Rezension über:

Denise Amy Baxter / Meredith Martin (eds.): Architectural Space in Eighteenth-Century Europe. Constructing Identities and Interiors, Aldershot: Ashgate 2010, 267 S., ISBN 978-0-7546-6650-9, GBP 60,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Richard Kurdiovsky
Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Richard Kurdiovsky: Rezension von: Denise Amy Baxter / Meredith Martin (eds.): Architectural Space in Eighteenth-Century Europe. Constructing Identities and Interiors, Aldershot: Ashgate 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 2 [15.02.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/02/18614.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Denise Amy Baxter / Meredith Martin (eds.): Architectural Space in Eighteenth-Century Europe

Textgröße: A A A

Im vorliegenden Buch wird der Frage nach der Konstruktion von Identitäten und der Rolle, die Architektur als räumliche Umgebung in diesem Prozeß spielt, nachgegangen. Als Beitrag zur "Interior"- und Identitätsforschung bewegt sich das Buch auf stark beackertem Forschungsterrain - hier sei neben Ch. Rice' Arbeiten [1] vor allem auf die Untersuchungen von S. McKellar und P. Spark [2] verwiesen, jüngst erweitert um eine Publikation von Balducci, Jensen und Warner. [3] Während diese Werke den Schwerpunkt auf das 19. und folgende Jahrhunderte legen, steht mit Baxters und Martins Buch das 18. Jahrhundert im Zentrum. Im Gegensatz zu einem Tagungsband wie beispielsweise "Das Wohninterieur des 19. Jahrhunderts" [4], der die physischen Bestandteile eines Interieurs zum Ausgangspunkt kontextorientierter Forschungen macht, konzentriert sich das vorliegende Buch auf Persönlichkeiten und Individuen, die Interieurs in Auftrag gaben, und kann damit deren Identitäten in den Blickpunkt nehmen.

Überzeugend gelingt es den Herausgeberinnen, die Vielschichtigkeit dieser Fragestellung darzustellen. Natürlich muss eine derartig konzipierte Aufsatzsammlung sehr heterogen ausfallen - die Themen spielen sich zwischen Nordengland und Rom, Paris und Venedig ab. Auch wenn die behandelten architektonischen Erzeugnisse des 18. Jahrhunderts vor allem von vermögenden Schichten geschaffen wurden (in unserem Fall vom Geld- oder Blutadel, Herrschern, Klerus etc.), werden auch soziale Randgruppen in Augenschein genommen: Kathryn Norberg beispielsweise beschäftigt sich mit den Pariser Häusern jener Schauspielerinnen, deren großes Vermögen durch ihren Lebensstil als Kurtisanen ermöglicht wurde. Die Stärke der Publikation liegt darin, nicht nur die Individualität der Untersuchungsgegenstände zu berücksichtigen, sondern auch die Verschiedenartigkeit der Zugänge anschaulich zu machen.

Das Buch ist in drei Großkapitel gegliedert. Die erste Abteilung "Crossing Boundaries, Making Space" stellt soziale, politische und ökonomische Positionen von einzelnen Individuen (in Max Tillmanns Artikel vom exilierten bayrischen Kurfürsten Max Emanuel), von möglichst homogenen Gruppen von Menschen wie einer Familie (wie in Katherina R. P. Clarks Beitrag die nordenglische Familie Clavering) oder von einer Gruppe von Angehörigen einer Gesellschafts- oder Berufsschicht (in Meredith Martins Aufsatz die sich verändernde Adressatengruppe der französischen Architekturtheorie und -publizistik) im Beziehungsgeflecht ihrer spezifischen Situationen dar. Die Beiträge beschäftigen sich mit dem "home" der vorgestellten Personen, wobei das eigentliche Wohnhaus ebenso berücksichtigt wird wie Bauten mit hohen politischen, sozialen oder kulturellen Repräsentationsaufgaben (beispielsweise die Würzburger Residenz im Aufsatz von Csongor Kis). Diese "domestic interiors" werden dabei als jener Raum aufgefasst, wo Individuen durch die Arten und Weisen, wie dieser Raum bewohnt und bespielt wird, gebildet werden ("where the individual becomes who he or she is through the ways that space is inhabited and performed", 4). Allerdings muss man diese so gewichtig postulierte Einflusskraft des den Menschen umgebenden Raums insofern relativieren, als immerhin - sieht man von den durch die Architekturtheorie gestellten (und im Beitrag von Meredith Martin thematisierten) Forderungen ab - Auftraggeber diese Räume in Auftrag geben und insofern ihre Form, ihr Aussehen und konsequenterweise auch ihre Wirkung (mit)bestimmen.

Dem theatralischen Thema der Maskerade, dem Verstecken von z.B. nur erschwert Akzeptierbarem hinter einer im Gegensatz dazu selbstverständlich gültigen Fassade, aber auch der Verwendung von Architektur als Bühne zur Selbstpräsentation widmet sich der zweite Teil des Buches unter dem Titel "The Interior as Masquerade". Exemplarisch führt dies Stacey Sloboda mit Elizabeth Montagus Chinoiserien-Raum ihres Londoner Wohnhauses vor, dessen als skurril eingeschätzte Frivolität üblicherweise mit Weiblichkeit assoziiert wurde und so einen Freiraum für die "bluestocking conversations" bot, innerhalb dessen die Emanzipationsbestrebungen und die intellektuelle Identität der Auftraggeberin sich ungehindert entfalten konnten. Im Fall der Pariser Kurtisanen-Schauspielerinnen dienten, wie Kathryn Norberg ausführt, der große Luxus und die auffallende Form der Innen- und Außenarchitektur ihrer Häuser (einschließlich der Gärten), aber auch die Verhaltensformen der Frauen beispielsweise als mildtätige, philanthropische Musen dazu, die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Akzeptanz zu schaffen - ohne dabei mit dieser Akzeptanz den Anspruch auf sozialen Aufstieg zu verbinden.

