Rezension über:

Wolfgang Neugebauer (Hg.): Das Thema "Preußen" in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik des 19. und 20. Jahrhunderts (= Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte. Neue Folge; Beiheft 8), Berlin: Duncker & Humblot 2006, 373 S., ISBN 978-3-428-12061-1, EUR 84,00
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Rezension von:
Jens Thiel
Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Jens Thiel: Rezension von: Wolfgang Neugebauer (Hg.): Das Thema "Preußen" in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik des 19. und 20. Jahrhunderts, Berlin: Duncker & Humblot 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 11 [15.11.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/11/10001.html


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Wolfgang Neugebauer (Hg.): Das Thema "Preußen" in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik des 19. und 20. Jahrhunderts

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Im Jahre 2004 veranstaltete die Preußische Historische Kommission im Berliner Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz ein Kolloquium über "Preußen in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik". Das aus dieser Tagung hervorgegangene Buch liegt nun vor. Die Beiträge dieses historiografiegeschichtlichen Sammelbandes beschäftigen sich nicht vordringlich mit preußischer Geschichte, die gleichwohl im Kontext eine Rolle spielt, sondern mit dem Thema "Preußen" in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik. Das Buch versteht sich, so der Herausgeber Wolfgang Neugebauer eingangs, als eine "bilanzierende Standortbestimmung preußenthematischer Geschichtswissenschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts" (6). Es will darüber hinaus aber auch auf zukünftige Arbeitsfelder der Preußenforschung aufmerksam machen. Der von Neugebauer eingangs formulierte Anspruch ist also ein vorsichtig programmatischer, kein bloß antiquarischer im Nietzsche'schen Sinne (7). Perspektiven zukünftiger Forschungen aufzuzeigen bleibt aber allein Neugebauer in seinen einführenden Bemerkungen vorbehalten. Sein entsprechender Fragenkatalog (12-15) bewegt sich ganz im Rahmen dessen, wofür die Preußenforschung im Umfeld der beteiligten Wissenschaftler und Einrichtungen steht. Solch ein grundsolider Ansatz, aus reicher Quellenkenntnis gespeist, ist angesichts wechselnder Konjunkturen der Preußenforschung und politisch leicht instrumentalisierbarer Preußenbilder gewiss nicht von Nachteil.

Seinem Gegenstand und seiner wissenschaftshistorischen Genese angemessen ist der sachlich-nüchterne Grundton aller hier versammelten Beiträge; verfasst von ausgewiesenen Kennern ihres jeweiligen Themas. Im Band finden sich - erwartungsgemäß - Aufsätze zu wichtigen Historikern preußischer Geschichte des 20. Jahrhunderts wie Otto Hintze, Friedrich Meinecke oder Gerhard Ritter (von Bernhard vom Brocke, Hans-Christof Kraus bzw. Klaus Schwabe), aber auch, im Beitrag von Wolfgang Neugebauer, zu "preußischen Staatshistoriographen" des 19. Jahrhunderts wie Friedrich von Raumer oder Leopold von Ranke. Neugebauers Aufsatz erzählt die widerspruchsvolle Geschichte jener staatsnahen Geschichtsschreiber im Dienste des preußischen Staates, die zwischen wissenschaftlichem Anspruch und politischer Indienstnahme changieren mussten. Er nimmt dabei die ersten Anfänge preußischer Geschichtsschreibung seit dem 17. Jahrhundert ebenso in den Blick wie ihre eigentliche "wissenschaftliche Epoche" (39) seit etwas Mitte des 19. Jahrhunderts, um schließlich den Bogen bis zur Weimarer Republik und zum Nationalsozialismus zu schlagen. Ähnlich aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist der Beitrag Gerd Heinrichs über die heute fast vergessenen preußischen Amtsträger, die sich in der zweiten Hälfte des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, meist nebenamtlich oder im Rahmen ihrer sonstigen Dienstpflichten, mit der brandenburgisch-preußischen Geschichte befassten und somit als Pioniere der Landesgeschichte gelten können. Auch Geschichtsvereine, Kommissionen und die wichtigen Editionen zur brandenburgisch-preußischen Geschichte spielten, das zeigt Klaus Neitmanns Beitrag, für die Historiografieentwicklung eine wichtige Rolle - und, nicht zu vergessen, das Geheime Staatsarchiv in Berlin als Hort der archivischen Überlieferung Brandenburg-Preußens, für das pro domo dessen Direktor Jürgen Kloosterhuis einen Überblick beisteuert.

Ergänzend zu dieser sozusagen binnenpreußischen Perspektive beschäftigen sich zwei Aufsätze mit der tschechischen bzw. polnischen Sicht auf Preußen. Das ist umso verdienstvoller, weil in es in beiden Ländern, insbesondere aber in Polen, aus historisch nachvollziehbaren Gründen starke antipreußische Ressentiments gab. Bedauerlicherweise beschränken sich sowohl Joachim Bahlcke als auch Roland Gehrke in ihren sehr informativen Beiträgen auf das 19. und frühe 20. Jahrhundert. Eine Weiterführung dieser Ansätze über diesen Zeithorizont hinaus wäre ebenso wünschenswert gewesen wie ein Blick auf das wissenschaftliche Preußenbild beispielsweise in Frankreich oder England. Erfreulich ist, dass in dem Band, der sich auf das 19. und frühe 20. Jahrhundert konzentrieren will, trotzdem Platz für zwei Beiträge ist, die sich mit Preußenforschung und Preußenbild im Dritten Reich und in der DDR befassen (Frank-Lothar Kroll bzw. Bärbel Holtz). Hier stehen naturgemäß wissenschaftspolitische Rahmenbedingungen und Zielsetzungen, staatliche Einflüsse und politische Indienstnahmen stärker im Mittelpunkt. Während Krolls Überblicksdarstellung die verschiedenen Themenfelder nationalsozialistischer Preußenrezeption konzis nachzeichnet und dabei die vergleichsweise nachgeordnete Bedeutung des "Preußentums" für die Nationalsozialisten hervorhebt (327), gelingt es Holtz für die Thematisierung Preußens in der DDR, zwischen ideologiegesättigten Propagandaschriften mit kurzer Halbwertszeit und soliden Forschungsleistungen zur Geschichte Preußens, die weiterhin Bestand haben, zu unterscheiden (354). Schade, dass an dieser Stelle ein Beitrag fehlt, der die bundesdeutsche Geschichtsschreibung über Brandenburg-Preußen zum Gegenstand gehabt hätte!

Alles in allem liegt mit dem Band eine verlässliche Zwischenbilanz zur historiografischen Forschung zum Thema Preußen vor. Weiterführende und vergleichend angelegte, aber auch insgesamt anregendere Beiträge sowie eine Zusammenfassung oder ein Ausblick, der über das in der Einführung Gesagte hinausgegangen wäre, hätten dem Band allerdings gut getan. Dass am Ende ein Register fehlt, welches das Nachschlagen erleichtern könnte, teilt dieser Sammelband leider inzwischen mit den meisten Büchern seiner Art. Zur Lektüre aber sei das Buch trotz dieser Einschränkungen allen empfohlen, die sich für die Historiografiegeschichte Preußens interessieren.

Jens Thiel