Rezension über:

Wolfgang Neugebauer: Wozu preußische Geschichte im 21. Jahrhundert? (= Lectiones Inaugurales; Bd. 2), Berlin: Duncker & Humblot 2012, 85 S., ISBN 978-3-428-13874-6, EUR 14,00
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Rezension von:
Nils Freytag
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Nils Freytag: Rezension von: Wolfgang Neugebauer: Wozu preußische Geschichte im 21. Jahrhundert?, Berlin: Duncker & Humblot 2012, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 10 [15.10.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/10/22078.html


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Wolfgang Neugebauer: Wozu preußische Geschichte im 21. Jahrhundert?

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Vor rund zwei Jahren richtete die Alfred Freiherr von Oppenheim-Stiftung eine Stiftungsprofessur ein, die sowohl an der Humboldt-Universität zu Berlin als auch an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beheimatet ist. Die Professur ist der Geschichte Preußens verpflichtet und soll eine Brücke zwischen der Akademieforschung und der universitären Lehre schlagen. Bei dem schmalen Bändchen handelt es sich um die gedruckte Fassung der Antrittsvorlesung zu dieser Professur, für die mit Wolfgang Neugebauer einer der besten Kenner der preußischen Geschichte gewonnen werden konnte. Dies weist auch eine Übersicht der wissenschaftlichen Veröffentlichungen des Autors aus, die sich an den Vortrag anschließt. (59-84)

Neugebauer, zuvor Lehrstuhlinhaber für Neuere Geschichte an der Universität Würzburg, wirbt zunächst für eine stärker archivgestützte Preußenforschung jenseits einer ermüdenden und nur wenig ertragreichen Jubiläumskultur. Ob Feuilleton, Fernsehen oder Internet: Wer das medienwirksam inszenierte Friedrich-Jahr auch nur halbwegs aufmerksam verfolgt (hat), kann dem einiges abgewinnen. Mit neuen Fragen will Neugebauer anknüpfen an jene quellenorientierte Phase der Preußenforschung zwischen den 1860er Jahren und dem Ersten Weltkrieg. Verbunden ist sie mit Namen wie Max Duncker, Johann Gustav Droysen oder auch Gustav Schmoller. Diese Preußenforschung war zwar in aller Regel an den Themenfeldern Staat und Dynastie ausgerichtet, aber Neugebauer zufolge doch weniger hagiographisch als wiederholt behauptet, und vor allem gekennzeichnet durch eine produktive Kooperation zwischen Akademie der Wissenschaften und Universität. Bereits seit 1914/18 zeichnete sich ab, dass spätestens mit der staatlichen auch die historiographische Kontinuität endete: Nicht wenige, der im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begonnenen, langfristig angelegten Quelleneditionen liefen in den 1930er Jahren aus. [1] Kriegsverluste und vor allem die Teilung der Archivlandschaften zwischen Ost und West erschwerten Forschungen zur preußischen Geschichte in der Folge in erheblichem Maße. Neu erschlossene Bestände und die Wiedervereinigung der Archive nach 1989/90 stuft Neugebauer als Grundlage für die hier angeregte Preußenforschung ein.

Mit dem zweiten Teil seines anregenden Vortrages schlägt Neugebauer die Brücke zwischen (editorischer) Akademieforschung und universitärer Arbeit. Wie eng Universität, Akademie und auch Archiv aufeinander angewiesen sind, führt er insbesondere an frühneuzeitlichen Beispielen vor Augen. Die vielfältigen internationalen, nicht zwingend miteinander konkurrierenden Loyalitäten preußischer Adelsfamilien machten eben nicht an den Grenzen von Territorialstaaten halt. Preußen war in dieser Perspektive auch im 19. Jahrhundert noch lange ein Staat der Regionen (und auch der Konfessionen). Entworfen wird das facettenreiche Bild eines mit seiner (ostmittel)europäischen Umgebung eng verflochtenen Staatsgebildes; Neugebauer spricht wiederholt von den "Verflechtungslagen" Preußens (etwa auf Seite 56). Die hier angeregten und in Teilen in der Preußenforschung bereits anzutreffenden, auch transnationalen Fragestellungen lenken das Augenmerk nicht zuletzt auf die nichtstaatlichen Akteure des Modernisierungsprozesses und deren unterschiedliche Interessen und Kontakte, und sie reichen weit über den europäischen Raum hinaus, denn nicht von ungefähr profitieren transnationale und Kolonialgeschichte in besonderer Weise voneinander. Stärker in den Vordergrund treten sollen damit die historische Dynamik jenseits des Staates und der großen Individuen sowie zivilgesellschaftliche Fragen. Preußische Geschichte im 21. Jahrhundert also eine "normale" Geschichte, weniger ein Sonderweg, als vielmehr ein mit vielen anderen europäischen Pfaden verwobener Weg Richtung Moderne? Die nächsten 88 Jahre werden es weisen.


Anmerkung:

[1] Etwa: Publicationen aus den Preußischen Staatsarchiven. Veranlaßt und unterstützt durch die Archiv-Verwaltung, Bd. 1-94, Leipzig 1878-1939; Urkunden und Actenstücke zur Geschichte des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Hg. von der Preußischen Kommission bei der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 1-23, Berlin und Leipzig 1864-1930; Acta Borussica. Denkmäler der Preußischen Staatsverwaltung im 18. Jahrhundert. Hg. von der Preußischen Akademie der Wissenschaften, 38 Bde., Berlin 1892-1936 [ND Berlin 1987/88].

Nils Freytag