Rezension über:

Luise Schorn-Schütte: Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit. Studienhandbuch 1500-1789, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2009, 407 S., ISBN 978-3-8252-8414-5, EUR 29,90
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Karl Vocelka: Geschichte der Neuzeit. 1500-1918, Wien: Böhlau 2010, 767 S., ISBN 978-3-205-78421-0, EUR 34,90
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Rezension von:
Martin Gierl
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Martin Gierl: Zur Geschichte der (Frühen) Neuzeit (Rezension), in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 3 [15.03.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/03/18438.html


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Zur Geschichte der (Frühen) Neuzeit

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Ich empfehle beide Bände meinen Studierenden und den Kollegen zur Kursvorbereitung. Ich empfehle sie zusammen und, wie die Autoren selbst, insbesondere als Begleitwerkzeug der Lehre. Die Kompendien stammen von zwei arrivierten Historikern der Neuzeit, die nicht erst, aber auch mit diesen Büchern ihre Expertise zeigen. Beide bieten das Ganze ihrer Epoche aus persönlicher Sicht jahrzehntelanger Forschungs- und Lehrerfahrung. Das ist es, was die neuzeitlich gewachsene Historiographie als Personenverband dem Chipnetz voraus hat. Man kann sich von den beiden Bänden in die Neuzeit einführen lassen - im Sinne des Fachs und im Sinne einer adäquaten Reaktion des Fachs auf die Medienrevolution. Denn tatsächlich sind es nicht zuletzt die Website- und Wikisierung, die den Hintergrund für beide Bände bilden.

In ihren Reaktionen könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Schorn-Schütte setzt das klassische Format europäischer Weltbeschreibung dagegen, wie es Münsters Cosmographia von 1544 aufgebracht hat: Karten, Schaubilder, Graphiken, Portraits, Kupferstichszenen - ihr Format kommt aus der Medientradition (13). Schorn-Schütte führt in die Frühe Neuzeit ein, indem sie Strukturen mit argumentierender Erzählung verknüpft, illustriert und so Einblick gewährt. Kein Bild bei Vocelka, und nur wenige Karten. Dafür bietet er eine ausgeklügelte Tiefengliederung - knappe, übersichtliche Kapitel, und in den einzelnen Textabschnitten dazwischen wird jeweils der Leitbegriff dick gedruckt. Dazu gibt es an entsprechenden Stellen, so bei der Kunst- und Wissenschaftsgeschichte, Namenslisten zum Nachgooglen, eingestreut chronologische Spiegelstriche, Definitionen und Kurzbiographien (13f.). Vocelkas Format kommt aus dem Netz, verschmilzt altes Wissensparagraphisieren, wie es schon frühneuzeitlich Usus war, und neue Websiteformatierung. Vocelka versteht sein Buch als Schaltzentrale, von der aus man sich sinnvoll ins Netz begibt, und gibt so dem alten Kompendienideal der Vollständigkeit ein neues Gesicht.

Schorn-Schüttes Gliederung ist architektonisch souverän: sieben Kapitel, zuerst die Definition der Frühen Neuzeit und die Skizze ihrer Hauptaspekte von der Glaubensspaltung bis zur Europäischen Expansion, dann "Prozesse und Strukturen" (Demographie, Haushaltsökonomie, Wirtschaftsformen, ständische Gesellschaft nach Gruppen: Adel, Geistlichkeit, Bürger, Bauern, Militär, Arme), im dritten Kapitel die Herrschaftsformen, die Verfassung. Das vierte Kapitel entspannt das Weltbild der Epoche mit der religiösen Episteme hier, der Aufklärungsepisteme dort zwischen Reformation und Französischer Revolution. Das fünfte Kapitel erörtert mit Jugend, Alter, Ehe, Bildung, regionalen Mentalitäten und Politik frühneuzeitliches Gesellschaftsleben; das sechste behandelt die Europäische Expansion, das siebte bietet Schlüsselthemen augenblicklicher Forschung.

Vocelkas Gliederung ist enzyklopädisch: Periodisierung, Regionen, Methoden, Quellen, Leitfragen (= die Verfassung), Perioden (= die Ereignisgeschichte), Ausblick bilden die Hauptpunkte des achtseitigen Inhaltsverzeichnisses. Die Verfassungsgeschichte wird nach Produktionsformen, sozialer Ordnung, konfessionellen Strukturen, politischen Formen, Europäischer Expansion, Technik, Kultur, Mentalität und dann jeweils systematisch weiter untergliedert, ebenso die Ereignisgeschichte.

