich die im Titel angeführten Adjektive zur Seite stellen, um die Revolutionsforschung zu charakterisieren: Steckengeblieben - vernachlässigt - vergessen. Die Besprechung einiger Neuerscheinungen (und Wiederabdrucke) der zurückliegenden Jahre soll, wo möglich, neue Erträge zur Revolution 1918/19 vorstellen und zugleich auch Defizite benennen, die mit Blick auf eine wiederholt und zu Recht angemahnte neue Gesamtdarstellung noch zu beheben sind [10].

Eine politische Ereignisgeschichte erzählt der ZEIT-Redakteur Volker Ullrich in seiner 2009 in der Reihe Beck-Wissen erschienenen schmalen Gesamtdarstellung. [11] Ullrich ist ein durch eigene Forschungen und Publikationen ausgewiesener Kenner der Umbruchphase zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik. Den Auftakt bilden eine kurze Einleitung und Ausführungen zur Wilhelminischen Gesellschaft im Ersten Weltkrieg. Hier umreißt Ullrich den Gang der Revolutionsforschung und leitet die Revolution in erster Linie aus den Belastungen, Erfahrungen und Enttäuschungen des Ersten Weltkrieges her, ohne allerdings die weiter zurückreichenden strukturellen Ursachen völlig auszublenden. Zu dieser Vorgeschichte der Revolution gehören für ihn die Spaltung der Sozialdemokratie ebenso wie die zunehmende Politisierung des Protestes, die Mangelerfahrung oder die verspätete Parlamentarisierung des Kaiserreichs im Oktober 1918. All das trug zum Novemberumsturz bei, war aber zugleich auch eine Belastung für den demokratischen Neuanfang auf deutschem Boden.

Es folgen zwei weitestgehend chronologisch angelegte Kapitel, mit denen Ullrich zwei Phasen der Revolution unterscheidet. Das ist in der Revolutionsforschung weithin etabliert, wenngleich die Phasen nicht überall deckungsgleich sind. Die erste Phase reicht von den Anfängen im November 1918 - der Matrosen-Revolte in Wilhelmshaven und dem Kieler Aufstand - bis in den Februar 1919. Ullrich lässt sie enden mit der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs sowie der Wahl Friedrich Eberts zum ersten Reichspräsidenten der Republik und der Regierungsbildung zwischen MSPD, DDP und Zentrum. Zur Sprache kommen aus Berliner Vogelperspektive gut erforschte politischen Komplexe: Das Bündnis der Mehrheitssozialdemokraten mit den alten Mächten auf den Feldern Wirtschaft, Militär und Verwaltung, die zunächst paritätische Zusammensetzung der Regierung der Volksbeauftragten (MSPD und USPD), das Räte- und Kongresswesen, aber auch die Weihnachtskrise, das Ausscheiden der USPD aus der Regierung bis hin zur Gründung der KPD und der Niederschlagung des Januaraufstandes von 1919.

Weniger überzeugen die Ausführungen zum Revolutionsalltag (39-44), die sich auf das Leben des großstädtischen (Bildungs)-Bürgertums und Adels beschränken, die den Umbruch distanziert verfolgten und sich bei ihren Tanzvergnügen kaum einmal stören ließen. Von den Bedrängnissen und Bedrückungen der einfachen Arbeiter und Bauern, der Männer, Frauen und Kinder, die sich und ihre Familie nach den Entbehrungen des Krieges weiterhin unter großen Schwierigkeiten mit dem Lebensnotwendigen versorgen mussten, erfährt man leider nichts.

Die zweite Phase der Revolution reicht Ullrich vom Februar bis in den August 1919. Ihren Ausgang nimmt sie in den breitenwirksamen Sozialisierungsforderungen der Arbeiterschaft, insbesondere im Bergbau und in der Schwerindustrie. Die Regierung der Volksbeauftragten und die Freien Gewerkschaften standen diesen überaus populären Parolen teils skeptisch, teils unentschlossen und teils zögerlich gegenüber. Sie trugen damit ihren Teil zu den seit Dezember 1918 ausbrechenden spontanen Streiks bei, die sich ausweiteten und eine Welle von Generalstreiks auslösten; Zusammenstöße zwischen Arbeitern und Militär waren die Folge, besonders im Februar und April 1919 in den west- und mitteldeutschen Bergbauregionen. Blutige Eskalation, Brutalität und Unterdrückung waren typisch für die zweite Phase, auch bei den Berliner Märzunruhen und im Kampf gegen die beiden Bayerischen Räterepubliken im April und Mai. Während für die meisten Historiker die Revolution im Mai 1919 endet, lässt Ullrich sie bis zum Juni und August 1919 reichen, bis zur Unterzeichnung des Versailler Vertrages und der Weimarer Reichsverfassung. Er beschließt sein kurzes, mit Blick auf den politischen Ereignisablauf solides Büchlein mit einem knappen Ausblick bis zum sogenannten Kapp-Lüttwitz-Putsch und seinen Folgen im März/April 1920, den nur wenige als dritte Revolutionsphase einordnen. [12]

Der Eindruck, dass die politische Perspektive auf 1918/19 nach wie vor dominiert, verfestigt sich, wenn man einige der anlässlich des kleinen Jubiläums 2008/09 erschienenen Sammelbände zur Hand nimmt. Mehrere Parteistiftungen haben sich daran mit Tagungen und / oder Sammelbänden beteiligt. Im Vorwärtsbuchverlag hat die Herausgeberin Helga Grebing unter dem Titel Die deutsche Revolution 1918/19 ältere Beiträge versammelt, deren Verfasser der Sozialdemokratie zumindest nahestehen. [13] Die Erstfassung der Beiträge reicht teilweise bis in die 1960er Jahre zurück, als 1918/19 zu einem zentralen Thema der deutschen Geschichtswissenschaft aufstieg. Die in einem ersten Abschnitt "Räte und Rätebewegung" zu findenden Peter Lösche, Peter von Oertzen und Eberhard Kolb konnten zeigen, dass die meisten der nicht selten mehrheitlich sozialdemokratischen Arbeiter- und Soldatenräte zunächst vielfach mit der ebenfalls revolutionär legitimierten Ebert-Regierung pragmatisch zusammenarbeiteten, in Fragen der Versorgung und Verwaltung ebenso wie bei den Aufgaben der Demokratisierung oder Sozialisierung. Eine Radikalisierung der Räte und der Arbeiter fand erst in der zweiten Phase der Revolution ab Dezember 1918 / Januar 1919 statt, als sich viele enttäuscht über die ausbleibende Sozialisierung und Demokratisierung abwandten. Zwar gelang es, das Rätewesen in der Verfassung zu verankern, wie der hier ebenfalls abgedruckte, erstmals 1994 erschienene Aufsatz Gerhard A. Ritters zeigt, aber der damit beabsichtigte Konsens zwischen sozialen und wirtschaftlichen Kräften scheiterte am Streit der Parteien der Weimarer Koalition.

Wie sich die Fronten zwischen den Linksparteien MSPD einerseits und USPD / KPD andererseits beim Streit um die Errungenschaften der Revolution zusehends verhärteten und die Republik dauerhaft belasteten, führen die im Bereich "Demokratie und Revolution" gebündelten Beiträge von Richard Löwenthal, Susanne Miller und Heinrich Potthoff vor Augen; die Urteile über genutzte und ungenutzte Chancen der SPD fallen dabei indes ganz unterschiedlich aus und sind deutlich von Positionen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre geprägt; sie reichen von der "folgenreich[en] Scheu" (Miller, 205), im Zusammenspiel mit den linken Kräften mehr "Demokratie zu wagen" bis hin zum "Brücke[nschlag] zu den demokratischen Kräften im Bürgertum", den die Verfassung erst ermöglichte (Potthoff, 222). Die beiden folgenden Abschnitte "Die linke 'Herausforderung'" (Hermann Weber, Manfred Scharrer und Heinrich August Winkler) und "Die Revolution in der Geschichte" (Peter Brandt, Reinhard Rürup und Walter Euchner) dokumentieren die Komplexität von 1918/19 ebenso wie die des schwierigen altbundesrepublikanischen Umgangs mit ihr, der sich nur vor dem Hintergrund des Systemwettstreits mit der DDR verstehen lässt.

