Rezension über:

Dieter Berg: Heinrich VIII. von England. Leben - Herrschaft - Wirkung (= Kohlhammer Urban Taschenbücher; 736), Stuttgart: W. Kohlhammer 2013, 318 S., ISBN 978-3-17-021900-7, EUR 24,90
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Rezension von:
Uwe Baumann
Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Uwe Baumann: Rezension von: Dieter Berg: Heinrich VIII. von England. Leben - Herrschaft - Wirkung, Stuttgart: W. Kohlhammer 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 6 [15.06.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/06/23837.html


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Dieter Berg: Heinrich VIII. von England

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Dieter Berg, bis zu seiner Entpflichtung Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Leibnitz-Universität Hannover, legt eine weit ausgreifende, klar argumentierende, pragmatisch nüchtern formulierte Studie zu einem der für die englische Geschichte der Frühen Neuzeit, der Renaissance, bedeutendsten, wiewohl zugleich umstrittensten Herrscher vor. Ein knapper, prägnanter Forschungsbericht (9-14) begründet den gewählten "neue[n] methodische[n] Ansatz" der Studie: "Die Darstellung soll sowohl eine biographische als auch eine systematische Dimension besitzen und eine Kombination von biographisch-thematischen Längs- und Querschnitten aufweisen. So werden zum einen Grundzüge der Entwicklung der Tudor-Herrschaft mit stärker biographischen Bezügen in chronologischer Perspektive aufgezeigt. Zum anderen sollen - in Anbetracht der Komplexität des Quellenmaterials - einige wichtige Problembereiche der Tudor-Herrschaft in struktureller bzw. systematischer Perspektive behandelt werden." (15)

Ob ein solcher methodischer Ansatz wirklich neu ist, mag insgesamt offen bleiben; die Studie Bergs unterscheidet sich in jedem Fall von einer traditionellen Herrscherbiographie durch die durchgängig systematische Perspektive und die thematische Vielfalt, die sich etwa in exemplarischen Analysen der modernen Rezeption Heinrichs VIII. in TV- und Kino-Filmen zeigt.

Allein die differenzierte Gliederung in vier größere Themenkomplexe (I-IV) und 10 Unterkapitel demonstriert, wie konsequent die Studie dem skizzierten Programm folgt. Analyse-Schwerpunkte der systematischen 'Problembereiche' sind nach einer Einleitung und einer biografischen Skizze Heinrichs (1 und 2) in größere Themenblöcke gegliedert. Am Anfang steht das mit römisch (I) nummerierte Überkapitel "Die Entwicklung der Tudor-Herrschaft bis ca. 1550 in chronologischer Perspektive" mit den Unterkapiteln "Frühe Tudor-Herrschaft und Jugend Heinrichs VIII. (1485-1509)" (3), "Dynastie und Herrschaft im europäischen Kontext (1509-1547)" (4) sowie "England und Europa" (5). Der nächste thematische Block "Die Entwicklung der Tudor-Herrschaft in struktureller und systematischer Perspektive" (II) umfasst die Kapitel "Krone und Nobilität in England" (6), "Die Krone und die innenpolitische Entwicklung Englands" (7) sowie "Krone und Kultur" (8). Unter der Überschrift "Die Weiterentwicklung der Tudor-Herrschaft nach dem Tode Heinrichs in chronologischer Perspektive" (III), folgt ein Unterkapitel "Die Sicherung der Tudor-Herrschaft und ihre Rezeption" (9). Ein "Resümee: Heinrich VIII. - Mensch und Herrscher" (IV) beschließt den Band.

Die Kapitel 4 bis 9 sind jeweils noch weiter ausdifferenziert, so z.B. Kapitel 9 in 9.1. Heinrichs Tod und Beisetzung, 9.2. Heinrichs Nachfolge: England unter Eduard VI. (1547-1553) und 9.3. Nachleben und Rezeption: Das Bild Heinrichs in TV- und Kino-Filmen des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Kapitelüberschriften explizieren in pointierter Klarheit das inhaltliche Design der Studie, wiewohl die Unterkapitel zu Kapitel 5 (5.1. England im europäischen Machtgefüge (1500-1529), 5.2. England und die europäischen Mächte (1530-1550) und 5.3. Die englische Krone und die 'keltischen Reiche' (1500-1550)) fälschlicherweise suggerieren, der Jahrhundertschwelle (1500) käme in struktureller Perspektive Bedeutung zu, obwohl die Darstellungen (85ff. und 112ff.) aus immer sachgerechten Erwägungen diese 'Jahrhundertschwelle' zu Recht ignorieren.

Nach sorgfältigen, nüchtern abwägenden und immer reich dokumentierten Analysen (vgl. die Auswahl-Bibliographie und die Anmerkungen, 256-306) resümiert Berg zu Persönlichkeit und politischer Leistungsbilanz Heinrichs VIII. durchaus konventionell: "Als überaus schwierig und problematisch erweist sich der Versuch, ein Bild von Heinrich als Mensch und Herrscher zu gewinnen. Hierbei erscheint er einerseits als ein empfindungsstarkes und sensibles Wesen, das [...] gewinnend auf seine Umgebung wirken konnte. Andererseits zeigte er verstärkt Züge eines bösartigen Egomanen, der brutal seine Wünsche zu realisieren suchte und sich zunehmend autokratisch verhielt. [...] Insgesamt erscheint er als ein Mensch, dessen Bild überaus widersprüchlich und gebrochen ist. [...] Wegweisend waren hingegen seine Bemühungen um Zentralisierung von Herrschaft sowie die zahlreichen Reformen in Verwaltung, Finanz- und Rechtswesen. Zudem legte er - nicht geplant - die organisatorischen und konzeptionellen Grundlagen für eine unabhängige Anglicana ecclesia; [...] Wenig Weitblick bewies der Monarch bei dem weitgehenden Verzicht, sich an dem Wettlauf mit den iberischen Mächten um die Erlangung eigener Herrschaftsterritorien in der Neuen Welt zu beteiligen. Dennoch legte er als Herrscher in vielen Bereichen der Innen- und Außen-Politik wichtige Fundamente, auf denen seine königlichen Nachfahren - insbesondere Elisabeth - aufbauen und das meerbeherrschende Empire konstituieren konnten. Insofern wird man Heinrich zu einem der eindrucksvollsten, wirkungsmächtigsten, aber auch bizarrsten Monarchen zählen dürfen, die jemals auf dem englischen Thron saßen." (254-255)