Man findet in Schorn-Schüttes Buch das Wesentliche profund zusammengestellt, in Vocelkas Buch die Gesamtheit des Epocheninventars von Wallenstein bis zur Entwicklung der Gabel im Raster der frühneuzeitlichen Geschichtsstruktur. Schorn-Schütte argumentiert: Sie führt den Leser durch die Architektur der epochenspezifischen Themenkomplexe, der sich dann aber auch Zeit nehmen sollte, für eines ihrer Kapitel oder Unterkapitel. Für die, die Spezifisches beziehungsweise nur den raschen Zugriff suchen, bietet sie ein sehr gut gearbeitetes Register am Schluss. Vocelka erörtert das Inventar. Die Dinge, so das hier passende Sprichwort, werden beim Namen genannt. Die einzelnen Absätze fassen ihren Gegenstand knapp, konzise, in einfacher Sprache. Der Leser startet beim einen, kommt zum anderen und beginnt dann durch die Gegenstandswelt der Neuzeit zu gleiten. "Eliten- und Populärkultur", "Künstler - Mäzen - Publikum", "Sammeln", "Alltagsgeschichte", "Nahrung", "Getränke", "Einnahme der Mahlzeiten", "Tischsitten", "Körperpflege und Hygiene", "Wohnen", "Kleidung", "Repräsentation und Luxuskonsum", "Literatur und Theater", "Kirchliche, adelige und bürgerliche Musikkultur" - so die Stichworte des Bereichs "Kulturentwicklung": Das Buch besitzt kein Register, es ist das Register.

Schorn-Schütte reklamiert die Eigenständigkeit der Epoche: Die Frühe Neuzeit sei mehr als nur eine "Vorgeschichte der Moderne" (9). Schorn-Schütte bietet eine Gesellschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit, der es gelingt, wirtschaftliche und politische Verfasstheit mit dem kulturellen Detail zum lebendigen Bild einer homogenen Epoche zu vereinigen. Ihre Deutung artikuliere die "Position einer Historikergeneration, die vom Fortschritts- und Staatsoptimismus der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts [...] desillusioniert Abschied genommen hat" (9). Dies ist eine Schlüsselstelle für Schorn-Schüttes Buch. Sie legt mit guten Gründen selbstbewusst den Sach- und Rechenschaftsbericht einer Forschergeneration, der deutschen Historiographie von 1980 bis nun, vor. Vocelka geht es um den "großen Überblick" (15). Er will die Umsetzung des Inventars der von ihm behandelten Zeit in "Grundstrukturen im Kopf" (15). Mit ihrer Hilfe soll man sich "'nachhaltiges' Wissen aneignen können". (15) Vor der Epochencharakteristik ist es Vocelkas Anliegen, dem Leser historische Sicherheit zu verleihen, ihn mit der Historiographie der Neuzeit umfassend vertraut zu machen. "Ereignisgeschichte", "Positivismus", "Historismus", "zyklisches Modell", "säkulares Modell", "Modell des geschichtlichen Fortschrittes", "deutsche Geschichtsphilosophie", "marxistische Geschichtsauffassung", "Diskurs-Analyse", "Dekonstruktion", "Frankfurter Schule", "Soziologie", "Annales-Schule", "Mentalitätsgeschichte", "historische Sozialwissenschaft", "Begriffsgeschichte", "Strukturalismus", "Poststrukturalismus", "Systemtheorie", "Alltagsgeschichte", "Geschichte von unten", "neue Kulturgeschichte", "neue Sozialgeschichte", "historische Anthropologie", "Genderstudies", "Mikrogeschichte", "Umweltgeschichte", "Postmoderne" - so die hervorgehobenen Gegenstände des Methodenkapitels. Schorn-Schüttes Buch zeigt, dass die Frühe Neuzeit eigenständig gewesen ist. Vocelkas Buch zeigt, dass die Frühe Neuzeit eingepasst war in das Sachgebiets- und Forschungsnetz der Neuzeit. Das widerspricht sich nicht, es ergänzt sich gut.