Politisch deutlich weiter links ist der von Ulla Plener herausgegebene Sammelband einzuordnen, der aus einer Tagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung hervorgegangen ist. [14] Er kreist im Wesentlichen um die bereits in der DDR-Forschung intensiv diskutierte Frage, ob 1918/19 als bürgerliche und / oder sozialistische, als unvollendete Revolution einzuordnen ist. [15] Die MSPD ist hier insgesamt ein Bremser, ein ausgesprochener Gegner der Rätebewegung und ein Feind weitreichender sozialer Umwälzung (9). Bereits im Untertitel wird das aktuelle politische Ziel des Sammelbandes angesprochen, es ist die Einheit verschiedener linker Kräfte, deren Zerrissenheit fundamental zum Scheitern von 1918/19 beigetragen habe. Der Band liegt damit argumentativ auf der Linie Oskar Lafontaines, der Gerhards Schröders Agenda 2010 auf dem Cottbuser Parteitag der Linkspartei 2008 mit dem vielbemühten "Verrat" der SPD an der Arbeiterbewegung verglich und sich ausdrücklich auf die Wertung Sebastian Haffners berief:"Von Januar bis Mai 1919 tobte in Deutschland ein blutiger Bürgerkrieg, der Tausende von Todesopfern und große Bitterkeit hinterließ. Er stellte die Weichen für die unselige Geschichte der Weimarer Republik und führte zur endgültigen Spaltung der Arbeiterbewegung. Sicher, Geschichte wiederholt sich nicht. Aber 80 Jahre später setzte ein sozialdemokratischer Bundeskanzler die größte Sozialkürzung der Bundesrepublik Deutschland durch und beteiligte sich wieder an völkerrechtswidrigen Kriegen. Ich erinnere an diese beiden Abschnitte der Arbeiterbewegung, weil sie unerbittlich die Frage aufwerfen, warum Politikerinnen und Politiker der Linken in der Geschichte die Erwartungen ihrer Anhänger so schrecklich enttäuschten." [16]

Es können und sollen hier nicht alle 21, in ihrer Qualität und ihrem Umfang stark schwankenden Beiträge des heterogenen Sammelbandes bewältigt werden. Neben Ausführungen essayistischen Charakters mit ausschließlich politischer Stoßrichtung stehen kurze biographische Skizzen, aber auch auf grundsolider Quellen- und Literaturanalyse aufbauende Aufsätze. Zu letzteren zählt etwa der biographische Beitrag Ralf Hoffrogges über Richard Müller und die Revolutionären Obleute, in dem er zentrale Überlegungen seiner 2008 erschienenen Biographie des Berliner Metallarbeiters bündelt. Erkennbar stärker ausgeprägt als in Helga Grebings Band ist eine internationale Sichtweise auf 1918/19. Die revolutionären Ereignisse werden teilweise in ihren europäischen Zusammenhang eingefügt, bis hin zu den Auswirkungen der kontinentalen Umwälzungen auf die Kolonien (Marcel Bois / Reiner Tosstorff, 41-60). Sofern sich überhaupt von einem Revolutionszentrum sprechen lässt, wird in den Detailstudien ersichtlich, dass die Impulse zunehmend weniger von Berlin (Ingo Materna, 92-103) und immer mehr von der Peripherie ausgingen (zum Ruhrgebiet: Lennart Lüpke / Nadine Kruppa, 104-130). Die beiden letztgenannten Autoren führen überzeugend vor, dass das demokratische Potential der Räte trotz der etablierten ausgewogenen Bewertung nicht überschätzt werden darf. Zwar war der pragmatische Schulterschluss mit den zumeist bürgerlich-liberalen Verwaltungen vor Ort zunächst typisch. Die Arbeiterräte standen im Ruhrgebiet in der Tradition demokratischer Bergbauartikulationsformen und entfalteten nicht zuletzt deshalb ein spontanes und gewalttätiges Protestpotential, weil in der Region eine hohe Mobilität sowie ein vergleichsweise hoher Jugend- und jüngerer Erwachsenenanteil dominierte. Die für die zweite Phase der Revolution zentralen, aber in sich durchaus heterogenen Sozialisierungsforderungen waren im Ruhrgebiet stark entwickelt, beförderten die Abkehr der Ruhrarbeiterschaft von der MSPD und bündelten die Proteste im Frühjahr 1919. Rasch stiegen sie zu dem Symbol für angestrebte Verbesserungen auf. Die Sozialisierungsdebatte erweist sich hier als Wasserscheide der Revolution. Am thüringischen Beispiel lässt sich erkennen, dass eine Radikalisierung der Arbeiterschaft nicht zwangsläufig das Rätesystem stärkte (Mario Hesselbarth, 147-162). Im April 1919 verzichtete die Gothaer USPD als regionale Mehrheitspartei darauf, das Rätesystem in der Landesverfassung zu verankern, auch weil sie die Landesverfassung nicht gegen die Reichsverfassung ausspielen wollte. Virulent blieb der Rätegedanke in der Folge dennoch.

Teils ratlos, teils enttäuscht lässt einen der von Heidi und Wolfgang Beutin sowie Ralph Müller-Beck herausgegebene Sammelband Die Novemberrevolution in Grundzügen zurück, der "bestimmte Aspekte der Novemberrevolution im energischen Zugriff abermals" (10) Revue passieren lassen will. [17] Diese Aspekte sollen sein: Eine erneute Diskussion von 1918/19 als "Revolution von oben" und "Revolution von unten" (Wolfgang Beutin), der Blick auf die Vorgänge in Österreich (Johann Dvorák), biographische Studien zu Kurt Hiller und dem Politischen Rat geistiger Arbeiter (Harald Lützenkirchen), zu Carl Legien (Dietrich Lohse) und zu Kurt Tucholsky (Olaf Walther) sowie Überlegungen zur Rolle von Frauen in der Revolution (Heidi Beutin). Gemeinsam ist den Beiträgen, dass sie weitestgehend unbelastet vom Forschungsstand, faktenorientiert und quellenlastig geschrieben sind. Aus ihren linken, SPD-kritischen Positionen machen die meisten Autoren keinen Hehl. Anregend und gedankenreich ist immerhin der Essay des Literatur- und Kulturwissenschaftlers Jost Hermand über den Expressionismus als Revolution. Hermand macht im Expressionismus eine lange vor 1918/19 einsetzende revolutionäre Begleiterscheinung aus, die weniger einen gleichsam natürlichen Freiraum gegenüber der Industriemoderne einforderte als vielmehr gerade durch eine Nähe zu dieser "industriellen Sachkultur" gekennzeichnet ist. Ausdrücklich betont er darüber hinaus die Verbindungen zur sogenannten Neuen Sachlichkeit und damit die weit in die Weimarer Republik reichenden revolutionären Bezüge.

Nicht nehmen ließ sich das linksradikale Spektrum die Gelegenheit, das kleine Jubiläum 2008/09 zu instrumentalisieren. Geschichtsklitterung besonderer Art betreiben in diesem Zusammenhang zwei kleine Broschüren. Die eine stammt aus der Feder des bundesdeutschen Kommunisten und Mitbegründers der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands, Willi Dickhut (1904-1992). [18] 90 Jahre Novemberrevolution ist posthum in der parteieigenen Mediengruppe "Neuer Weg" erschienen und ein Auszug aus seinem 1987 dort ebenfalls verlegten Werk Proletarischer Widerstand gegen Faschismus und Krieg. In geradezu klassischer Weise findet sich in einer Montage aus Quellenzitaten und Wertungen die marxistisch-leninistische Deutung, wonach zwar die "objektiven" Voraussetzungen für eine "proletarische" Revolution gegeben waren, eine revolutionäre Massenpartei aber fehlte bzw. noch zu schwach entwickelt war, um eine sozialistische Republik nach russischem Vorbild durchzusetzen. Bedient wird hier einmal mehr das Klischee des sozialdemokratischen Verrats an der Arbeiterklasse, wobei MSPD und USPD beide als "opportunistisch" eingestuft werden und sich für einen Pakt mit den "reaktionären" Kräften der "Gegenrevolution" entschieden hätten. (40f.) Als defizitär wird das Fehlen einer sozialistischen Internationale unterstrichen.

