Rezension über:

Frank Costigliola: Roosevelt's Lost Alliances. How Personal Politics Helped Start the Cold War, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2012, IX + 533 S., ISBN 978-0-691-12129-1, GBP 24,95
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Rezension von:
Florian Pressler
Universit├Ąt Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
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Florian Pressler: Rezension von: Frank Costigliola: Roosevelt's Lost Alliances. How Personal Politics Helped Start the Cold War, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2012, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 12 [15.12.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/12/21426.html


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Frank Costigliola: Roosevelt's Lost Alliances

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Warum zerbrach die "Great Alliance" zwischen Großbritannien, der UdSSR und den Vereinigten Staaten nach dem Sieg über Nazi-Deutschland und Japan innerhalb weniger Jahre? Wer trägt die Schuld daran, dass die Kooperation der "Großen Drei" nach Kriegsende in Rivalität und Konfrontation umschlug? Warum folgte dem Sieg gegen die Aggressorstaaten statt einer friedlichen Koexistenz ein Kalter Krieg? Generationen von Historikern haben sich diese Fragen gestellt und sie höchst unterschiedlich beantwortet. Eine Schule weist in der Tradition George F. Kennans der Sowjetunion die Verantwortung für den Bruch der Allianz zu. Sie betont die ideologisch begründete konfrontative Haltung Moskaus gegenüber der westlich-kapitalistischen Welt und das übersteigerte Sicherheitsbedürfnis Stalins. Eine Gruppe revisionistischer Historiker verweist dagegen in Anlehnung an William Appleman Williams auf Bestrebungen der USA, ihr Wirtschafts- und Wertesystem ohne Rücksicht auf ein legitimes sowjetisches Sicherheitsbedürfnis auch in Osteuropa zu verbreiten. Die Revisionisten sehen damit in Washington den Hauptschuldigen für den Übergang zu Blockbildung und Konfrontation.

In dieser Jahrzehnte alten Debatte sorgt Frank Costigliola mit Roosevelt's Lost Alliances für frische Impulse und liefert Argumente jenseits der altbekannten Schemata. Statt nationaler Interessen stellt er Emotionen und "personal diplomacy" (3) - das persönliche Verhältnis der führenden Persönlichkeiten dieser Staaten zueinander - in den Mittelpunkt seiner Untersuchung. Er zeigt, wie es US-Präsident Franklin D. Roosevelt während des Krieges gelang, ein Vertrauensverhältnis sowohl zu dem britischen Premierminister Winston Churchill als auch zu dem sowjetischen Diktator Josef Stalin aufzubauen und die Koalition so trotz gegensätzlicher Interessen zusammen zu halten. Nach Roosvelts Tod ging dieses Vertrauensverhältnis verloren, da sein Nachfolger Harry S. Truman die Vermittlerrolle Roosevelts nicht weiter ausfüllen konnte oder wollte.

Costigliola holt weit aus, um die Fundamente zu legen, auf denen seine Argumentation aufbaut. Er beleuchtet zunächst die Kindheit und Jugendjahre der "Großen Drei", um ihren Denkweisen, Lebenseinstellungen, Ängsten und Hoffnungen näher zu kommen. Aus Stalins schwieriger und von Gewalt geprägter Kindheit leitet er dessen tief sitzendes Misstrauen gegenüber Freund und Feind sowie sein tief empfundenes Bedürfnis nach Anerkennung und Sicherheit ab. In Churchills Biografie betont Costigliola eine sich früh herausbildende Feindschaft gegenüber Marxismus und Kommunismus, die er auch während der Kriegs- und Nachkriegsjahre niemals ablegte und die sein Denken bestimmte. Der in Wohlstand, Sicherheit und einer Atmosphäre familiärer Wärme aufgewachsene Roosevelt erscheint dagegen frei von solchen Vorbelastungen gewesen zu sein. In seiner sorglosen Jugend formierten sich laut Costigliola Fähigkeiten und Umgangsweisen, die den späteren erfolgreichen Kriegspräsidenten Roosevelt ausmachten: Die Fähigkeit zu vertrauen und Vertrauen zu gewinnen, Selbstsicherheit, das Bewusstsein des eigenen Charmes und die Fähigkeit diesen Charme einzusetzen.