Diese Gesamtwürdigung von Heinrichs komplexer, widersprüchlicher Persönlichkeit und der politischen, unmittelbaren und nachhaltigen Wirkungen seiner Regierungszeit gründet jeweils in überzeugenden, detailreichen, immer wieder systematisch plausibilisierten Analysen, die sowohl im Einzelnen als auch insgesamt überzeugen, wenngleich sie in den wichtigsten Positionen nichts revolutionär Neues bieten.

Die Qualitäten der Studie von Berg lassen es verschmerzen, dass einige Detailaussagen, Sachinformationen und Deutungen problematisch, oder auch schlicht falsch sind. So bleibt es höchst umstritten, ob der athletische Heinrich VIII. in seiner Jugend Fußball spielte (18). Angesichts der deutlichen, kritischen Worte zum Fußball von Sir Thomas Elyot in seinem Fürstenspiegel The Governor erscheint das extrem unwahrscheinlich. Dass Heinrich Beziehungen zu Mätressen für selbstverständlich hielt (53), lässt sich weder durch eine Quelle belegen, noch durch eine große Zahl von Mätressen wahrscheinlich machen. Schlicht falsch sind an einigen Stellen Jahreszahlen, wiewohl die gleichen Ereignisse anderswo in der Studie korrekt datiert werden: Der Sturz Thomas Wolseys (1529) wird einmal ins Jahr 1530 datiert (21), die Hinrichtungen von Thomas More und John Fisher (1535) ins Jahr 1536 (22). Solche Quisquilien wie auch Ergänzungswünsche für die Bibliographie (256-267), die eigentliche Analyse (etwa hinsichtlich der Rezeption die mehr als 100 historischen Romane über Heinrich VIII., Heinrich VIII. in Comics, in Karikaturen) oder auch einzelne Wertungen, die durchaus akzeptablen subjektiven Schwerpunktsetzungen geschuldet sind [1], könnten hier übergangen werden, wenn sie nicht an einer wichtigen Stelle die argumentative Reichweite der Studie Bergs signifikant einschränkten.

So verkennt Bergs Charakterisierung der Krönungsepigramme des Thomas More (Es sind fünf und nicht nur eins!, 207) deren kulturhistorisch konventionelle Herrscherpanegyrik [2]; die weiteren Bemerkungen zu Mores History of King Richard III (207-208) sind bio-bibliographisch nicht korrekt, die Analyse der History folgt einer in nahezu jedem Detail längst widerlegten Außenseiterposition der älteren Forschung. Renommierte und gründliche Studien zu Mores History wie etwa die von H. P. Heinrich wurden nicht berücksichtigt. [3] Solche Fehldeutungen entwerten Bergs ansonsten überzeugende, wenngleich nicht immer präzise Analysen zur Konturierung und politischen Funktionalisierung der Tyrannenstilisierung Richards III. für das ideologische Propagandakonstrukt des Tudor-Mythos (207-210).


Anmerkungen:

[1] Aus der Perspektive eines Literatur- und Kulturwissenschaftlers ist es erfreulich, dass TV- und Kino-Filme als Exempel für die Rezeption gewählt wurden, obwohl man sich noch detailliertere Analysen gewünscht hätte (vgl. 232-245), die etwa explizit das Verhältnis von Darstellung des Königs, der Geschichte seiner Regierungszeit und der historischen Überlieferung berücksichtigt hätten. Es ist beispielsweise höchst interessant (und verweist auf die Intentionen ('Authentizität') der Produzenten), wie hoch der Anteil wörtlicher Textübernahmen aus historischen Quellen in der jüngsten TV-Tudor-Serie ist.

[2] Vgl. C. H. Miller (u.a.) (Hg.): The Complete Works of St. Thomas More, Bd. 3, Part II: Latin Poems, New Haven / London 1984, Epigramme Nr. 19, 20, 21, 22, und 23 (100-117); vgl. ebenfalls den Widmungsbrief Mores an den König (96-99).

[3] Vgl. (jeweils mit reichen, weiterführenden Literaturangaben) H. P. Heinrich: "Mores 'History of King Richard III' / 'Historia Richardi Regis Angliae Eius Nominis Tertii'", in: Thomas Morus. Humanistische Schriften, Erträge der Forschung Bd. 243, hg. von U. Baumann / H. P. Heinrich, Darmstadt 1986, 93-127; H. P. Heinrich: Sir Thomas Mores 'Geschichte König Richards III.' im Lichte humanistischer Historiographie und Geschichtstheorie, Beiträge zur Englischen und Amerikanischen Literatur Bd. 4, Paderborn (u.a.) 1987; G. M. Logan: "More on Tyranny: The History of King Richard the Third", in: The Cambridge Companion to Thomas More, hg. von G. M. Logan, Cambridge 2011, 168-190.

Uwe Baumann