Ebenfalls posthum ist das Heftchen Proletarische Revolution und nationale Frage von Hartmut Dicke (1947-2008) erschienen [19], bis zu seinem Tod ebenfalls fest in der bundesdeutschen kommunistischen Szene verankert, u.a. als Vorsitzender der KPD/ML (Neue Einheit), aus deren Verlag die Publikation stammt. Hier dominiert eine krude internationale Interpretation der "gescheiterten" Revolution; Vergangenheitskenntnisse werden für weitere Umbrüche und Revolutionen benötigt und konstruiert. Unter Bezugnahme auf Lenins Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus werden hier insbesondere die USA und seit 1917 der enge Schulterschluss der "chauvinistischen" SPD mit ihr als verantwortlich für das Scheitern der "proletarischen Revolution" von 1918/19 ausgemacht; danach hätten insbesondere "politische Instrukteure" aus den USA die Revolution "blutig" unterdrückt (35).

Soziale Gruppen und Trägerschichten: Frauen, Soldaten, Bürger

Frauen waren bereits seit Ende 1915 maßgeblich an Lebensmittelkrawallen beteiligt, hatten Rathäuser erstürmt und Läden ausgeplündert, denn die Versorgung mit alltäglichen Bedarfsmitteln wie Brot, Holz oder Kohle war nicht nur in den städtischen Unterschichten zuallererst Frauensache. Aber auch in den großen Streiks seit April 1917 und Januar 1918 waren sie präsent, als zunehmend politische Forderungen in den Vordergrund drängten: Frieden, allgemeines Wahlrecht (insbesondere in Preußen) und Demokratisierung. Das ist mittlerweile wohlbekannt und gut dokumentiert. Vergleichsweise weniger gut erforscht sind dagegen die Teilhabe von Frauen an der Revolution, die Bedeutung der Geschlechter im Revolutionsprozess, ihre jeweiligen Erwartungen, Wünsche und Träume. Auch deshalb ist die überarbeitete Neuauflage einer bereits 1989 erstmals erschienenen, quellengesättigten Studie über die Frauen in der bayerischen Revolution und der Räterepublik sehr zu begrüßen. [20] Sie fußt auf Gerichts- und Polizeiakten sowie Dokumenten der Arbeiter- und Soldatenräte des Münchner Hauptstaats- und Staatsarchivs, auf einigen ausgewerteten Zeitungen, auf den Memoiren der bekannten Frauenrechtlerinnen Lida Gustava Heymann und Anita Augsburg sowie auf dem Freudinnen- und Töchter-Briefwechsel Gabriele Kaetzlers, dessen Abdruck den zweiten Teil des Bandes ausmacht (67-146).

Im ersten Teil interessiert sich Christiane Sternsdorf-Hauck für das politische Engagement von Frauen, insbesondere des linken politischen Spektrums. Während bürgerliche Frauen wohl zumeist abseits standen und der Revolution misstrauisch bis ablehnend gegenüber blieben, mischten sich viele links der Mitte in das Revolutionsgeschehen ein. Dieses Nebeneinander wird an Einzelfällen deutlich herausgearbeitet, ebenso die bekannten Errungenschaften, von denen Frauen profitierten: Wahlrecht und Achtstundentag. Den bleibenden Politisierungsschub kann man gar nicht hoch genug einschätzen, davon zeugt nicht nur die Beteiligung bei den Wahlen zur Nationalversammlung, die fast 90% erreichte. [21]

Ein beträchtlicher Gewinn sind die abgedruckten Dokumente, die auch einen Einblick in den Revolutionsalltag von Frauen erlauben. Der teils fragmentarische Briefwechsel Gabriele Kaetzlers (1872-1954) mit ihrem Umfeld entstammt den Akten der Polizeidirektion im Staatsarchiv München. Die persönlichen Dokumente waren im Mai 1919 bei einer Hausdurchsuchung in Riederau am Ammersee in die Hände der Polizei gelangt. Die als adelige Freifrau von der Goltz geborene Kaetzler hatte sich aufgrund ihrer sozialistischen Anschauungen früh mit ihrer Familie überworfen, einen Bürgerlichen geheiratet und lebte seit 1908 mit ihrem Mann, dem Neuphilologen Gustav Kaetzler in Riederau. Spätestens Ende 1917 / Anfang 1918 war Kaetzler den Behörden aufgefallen, da ihr Haus als Treffpunkt namhafter Linker galt und sie zeitweise Linksaktivisten bei sich beherbergte. Der Briefwechsel zeugt neben den politischen Interessen, Positionen und rastlosen Aktivitäten auch von den alltäglichen Sorgen um Kinder und Familie und von Bedrückungen in der Revolution, aber er fängt zugleich auch Gefühle und Gefahren trefflich ein. Kaetzler musste während der schweren Erkrankung und nach dem Tod ihres Mannes allein für den Lebensunterhalt ihrer sechs Kinder sorgen. Ihre zweitälteste Tochter Louise erlebte die aufwühlenden, politisierenden und im linken Milieu unruhigen Novembertage in Berlin: "Ich hab geheult (u. war nicht die einzige!) Und wir haben uns umarmt und gewinkt und die Hände geschüttelt, es war schrecklich und doch zugleich schön, wie sie da alle für die Sache mitgingen. [...] Bitte die Schrift zu entschuldigen, ich fliege noch am ganzen Körper vor Aufregung." (78)

Ein groß- und bildungsbürgerliches Kontrastprogramm zum Buch von Sternsdorf-Hauck bieten Auszüge aus den umfangreichen Tagebuchaufzeichnungen Harry Graf Kesslers (1868-1937), die anlässlich des Jubiläums als CD unter dem Titel Tanz auf dem Vulkan veröffentlicht worden sind. [22] Der Titel geht auf eine Formulierung Kesslers zurück, mit der er die Berliner Stimmung in der zweiten Phase der Revolution von Dezember 1918 bis Februar 1919 einfing (CD 2, Nr. 21, 9.2.1919, "Abends von Bekannten verschleppt in einem [!] Lokal, wie es jetzt Hunderte in Berlin giebt, wo bis Morgens getanzt wird). [23] Hierher stammen die Bilder jenes großstädtischen Revolutionsalltags, den Volker Ullrich entfaltet: Kein Aus-der-Zeit-Fallen, wenig Gewalt, Vergnügungen wie üblich.

Kessler gilt als herausragende Figur der Kunst- und Kulturgeschichte um 1900. Zwischen 1880 und 1937, 57 Jahre, dokumentierte und analysierte der scharfsinnige und sensible Kritiker in seinem Tagebuch die Kunst-, Kultur- und Politikereignisse seiner Zeit. Aber es kann gar nicht genug betont werden: Mit den revolutionären Lebens- und Alltagswelten der Vielen, der Arbeiter, Kleinbürger, Bauern, Familien und Frauen hat alles dies herzlich wenig zu tun. Entgegen tritt uns die Lebensweise einer überschaubaren urbanen Schicht, die sich Vergnügungen leisten konnte und von den alltäglichen Bedrückungen von Kriegsfolgen und revolutionärem Durcheinander wenig betroffen war.

