Rezension über:

Andreas Rose: Deutsche Außenpolitik in der Ära Bismarck (1862-1890) (= Geschichte kompakt), Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2013, VII + 143 S., ISBN 978-3-534-15188-2, EUR 14,90
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Rezension von:
Rainer F. Schmidt
Institut für Geschichte, Bayerische Julius-Maximilians-Universität, Würzburg
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Rainer F. Schmidt: Rezension von: Andreas Rose: Deutsche Außenpolitik in der Ära Bismarck (1862-1890), Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 3 [15.03.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/03/24095.html


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Andreas Rose: Deutsche Außenpolitik in der Ära Bismarck (1862-1890)

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Ein Handbuch muss sich im Wesentlichen an drei Kriterien messen lassen: an seiner Adressatenorientierung, seiner Wissenschaftsorientierung und seiner Praxisorientierung. Didaktisch muss der Stoff so auf die Kernelemente reduziert dargelegt und methodisch so eingängig aufbereitet sein, dass er sich vor allem dem interessierten Novizen und Nichtfachmann erschließt, dass diesem ein Thema erklärend auseinandergesetzt und sachadäquat gegliedert entgegentritt und dass dessen sachliche Konturen und markante Probleme deutlich herausgehoben werden.

Wissenschaftsorientierung bedeutet, auf der Höhe des Forschungsdiskurses zu argumentieren, Debatten wie Kontroversen, differente Perspektiven wie offene Fragen so transparent zu machen, dass dem Leser nicht nur gedeutetes Wissen dargeboten, sondern dieser auch zur eigenen Urteilsbildung befähigt, zum verstehenden Nachdenken und zur kritischen Reflexion über das Gesagte gebracht wird.

Ebenso unverzichtbar ist die Praxisorientierung, indem die Darstellung nicht nur die Gesamtschau eines Themas umgreift, sondern sich die Tauglichkeit des Buches auch in der Alltagsverwendung bewährt: bei der präzisen und profunden Präparation für Lehrveranstaltungen, bei der effizienten und erfolgreichen Vorbereitung auf Prüfungen und bei der schnellen und zielgenauen Recherche von Einzelkomplexen innerhalb der Thematik.

Andreas Rose, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Dominik Geppert an der Bonner Universität und breit ausgewiesener Fachmann für die Periode der internationalen Beziehungen um die Jahrhundertwende, beherrscht sein Sujet so glänzend, dass es ihm gelingt, diese drei Vorgaben in vorbildlicher Weise umzusetzen. Im Rahmen des engen formalen wie inhaltlichen Korsetts, das das vielbändige Reihenwerk "Geschichte Kompakt" seinen Autoren vorgibt, stellt dies eine vorzügliche Leistung dar.

Rose fächert sein umfangreiches Thema, das immerhin drei die deutsche Geschichte fundamental prägende Jahrzehnte umfasst, in sechs Kapiteln so differenziert auf, dass sich eine fast lückenlose, den didaktischen und wissenschaftlichen Anforderungen an ein Handbuch gerecht werdende Gesamtperspektive der außenpolitischen Wegmarken, Entscheidungen, Optionen und Probleme der Bismarckzeit ergibt. Besonders gelungen ist dabei, dass Rose ausgiebig, ja geradezu modellhaft von den didaktischen Prinzipien der Veranschaulichung und Vertiefung Gebrauch macht. Dienen dem ersten Prinzip vor allem die die thematische Analyse begleitenden Kartenausschnitte und Zeittafeln, so sorgen vielfach eingestreute Erklärungshilfen und Quellenexzerpte für vertiefende Erläuterungen. So werden von der Forschung geprägte Begriffe, wie der der sogenannten "Krimkriegskonstellation", präzise und knapp definiert; so werden Auszüge aus wichtigen Vertragstexten, wie dem "Zweibund" oder dem Zusatzprotokoll zum "Rückversicherungsvertrag", präsentiert oder Passagen aus Schlüsselquellen vorgeführt, wie dem "Kissinger Diktat" vom Juni 1877, das Rose zurecht zur außenpolitischen Leitlinie Bismarcks erhebt; und so werden immer wieder elementare biographische Hintergrundinformationen zu den wichtigen Akteuren der Zeit in den Text eingebaut.

