Rezension über:

Markus Reinbold: Philipp II. von Spanien. Machtpolitik und Glaubenskampf (= Persönlichkeit und Geschichte; Bd. 168), Gleichen: Muster-Schmidt 2009, 123 S., ISBN 978-3-7881-0159-6, EUR 12,00
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Rezension von:
Friedrich Edelmayer
Universität Wien
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Stellungnahmen zu dieser Rezension:

Stellungnahme von Markus Reinbold mit einer Replik von Friedrich Edelmayer

Empfohlene Zitierweise:
Friedrich Edelmayer: Rezension von: Markus Reinbold: Philipp II. von Spanien. Machtpolitik und Glaubenskampf, Gleichen: Muster-Schmidt 2009, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 2 [15.02.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/02/16974.html


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Markus Reinbold: Philipp II. von Spanien

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Es ist als ein reiner Zufall zu betrachten, dass der Autor dieser Rezension selbst im Jahre 2009 eine Biographie Philipps II. von Spanien (1527-1598) veröffentlicht hat. [1] Daraus herzuleiten, dass unter diesen Umständen die Abfassung einer Besprechung leichter fallen würde, ist leider ein Trugschluss. Ich habe mit dem Lesen des Buches mindestens zehn Mal begonnen und es immer wieder zur Seite gelegt, weil mich wieder einmal eine Stelle besonders geärgert, eine Schlamperei verwundert und eine Generalisierung erstaunt hat. Immer, wenn ich den Autor verdammen wollte, habe ich ihn vor mir selbst damit entschuldigt, dass er wohl Vorgaben seitens des Verlages oder des Reihenherausgebers hatte und deshalb ein so kleines Buch schreiben musste, in dem manche Ungenauigkeit eben zu tolerieren sei. So gelang es mir endlich doch, mich bis Seite 116 durchzukämpfen, auf der der Text der Darstellung endet. Doch ist ein fehlerhaftes Werk nur deshalb zu entschuldigen, weil es möglicherweise Vorgaben bezüglich des Umfanges gab?

Der Anfang des Buches scheint noch ganz innovativ zu sein. Denn das erste Kapitel widmet sich den Legenden rund um Philipp II. Noch origineller erscheint die Anordnung des zweiten Kapitels, das sich dem Sterben des Herrschers widmet. Dann wird Reinbold aber doch wieder traditionell chronologisch, denn die nächsten beiden Kapitel widmen sich der Abstammung und der Jugend des künftigen Königs. Dann wird der Mensch Philipp II. beschrieben, der Ehemann und Vater, der Innenpolitiker, der Katholik, der Außenpolitiker, der Herrscher der Neuen Welt und der Mäzen. Danach folgt die Bilanz, an deren Ende Philipp II. noch einmal stirbt. Das macht ja nichts, Hauptsache, der Bogen vom Anfang bis zum Ende ist ordentlich gespannt, und alle wichtigen Themenfelder sind genannt.

An dieser Stelle soll aber doch mehr ins Detail gegangen werden, um die Probleme des Rezensenten zu erklären. Vorausgeschickt werden muss allerdings, dass hier nur eine kleine Auswahl der Fehler, Ungenauigkeiten, Plattitüden, mangelnden Kontextualisierungen und Generalisierungen geboten werden kann, die einem in dem Buch auf nahezu jeder Seite begegnen und die es in ihrer Summe problematisch erscheinen lassen. Der Rezensent hat das erste Mal schon bei den "Grenzen des Herakles" (9) gelitten. Gemeint sind die Säulen des Herkules, also die Meerenge von Gibraltar, in den meisten europäischen Sprachen jene Gegend, die Karl V. mit seinem Motto "Plus ultra" überschreiten wollte. Der 19-jährige Karl V. (geboren 1500) hätte sich sicherlich gefreut, wenn er damals bereits das Herzogtum Mailand regiert hätte, wie es Reinbold schreibt (15), denn das hätte ihm in den folgenden kriegerischen Auseinandersetzungen mit Franz I. von Frankreich beträchtliche strategische Vorteile verschafft. Auf der vorhergehenden Seite (14) stolpern nicht spezialisierte Leserinnen und Leser über eine Johanna die Wahnsinnige. Wer war diese Dame? 1517 landete Karl V. auf der Iberischen Halbinsel (14) - woher kam er eigentlich? -, doch lieferte er bald ohnedies eine "Flucht ins Reich" (16), von der er allerdings bald wieder nach Spanien zurückkehrte, wo er die Tochter des portugiesischen Königs heiratete, die 1527 den künftigen König Philipp II. gebar (16). Zum Glück standen Karl V. auch Rechtsgelehrte zur Verfügung, die seine "Indianerherrschaft in Übersee" (17) legitimierten.