Kommen wir zur Kritik. Der Teufel steckt im Detail, und Vocelka warnt: "Große Darstellungen erinnern an pointilistische oder impressionistische Gemälde. Von der Entfernung betrachtet ist klar, was das Bild darstellt, je näher man an die Malerei herangeht, umso weniger ist zu erkennen. Diese Metapher gilt auch für dieses Buch, mögen die Spezialisten für die einzelnen Punkte des Bildes mir verzeihen, wenn ich eine größere Perspektive anlege und ihr Punkt - trotz allen Bemühens - in einem winzigen Farbton unecht ist" (14). Tatsächlich ist Vocelka ein meisterhafter Pointilist, der die Schlagworte der Gegenstände organisiert und vernetzt. Das Buch ist jedoch nicht für die konzipiert, die das Gesamtbild suchen (da bietet sich eher Schorn-Schüttes argumentierende Beschreibung an), sondern für die, die Leitbegriffe in ihrem historischen Kontext verortet sehen und zugleich damit die wesentlichen Fakten haben wollen. Vocelkas Geschichte der Neuzeit ist dem geäußerten Zweck wie dem Aufbau nach kein Gemälde, es ist eine historische Generalkarte, die als Landkarte Proportion, Eindeutigkeit und Präzision verlangt. Die Proportion kann ihr der erfahrene Fachmann Vocelka verleihen. Eindeutigkeit wird mit den knappen Gegenstandsbeschreibungen, wie sie Vocelkas Format verlangt, erzeugt. Sie ist, jenseits breiten Herumgeredes, ein großer Vorteil, aber auch ein Problem. Präzision braucht das Team. Wenn Vocelka von Pierre Félix Bourdieu (41) und Christian Freiherr von Wolff (477) spricht, ist das nicht falsch, aber ungebräuchlich. Die "neueste Geschichte" reicht für ihn, doch eher ungewöhnlich, im deutschen Sprachraum "von 1789 bis 1917/1918/1919" (21). Die Beschreibung der deutschen Aufklärung bleibt auf Spiegelstriche zu Leibniz Monadenlehre beschränkt (477). Stünde im Übrigen bei Leibniz am Anfang tatsächlich eine "prästabilisierte Harmonie" und nicht eine "prästabilierte Harmonie" - die Entwicklung der Welt wäre ins Wasser gefallen (477). Doch treten wir vom Einzelpunkt zurück: Die Geschichtskarte, die Vocelka vorgelegt hat, ist im Ensemble eine sichere und die wohl umfassendste Orientierungshilfe im Gestrüpp der Schlagworte und ein Wegweiser für weitere Präzision.

Auch für Schorn-Schüttes Handbuch gilt: Letztlich zu den Stärken des Buchs zählt, dass es einem nicht nur die Geschichte bietet, sondern auch Punkte zeigt, an denen man die Geschichte weiter geschrieben sehen möchte. Weil sie die Eigenständigkeit der Frühen Neuzeit zeigen will und zeigt, dass die Frühe Neuzeit nicht darin zu erschöpfen ist, Vorstufe der Neuzeit und Moderne zu sein, sondern aus der ständischen Tradition heraus denkt und handelt (236), wird es schwer für Schorn-Schütte, Geschichte als Entwicklung darzustellen. Sie unterschlägt den Wandel nicht: Ihr zweites Kapitel ist den "Prozessen und Strukturen" gewidmet, ihr viertes dem "Wertewandel" zwischen Reformation und Aufklärung, ihr sechstes der Europäischen Expansion. Dennoch liegt das Schwergewicht, wie es ein Studienbuch erfordert, auf den Bauteilen der Epoche. Das Buch bietet die ständische Gesellschaft und ihre wesentlichen Gruppen, Adel, Bauern usw., Herrschaft und ihre Verfassungsformen, Reformation und Aufklärung als Werte und Diskurssystem. Das Buch stellt Gesellschaft, Verfassung, Kultur der Frühen Neuzeit im detaillierten Charakterprofil und Zusammenhang dar. Die jeweilige und zusammenhängende Entwicklung von Gesellschaft, Verfassung und Kultur - Geschichte als Prozess und nicht als Epoche - tritt notwendig an die zweite Stelle, so schon die Ereignisgeschichte, die im Übrigen klug den Einzelkapiteln zugeordnet ist. Wer über den Dreißigjährigen Krieg informiert sein will, wird dies, muss sich jedoch durch mehrere Stellen, 83f., 128f., 221ff., lesen und dann die konfessionellen, militärischen und politischen Aspekte wieder zusammensetzen.

Nicht nur die Frühe Neuzeit, auch die Zeiten um 1525, 1625, 1700, 1789 lassen sich als eigenständig begreifen, waren spannend für sich und in Vielem in sich jeweils substantiell anders. Es ist wichtig, dass Schorn-Schütte das Profil und die Architektur der Epoche vorgelegt hat. Man möchte sich einen weiteren Band wünschen, der, aufbauend auf dem Typischen und ohne nun wieder die Frühe Neuzeit allein zur Vorgeschichte zu machen, zeigt, dass der Adlige und sein Herrschen, der Bürger und seine Geschäfte, der Bauer und sein Wirtschaften usw. 1500, 1600. 1700 anders waren als 1790; einen Band, der die Epoche hinter Änderung, Wandel und Entwicklung zurückstellt und beschreibt, wie sich die Kultur zusammen mit Religiosität und Staatlichkeit wandelte, wie Technik, Kommunizieren, Agieren, Wissenschaft, Bildung, Weltbild, Selbstbild anders wurden: einen Band also, dem es gelänge, nachdem es Schorn-Schütte geglückt ist, Sozialgeschichte und Kulturgeschichte zu verbinden, Ereignisgeschichte mit neuer Kommunikations- und Organisationsgeschichte zusammenzubringen. Auf der Basis von dem, was die Forschung und nun Schorn-Schütte vorgelegt hat, sollte das wohl möglich sein. Denn was das Buch nicht zuletzt zeigt ist, dass die Frühe Neuzeit als Epoche substantiell und eigenständig war, weil sie eine Epoche substantiellen Wandels gewesen ist.

Martin Gierl