Thematisch setzt die Darstellung mit dem Krimkrieg und den Niederlagen der Habsburger Monarchie auf den Schlachtfeldern in Oberitalien ein, um dann anschaulich und eingängig die Berufung Bismarcks auf dem Höhepunkt des preußischen Heeres- und Verfassungskonfliktes zu analysieren und sich ebenso kompakt wie kenntnisreich den Reichseinigungskriegen zuzuwenden. Ein zweites Kapitel ist strukturell angelegt, so dass sich ein konzises Panorama des Bedingungsgefüges entfaltet, in dem die außenpolitischen Entscheidungen des neu entstandenen Reiches angesiedelt waren. Analysiert werden hier die politischen Entscheidungszirkel um Kaiser, Kanzler und diplomatischen Apparat; die ökonomischen und gesellschaftlichen Bewegungskräfte, wie die große Depression, der Übergang zum Schutzzoll und die force profonde der noch subkutan wirkenden Kraft des Nationalismus sowie - für das eigentliche Thema ausschlaggebend - die alles überstrahlende Frage, welche Optionen ("Wahlchancen", wie Rose sie nennt) Bismarck zu Gebote standen, um die "halbhegemoniale" Position seiner Schöpfung auf dem Kontinent dauerhaft abzusichern.

All dies geschieht auf Höhe der immensen Forschungsliteratur, die Rose intensiv und kenntnisreich, teilweise bis in einzelne Formulierungen hinein, rezipiert hat und deren Ergebnisse auch den Maßstab in den folgenden Kapiteln bilden. Rose differenziert hier geschickt zwischen drei grundlegenden Phasen des außenpolitischen Geschehens: der Periode der "Saturiertheit" und "kontinentalen Hochspannung" in den 1870er Jahren, zentriert um die "Mission Radowitz", die "Krieg-in-Sicht"-Krise, den Berliner Kongress und den Zweibund; einer Zeit "relativer Sicherheit" in der ersten Hälfte der 1880er Jahre, geprägt von Dreikaiservertrag und Dreibund sowie vom Intermezzo der Kolonialpolitik, die in ihrer abgewogenen Analyse und ihren perspektivreichen Erklärungsmustern zu den herausragenden Abschnitten des Buches zählt; sowie dem, was er als "außenpolitisches Zauberwerk" tituliert: dem, ungeachtet seiner Kompliziertheit, hier einleuchtend und treffend als "zweites Bündnissystem" ausgedeuteten, dialektischen System von Allianzen und Verträgen, mit dem Bismarck in den letzten Jahren seiner Amtszeit Europa überzog.

So methodisch gelungen wie inhaltlich überzeugend die Darstellung sich auch ausnimmt, so erscheinen doch drei Kritikpunkte angezeigt. Erstens sollte der Text, nicht zuletzt mit Blick auf weitere Auflagen des sehr empfehlenswerten Buches, gründlicher als bislang geschehen lektoriert werden, um immer wieder aufscheinende redaktionelle Fehler auszumerzen. Zweitens wird dem Leser, dem Unkundigen zumal, nicht immer hinreichend transparent gemacht, auf welche Spezialliteratur sich Rose stützt, wer die von ihm referierte These vorgelegt und wer den für die Außenpolitik jener Jahre kennzeichnenden Begriff geprägt hat. Ein Hinweis in Klammern, wenn schon kein Anmerkungsapparat beigegeben werden kann, wäre hilfreich und gewiss möglich gewesen, ohne den Rahmen zu sprengen. Und drittens legt Rose sich und dem Leser keine Rechenschaft darüber ab, wie umfassend oder einschränkend er sein Sujet der "deutschen Außenpolitik" im Zeitraum zwischen 1862 und 1890 definiert. Er bewegt sich in der Bismarckoptik und Preußenzentrik seiner Darstellung ganz auf der Linie des Mainstreams deutscher Historiker, wenn er die Habsburger Monarchie als nichtdeutschen Akteur qualifiziert, obschon diese doch bis zum Frieden von Prag die Vormacht im Deutschen Bund verkörperte und sich als genuin deutsche Macht verstand. Es ist dieser national verengten Perspektive geschuldet, wenn man nur marginale Hinweise, jedoch keine Strukturanalyse darüber erhält, weshalb das Revolutionstrauma von 1848/49 in Wien eine neue, die eigenen Schwächesymptome kompensierende, offensive Deutschlandpolitik gebar, die den preußischen Parvenü majorisieren und in die Schranken zu weisen versuchte. Rose kann daher so recht nicht klar machen, weshalb die Monarchie auf Bismarcks Angebote eines Kondominiums entlang der Mainlinie im Rahmen des Deutschen Bundes nicht einging, sondern den Weg der kriegerischen Auseinandersetzung präferierte. Die fundamentale Weichenstellung von Königgrätz und dem Prager Frieden, die sich für die weitere Gestaltung des deutschen Potentials hiermit ergab, bleibt somit weitgehend im Dunkeln, und ihre langfristigen Auswirkungen für den weiteren Gang der Dinge geraten nicht ins analytische Blickfeld.

Aber dies kann den insgesamt überzeugenden, von Anlage, Verarbeitung des Materials und Eingängigkeit der Analyse her sehr gelungenen Charakter des Handbuches nicht schmälern.

Rainer F. Schmidt