Rezension über:

Andreas Sohn: Von der Residenz zur Hauptstadt. Paris im hohen Mittelalter, Stuttgart: Thorbecke 2012, 256 S., 26 s/w-Abb., ISBN 978-3-7995-0734-9, EUR 26,00
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Rezension von:
Carola Föller
Abteilung für Mittelalterliche Geschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Jessika Nowak
Empfohlene Zitierweise:
Carola Föller: Rezension von: Andreas Sohn: Von der Residenz zur Hauptstadt. Paris im hohen Mittelalter, Stuttgart: Thorbecke 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 2 [15.02.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/02/21960.html


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Andreas Sohn: Von der Residenz zur Hauptstadt

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Das mittelalterliche Paris erfreut sich schon lange großer Beliebtheit in Forschung und populärwissenschaftlicher Literatur. [1] Nun führt in einer neuen Monographie der in Paris lehrende deutsche Mediävist Andreas Sohn seine Forschungen zu Paris zusammen und setzt sich mit der Entwicklung der Stadt von den ersten Siedlungen hin zu jenem Ort auseinander, der im ausgehenden Mittelalter als eines der wichtigsten politischen, kulturellen und intellektuellen Zentren gelten kann.

In den Fokus rückt er hierbei die Frage nach der "Hauptstadt-werdung" (19). Er möchte darstellen, "[w]elche Antriebskräfte oder Faktoren bewirkten, daß sich Paris [...] zu einer Hauptstadt entwickelt hat", um zu der Frage von Theodor Schieder beizutragen, "nach welchen 'Regeln' eine Hauptstadtwerdung in der Geschichte abläuft" (19). Sein methodisches und konzeptionelles Instrumentarium bezieht Sohn aus der deutschen Residenzenforschung, so dass folglich der Ausbau der königlichen Residenz und die Beziehungen der Stadt zum Hof das Zentrum des Buches bilden, was sich auch in dessen systematischer Gliederung spiegelt: Das Kapitel zur "Zentrierung von Politik und Verwaltung in Paris" nimmt mit 86 von 196 Textseiten bei weitem den größten Raum ein. Die Struktur des Buches folgt Sohns Definition der "zentral-örtlichen" Funktionen, die er als "politisch-administrativ [...], wirtschaftlich [...], kirchlich-religiös [...] und kulturell [...]" bestimmt (18). Je stärker ein Ort diese Funktionen ausübe, desto mehr könne er als Hauptstadt gelten. Die zeitliche Eingrenzung geht - im Gegensatz zum sonst sehr sprechenden Titel - deutlich über das hohe Mittelalter hinaus; auch wenn er den Schwerpunkt seiner Untersuchung in der Zeit zwischen dem 10. Jahrhundert und dem Tod Philipps II. (1223) sieht, bezieht er sich immer wieder auf frühere Perioden, sogar bis zu den frühesten Siedlungen an der Seine, um historische Entwicklungen nachzuzeichnen und in einen breiteren Zusammenhang einzubetten. Ebenso greift er mehrmals auf spätere Perioden der Pariser Geschichte vor, vor allem natürlich das Spätmittelalter, um den Fortgang längerfristiger historischer Entwicklungslinien weiter zu verfolgen.

In seinem zweiten - und ersten thematischen - Kapitel (22-108) widmet sich Sohn den Umständen, die zur Verstetigung von Paris als Residenzstadt geführt haben, und den direkten politischen und administrativen Folgen jenes Prozesses. Am Beginn des Kapitels stehen jedoch die topographischen und geographischen Gegebenheiten, in denen Sohn eine wichtige Voraussetzung für die spätere Hauptstadtwerdung sieht, und, in einem kurzen Überblick, die römische Besiedlung und das frühe Mittelalter. Bemerkenswert ist die Betonung der Ungleichzeitigkeit von Dynastiewechsel und Residenznahme in Paris - Sohn stellt sich hier bewusst gegen die wirkmächtige ältere Forschung, die Paris gleichsam als natürliches Zentrum im Machtbereich der Kapetinger beschreibt. [2] Er zeigt anhand des königlichen Itinerars in einer vergleichenden Untersuchung mit anderen königlichen Residenzen (v. a. Compiėgne und Orléans) die zunächst untergeordnete Rolle auf, die Paris im 10. Jahrhundert hatte. Von Bedeutung ist hier weniger eine mögliche Datierung der Hauptstadtwerdung (was Sohn selbst als nicht wesentlich formuliert, 14) als vielmehr die Auswahl herangezogener Argumente, die dann zu einer "Entscheidung der Kapetinger für Paris" führen (38). Letztlich habe die geopolitische Lage dazu geführt: Wenn die Normannen - die der französische König im Vexin bekämpfte - Paris erobert hätten, wären die Gebiete der Krondomäne voneinander getrennt worden; mit einer Residenz in Paris konnte das Vexin besser verteidigt und die territoriale Geschlossenheit der Krondomäne bewahrt werden. Ersetzt werden also die Argumente, die die Besitzungen der Kapetinger in diesen Gebieten anführen, durch eine Argumentation, die rationale und strategische Überlegungen in den Fokus rückt. Letztlich markiert diese Umdeutung auch den Wendepunkt von Sohns Buch: Ab hier werden nun die Folgen dieser Residenznahme in Paris skizziert. Weitere Faktoren, die zur Hauptstadtwerdung beitrugen, sind dem Argument der dauerhaften Präsenz des königlichen Hofes nachgeordnet.