Die CD-Auszüge setzen unmittelbar vor dem Sturz der Regierung Prinz' Max von Baden am 6. November 1918 ein. Im rasanten Tempo, teilweise stakkatoartig und eindrucksvoll vorgelesen von Johannes Steck, gibt Kessler seine Eindrücke der revolutionären Vorgänge wieder, die zusammen mit den Erlebnissen im Ersten Weltkrieg maßgeblich zu einem Bruch in seiner Biographie, einer politischen Neuausrichtung, beitrugen. Aus dem kritisch distanzierten "Vernunft-Monarchisten" wurde der "Rote Graf", der die Republik begrüßte. Hatte er während des Ersten Weltkriegs noch für die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes gearbeitet, so wurde er im November und Dezember deutscher Gesandter in Warschau. Kessler hat nicht allein aufgrund seiner vorzüglichen Kunst- und Kulturkenntnisse ein feines Gespür für symbolisches Handeln, gerade im politischen Raum. Die Auswahl endet am 16. März 1919, an dessen Morgen Kessler zum wiederholten Male den Maler George Grosz, Mitglied der KPD, aufsucht und sich eine emotionale und grundsätzliche Diskussion zwischen den beiden politischen Köpfen entspinnt.

Geradezu exemplarisch zeigen sich Kardinalprobleme der CD-Auszüge an diesem Morgen, denn die Diskussion wird nur gekürzt wiedergegeben und bricht im entscheidenden Moment ab, als Kessler seine Argumente gegen die Anwendung von Gewalt entfaltet. Wer es genauer wissen will, muss hier zur Edition der Tagebücher greifen. Dies ist bei vielen Tagebucheintragungen der Fall, und der Hörer erfährt nichts über die Auslassungen und die ihnen zugrunde liegenden Entscheidungen. Darüber hinaus: Selbst für den mit der Zeit vertrauten Hörer fallen viele Namen, die er nicht unmittelbar zuordnen kann, hier bleibt er also ohnehin auf die gedruckte Ausgabe der Tagebücher angewiesen.

Als Bonustrack enthalten die CDs ein Tondokument von Philipp Scheidemanns Ausrufung der deutschen Republik vom 9. November 1918 um 14.00 Uhr. Was der Hörer leider nicht erfährt: Es gründet auf einer Lesung Scheidemanns aus seinen zehn Jahre später veröffentlichten Memoiren und unterscheidet sich von einer zuverlässigeren stenographischen Mitschrift, die bald nach den Ereignissen im Deutschen Revolutionsalmanach erschienen ist. Die vertonte Fassung ist mit Blick auf die Ereignisse der späten 1920er Jahre nicht zuletzt auch tagespolitisch motiviert. Scheidemann bezieht deutlich Stellung zur Dolchstoßlegende und spitzt seine Rede stärker auf die Auseinandersetzung zwischen MSPD sowie Spartakus / KPD zu, indem er sie zur Reaktion auf die unmittelbar bevorstehende Ausrufung der sozialistischen Republik durch Karl Liebknecht macht. Er erhöht die Bedeutung der spontanen Rede damit, sie ist ihm ausschlaggebend für den Sieg über den Bolschewismus. Zugleich ist diese Fassung auch Selbstrechtfertigung, denn Ebert war nach Scheidemanns Überlieferung über die Rede erbost, wollte er doch ursprünglich die Entscheidung über die Staatsform in die Hände der erst noch zu wählenden Nationalversammlung legen. [24]

Mit den Soldaten des Westheeres nimmt Scott Stephenson, Militärhistoriker im U.S. Army Command College, eine nicht nur von der Militärgeschichte bisher vernachlässigte Trägergruppe der Revolution in den Blick. [25] Zwar gibt es einige ältere Arbeiten, welche sich für die bewaffnete Macht und die Politik der Obersten Heeresleitung in der Revolution interessiert haben, aber der einfache Soldat und seine Einstellungen gerieten dabei zumeist nur am Rande in den Blick. Insofern ist die Studie sehr zu begrüßen. Stephenson fragt nach dem Verhalten und den Einstellungen der "Frontschweine" - wie er sie wiederholt nennt - dem Umbruch gegenüber und konzentriert sich auf die für den Revolutionsverlauf entscheidende Phase zwischen Ende Oktober und Dezember 1918. Neben einigen archivalischen Quellen aus den Bundes- bzw. Militärarchiven Koblenz, Freiburg und Berlin-Lichterfelde sowie aus den National Archives Washington stützt Stephenson sich vorrangig auf gedruckte Quellen, insbesondere Offiziersmemoiren und -tagebücher sowie Regimentsgeschichten. Mit Hilfe von sich wechselseitig beeinflussenden Voraussetzungen will er die soldatischen Reaktionen auf die und Einstellungen gegenüber der Revolution ergründen: körperliche und emotionale Erschöpfung, Isolation gegenüber den politischen Vorgängen im Reich, Entfremdung gegenüber Gruppen, welchen das Fronterlebnis fehlte, (Selbst-)Selektion innerhalb und Zusammenhalt der Truppe bzw. einzelner Einheiten insgesamt sowie schließlich deren Management im Rahmen der militärischen Kommandostruktur (9f.).

Stephenson organisiert sein Material chronologisch in acht Kapiteln. Zunächst widmet er sich den letzten Kriegswochen im Westen, beschreibt die Enttäuschung und Moral der kämpfenden Truppen und unterstreicht die Bedeutung der "Kameradschaft" für den weiterhin existierenden Zusammenhalt in einer Gemeinschaft des Überlebens. Er wendet sich mit dieser Sichtweise ausdrücklich gegen Wilhelms Deists weithin akzeptierte These vom "verdeckten Militärstreik" in den letzten Kriegsmonaten (65), wonach viele Soldaten versuchten, der hoffnungslosen Lage zu entkommen, sei es durch Kapitulation, Verschwinden oder Vortäuschen leichter Verletzungen oder Krankheiten wie der seit dem Spätsommer 1918 grassierenden Grippe. [26] Auch wenn Stephenson die Bereitschaft ausmacht, sich weiterhin dem Feind an der Front zu stellen, heißt dies nicht, dass die Soldaten für den Kaiser kämpften oder sogar bereit waren, ihn gegen andere deutsche Truppen zu verteidigen. Die Abdankung Wilhelms II. registrierten die Soldaten des Westheeres bekanntermaßen allenfalls gleichmütig.

Es schließen sich Kapitel über den ganz überwiegend im militärischen Verbund vollzogenen Heimweg der Westfronttruppen an, behandelt werden Rückmarsch zu den Brückenköpfen am Rhein, Heimkehr und Demobilisierung bis zum Dezember 1918. Erst danach - jenseits der Staatsgrenzen - endete die Ordnung vielfach, viele Städte des Reiches empfingen die verbliebenen Truppenteile feierlich, aber bei Weitem nicht immer friedlich. Vielerorts entwickelten sich gewalttätige Konflikte zwischen Truppen und lokalen Arbeiter- und Soldatenräten, die darauf drängten, die Verbundenheit der Soldaten mit der Revolution symbolisch - etwa durch das Tragen roter Fahnen - zu unterstreichen. In den beiden letzten Kapiteln rückt der Übergang zur radikalen Phase der Revolution in den Brennpunkt, die sogenannten Weihnachtskämpfe im Dezember 1918 sowie der Spartakusaufstand im Januar 1919, in denen sich die nun blutige Auseinandersetzung zwischen gemäßigten und radikalen Kräften in die großstädtischen Häuserschluchten verlagerte.

Geschrieben ist dieses Buch zwar mit viel Sympathie für die und aus der Perspektive der einfachen Soldaten der Westfront, nur leider werden deren Sichtweisen nur gebrochen wiedergegeben, zumeist ermittelt aus den Memoiren ihrer Offiziere. Denn Stephenson hat es versäumt, durchaus vorhandene Quellen aus der Feder des "kleinen Mannes" heranzuziehen - zu denken ist etwa an Feldpostbriefe oder Tagebücher. So lässt sich Stephensons Kernthese, dass die der Heimat entfremdeten und erschöpften Soldaten des Westheeres der Revolution ihren Stempel aufdrückten und dem Handlungsspielraum des Rates der Volksbeauftragten enge Grenzen setzten, zwar einiges abgewinnen. Es bleibt aber auf Grundlage der genannten Quellen noch zu prüfen, wie einfache Soldaten dazu standen und welchen Einfluss sie überhaupt auf Entscheidungen hatten.

