Rezension über:

Brian Loveman: No Higher Law. American Foreign Policy and the Western Hemisphere since 1776, Chapel Hill, NC / London: University of North Carolina Press 2010, 549 S., 11 Abb., 4 Kt., ISBN 978-0-8078-3371-1, USD 35,00
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Rezension von:
Florian Pressler
Universit├Ąt Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Florian Pressler: Rezension von: Brian Loveman: No Higher Law. American Foreign Policy and the Western Hemisphere since 1776, Chapel Hill, NC / London: University of North Carolina Press 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 10 [15.10.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/10/20056.html


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Brian Loveman: No Higher Law

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Der emeritierte Politikwissenschaftler Brian Loveman gilt nicht nur als guter Kenner der Interamerikanischen Beziehungen, sondern auch als energischer Kritiker amerikanischer Außenpolitik. Sein Buch No Higher Law - American Foreign Policy and the Western Hemisphere ist dem entsprechend auch keine rein historische Abhandlung der Beziehungen zwischen den USA und Lateinamerika, sondern ein hoch politisches Werk, das vor dem Hintergrund der US-geführten Kriege in Afghanistan und im Irak das Bild eines von Anfang an expansionistischen und interventionistischen Amerikas zeichnet. Loveman wendet sich gegen die "Mythen" (9) eines amerikanischen Isolationismus während der ersten 150 Jahre des Bestehens der USA und den Exzeptionalismus einer moralischen amerikanischen Außenpolitik. Stattdessen seien die USA - so Loveman - von Anfang an keinem höheren Gesetz als ihrem nationalen Interesse gefolgt und hätten im Rahmen ihrer Möglichkeiten eine unilaterale Machtpolitik betrieben. Die Kriege George W. Bushs sind für ihn daher kein Bruch mit früheren außenpolitischen Traditionen Amerikas, sondern ganz im Gegenteil schon in der Geschichte der frühen Republik angelegt.

Die westliche Hemisphere stellt Loveman als Versuchslabor amerikanischer Außen- und Interventionspolitik (5) dar. Hier wurden Doktrinen und handlungsleitende Prinzipien entwickelt und erprobt, die im 20. und 21. Jahrhundert schließlich auf globaler Ebene zu Anwendung kamen. So wurde laut Loveman beispielsweise das Konzept einer imminenten Bedrohung durch weit schwächere Mächte als Rechtfertigung für präventive Militäraktionen der USA schon im Kontext der Annektion West-Floridas im Jahre 1810 entwickelt, im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in der Karibik und in Mittelamerika verfeinert, während des Kalten Krieges als Rechtfertigung für Interventionen weit jenseits der westlichen Hemisphäre genutzt und mit dem globalen Krieg gegen den Terror vollständig entgrenzt. Die Monroe-Doktrin aus dem Jahr 1823, nach der die USA eine europäische Einmischung in Angelegenheiten der westlichen Hemisphäre nicht dulden würden, weitete sich schließlich 1980 zur Carter-Doktrin, die eine Einmischung fremder Mächte im Persischen Golf als Verletzung vitaler Interessen der Vereinigten Staaten definierte. Die Idee einer "Manifest Destiny" richtete sich im Krieg mit Mexiko erstmals gegen einen lateinamerikanischen Staat; mit der Roosevelt-Corollary wandelte sich die Monroe-Doktrin 1904 zu einem Mandat, im Karibischen Becken für Ordnung zu sorgen, und etabliert die USA heute als Weltpolizist, der versucht, Elemente seines politischen und wirtschaftlichen Systems auf fremde Völker zu übertragen. Lovemans Argumentation kann hier durchaus überzeugen. So ist es schlüssig, dass eine aufstrebende Weltmacht Ideen und außenpolitische Konzepte zunächst in ihrer eigenen Einflusssphäre umsetzt und sie auf andere Weltregionen ausdehnt, sobald sich ihr Einflussbereich erweitert. Lovemans normative Kritik amerikanischer Außenpolitik erscheint aber recht einseitig und positioniert ihn im linken Randbereich des historiographischen Mainstreams.

Was No Higher Law von anderen Darstellungen der Interamerikanischen Beziehungen unterscheidet, ist neben der revisionistischen Interpretation und dem Ausgreifen über die westliche Hemisphäre hinaus vor allem der Zeitraum der Untersuchung. Anders als beispielsweise Alan McPhersons Intimate Ties, Bitter Struggles oder Peter H. Smiths Talons of the Eagle, die auf das 20. Jahrhundert und insbesondere auf die Zeit nach 1945 fokussieren, deckt Loveman die gesamte Periode Interamerikanischer Beziehungen seit der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten ab und greift gegenwärtige Entwicklungen explizit auf. Da es ihm in erster Linie um das Aufzeigen von Kontinuitäten geht, erscheint dies nur konsequent und berechtigt. Auch die Gliederung des Buches ist danach ausgerichtet, Kontinuitäten in den Vordergrund zu stellen: Sie folgt der ereignisgeschichtlichen Chronologie nur lose und orientiert sich stattdessen an einer Abfolge von außenpolitischen Konzepten, die die Beziehungen der USA zu Lateinamerika und der Welt bestimmten.

Zurecht legt Loveman großen Wert auf die kausale Verflechtung zwischen amerikanischer Innen- und Außenpolitik. Außenpolitische Initiativen, die letztendlich durch innenpolitische Konstellationen oder Zwänge herbeigeführt wurden, kann er ebenfalls bis weit in die Vergangenheit zurückverfolgen. So zeigt er, wie der sich ausweitenden Konflikt zwischen sklavenhaltenden und freien Staaten im Vorfeld des amerikanischen Bürgerkrieges auf die amerikanische Außenpolitik gegenüber Lateinamerika und der Karibik zurückwirkte und sie bestimmte. Während die Südstaaten darauf hofften, durch die Aufnahme Kubas oder mittelamerikanischer Republiken als sklavenhaltenden Staaten in die Union das politische Gleichgewicht in Washington zu ihren Gunsten zu verändern, lehnten Politiker aus dem Norden weitere Annektionspläne aus genau diesem Grund ab. Auch heute spielen innenpolitische Erwägungen eine zentrale Rolle bei der Formulierung amerikanischer Außenpolitik gegenüber der westlichen Hemisphäre. So ist beispielsweise die Frage einer Entspannung des Verhältnisses zu Kuba viel weniger eine Frage der Außenpolitik als ein innenpolitisches Problem, da die zahlenmäßig starke kubanische Exilgemeinde im "Swing State" Florida ihre Wahlentscheidung an diese Frage bindet.

Für das (durchaus berechtigte) Ausgreifen von den Interamerikanischen Beziehungen auf angrenzende Felder wie die amerikanische Innenpolitik, die amerikanische Ideengeschichte und die Außenpolitik der USA gegenüber anderen Weltregionen zahlt Loveman jedoch auch einen Preis. Die zahlreichen Querverbindungen schaffen Redundanzen und lassen den Leser gelegentlich den Fokus verlieren.

No Higher Law ist kein Textbook oder Handbuch - und will das auch nicht sein. Wer ein Handbuch sucht, ist beispielsweise mit Lars Schoultzs Beneath the United States besser bedient. Wer aber ein besseres Verständnis gegenwärtiger amerikanischer Militärinterventionen und ihres historischen Kontextes gewinnen möchte, für den ist No Higher Law eine lohnende Lektüre.

Florian Pressler