Rezension über:

Dieter Schnell: Bleiben wir sachlich ! Deutschschweizer Architekturdiskurs 1919-1939 im Spiegel der Fachzeitschriften, Basel: Schwabe 2005, 319 S., ISBN 978-3-7965-2018-1, EUR 54,50
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Rezension von:
Richard Kurdiovsky
Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Richard Kurdiovsky: Rezension von: Dieter Schnell: Bleiben wir sachlich ! Deutschschweizer Architekturdiskurs 1919-1939 im Spiegel der Fachzeitschriften, Basel: Schwabe 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 5 [15.05.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/05/9160.html


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Dieter Schnell: Bleiben wir sachlich !

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Dieter Schnell untersucht in seinem Buch "Bleiben wir sachlich! Deutschschweizer Architekturdiskurs 1919-1939 im Spiegel der Fachzeitschriften" erstmals Denkweisen und Argumentationen von Architekten und Architekturkritikern ausschließlich im Rahmen von Architekturzeitschriften und präsentiert sich dabei als profunder Kenner der Materie.

Im ersten Teil des Buchs will er "Denkgewohnheiten" vorstellen, worunter er das allgemeine Gedankengut versteht, das alle angesprochenen Personen angeblich teilten. Im zweiten Teil präsentiert er "Argumente in ihrem Kontext", also einzelne, persönliche Meinungen in ihrem chronologischen Zusammenhang. Ergänzt wird das Buch durch einen umfangreichen Anhang, den Schnell als lexikonartig bezeichnet (14) und der dem Buch den Charakter eines Nachschlagewerks verleiht. Damit ist ein wunderbarer Überblick über Schweizer Architekturzeitschriften geboten - nicht nur für österreichische Architekturmedien wäre eine ähnliche Publikation sehr nützlich und wünschenswert.

Für die Analyse der gemeinsamen "Denkgewohnheiten" wählt Dieter Schnell fünf Gebiete, die ihm relevant erscheinen, und erhebt dabei ausdrücklich keinen Anspruch auf Vollständigkeit: 1) den Gegenwartsbezug von Architektur, 2) die Bekämpfung des Individualismus, 3) die Sachlichkeit, 4) die Schweiz, das Ausland und das Verhältnis der Architekten zur Politik und 5) die Volkserziehung und Volkserzieher. Dabei wirken diese Denkgewohnheiten eigentlich wie eine Sammlung von zeitaktuellen Themen, die zwar alle Beteiligten beschäftigten, die aber von jedem Einzelnen auf seine eigene Art verfolgt wurden - damit relativiert sich die postulierte Allgemeingültigkeit. Im Kapitel "Sachlichkeit" (33 ff) z. B. trägt Schnell exemplarische Positionen vor, die sich zwar alle auf das selbe Thema, nämlich die "Beschränkung auf das Notwendige" beziehen, aber in der konkreten Umsetzung allesamt unterschiedliche Haltungen zum Ausdruck bringen: von traditionellen, wert-konservativen Vorstellungen bis hin zu radikaleren Utopien von Vertretern des Neuen Bauens.

Im zweiten, chronologischen Teil berichtet Dieter Schnell, wie in der Krisenzeit nach dem Ersten Weltkrieg Diskussionen um einen zeitgemäßen Architekturstil losbrechen. Wegen der allgemeinen Wohnungsnot dringen über Rationalisierungsbestrebungen im Baubetrieb (Grundrisssystematisierungen, die Suche nach neuen Baustoffen etc.) und vermittelt durch ausländische Einflüsse (z. B. durch Mart Stam) Ideen in die Schweiz, die den Weg zum Neuen Bauen eröffnen. Dessen starke Betonung der Bau-Industrialisierung lässt vehemente Gegenströmungen entstehen, die konservativ-bürgerliche Kreisen ebenso unterstützen wie traditionelle Wirtschaftszweige (z. B. Zimmermannsvereinigungen, die das Flachdach aus Angst vor Auftragsverlusten ablehnen). Nachdem die staatliche Wohnbauförderung 1924 eingestellt wurde - die Formen des Neuen Bauens haben sich bereits etablieren können - beginnt man sich nach neuen Bauaufgaben umzusehen und gerät zu Beginn der 30er-Jahre in den zwiespältigen Themenkreis des Monumentalbaus, der stark vom bereits unter nationalsozialistischem Einfluss stehenden Architekturgeschehen in Deutschland geprägt ist.