Lange hat die historische Forschung die Beamten des Weimarer Staates als Untersuchungsgegenstand vernachlässigt; unter sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Aspekten sind sie sogar erst in der jüngeren Vergangenheit in ihr Gesichtsfeld geraten. Die meisten Beamten, und unter ihnen auch die Juristen, arrangierten sich trotz weiterhin bestehender Vorbehalte rasch mit dem neuen Staat und verblieben trotz des Systemwechsels in seinem Dienst. Dies war Teil des Schulterschlusses zwischen neuem Staat und alten Funktionseliten. Vor diesem Hintergrund ist die Studie von Stefan Danz zum Staatsrecht zu sehen, denn die Fragen, ob vorhergehende Staats- und Rechtsordnungen 1918/19 fortbestanden oder ob die Revolution etwas grundlegend Neues schuf, mithin das Deutsche Reich untergegangen war, gehörten nicht nur zu den umstrittensten der Zeit. [27] Es ging in diesen Debatten vielmehr immer auch um die (politische) Haltung der beteiligten Juristen zur neuen Staatsform. Die Kontinuitätsprobleme waren nicht nur für die Suche nach der politischen und moralischen Verantwortung für den Ersten Weltkrieg und seine Folgen bedeutsam, sondern hatten auch für die Rechtspraxis Folgen: Konnte und durfte man vorrevolutionäres Recht nach der Revolution noch anwenden? Den zeitgenössischen Diskussionen um diese Fragen spürt Danz in seiner 2006 in Jena abgeschlossenen juristischen Dissertation nach. Als Quellen legt er Äußerungen und Schriften verschiedener Staatsrechtler unterschiedlichster politischer Couleur zugrunde. In seiner in drei größere Abschnitte untergliederten Studie nimmt er neben Deutschland auch rechtswissenschaftliche Positionen zur Entwicklung der Republik Deutschösterreich in den Blick, was positiv zu würdigen ist, da ein solcher Vergleich kaum einmal geschieht.

Das erste und umfangreichste Kapitel ist den Stellungnahmen zum Verhältnis von Revolution und Staat verpflichtet. Zwar blieben in Deutschland Staat und Staatsvolk nahezu identisch, doch die rechtliche Kontinuität blieb umstritten. Wer wie die Mehrheit von einer Deckungsgleichheit ausging, argumentierte zumeist damit, dass eine Revolution lediglich eine "besondere Form der Verfassungsänderung" sei (128) und bezog sich auf den abstrakten Willen der Nation, vor allem in Deutschösterreich, wo Staatsgebiet und Staatsvolk nicht identisch geblieben waren. Dort knüpfte die reine Rechtslehre an die Verfassung an. Zu denken ist in diesem Zusammenhang an den bedeutenden Staats- und Völkerrechtler Hans Kelsen, der das deutschösterreichische Bundesverfassungsgesetz vom 1. Oktober 1920 federführend mit gestaltete. Freilich war hier mit der Republik Österreich auch ein neuer Staat entstanden, der nicht allein für die Schulden der Donaumonarchie aufkommen wollte.

Revolution und Rechtsordnung sind Gegenstand des zweiten Kapitels. Hier unterstreicht Danz trotz unterschiedlicher theoretischer Positionen, dass das Rechtssystem Bestand hatte - so jedenfalls die Argumentation im Umfeld des Rates der Volksbeauftragten, dem anarchische Zustände bekanntermaßen ungelegen gewesen wären. Dies schließt die in einem letzten Kapitel "Revolution und Rechtsetzung" festgehaltene Beobachtung nicht aus, wonach die von den anerkannten Revolutionsorganen - dem Rat der Volksbeauftragten oder den Arbeiter- und Soldatenräten - erlassenen Normen allgemein akzeptiert wurden. Mit dem Übergangsgesetz vom 4. März 1919 endete die Übergangsphase ohnehin, die Verordnungen des Rates der Volksbeauftragten erhielten offiziell Gesetzescharakter und standen gleichrangig neben den kaiserlichen Gesetzen. Insgesamt ist diese über weite Strecken beschreibende Studie nicht nur sprachlich keine leicht verdauliche Kost, der Verfasser unterschätzt zudem, dass das jeweilige staatsrechtliche Urteil auch und insbesondere vom politischen Standpunkt der Beamten abhing.

Revolutionsverläufe abseits der Hauptstadt: Leipzig, Braunschweig, Jena

Die Revolution von 1918/19 war wie schon die von 1848/49 eine Revolution, die auf lokaler und einzelstaatlicher Ebene stattfand, ein einziges Zentrum hatte sie zunächst nicht. Sie war eine fragmentierte Revolution, streng genommen müsste man von den Revolutionen 1918/19 sprechen, wenn man den nichtdeutschen Raum berücksichtigt, ohnehin. Dies lag in der föderalen Struktur des Deutschen Kaiserreichs begründet, auch wenn Preußen und Berlin eine besondere Bedeutung zukam. Die aufgestaute revolutionäre Stimmung brach sich an verschiedenen Orten Bahn, seit Ende Oktober bereits in Wilhelmshaven bei den Matrosen der Hochseeflotte, am 4. November in Kiel, als die Arbeiter und Soldatenräte die Macht an sich rissen oder am 7. November in München, wo Kurt Eisner (USPD) Ludwig III. zum Rücktritt zwang und den Freistaat Bayern proklamierte. Erst nach und nach erreichte die revolutionäre Welle Berlin, wo am 9. November Massendemonstrationen stattfanden, und damit auch die Reichsebene. Prinz Max von Baden erklärte den Thronverzicht Wilhelms II. Die Komplexität der Revolution und ihres weiteren Verlaufs haben von Beginn an maßgeblich dazu beigetragen, vor Ort zu forschen und sich einzelnen Städten, Regionen und Staaten zu widmen. Nicht von ungefähr liegen bereits zahlreiche ältere Regional- und Lokalstudien vor. Im Umfeld des kleinen Jubiläums 2008/09 sind weitere erschienen, von denen hier Arbeiten zu Leipzig, Braunschweig und Jena vorgestellt werden.

Werner Bramke und Silvio Reisinger beleuchten auf teils archivalischer Quellenbasis die revolutionären Ereignisse in Leipzig, der viertgrößten Stadt des Reiches. [28] Die Industriemetropole Leipzig war eine Keimzelle der deutschen Arbeiterbewegung, dafür stehen z.B. Ferdinand Lassalles Gründung des ADAV oder führende Köpfe wie August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Schon im Kaiserreich war hier der linke Flügel der Arbeiterbewegung besonders stark vertreten, was im April 1917 zum nahezu geschlossenen Übertritt der Parteimitglieder zur USPD und beinahe vollständigen Zusammenbruch der alten SPD-Strukturen führte. Ihre quellennahe Studie blättern die Autoren, abgesehen von einem bereits andernorts publizierten, einleitenden Kapitel zur Forschungsgeschichte der Revolution, chronologisch auf, ausführlich entfaltet werden die bereits gut durchforschten Grundlagen der Leipziger Arbeiterbewegung in Kaiserreich und Weltkrieg. Das Übergewicht der USPD auf allen Ebenen machte Leipzig in der Revolution zu etwas Besonderem. So beherrschte sie nicht nur die lokale Arbeiter- und Soldatenbewegung sowie die Sicherheitskräfte, sondern erzielte bei den Wahlen Anfang 1919 weit überdurchschnittliche Ergebnisse (bei den Wahlen zur Nationalversammlung 38,2% bei einem reichsweiten Durchschnitt von 7,6%; bei den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung eine Woche später verfehlte sie mit 46,4% der Stimmen nur knapp die absolute Mehrheit; Tabellen, 104f.).

