Rezension über:

Andreas Rose: Die Außenpolitik des Wilhelminischen Kaiserreichs 1890-1918 (= Geschichte kompakt), Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2013, VIII + 151 S., ISBN 978-3-534-25935-9, EUR 14,90
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Rezension von:
Nils Freytag
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Nils Freytag: Rezension von: Andreas Rose: Die Außenpolitik des Wilhelminischen Kaiserreichs 1890-1918, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2013, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 12 [15.12.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/12/24098.html


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Andreas Rose: Die Außenpolitik des Wilhelminischen Kaiserreichs 1890-1918

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Übersichtlich, anschaulich, präzises Grundlagenwissen auf dem neuesten Forschungsstand. Das ist das Konzept der Studienbuchreihe "Geschichte Kompakt", welche seit über einem Jahrzehnt bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erscheint. Die Reihe richtet sich an Lehrende und vor allem an Studierende der Bachelor- und Masterstudiengänge, geeignet sein sollen die Bände insbesondere auch für die Prüfungsvorbereitung. An diesen Vorgaben ist der vom dem Bonner Historiker Andreas Rose verfasste Band zur Wilhelminischen Außenpolitik zu messen.

Übersichtlich und anschaulich ist das Buch. Jedem der sechs größeren Kapitel stehen kurze Zeittafeln voran und die in Lehrbüchern mittlerweile zum Standardrüstzeug zu zählenden Marginalien erleichtern die Orientierung. Eingestreut finden sich vom Darstellungstext abgesetzte Erläuterungen zu wichtigen Persönlichkeiten, zu Ereignissen oder auch zu Begriffen und einschlägigen Quellen. Ein Personen- und Sachregister rundet alles ab. Das ist hier wie bei allen anderen Bänden der Reihe so. Rose formuliert allgemein verständlich und einleuchtend, das Bändchen liest sich insgesamt flott. Die Erläuterungen stören den Lesefluss kaum, der sachkundige Leser kann diese Hervorhebungen auch jeweils gut auslassen. Auch wenn man natürlich über einige biografische Skizzen streiten mag (als Beispiel: Warum wird Alois Lexa Freiherr von Aerenthal porträtiert, warum Franz Conrad von Hötzendorf oder Aerenthals britische und französische Kollegen nicht?): Der Verfasser hat hier insgesamt ein vertretbares Mittelmaß gefunden - nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig.

Präzises Grundlagenwissen auf dem neuesten Forschungsstand. Hier ist das Urteil weniger eindeutig. Die darauf bezogenen, reihenüblichen Vorgaben sind rasch umrissen: sehr knappe Auswahlbibliografie, keine Fußnoten. Beides erschwert es nicht nur dem Prüfling erheblich, den aktuellen Forschungsstand zu identifizieren, ja manchmal überhaupt zwischen Darstellung und wertendem Sachverhalt zu unterscheiden. Das ist auch bei den meisten anderen Bänden der Reihe "Geschichte kompakt" so und es ist misslich. Andreas Rose ist dafür nicht verantwortlich.

Auch wenn die übersichtliche und an deutschen Einschnitten orientierte Gliederung des Bandes es manchmal nur erahnen lässt: Roses Sicht- und Herangehensweise ist vielmehr oft erfrischend und Teil eines Forschungstrends, die Wilhelminische Außenpolitik nicht mehr nur durch die allzu deutsche Brille zu betrachten, sondern die Motive der anderen Großmächte stärker in das Urteil mit einzubeziehen. Nicht selten hatten deren Entscheidungen nichts oder nur wenig mit dem unübersehbar aggressiven und teils plumpen deutschen Verhalten auf internationalem Parkett zu tun. Rose führt dies unter Berücksichtigung jüngerer Forschung anschaulich und plausibel am Beispiel des Flottenwettrüstens und des sogenannten "Dreadnought-Sprungs" vor Augen. Die britische Aufgabe der "splendid isolation" und die Entscheidung, die eigenen Flottenverbände umzugruppieren, war beileibe nicht nur eine Reaktion auf den deutschen Schlachtflottenbau und schon gar nicht in erster Linie. Vielmehr spielten technologische, wirtschaftspolitische und finanzielle Erwägungen ebenso eine Rolle wie die Entwicklungen der amerikanischen und französischen Marine (vgl. 78). Das zu unterstreichen bedeutet keineswegs, die Verantwortung der Wilhelminischen Außenpolitik für das Wettrüsten im Vorfeld des Ersten Weltkrieges zu relativieren. Denn auch deren nicht selten fatale Entscheidungen, das oberste Säbelrasseln, die aggressive Risikopolitik des vermeintlich Eingekreisten und die vielen Fehlwahrnehmungen werden immer wieder deutlich benannt. Ohne Wenn und Aber: Diese internationale Multiperspektivität ist ein Gewinn für unser Fach und bereichert die Diskussion mit Studierenden in der Lehre.

Diesen Gewinn schmälern leider viele kleine Fehler und Ungenauigkeiten, welche die gesamte Darstellung durchziehen. Einige Beispiele: An der ersten Haager Friedenskonferenz 1899 nahmen mal 26, mal 27 Staaten teil, einmal fand sie vom 18. Mai bis zum 27. Juli, ein anderes Mal bis zum 29. Juli statt (37 sowie 79). Korrekt angegeben ist die Dauer bis zum 29. Juli 1899 mit über hundert offiziellen Delegierten aus 26 Staaten. Der russische Kriegsrat 1912 tagte während des Ersten Balkankrieges 1912/13 einmal am 22. November 1912 und einmal einen Tag später (97 und 99). Wann denn nun? Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst ist einmal von 1894 bis 1900 und einmal von 1894 bis 1897 Reichskanzler (3 und 19). Auch wenn der ohnehin nur als Übergangskanzler vorgesehene Hohenlohe-Schillingsfürst durch die Ernennung seines Amtsnachfolgers Bernhard von Bülows zum Staatssekretär des Äußeren (1897) politisch geschwächt war, blieb er bis 1900 Kanzler. Weitere Nachlässigkeiten ließen sich mühelos anfügen. Präzise ist das alles nicht, und ein Unbehagen begleitet die Lektüre.

Als Einführungsliteratur für Studierende oder gar als Prüfungsvorbereitung ist das Bändchen daher nicht zu empfehlen. Schade. Eine gründliche Durchsicht könnte dem abhelfen. Vielleicht kann die Wissenschaftliche Buchgesellschaft sich bei der Gelegenheit auch dazu durchringen, auf das Siegel "Bachelor / Master geprüft" zu verzichten.

Nils Freytag