Rezension über:

Thomas Schölderle: Utopia und Utopie. Thomas Morus, die Geschichte der Utopie und die Kontroverse um ihren Begriff, Baden-Baden: NOMOS 2011, 540 S., ISBN 978-3-8329-5840-4, EUR 64,00
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Rezension von:
Uwe Baumann
Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Uwe Baumann: Rezension von: Thomas Schölderle: Utopia und Utopie. Thomas Morus, die Geschichte der Utopie und die Kontroverse um ihren Begriff, Baden-Baden: NOMOS 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 12 [15.12.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/12/20191.html


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Thomas Schölderle: Utopia und Utopie

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Die vorliegende Studie geht auf eine 2010 an der Fakultät für Staats- und Sozialwissenschaften der Bundeswehr-Universität München eingereichte Dissertation zurück. Sie erweist sich als sehr ambitionierter, in Aufbau und methodisch-theoretischem Design notwendigerweise interdisziplinärer Versuch, literatur-, kulturwissenschaftliche und historische Fragen und Ergebnisse mit sozialwissenschaftlichen Fragestellungen und Forschungstraditionen zur Geschichte des utopischen Denkens zu harmonisieren.

Ihre argumentative Reichweite beansprucht die Studie primär durch ein prinzipiell interdisziplinäres Design: Ausgangspunkt, nach einer die Zielsetzung der Studie explizierenden Einleitung, ist ein erstes Großkapitel (I: "Thomas Morus und die Utopia"), bevor - zunächst vorsichtig- Kapitel II: "Utopiegeschichte und Begriffspropädeutik als chronologisch-analytischer Abriss" die unterschiedlichen Fachtraditionen zusammenführt. Primär den sozialwissenschaftlichen Utopiediskurs fokussiert Kapitel III, wobei in einzelnen Unterabschnitten natürliche "Grenzüberschreitungen" zur Literatur- und Kulturgeschichte vorliegen. Ob die begrifflich so klare Differenzierung zwischen "klassischem", "sozialpsychologischem" und "totalitärem" Utopiebegriff sich tatsächlich als Erkenntnis fördernd erweist, mag dabei durchaus noch offen bleiben.

Das gleiche mag für das gesamte begriffsanalytische Fazit gelten, wiewohl es die bisherigen Ergebnisse in anschaulicher (wenngleich nicht neuer) Weise in einer Normierungssystematik zusammenführt (445). Wie sich im Kontext der Überlegungen zur "Utopie im analytischen Raster" (448ff.) zeigt, bleibt selbige aber vergleichsweise allgemein. So werden in Abschnitt 2.1 ("Zum Inhalt der Utopie") primär die Aspekte in den Blick genommen, die seit einem guten halben Jahrhundert die Diskussion bestimmen: Isolation, Statik, Harmonisch-homogener Kollektivismus, Idealität, Rationalität und Universalität. Gleiches gilt bedauerlicherweise auch für die nächsten Abschnitte ("Zur Form der Utopie", "Zur Funktion der Utopie" und "Zur Intention der Utopie"), die eine hinreichende Verankerung in der modernen literatur- und kulturwissenschaftlichen Theoriebildung vermissen lassen [1] und sich dazu auf einen viel zu kleinen Ausschnitt aus der - zugegebenermaßen gewaltigen - Text- und Studienfülle beschränken.

Mit der ersten Arbeitsdefinition expliziert der Verfasser als Zusammenfassung einen in gleicher Weise für Morus' Utopia "angemessen" wie "weit gefassten Utopiebegriff" (479), der aber weder neu, noch revolutionär ist, noch die konzeptuellen Differenzen von Utopia des Thomas Morus, der Utopie als "literarischer Gattung", utopischem Denken und sozialwissenschaftlichem Utopiediskurs überwindet.