Das Autorenduo führt plausibel vor, wie die heterogene USPD trotz der herausragenden Wahlerfolge zunehmend in die Defensive geriet. Dabei wenden sie sich gegen die These einer ausgeprägt radikalen Leipziger Arbeiterbewegung (42), auch wenn (nicht nur) die Leipziger USPD in der zweiten Phase der Revolution politisch weiter nach links rückte, nicht zuletzt weil sie durch die Gründung der KPD unter Druck geriet. Aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke blieb sie aber ein stabilisierender Ordnungsfaktor, ja neutralisierte Kräfte, welche die Revolution weiter vorantreiben wollten. Die reichsweite Sozialisierungs- und Streikwelle des Frühjahrs erfasste und radikalisierte auch Leipzig. Der unter der Federführung Curt Geyers initiierte Generalstreik traf auf einen Gegenstreik des gut vernetzten Leipziger Bürgertums, verlief im Unterschied zu vielen anderen im Reich indes weitgehend friedlich, aber nicht weniger erfolglos. Denn an seinem Ende standen die unblutige Einnahme Leipzigs durch das Landesjägerkorps unter General Maercker und die Ausschaltung der lokalen USPD-Leitung. Hiermit lassen auch Bramke und Reisinger den "Leipziger Sonderweg" (so der Titel des letzten Kapitels) ausklingen.

Die Chance, die sozialen und politischen Verhältnisse zu ändern, war damit vertan. Gestritten wird in der Forschung darüber, woran es lag, an der fehlenden Weitsichtigkeit Geyers, der mangelhaften Vernetzung mit den Streiks in anderen Regionen des Reiches. Weitgehend unbelastet von diesen Positionen unterstreichen die Autoren als Plus den friedlichen Ausgang, die Vermeidung sinnlosen Blutvergießens, womit sie wohl die in der Einleitung angesprochene Brücke zur friedlichen Revolution 1989 schlagen wollen. Insgesamt aber bietet die Studie substantiell wenig Neues, verbleibt auf der politischen Ebene und ist konventionell, kulturelle oder soziale Praktiken werden nicht behandelt, obwohl sich eine Lokalstudie diesen Zuschnitts dafür angeboten hätte.

Auch in der weit kleineren Stadt Braunschweig hatten USPD und Spartakisten eine Mehrheit gegenüber der MSPD, die sich allerdings mit Perspektive auf das gesamte, vormalige Herzogtum Braunschweig erheblich relativiert. Nach dem bayerischen König war Herzog Ernst August der zweite Bundesfürst, der - am 8. November 1918 - abdankte. Es folgten das kurze Zwischenspiel der Sozialistischen Republik und schließlich der Freistaat Braunschweig. Mit der nach wie vor zu beobachtenden Mär der besonders radikalen Braunschweiger Revolution räumt ein gemeinsam von Dietrich Kuessner, Maik Ohnezeit und Wulf Otte verantworteter, gewinnbringender Band gründlich auf. [29] Auch in Braunschweig lässt sich der weithin übliche Ablauf ausmachen: Militärstreik, Befreiung politischer Gefangener, Übernahme durch Arbeiter- und Soldatenräte, Radikalisierung in der zweiten Phase, wobei die Linke weit weniger straff organisiert war, als es die konservative Legende wahrmachen wollte.

Abseits der Hauptstadt, in den Kleinstädten und Dörfern des Braunschweiger Landes verlief die Revolution, sofern die Quellen überhaupt ein Urteil erlauben, fast schon geräuschlos. Hier kam der Umbruch nicht selten ohne Arbeiter- und Soldatenräte aus, gelegentlich übernahmen Bauernräte ihre Aufgaben. Jene Zonen der Stille verdienen mehr Aufmerksamkeit. Sie sind noch zu wenig ausgeleuchtet. Die früh anberaumten Kommunalwahlen führten in den meisten Städten des Landes zu bürgerlichen Mehrheiten, auf dem vermeintlich konservativen Land gewannen dagegen die Linken in der Mehrzahl. Das sagt freilich nicht allzu viel aus. Zu Recht weist Dietrich Kuessner darauf hin, dass auf der kommunalen Ebene ohnehin vielfach die ideologische Haltung hinter die Sachorientierung zurücktrat.

In den Blick nehmen die Autoren auch das konservativ-bürgerliche Lager. Dessen Presse berichtete trotz Revolutionsablehnung zumeist sachlich und zurückhaltend über die Ereignisse; die Braunschweigische Landeszeitung trug damit einerseits wohl zu einem unblutigen Verlauf der Revolution vor Ort bei, flankierte andererseits aber zugleich den Aufschwung bürgerlich-konservativer Sammlung und Organisation, der nach der Schockstarre der ersten Tagen rasch an Fahrt aufnahm, in Bürgerräten und Bürgerabwehrstreiks ebenso wie in berufsständischen Vertretungen und im bürgerlichen Parteienspektrum. Ein besonderes Augenmerk gilt der Evangelischen Landeskirche in Braunschweig, die nach der Abdankung Ernst Augusts führungslos geworden war. Ihren Weg in der Revolution zeichnet Kuessner detailreich und umsichtig nach. Nach anfänglicher Verunsicherung, vom Revolutionsschrecken kann kaum eine Rede sein, und Konfrontationen mit der neuen Landesregierung, konnte sie sich bald mit dem neuen Freistaat arrangieren, weshalb insgesamt ein relativ friedliches Bild der Braunschweiger Revolution entsteht.

Der zum Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach gehörenden Universitätsstadt Jena ist eine Studie Eberhart Schulz' gewidmet. [30] Schulz war bis 1991 als Historiker an der Friedrich Schiller Universität Jena tätig, und in Vielem, nicht zuletzt in der zugrunde gelegten Literatur, ist dieses Buch der DDR-Geschichtswissenschaft verpflichtet. Gut zwei Drittel dieser quellennahen Darstellung handeln von der Vorgeschichte der Revolution, den Anfängen der Arbeiterbewegung in Jena und den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges, immerhin hält sich der Verfasser dabei nicht ausschließlich mit politischen Fragen auf, sondern zeigt auch ein Gespür für soziale und gesellschaftliche Nöte an der Heimatfront (81-89). Auffällig ist am Jenaer Beispiel, wo im Unterschied zu Leipzig und der Stadt Braunschweig die MSPD stärkste Kraft war, wie reibungslos und gewaltfrei die Macht auf kommunaler Ebene in die Hände von paritätisch besetzten Arbeiter- und Soldatenräten überging und wie anstandslos sich die Gemeindeverwaltung anfangs unterordnete. Das war in vielen Klein- und Mittelstädten des Reiches nicht anders. Auch dass diese Macht den Räten in der alltäglichen Auseinandersetzung mit erfahrenen Kommunalbeamten wieder zwischen den Fingern zerrann, dürfte eher die Regel als die Ausnahme gewesen sein. Dies kann nur wenig überraschen vor dem Hintergrund der ganz praktischen Rätetätigkeiten, die uns Schulz vor Augen führt. In Jena standen zahllose Alltagsfragen auf den jeweiligen Tagesordnungen der Sitzungen: Wohnung, Heizung, Nahrung, bis hin zu Maßnahmen gegen lebensmittelhortende Bürger und Geschlechtskrankheiten. Die Räte wurden hier wie andernorts zur Anlaufstelle für Alles und Jeden. Auch wenn die Sorge um die Bevölkerung und in den ersten Tagen eine politische Hoffnung auf einen Zusammenschluss aller thüringischen Staaten einte, politische Kontroversen zwischen SPD und USPD trugen zur Blockade ebenso bei wie das zunehmende Wiedererstarken der bürgerlichen Kräfte, in der Verwaltung ebenso wie in Bürgerräten. Bei allem Gewinn im Detail: Schulz' Vokabular dokumentiert eindrücklich, wie schwer der Weg in eine offene, ideologiefreie Geschichtswissenschaft ist.