Im dritten Teil des Buches, der sich unter dem Titel "The Politics of Display" mit der Präsentation von Kunstwerken in privaten und öffentlichen Galerien und modernen Museen beschäftigt, wird zum einen die räumliche Organisation dieser Institutionen thematisiert (wie Ausstellungsräume durch wandfeste Dekorationen, Aufstellungsvorrichtungen für die Objekte etc. strukturiert, aber auch wie diese Strukturen in z.B. bildlichen Dokumentationen dargestellt werden), aber auch wie diese Organisation das Individuum in Bezug auf Nation, Geschichte, Wirtschaft etc. positioniert. Anne Nellis Richter erläutert diese Fragen anhand privater Kunstsammlungen im postnapoleonischen London, die über die Hebung des öffentlichen Geschmacks in Bezug auf Ästhetik und Moral (über den Akt des physischen Besuchs der Sammlungen nämlich auch als Sozialritual) ein patriotisches Vehikel zur Förderung des britischen Kunst-, Kultur- und Wirtschaftslebens bilden sollten. Jeffrey Collins zeigt anhand des Vergleichs, wie die päpstlichen Antikensammlungen im Museo Capitolino und im Museo Pio-Clementino aufgestellt wurden, dass die vereinfacht gesagt serielle Präsentation individueller Objekte eines neben dem anderen von einer architektonisch inszenierten Präsentation abgelöst wurde, die durch typologisch an Tempeln, Thermensälen etc. orientierte Neubauten formale und inhaltliche Kontextualisierungen anstrebte.

Natürlich kann man an den einzelnen Beiträgen monieren, dass sie neben Erkenntnissen der lokalen, etwa deutschsprachigen Forschung auch den Vergleich mit anderen Objekten oder Sachverhalten in Europa in größerem Ausmaß hätten berücksichtigen können. Im Zusammenhang mit der Interpretation der Kaiserappartements in der Würzburger Residenz bei Csongor Kis etwa könnte man die Frage nach dem Phänomen der Kaiserzimmer im Heiligen Römischen Reich oder nach der Übernahme oder Nicht-Übernahme von Spezifika des habsburgischen Zeremoniells im Reich stellen. Die Publikation ist für den englischsprachigen Markt gedacht und zielt auf ein angloamerikanisches Publikum ab, was sich in der Bibliografie abbildet, die als grundlegende Literatur fast ausschließlich englischsprachige Werke verzeichnet, ohne allerdings die wichtigste Literatur in den Sprachen des jeweiligen Forschungsobjektes zu vergessen. Auch die redaktionelle Betreuung und das Lektorat waren sehr sorgfältig, sodass nur im Beitrag von Csongor Kis Verunglimpfungen deutschsprachiger Namen und kleine empirische Inkorrektheiten zu bemerken sind (etwa wenn statt des Individuums Prinz Eugen von Savoyen von einer Savoyer-Familie, "the Savoys" (76, Anm. 7), die in Wien ansässig gewesen sein soll, die Rede ist).

Eine Publikation wie die vorliegende bereichert die Interieur-Forschung ohne Zweifel, nicht nur, weil sie sich mit ihrem breit gestreuten thematischen Spektrum und ihrer disziplinären Offenheit an einen großen Leserkreis wendet. Einem auch zeitlich größeren "Raum" freilich wird sich das Sinergia-Projekt "The Interior: Art, Space, and Performance (Early Modern to Postmodern)" am Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern widmen [5], dessen thematische Bandbreite schon in der Auswahl der Beiträge der Interieur-Sektion des Ersten Schweizerischen Kongresses für Kunstgeschichte, der im September 2010 ebenfalls in Bern stattfand, angeklungen ist. Die Ergebnisse aus europäischer Perspektive können wir mit Spannung erwarten.


Anmerkungen:

[1] Charles Rice: The Emergence of the Interior. Architecture, Modernity, Domesticity, New York 2006.

[2] Susie McKellar / Penny Sparke: Interior Design and Identity, Manchester 2004; Penny Sparke: The Crafted Interior. Elsie de Wolfe and the Construction of Gendered Identity, in: Craft, Space and Interior Design 1855-2005, ed. by Sandra Alfoldy / Janice Helland, Aldershot 2008, 123-138.

[3] Temma Balducci / Heather Belnap Jensen / Pamela J. Warner (eds.): Interior Portraiture and Masculine Identity in France 1789-1914, Farnham 2011.

[4] Das Wohninterieur im 19. Jahrhundert. Akten der Tagung "Das bürgerliche Wohninterieur im 19. Jahrhundert", Bern, 20. und 21. Juni 2003, in: Kunst + Architektur in der Schweiz 55 (2004), Heft 2.

[5] http://www.ikg.unibe.ch/content/forschung/forschungsprojekte/the_interior/index_ger.html (5. Januar 2012).

Richard Kurdiovsky