Rezension über:

Thomas Feuerer: Die Klosterpolitik Herzog Albrecht IV. von Bayern. Statistische und prosopographische Studien zum vorreformatorischen landesherrlichen Kirchenregiment im Herzogtum Bayern von 1465 bis 1508 (= Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte; Bd. 158), München: C.H.Beck 2008, LXXXIV + 770 S., ISBN 978-3-406-10772-6, EUR 64,00
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Rezension von:
Christine Kleinjung
Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Christine Kleinjung: Rezension von: Thomas Feuerer: Die Klosterpolitik Herzog Albrecht IV. von Bayern. Statistische und prosopographische Studien zum vorreformatorischen landesherrlichen Kirchenregiment im Herzogtum Bayern von 1465 bis 1508, München: C.H.Beck 2008, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/16007.html


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Thomas Feuerer: Die Klosterpolitik Herzog Albrecht IV. von Bayern

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Die vorliegende Arbeit, die aus einer Regensburger Dissertation hervorgegangen ist, reiht sich ein in die in den letzten Jahren sehr lebhaften Forschungen zur (landesherrlichen) Klosterpolitik und zu Klosterreformen im Spätmittelalter.

Thomas Feuerer legt aber im Vergleich zu anderen Arbeiten, die sich eher mit der Wahrnehmung und dem Selbstverständnis der Zeitgenossen oder mit Reformmotiven und -abwehr beschäftigen, einen anderen Schwerpunkt. Ihm geht es vor allem um die Beurteilung des Herzogs als Fürsten "neuen Typs" (Stichwort Humanismus) und der Rolle des Kirchenregiments für seine Regierung; er wählt also eher einen traditionellen verfassungsgeschichtlichen Ansatz.

Das erklärte Ziel der Arbeit ist es, Aussagen der älteren Forschung über die Klosterpolitik Albrechts zu verifizieren bzw. zu falsifizieren. Thomas Feuerer beschränkt sich in der Literaturdiskussion daher auch auf Arbeiten, die ganz konkret Albrecht bzw. sein Kirchenregiment behandeln (zumeist Monographien). Um sein Ziel zu erreichen, hat Feuerer laut eigener Aussage alle Informationen zu den betreffenden Klöstern und Stiften (insgesamt sind es 119) erstmals gesammelt und zusammengetragen. Eine explizite Fragestellung über das oben genannte Ziel hinaus, formuliert er nicht. Der Wert der Arbeit liegt daher in der detaillierten Aufbereitung der Informationen, die zum überwiegenden Teil aus archivalischem Material zusammengetragen wurden und ansprechend präsentiert werden.

Die Arbeit ist in zwei Teile geteilt. In einen ersten darstellerischen Teil (3-243) und in einen zweiten, sehr viel umfangreicheren, Teil (246-740) mit Quellenmaterial. In diesem zweiten Teil bietet Thomas Feuerer die Erschließung der Quellen der bayerischen Klöster und Stifte durch 1302 Kurzregesten. Diese enthalten auch Angaben zu den Handschriften und Drucken sowie zu Literatur. Es folgen 154 Biogramme zu allen Personen, die Albrecht bei seinen Reformen "mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben". Dieser zweite Teil soll als "Fundstelle für weiterführende lokalhistorische Forschungen dienen" (15). Die Arbeit schließt mit Karten und einem umfangreichen Register ab.

Thomas Feuerer wählt für seine Untersuchung einen statistisch-prosopographischen Ansatz und folgt den Methoden der Historischen Statistik, die er mit einer qualifizierenden Betrachtungsweise ergänzt. Auch wenn er die Vorteile stark betont (24), ist sich Thomas Feuerer der Problematik und der Grenzen des quantitativen Ansatzes durchaus bewusst.

Im ersten Teil untersucht er die Instrumente der Klosterpolitik sowie die Rolle von Ratgebern und Helfern. Er analysiert die Mittel und Wege, mit denen Albrecht und seine Vertreter Einfluss auf die Klöster und Stifte nahmen. Dabei geht er innerhalb der Kapitel stets gleich vor, zu Beginn gibt er eine allgemeine Einführung, dann bietet er die statistische Auswertung, es folgt das Fallbeispiel, am Ende steht eine knappe Zwischenzusammenfassung der Ergebnisse. Er macht vor allem die Kontrolle der Visitationen und der Abtswahlen als wirkungsvolle Instrumente aus.