Philipp II. dagegen las den Ritterroman Amadís de Gauda. Dass er den Don Quijote von Cervantes nicht lesen konnte, weil das Werk erst am Beginn des 17. Jahrhunderts publiziert wurde (17), müsste klar sein. Was hat Cervantes also hier zu suchen, wenn ohnedies kein Platz für differenzierte und kontextualisierte Darstellungen ist? Philipp II. scheint auch nur eine Schwester Maria gehabt zu haben (18), Juana, die jüngere Schwester des Monarchen, immerhin die Mutter König Sebastians von Portugal, der später im Buch vorkommt, wird uns aber unterschlagen. Hauptsache, wir werden darüber falsch informiert, dass Maximilian II., der spätere Kaiser, der Schwager Karls V. war (22). Als Philipp II. die Niederlande besuchte, konnte er bemerken, dass in Antwerpen der "Reichtum auch kulturelle Blüten trieb" (25). Philipp II. erledigte in den Niederlanden einen "wahre[n] Werbe-Marathon, wie ihn sonst nur Politiker der Moderne in Wahlkampfzeiten absolvieren" (25).

Das war nur ein erster kleiner Vorgeschmack auf die Überraschungen, die das Buch zu bieten hat. Es ist beispielsweise davon auszugehen, dass Philipp II. seinen Elefanten und das Nashorn nicht verspeisen wollte, aber sie kommen in einer Reihe mit den aufzuessenden Tieren vor (32). 1545 war Philipp II. noch nicht spanischer König (35), während das ihm unterstellte Verhältnis zu Isabel de Osorio (35) in den Bereich jener Mythen fällt, mit denen der Autor angeblich aufräumen wollte. Dafür bezeichnet Reinbold die Söhne von Philipps II. Tochter Catalina Micaela als seine "einzigen Enkel [...], die das Kindheitsalter überlebten" (47). Würde das stimmen, wären die Habsburger mit Philipp III. in Spanien ausgestorben. Der Autor will das sicher nicht ausdrücken, doch formuliert er so schlampig, dass fachfremde Leserinnen und Leser das so verstehen müssen.

Daneben sind dann auch grobe Fehler zu entdecken. Im Sommer 1596 belagerte angeblich die Flotte von Francis Drake die Stadt Cádiz in Andalusien (84). Francis Drake war allerdings im Januar jenes Jahres in Panamá verstorben. In Hispanoamerika gab es auch nicht seit 1535 zwei Vizekönige (90), sondern in jenem Jahr wurde das Vizekönigreich Neu-Spanien gegründet, 1542 jenes von Perú. [2] Auch wenn sich Reinbold auf Carlos Fuentes beruft, ist es ein Unsinn, Buenos Aires in der Zeit Philipps II. als "große Abflußrinne der Silbermine von Potosí in den Atlantik" zu bezeichnen (92). Das Silber von Potosí ging im 16. Jahrhundert über die Pazifikroute zur Landenge von Panamá und von dort weiter in den atlantischen Raum.

Und in dieser Art und Weise geht es leider davor und danach weiter. Das ist schade, denn Philipp II. ist eine so interessante und packende Persönlichkeit, dass er es verdient hätte, etwas ausgewogener und differenzierter in seiner Epoche dargestellt zu werden.


Anmerkungen:

[1] Friedrich Edelmayer: Philipp II. Biographie eines Weltherrschers (= Kohlhammer Urban-Taschenbücher, Bd. 630), Stuttgart 2009.

[2] Dazu neuerdings Friedrich Edelmayer: Vizekönig/in, in: Enzyklopädie der Neuzeit. Hg. von Friedrich Jaeger, Bd. 14: Vater-Wirtschaftswachstum, Stuttgart / Weimar 2011, 358-362.

Friedrich Edelmayer