Vielleicht ist es das größte Verdienst der Studie, einmal mehr diese unterschiedlichen Erkenntnisinteressen, Methoden und Arbeitstechniken der unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen (von Renaissancephilologie bis zur Philosophie, von der Anglistik bis zu den Sozialwissenschaften) herauszustellen. Nur wird der prinzipiell überaus begrüßenswerte interdisziplinäre Ansatz genau in den Feldern zu einem veritablen Problem, wo die präsentierten Ergebnisse hinter die in den Einzeldisziplinen erreichten theoretisch-methodischen Prämissen und die dort erreichten Ergebnisse zurückfallen.

Es wäre der Natur der Sache entsprechend ein leichtes, zu einzelnen Kapiteln ganze Listen von nicht behandelten, aber unmittelbar einschlägigen Primärtexten (zum Beispiel nur aus dem 20. Jahrhundert: Aldous Huxley, Brave New World; Margaret Atwood, The Handmaid's Tale oder Sally Miller Gearheart, The Wanderground) und nicht berücksichtigten Forschungsbeiträgen [2] zusammenzustellen. Exemplarisch sei diesbezüglich aber nur das Großkapitel I: "Thomas Morus und die Utopia" betrachtet.

Die Untersuchung beginnt - konventionell - mit einer biographischen Kontextualisierung. Bereits auf der ersten Seite dieses Lebensabrisses (33, ebenso 34) stutzt der Leser bei einer ausgesprochen eindimensionalen Erklärung für die Eidesverweigerung des Thomas Morus, bevor diese später (57) zumindest etwas zurückgenommen wird. Noch irritierender ist die Darstellung der Gründe König Heinrichs VIII. für seinen Wunsch, die Ehe mit Katharina annullieren zu lassen (38, Anm. 19 und 38ff.). Die Darstellung kann eigentlich nur als grotesk einseitig und unvollständig bezeichnet werden, was wohl nicht zuletzt durch die herangezogene Literatur erklärbar ist (durchgängig die vorurteilsbeladene Morus-Biographie von Peter Berglar). Moderne, respektable Biographien Heinrichs VIII. (zum Beispiel Scarisbrick, Loades oder Wilson) oder Darstellungen der englischen Geschichte der Tudorzeit (zum Beispiel Elton, Guy) wurden nicht erkennbar konsultiert, obwohl jedes dieser Werke die skurrilen Verdrehungen der Quelleninformationen (zum Beispiel 40) hätte revidieren helfen können; gleiches gilt für die Darstellung der erfolgten Annullierung der Ehe mit Katharina und die Gültigkeitserklärung der heimlich geschlossenen Ehe mit Anne Boleyn (41.). Ohne die Liste irritierender, immer wieder auch erheiternder Fehlurteile über Gebühr verlängern zu wollen, wird man festhalten müssen, dass hinsichtlich der allgemein-historischen Kontextualisierung die vorliegende Studie einen kritisch-aufmerksamen Leser einfordert. Dies gilt zumindest teilweise auch für die Einordnung der Utopia in den Kontext der Biographie und des Gesamtwerks von Thomas Morus, wo sich neben einigen - durch nichts bewiesenen Topoi der Morus-Forschung [3] - auch seltsam naive Urteile finden, die dann insgesamt problematisch werden, wenn sie auf die zentrale Fragestellung "Utopia und Utopie" durchschlagen [4].

Könnte man über Quisquilien in der Arbeitstechnik, die nicht den internationalen Üblichkeiten entsprechen, durchaus hinwegsehen (so müssten die Epigramme des Thomas Morus selbstverständlich mit der Zählung der Complete Works [CW 3,2 von 1984] - und in lateinischer Sprache - zitiert werden, der Briefwechsel mit Dorp selbstverständlich ebenfalls in lateinischer Sprache und nach der Ausgabe in den Complete Works [CW 15 von 1986]), so stößt eine solche dem interdisziplinären Design geschuldete Toleranz an ihre Grenzen, wenn insgesamt die Ergebnisse zum Beispiel literatur- und kulturwissenschaftlicher Forschung zu einem erheblichen Teil ignoriert werden [5] und / oder deren innovatives Potential für die Lösung der in der Studie verhandelten (auch begriffsgeschichtlichen) Probleme marginalisiert wird. Das betrifft , als abschließendes Beispiel, besonders den im Literaturverzeichnis nachgewiesenen Essay von Elizabeth McCutcheon (1997) dessen interpretatorische Möglichkeiten hinsichtlich einer differenzierten Analyse der sogenannten Parerga (die Gérard Genette modern als "Paratexte" bezeichnen würde), obwohl er wiederholt auf diese thematischen Aspekte (zum Beispiel 71f.; 89ff.; 92ff.; 144ff.), freilich durchgängig eher allgemein, rekurriert.