Der Abschnitt zu Ratgebern und Helfern ist aufgeteilt in Kollektivbiographien und Einzelbiographien. Hier kommt Thomas Feuerer zu wichtigen Ergebnissen bezüglich der zeitlichen Verteilung der Reformen, der Auswahl der Klöster und der Eingliederung in den frühen bayerischen Territorialstaat. Er formuliert interessante Hypothesen, die er aber aufgrund des Zuschnitts der Arbeit nicht weiter verfolgt. So stammten die gelehrten Räte überwiegend aus dem Bürgertum und Thomas Feuerer stellt dies in Bezug zur Ämterbesetzung in den Klöstern; die Reformäbte hätten ebenfalls aus dem Bürgertum gestammt und über diese Gruppe habe Albrecht vornehmlich seine Klosterpolitik betrieben. Belege für die Besetzung der Leitungsfunktionen in Klöstern und Stiften gibt Feuerer aber nicht, er bezieht auch keine neueren Untersuchungen aus anderen Regionen ein. [1]

Weiterhin vermutet Thomas Feuerer, dass juristisches Fachwissen bei Konflikten um Reformen von Vorteil sein konnte (171) und Albrecht daher gezielt auf professionelle Hilfe setzte (obwohl die meisten Räte und Amtsträger nicht graduiert waren). Den Einsatz von "Fachwissen" bei Auseinandersetzungen um Klosterreformen wünscht man sich weiter untersucht.

Die Untersuchung der konkreten Konflikte fiel ebenso wie die Analyse der Ziele und Motive Albrechts dem Zuschnitt der Arbeit und dem Zeitdruck bei der Fertigstellung zum Opfer, wie Thomas Feuerer selbst offen einräumt (15). Der kurze Abschnitt über die Ziele in der Schlusszusammenfassung bleibt folglich auch sehr allgemein (241).

Als Ergebnis hält Feuerer letztendlich fest, dass Albrecht als Vollender der vorreformatorischen landesherrlichen Klosterherrschaft in Bayern bezeichnet werden kann. Somit sei eine Verifizierung der Aussagen Helmut Rankls von 1971 gelungen.

Die Verfolgung von weiteren Fragen hätte die Bearbeitungszeit und den Umfang der Arbeit gesprengt (242); Hypothesen bleiben daher unüberprüft. Die Ergebnisse der neueren landesgeschichtlichen Forschung zu Klosterreformen finden kaum Berücksichtigung, ebenso wenig wird eine Einordnung der Ergebnisse in einem Vergleich mit anderen Regionen versucht. Die Studie bleibt so über weite Strecken rein deskriptiv.

Schwächen des statistischen Ansatzes offenbaren sich bei der Kategorisierung des Quellenmaterials. In den Diagrammen im ersten Teil, etwa in Diagramm 3 (17) zur Zusammensetzung der Klöster "inner Landes" nach Orden, führt Feuerer bedenkenlos Kollegiatstifte auf, die überhaupt keine Ordensstrukturen ausbildeten (auch keine dezentralen!) und somit völlig andere Voraussetzungen für Reformeingriffe und 'Klosterpolitik' mitbrachten. Leider wird auch zwischen Männer- und Frauengemeinschaften nicht unterschieden. Die statistische Zuordnung der Ratgeber und Helfer zu einzelnen sozialen Untergruppen ist - wie ebenfalls vom Autor freimütig eingeräumt wird - mitunter willkürlich, da es vielfältige Überschneidungen gibt (162).

Insgesamt wird ausschließlich die Perspektive des Herzogs eingenommen und eine gezielte Klosterpolitik schlicht vorausgesetzt. Besonders im ersten Teil neigt Thomas Feuerer manchmal zu Zirkelschlüssen: Die Instrumente der Klosterpolitik wie Einflussnahme auf Wahlen dienen dazu, ein Klosterregiment zu errichten (81). Aber die Bedeutung der Kontrolle und Einflussnahme für die Innenpolitik Albrechts wird insgesamt sehr deutlich.

Die Stärken der Arbeit liegen eindeutig in der sorgfältigen Sammeltätigkeit und der Aufbereitung des Materials. Thomas Feuerer deckt wichtige Felder für zukünftige Forschungen auf und bietet dank seiner umfassenden statistischen und prosopographischen Studie eine Basis für weitere landesgeschichtliche Forschungen zu Bayern und für Vergleiche mit landesherrlichen Klosterreformen im Spätmittelalter in anderen Territorien.


Anmerkung:

[1] Z.B. Thomas Kreutzer: Verblichener Glanz. Adel und Reform in der Abtei Reichenau im Spätmittelalter, Stuttgart 2008.

Christine Kleinjung