Wie Roosevelt seinen Charme spielen ließ, um die ideologischen Gegner Churchill und Stalin für eine Allianz zu gewinnen und um Grundzüge einer Nachkriegsordnung festzulegen, belegt Costigliola eindrücklich anhand der Kriegskonferenzen an Bord der Prince of Wales vor der Küste Neufundlands, in Casablanca, Teheran und Jalta. Dabei stützt er sich auf bisher noch unbearbeitete Dokumente, wie beispielsweise die Berichte über die Yalta-Konferenz in den Tagebüchern von Roosevelts Tochter Anna, Briefe von Roosevelts langjähriger Privatsekretärin Marguerite LeHand und Transscripte von Gesprächen des Roosevelt-Vertrauten Harry Hopkins.

Den erfolgreichen Konferenzen und Konsultationen während des Krieges stellt Costigliola die Konferenz von Potsdam sowie die Monate nach diesem letzten Zusammentreffen der Staatschefs aus Ost und West gegenüber. Die in Potsdam maßgeblichen Beraters Trumans waren demnach von negativen Erfahrungen mit russischen Besatzungssoldaten und der Moskauer Bürokratie geprägt und drängten den US-Präsidenten zu einer harten Haltung gegenüber den Sowjets. Truman, der sich lieber auf diese Berater verließ, als ein Vertrauensverhältnis mit Stalin aufzubauen, wehrte sich daher gegen russische Reparationsforderungen an Gesamtdeutschland und verweigerte sich einem Vorschlag seines Kriegsministers Henry L. Stimson, der Nukleartechnologie an die UdSSR weitergeben wollte, um ein atomares Wettrüsten zu verhindern. Truman verstand es laut Costigliola nicht im gleichen Maße wie Roosevelt, kulturelle Konflikte zu überbrücken, Stalins Ängste zu zerstreuen und den sowjetischen Diktator für sich zu gewinnen. Während Roosevelt trotz angegriffener Gesundheit mehrmals um den halben Erdball gereist war, um Probleme von Angesicht zu Angesicht zu besprechen und Vertrauen herzustellen, scheute Truman nach der Konferenz von Potsdam vor persönlichen Treffen zurück, obwohl sich das Verhältnis beider Staaten dramatisch verschlechterte. Statt zwischen Churchill und Stalin zu moderieren, wandte er sich einseitig Großbritannien zu. Damit, so argumentiert Costigliola, verspielte er die Chance auf eine friedliche Koexistenz zwischen Ost und West.

Costigliolas Buch ist sorgfältig recherchiert, gut geschrieben und spannend zu lesen. Seine These über die zentrale Bedeutung Roosevelts für den Zusammenhalt der "Great Alliance" kann er anhand einer Fülle von Primärquellen belegen. Ein komplett neues Verständnis der Anfänge des Kalten Krieges ergibt sich daraus trotzdem nicht zwangsläufig. Auch wenn Roosevelt im Umgang mit Stalin und Churchill größeres Geschick an den Tag legte als sein Nachfolger, so waren es doch in erster Linie die von allen geteilten Einsichten in die militärische Notwendigkeit der Kooperation im Krieg gegen die Achsenmächte, die die Allianz bis 1945 zusammen hielten. Diese Notwendigkeit entfiel mit dem Ende des Krieges, und Interessengegensätze brachen auf. Es bleibt daher mehr als fraglich, ob Roosevelt, wäre er länger am Leben geblieben, das gute Verhältnis zu Stalin hätte aufrecht erhalten können. Die Vier-Freiheiten Rede, die er am 6. Januar 1941 vor dem Kongress hielt, gilt zurecht als Quintessenz dessen, woran der amerikanische Präsident glaubte: Redefreiheit, Religionsfreiheit, die Freiheit von wirtschaftlicher Not und die Freiheit von Furcht vor militärischer Aggression - überall auf der Welt. Letztendlich hätte Roosevelt auch seinen Verbündeten Stalin am Maßstab dieser vier Freiheiten messen müssen - und es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass der Diktator Roosevelts Ansprüchen gerecht geworden wäre. Costigliola erinnert uns daran, welche enorme Bedeutung das diplomatische und psychologische Geschick führender Staatsmänner in den internationalen Beziehungen besitzt, doch die inhaltliche Dimension von Verhandlungen, die Interessen und Interessenkonflikte werden dadurch nicht bedeutungslos.

Florian Pressler