Bedauerlicherweise ist auch für den Utopia-Teil zu resümieren, dass er für viele Details die Ergänzungs- und Korrekturleistung kritischer, aufmerksamer Leser/innen nötig macht. Ob dies in gleichem Maße auch für die Kapitel, die primär sozialwissenschaftliche Fragestellungen fokussieren, zutrifft, müssen - in diesen Disziplinen - kompetentere Leser/innen als dieser Rezensent beurteilen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. hierzu insbesondere 484 für die apodiktische Charakterisierung der utopischen Entwürfe eines Winstanley, Fichte, Owen, Saint-Simon oder Fourier als "nicht literarisch", ohne auch nur zu versuchen, die (post-)moderne Pluralität der Literaturbegriffe argumentativ zu nutzen.

[2] Vgl. zum Beispiel nur zu 306ff. ("Feministischer Utopiediskurs") Mario Klarer: Frau und Utopie. Feministische Literaturtheorie und utopischer Diskurs im anglo-amerikanischen Roman, Darmstadt 1993 oder zu den antiken Wurzeln (168ff.) die Beiträge (und vor allem die Materialien, die diese aufbereiten) in Klaus Geus (Hg.): Utopien, Zukunftsvorstellungen, Gedankenexperimente. Literarische Konzepte von einer 'anderen' Welt im abendländischen Denken von der Antike bis zur Gegenwart (= Zivilisationen & Geschichte; 9), Frankfurt/Main 2011.

[3] Vgl. zum Beispiel die unkritische Akzeptanz der Jugendanekdoten über Morus (36), die Frühdatierung der The Four Last Things (50), die Übernahme der traditionellen Datierung der History of King Richard III. (48), oder etwa die Verdrehung des Quellenbefundes zu Heinrich VIII. und Luther (53).

[4] Dafür nur ein besonders prominentes Beispiel, das etwas zum nun gelösten Problem stilisiert, was seit Jahrzehnten keines mehr ist - und auch nie wirklich eines war (56): "Was es demzufolge nicht gibt, das ist der zeitlich nacheinander auftretende heiter-ironisch-irdische Humanist und der asketisch-jenseitige Katholik. Das eingangs erwähnte Interpretationsproblem - christlicher Autor, heidnisches Buch - lässt sich nicht lösen, indem man grundverschiedene Lebensphasen des Morus unterstellt. Wenn man also nicht behaupten will, Morus sei in den wenigen Monaten während der Abfassung der Utopia von einem 'heidnischen Fieber' befallen worden, dann heißt das: Es steckt hinter der Utopia kein heidnischer Verfasser, sondern der gleichermaßen gläubige wie heitere Autor, wie er in allen Phasen seines Lebens und Schreibens zum Vorschein kommt".

[5] Auch wenn die Forschungsliteratur zur Utopia des Thomas Morus kaum mehr überschaubar ist, es ist nicht akzeptabel, sich weitgehend auf die ohnehin durch Baumann/Heinrich (1986b) und Kreyssig (1988) recht gut erschlossene "ältere" Literatur (für die literatur- und kulturwissenschaftlich fokussierten Passagen) zu stützen, und solche innovativen Studien wie die von Gabriela Schmidt: Thomas More und die Sprachenfrage. Humanistische Sprachtheorie und die translatio studii im England der frühen Tudorzeit, Heidelberg 2009 oder von Jürgen Meyer: Textvarianz und Schriftkritik. Dialogische Schreib- und Lesekultur bei Thomas More, George Gascoigne und John Lily, Heidelberg 2010 zu ignorieren.

Uwe Baumann