Wagt man abschließend eine Zusammenschau, dann fällt insbesondere die Fixierung auf die klassische politische Geschichte auf - auf nationaler wie auf kommunaler Ebene. Sie ist eng verwoben mit einem bereits vielfach abgearbeiteten, oftmals immer noch ideologisch aufgeladenen Fragenkatalog. Auch soziale Gruppen und Trägerschichten der Revolutionen geraten nur ansatzweise in den Blick. Wenig Neues also. Man vermisst geschlechter-, kultur- und emotionsgeschichtliche Fragen ebenso wie transnationale oder umweltgeschichtliche Perspektiven zu diesem Schlüsselereignis der jüngeren deutschen Geschichte. Beglückt nimmt man daher den von Alexander Gallus herausgegebenen Sammelband zur Hand, denn ein Großteil der genannten Defizite werden dort offen benannt und weiterführende, anregende Überlegungen angestellt. [31] Dem Rostocker Zeithistoriker Gallus geht es in erster Linie darum, die Revolution aus der Versenkung zu holen und sie zu einem selbstverständlichen Teil der öffentlichen Erinnerungskultur werden zu lassen. Verdient hätte sie mehr Aufmerksamkeit gewiss. Gleichzeitig will er dazu beizutragen, dass die Revolution wieder stärker in den Blick der geschichtswissenschaftlichen Forschung gerät.

Der Band bündelt einige Forschungsimpulse jüngeren Datums. Dazu zählen Lothar Machtans Ausführungen zur weithin geräuschlosen Abdankung der Monarchen und Fürsten in Deutschland (39-56) ebenso wie Heiko Bollmeyers begriffsgeschichtlicher und demokratietheoretischer Beitrag zum "Volksbegriff" in der Nationalversammlung (57-83). Beide Autoren haben zu den Themen jüngst Monographien vorgelegt. Eine Neujustierung der Geschlechterbeziehungen in der Revolution fordert Kathleen Canning mehr ein als sie sie bereits einlöst (84-116): Welchen Stellenwert hatten denn die Sehnsüchte und Projektionen von Frauen wie Männern im "Traumland" der Revolution? Die bisher kaum einmal behandelte transnationale Perspektive stellt Michael Geyer (187-222) heraus: Welche international agierenden Akteure beeinflussten bzw. behinderten die Revolutionen und ihren Verlauf? Seine These einer "blockierten Transnationalisierung in der Übergangsphase vom Krieg zum Frieden" (221) ist ebenso eher als Forschungsprogramm denn als Forschungsergebnis zu verstehen, macht aber zugleich auf Defizite aufmerksam: Wo überall brachen Beziehungen ab, wo und wie lösten sich Vorkriegsverflechtungen in der "verkehrten Welt" (Martin H. Geyer) jener Jahre auf? [32] Wie sieht es dabei aus mit den Rollen der global player wie dem Internationalen Roten Kreuz oder dem Vatikan, welche Bedeutung kam Migrationsprozessen zu (Flucht, Vertreibung, etc.)? Werden auch nur einige der genannten Impulse und Fragen aufgegriffen und weitergeführt, dann kann von einer vergessenen, einer vernachlässigten Revolution ebenso wenig mehr die Rede sein wie von steckengebliebener Forschung. Streit wird sich dann schon wieder von selbst einstellen.


Anmerkungen:

[1] Eberhard Kolb: 1918/19: Die steckengebliebene Revolution, in: Wendepunkte deutscher Geschichte 1848-1945. Hg. von Carola Stern und Heinrich August Winkler, Frankfurt am Main 1979, 87-109 [verschiedene Neuaufl. seit 1994 unter dem Titel: Wendepunkte deutscher Geschichte 1848-1990]. Sebastian Haffner, Die verratene Revolution. Deutschland 1918/19, Frankfurt am Main 1969 [seit 1979 in verschiedenen Neuausgaben, mittlerweile unter dem Titel: Die deutsche Revolution 1918/19].

[2] So Karl Heinrich Pohl: Obrigkeitsstaat und Demokratie. Aspekte der Revolution von 1918/19, in: Manfred Hettling (Hg.): Revolution in Deutschland? 1789-1989. Sieben Beiträge, Göttingen 1991, 49-69. Vorbehalte finden sich auch bei: Andreas Wirsching: Die paradoxe Revolution 1918/19, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 50-51 (2008), 6-12. Online verfügbar unter: http://www.bpb.de/apuz/30781/die-paradoxe-revolution-1918-19?p=all [09.03.2013] Conan Fischer: "A Very German Revolution"? The Post-1918 Settlement Re-evaluated, in: Bulletin - German Historical Institute London 28 (2006), Nr. 2, 6-33. Als pdf-Datei online zugänglich unter: http://www.ghil.ac.uk/publications/bulletin.html [09.03.2013].

[3] Reinhard Rürup: Friedrich Ebert und das Problem der Handlungsspielräume in der deutschen Revolution 1918/19, in: Rudolf König / Hartmut Soell / Hermann Weber (Hgg.): Friedrich Ebert und seine Zeit. Bilanz und Perspektiven der Forschung, München 1990, 69-87. Dagegen wendet sich Eckard Jesse: Friedrich Ebert und das Problem der Handlungsspielräume in der deutschen Revolution 1918/19, in: ebenda, 69-87, mit dem Hinweis, dass insbesondere die Umstände und der Horizont der Zeitgenossen den Handlungsspielraum erheblich eingeschränkt hätten. Die Politik Eberts in der Revolution beleuchtet umfassend und differenziert: Walter Mühlhausen: Friedrich Ebert 1871-1925. Reichspräsident der Weimarer Republik, Bonn 2006, 98-164. Vgl. hierzu die drei Besprechungen in sehepunkte 7 (2007), Nr. 6, URL: http://www.sehepunkte.de/2007/06/ [12.03.2013]

[4] Zum Vergleich der beiden Revolutionen vgl. gewinnbringend und umsichtig: Dieter Langewiesche: 1848 und 1918 - zwei deutsche Revolutionen: Vortrag vor dem Gesprächskreis Geschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung am 4. November 1998, Bonn 1998. Online verfügbar unter: http://library.fes.de/fulltext/historiker/00255.htm [09.03.2013] Langewiesche betont zu Recht, dass sich ein Vergleich auf vielen Ebenen lohnte, allerdings gerade erinnerungsgeschichtlich zwischen beiden Revolutionen Welten liegen.

[5] Otto Grotewohl: Dreißig Jahre später. Die Novemberrevolution und die Lehren der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Berlin / Ost 1948, hier: Anhang 147f. Zur grundsätzlichen Einordnung in die DDR-Geschichtswissenschaft nützlich: Arne Segelke: The Memoralization of 9 November 1918 in the Two German States, in: Bill Niven / Chloe Paver (ed.): Memorialization in Germany since 1945, Basingstoke 2010, 369-378. Jürgen John: Das Bild der Novemberrevolution 1918 in der Geschichtspolitik und Geschichtswissenschaft der DDR, in: Heinrich August Winkler (Hg.): Weimar im Widerstreit. Deutungen der ersten deutschen Republik im geteilten Deutschland, München 2002, 43-84.

[6] Mario Keßler: Die Novemberrevolution und ihre Räte. Die DDR-Debatten des Jahres 1958 und die internationale Forschung (= hefte zur ddr-geschichte, 112), Berlin: Helle Panke 2008, 36 S., EUR 3,00. Bei den hier besprochenen Neuerscheinungen sind jeweils zusätzlich zu den bibliographischen Angaben Verlag, Umfang, ISBN und Ladenpreis sowie ggf. Reihentitel angeführt.

[7] Einen grundsoliden und aktuellen Überblick über die Entwicklung der Forschung bieten Eberhard Kolb / Dirk Schumann: Die Weimarer Republik. 8., überarb. und erw. Aufl., München 2013, 166-178.

[8] David W. Morgan: The Socialist Left and the German Revolution. A History of the German Independent Social Democratic Party, 1917-1922, Ithaca / New York 1975. Robert F. Wheeler: USPD und Internationale. Sozialistischer Internationalismus in der Zeit der Revolution, Frankfurt am Main 1975. Zu denken ist auch an die immer noch einschlägige Studie von Francis L. Carsten: Revolution in Central Europe, 1918-1919, London 1972, die bereits im folgenden Jahr in deutscher Übersetzung erschien. Keßler nennt an bundesdeutschen Historikern ausdrücklich: Susanne Miller: Die Bürde der Macht. Die deutsche Sozialdemokratie 1918-1920, Düsseldorf 1978; Heinrich August Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, Berlin / Bonn 1984.