Im dritten Kapitel (109-124) widmet sich Sohn der wirtschaftlichen Entwicklung von Paris. Als wichtige Grundlage für den zu beobachtenden Aufschwung der Stadt stellt er wiederum die topographische Lage als auch die Verkehrswege zu Wasser und zu Land heraus - auch die Herausstellung ordnungspolitischer Maßnahmen wie diverse königliche Privilegierungen als Ursache überraschen nicht wirklich. Ausgesprochen anschaulich sind hingegen die strukturellen Folgen dieser Bedingungen für die Stadt, wie sie sich in der Bebauung zeigen.

Das vierte Kapitel (125-147) widmet sich der religiösen Entwicklung im Hochmittelalter mit besonderem Augenmerk auf dem Pariser Bistum. Großen Raum nehmen auch hier die städtebaulichen Maßnahmen, vor allem der Kathedrale Notre Dame auf der Île de la Cité, ein, in denen sich die Repräsentations- und Machtbestrebungen der Paris Bischöfe gespiegelt hätten.

Die "intellektuelle" und "kulturelle" Entwicklung der Stadt sind Gegenstand des fünften und letzten Kapitels (148-185). Die Entstehung der Pariser Universität bettet Sohn breit in die intellektuellen Entwicklungen jener Zeit ein. In der Beschreibung der kulturellen Entwicklungen fasst er sich hingegen recht kurz und legt einen lediglich die bildenden Künste umfassenden Kulturbegriff an, die er mit dem "kulturellen Geschäftsumfeld" (179), also der Buchherstellung, und der Entstehung der Gotik in Paris zu fassen sucht.

Die Entwicklung von Paris zu einer Hauptstadt, die Andreas Sohn seinen Lesern präsentiert, ist mitnichten so gradlinig und zwangsläufig, wie dies in der älteren Forschung dargestellt wurde, sondern geprägt von Brüchen und politischen Entscheidungen, die auch anders ausfallen und zu anderen Ergebnissen hätten führen können. Diese darzustellen, ist sicherlich das wesentliche Verdienst des Buches. Leider wird dieses differenzierte Bild manchmal zugunsten der starken These (der königliche Hof als Motor der Entwicklung) aufgegeben, obwohl eine Interpretation, die davon an einigen Stellen etwas abgerückt wäre, der Grundthese nicht geschadet hätte. Zum Beispiel könnte gerade die angeblich gleichgültige Haltung der Kapetinger gegenüber der Universität (149-150) bei genauerer Betrachtung die Reziprozität von Einflussnahme und das komplexe Zusammenspiel von Faktoren bei der Hauptstadtwerdung deutlicher herausstellen.

Der Autor hat, obwohl er selbst in seinem Vorwort ankündigte, in erster Linie seine Forschungen zusammenzuführen (7), in wesentlichen Teilen sehr quellennah gearbeitet und damit mehr geleistet, als nur seine bisherigen Arbeiten zum Thema zusammenzufassen. Das Buch ist ausgesprochen kurzweilig zu lesen und bleibt dank seiner großen Anschaulichkeit stets spannend. Für die Leser eines breiteren Publikums, die das Buch sicherlich finden wird, wäre es allerdings vermutlich passender gewesen, französische, vor allem aber lateinische Zitate zu übersetzen. 24 schwarz-weiß Illustrationen und 2 Karten ergänzen den Text. Wer Paris ein wenig kennt, findet sich schnell in den Beschreibungen zurecht und erhält nicht zuletzt auch Informationen, die über ein "trockenes" wissenschaftliches Buch hinausreichen.


Anmerkungen:

[1] Zuletzt: Evelyn Mullally: Guide de Paris au Moyen Age, Paris 2011, Philippe Velay: Paris. Genėse de la capitale, Paris 2009, grundlegend: Jean Favier: Paris. Deux mille ans d'histoire, Paris 1997.

[2] Zum Beispiel Ernst Pitz: Europäisches Städtewesen und Bürgertum. Von der Spätantike bis zum hohen Mittelalter, Darmstadt 1991.

Carola Föller