Logischerweise begrenzt Schnell sein Untersuchungsgebiet und schränkt sich auf deutschsprachige Zeitschriften ein. Gleichzeitig muss er gelegentlich auf Architekturtheorie, die in Büchern veröffentlicht wurde, zurückgreifen und Artikel und Leserbriefe z. B. aus der NZZ anführen. Damit greift er, wie er selber anführt (13), zum einen über den gesteckten Rahmen hinaus. Zum anderen schätzt er die Bedeutung dieser letztgenannten Literatur für seine Untersuchung vollkommen richtig ein: Diskussionen über Architektur sind (nach wie vor) nicht auf ein reines Fachpublikum beschränkt und werden daher auch in anderen Medien geführt. Hier ergäbe eine Untersuchung, die Dieter Schnells Buch aber ausdrücklich nicht leisten will (178-179; nur im lexikonartigen Anhang macht Schnell Angaben über den Wirkungskreis der einzelnen Zeitschriften), einen Einblick ins allgemeine, das heißt in das nicht-fachinterne Denken der Zeitgenossen, also in Denkgewohnheiten, die in der damaligen Schweiz vorgeherrscht haben könnten und ihrerseits das Denken der Architekten wohl mitgeprägt haben werden - damit wären die sinnvollen Grenzen des Buchs aber auf jeden Fall weit gesprengt worden. Letztlich zeigt sich damit, dass die Untersuchung von Fachzeitschriften zwar sehr sinnvoll, aber keineswegs der Weisheit letzter Schluss sein kann. Dieter Schnells Buch ist sicherlich ein wichtiger Meilenstein in der Bearbeitung dieses größeren Themas.

Gerade im Vergleich mit der instabilen innenpolitischen Lage Österreichs in dieser Zeit fällt bei der Lektüre auf, wie wenig radikal der Architekturdiskurs in der Schweiz geführt wurde, wie sehr man sich um ausgleichende Argumentationen bemühte und wie wenig die Meinungen der theoretisierenden Architekten eindeutig politischen Charakter annahmen, auch wenn die politischen Haltungen trotzdem nur allzu deutlich durchschimmern. Dieser erstaunlich unpolitisch wirkende Diskurs hängt natürlich mit dem Themengebiet zusammen, an dem nur ein relativ kleines Fachpublikum beteiligt ist - so sind beispielsweise Berichterstattungen über technische Neuerungen naturgemäß von großem Interesse und nehmen einen dementsprechend breiten Raum ein (80 ff.). Dieter Schnell weist selber darauf hin (z. B. 178), dass die allgemeine politische und kulturelle Entwicklung der Schweiz sich auch in ihren Architekturdebatten widerspiegelt - während die Wiener Werkbundsiedlung eigentlich Wohnhäuser für die unteren Einkommensschichten anbieten wollte, entschied man sich in der Schweiz aus Finanzierungsgründen bezeichnenderweise gleich für Mustersiedlungen mit Mittelstandwohnungen (104). Alexander von Senger mit seiner deutlich nationalistischen Argumentation stellte wohl eine große Ausnahme dar, der die Vertreter des Neuen Bauens in die Ecke des Bolschewismus rückte (111). Abgesehen von dem sehr auf Ausgleich bedachten Peter Meyer äußerte sich auch Hans Schmidt, der immerhin das Bauen aus dem Bereich der Kunst entfernt wissen wollte, auf erstaunlich dezente Art und Weise.

Dieter Schnell baut sein verständlich geschriebenes Buch in mehreren, formal und inhaltlich sehr klar strukturierten Teilen auf, die man voneinander unabhängig und wunderbar an mehreren Stellen gleichzeitig lesen kann, weil er vor inhaltlichen Wiederholungen nicht zurückscheut (So werden auch Literaturverweise in den Fußnoten nicht über ein Zahlenverzeichnis abgewickelt sondern jedes mal komplett angegeben; das ist zwar keineswegs platzsparend, erspart aber die berühmten fünf Lesezeichen im Anmerkungsteil, im Abbildungsteil, im Abkürzungsverzeichnis etc.). Bedauernswert ist lediglich, dass das Buch über kein Namensregister verfügt und es damit erschwert wird, schnell Querverbindungen herzustellen. Auch wenn Dieter Schnell keine Architekturgeschichte der Schweizer Zwischenkriegszeit verfassen wollte (wie nebenbei bietet er aber auch diese Information) und auf Abbildungsmaterial weitgehend verzichtete, um nicht von der Analyse der inhaltlichen Grundlagen abzulenken (16), wäre eine größer Zahl an Bildern vor allem für nicht-schweizer Publikum sehr wünschenswert gewesen, auch um die optische und schnelle Orientierung im Buch zu gewährleisten.

Richard Kurdiovsky