[9] Allan Mitchell: Revolution in Bayern 1918/1919. Die Eisner-Regierung und die Räterepublik, München 1967.

[10] Kolb / Schumann, Weimarer Republik, 178 (wie Anm. 7).

[11] Volker Ullrich: Die Revolution von 1918/19. (= C.H. Beck Wissen, 2454), München: C.H.Beck 2009, 127 S., ISBN 978-3-406-56254-9, EUR 7,90.

[12] Vgl. etwa Ursula Büttner: Weimar. Die überforderte Republik. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Stuttgart 2008, 60-64, vgl. meine Rezension in sehepunkte 8 (2008), Nr. 12, URL: http://www.sehepunkte.de/2008/12/15026.html [12.03.2013] sowie immer noch beachtenswert Ulrich Kluge: Die deutsche Revolution 1918/19. Staat, Politik und Gesellschaft zwischen Weltkrieg und Kapp-Putsch, Frankfurt am Main 1985 und öfter, hier insbesondere 195-199.

[13] Helga Grebing (Hg.): Die deutsche Revolution 1918/19. Eine Analyse, Berlin: vorwärts buch 2008, 355 S., ISBN 978-3-86602-292-8, EUR 14,95.

[14] Ulla Plener (Hg.): Die Novemberrevolution 1918/1919 in Deutschland. Für bürgerliche und sozialistische Demokratie. Allgemeine, regionale und biographische Aspekte. Beiträge zum 90. Jahrestag der Revolution (= Rosa-Luxemburg-Stiftung. Manuskripte, 85), Berlin: Karl Dietz 2009, 326 S., ISBN 978-3-320-02205-1, EUR 14,90.

[15] Diese Sichtweise war nicht nur in DDR, sondern auch in der Bundesrepublik der 1970er Jahre populär. Am deutlichsten hat sie sich in der Gesamtdarstellung Sebastian Haffners niedergeschlagen, vgl. Anmerkung 1.

[16] http://www.die-linke.de/partei/organe/parteitage/archiv/1parteitag2008/reden/oskarlafontaine/ [09.03.2013].

[17] Heidi Beutin / Wolfgang Beutin / Ralph Müller-Beck (Hgg.): Das waren Wintermonate voller Arbeit, Hoffen und Glück ... Die Novemberrevolution 1918 in Grundzügen (= Bremer Beiträge zur Literatur- und Ideengeschichte, Bd. 58), Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2010, 164 S., ISBN 978-3-631-60396-3, EUR 24,80.

[18] Willi Dickhut: 90 Jahre Novemberrevolution, 1918 - 2008. Essen: Neuer Weg 2008, 42 S., ISBN 978-3-88021-370-8, EUR 3,00.

[19] Hartmut Dicke: Proletarische Revolution und nationale Frage. Die Doppellage im Ausgang des 1. Weltkrieges, Berlin: Neue Einheit 2008, 81 S., ISBN 978-3-926279-09-5, EUR 7,95.

[20] Christiane Sternsdorf-Hauck: Brotmarken und rote Fahnen. Frauen in der bayrischen Revolution und Räterepublik 1918/19. Mit einem Briefwechsel zwischen Frauen vom Ammersee, aus München, Berlin und Bremen, Erw. Neuausgabe Karlsruhe: Neuer isp Verlag 2008, 160 S., ISBN 978-3-89900-130-3, EUR 16,80.

[21] Die Zahl findet sich bei: Ute Frevert: Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit, Frankfurt am Main 1986, 165.

[22] Harry Graf Kessler: Tanz auf dem Vulkan. Der Revolutionswinter 1918/19 in Tagebuchauszügen. Gelesen von Johannes Steck, Freiburg/Brsg.: audiobuch 2009, 15 S., 2 CD-ROM (141 Min.), ISBN 978-3-89964-334-3, EUR 19,95.

[23] Harry Graf Kessler: Das Tagebuch 1880-1937. Siebter Band: 1919-1923. Hg. von Angela Reinthal unter Mitarbeit von Anna Brechmacher und Christoph Hilse, Stuttgart 2007, 130. Die Bearbeiter der Tagebücher weisen darauf hin, dass Kessler damit vermutlich auf eine Bemerkung des Bürgerkönigs Louis Philippe anspielt. Dieser bemerkte im Sommer 1830 auf einem Ball in Neapel: "Nous dansons sur un volcan". Das Tanzen, sogar von einer "Tanzwut" während der Revolution ist die Rede, erwähnt Kessler wiederholt in seinen Tagebuchaufzeichnungen.

[24] Vgl. zur Quellenkritik: Manfred Jessen-Klingenberg: Die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918, in: GWU 19 (1968), 649-656. Abgedruckt sind beide Dokumente in: Nils Freytag (Hg.): Quellen zur Innenpolitik der Weimarer Republik 1918-1933, Darmstadt 2010, 27-29.

[25] Scott Stephenson: The Final Battle. Soldiers of the Western Front and the German Revolution of 1918 (= Studies in the Social and Cultural History of Modern Warfare), Cambridge: Cambridge University Press 2009, XVI + 354 S., ISBN 978-0-521-51946-5, GBP 55,00.

[26] Wilhelm Deist: Verdeckter Militärstreik im Kriegsjahr 1918?, in: Wolfram Wette (Hg.): Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, München / Zürich 1992, 146-167. Weitere wichtige Studien, die Stephenson leider nicht zur Kenntnis nimmt, sind: Benjamin Ziemann: Front und Heimat. Ländliche Kriegserfahrung im südlichen Bayern, Essen 1997. Christoph Jahr: Gewöhnliche Soldaten. Desertion und Deserteure im deutschen und britischen Heer 1914-1918, Göttingen 1998.

[27] Stefan Danz: Rechtswissenschaft und Revolution. Kontinuität von Staat und Rechtsordnung als rechtswissenschaftliches Problem, dargestellt am Beispiel der Novemberrevolution von 1918 in Deutschland (= Schriften zur Rechts- und Staatsphilosophie, Bd. 9), Hamburg: Verlag Dr. Kovac 2008, 200 S., ISBN 978-3-8300-3628-9, EUR 68,00.

[28] Werner Bramke / Silvio Reisinger: Leipzig in der Revolution von 1918/1919. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2009, 152 S., ISBN 978-3-86583-408-9, EUR 24,00.Den Ereignisablauf präsentiert auch: Silvio Reisinger: Die Revolution 1918/19 in Leipzig, in: Plener, Novemberrevolution (wie Anm. 14), 163-180.

[29] Dietrich Kuessner / Maik Ohnezeit / Wulf Otte (Hgg.): Von der Monarchie zur Demokratie. Anmerkungen zur Novemberrevolution 1918/19 in Braunschweig und im Reich, Wendeburg: Uwe Krebs 2008, 244 S., ISBN 978-3-932030-46-8, EUR 19,50.

[30] Eberhart Schulz: Gegen Krieg, Monarchie und Militarismus. Der Weg in die Revolutionstage 1918/1919 in Jena (= Bausteine zur Jenaer Stadtgeschichte, Bd. 12), Jena: Städtische Museen Jena 2008, 200 S., ISBN 978-3-930128-90-7, EUR 19,80. Vgl. dazu auch Mario Hesselbarth: Zur Novemberrevolution 1918/19 in Thüringen, in: Plener, Novemberrevolution (wie Anm. 14), 147-162.

[31] Alexander Gallus (Hg.): Die vergessene Revolution von 1918/19. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010, 248 S., ISBN 978-3-525-36386-7, EUR 24,90. Eine nur wenig beachtete, kulturgeschichtliche Fundgrube ersten Ranges ist: Ben Hecht: Revolution im Wasserglas. Geschichten aus Deutschland 1919, Berlin 2006.

[32] Martin H. Geyer: Verkehrte Welt. Revolution, Inflation und Moderne in München 1914-1924, Göttingen 1998.

Nils Freytag