Rezension über:

Andrea Rapp / Michael Embach (Hgg.): Zur Erforschung mittelalterlicher Bibliotheken. Chancen - Entwicklungen - Perspektiven (= Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie; Sonderband 97), Frankfurt/M.: Vittorio Klostermann 2009, 460 S., ISBN 978-3-465-03630-2, EUR 99,00
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Rezension von:
Christine Kleinjung
Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Christine Kleinjung: Rezension von: Andrea Rapp / Michael Embach (Hgg.): Zur Erforschung mittelalterlicher Bibliotheken. Chancen - Entwicklungen - Perspektiven, Frankfurt/M.: Vittorio Klostermann 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 2 [15.02.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/02/16343.html


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Andrea Rapp / Michael Embach (Hgg.): Zur Erforschung mittelalterlicher Bibliotheken

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Der vorliegende Sammelband ist aus einer Tagung des "Historisch-Kulturwissenschaftlichen Forschungszentrums" (HKFZ) Trier hervorgegangen. Das HKFZ widmet sich der Erschließung und Erforschung historischer Wissensräume und ist in verschiedene Arbeitsbereiche gegliedert. Die Tagung über die Erforschung mittelalterlicher Bibliotheken wurde von dem Arbeitsbereich "Medien und Methoden der Konstruktion von Wissensräumen" unter Leitung der Herausgeber organisiert.

Die 18 Beiträge des Bandes behandeln die Untersuchungsfelder 'Glossen und Fragmente', 'Produzenten und Besitzer von Handschriften', 'Klosterbibliotheken' und 'Digitalisierung und virtuelle Rekonstruktion'.

Enthalten sind allein sieben Beiträge zur Rekonstruktion und Erschließung der Bestände mittelalterlicher Kloster- und Stiftsbibliotheken aus verschiedenen geographischen Regionen. Dabei handelt es sich um Berichte direkt aus der Forschungswerkstatt, was einen besonderen Reiz des Bandes ausmacht. Berücksichtigung finden so prominente Beispiele wie die Bibliothek des Chorherrenstifts St. Viktor in Paris (Rainer Berndt), die Sammlung des Johannes Trithemius in Sponheim (Michael Embach) und die Bibliothek von Corvey (Hermann-Josef Schmalor). Weiter Beiträge beschäftigen sich mit dem Benediktinerkloster Pegau in Sachsen, der belgischen Zisterzienserabtei Orval (mit einem Katalog der identifizierten Handschriften) und dem Stift Neumünster-Bordesholm in Schleswig-Holstein.

Besonders hervorzuheben ist der Beitrag von Bettina Wagner über die Bibliothek des Augustinerchorherrenstifts in Windberg. Wagner zeigt, wie Rekonstruktionsversuche anhand der Rechnungs- und Ausgabenbücher vorgenommen werden können und verdeutlicht so, welches Potential das pragmatische Verwaltungsschriftgut bietet. Sie stellt ein reiches Material für weitergehende Forschungen vor. Die von ihr wiedergegebenen Aussagen der bisherigen Forschung zur Buchbenutzung durch den Frauenkonvent des Doppelklosters Windberg erscheinen zumindest überprüfungswürdig (434). Es ist insgesamt bedauerlich, dass trotz größerer laufender Forschungsprojekte kein Frauenkonvent mit seiner Bibliothek Berücksichtigung in dieser Sektion gefunden hat.

Einen weiteren großen Teil des Bandes nehmen die Beiträge über Digitalisierungs- und Erschließungsprojekte moderner Forschungsbibliotheken ein. Vorgestellt werden die Digitalisierung der Bibliotheca palatina in Heidelberg, die Wolfenbütteler Handschriftendatenbank und die Erschließung Historischer Bibliotheken in Südtirol. Die bibliotheksgeschichtlich-hilfswissenschaftlichen Beiträge widmen sich der Erforschung hebräischer und aramäischer Einbandfragemente, den Wasserzeichen, Glossen und Besitzvermerken.

Besonders hervorzuheben sind die zwei Beiträge zum Feld "Produzenten und Besitzer von Handschriften". Beide Aufsätze zeigen anschaulich, welchen Beitrag die Bibliotheksgeschichte für die historischen Kulturwissenschaften leisten kann. Falk Eisermann und Christoph Mackert stellen in ihrem Beitrag über den Handel mit Gebeten eine Quelle zur planmäßigen Verbreitung von Gebetstexten im späten Mittelalter vor. Der Text 'der Wingarte Jesu' wurde zusammen mit einer Anleitung zur massenweisen Abschrift und Verbreitung des Gebets im 15. Jahrhundert an Frauenklöster und Kaufleute versandt. Die Anschreiben an beide Addressatenkreise haben sich in der vorgestellten Handschrift erhalten und bieten Einblicke in die spätmittelalterliche Jenseitsökonomie, in der Kapitaleinsatz und Gebetsaufwand in Relation zum Ertrag für das Seelenheil gesetzt wurden.

Frank Fürbeth mahnt in seinem Beitrag über die deutschen Privatbibliotheken des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit eine differenziertere Herangehensweise an den Untersuchungsgegenstand an, um Bildungsgeschichte dezidiert als historische Kulturwissenschaft zu betreiben. Eine methodisch-kategoriale Neuorientierung sei notwendig, um Bibliotheksbestände sozialgeschichtlich einzuordnen, eine ständische Differenzierung einzuführen und eine abwägende Einordnung der Zeugnisse jedes einzelnen Buchbesitzes vorzunehmen. Individuelle Sammlertätigkeit sei stärker im Verhältnis zu Wissensordnungen der Zeit zu sehen. Uneingeschränkt zustimmen möchte man seinen Ausführungen zur Ambivalenz von Typologien.

Die hochwertigen Einzelbeiträge des Bandes werden nicht durch Fragestellung, Methode oder Perspektive zusammengehalten, sondern allein durch den gemeinsamen Untersuchungsgegenstand der mittelalterlichen Handschriften. In logischer Konsequenz fehlt dem Sammelband daher auch eine Zusammenfassung. Die Beiträge zeigen aber die ganze Breite der Beschäftigung mit Handschriften und Bibliotheken und vereinen universitäre und außeruniversitäre Forschung. Fragen der Vernetzung und des institutionellen Austausches werden zukünftig eine noch größere Rolle spielen. Unternehmen wie dieser Sammelband zeigen, wie fruchtbar eine Zusammenarbeit von Bibliotheken, Archiven und Universitäten auf den Gebieten der Bibliotheksgeschichte, Bildungsgeschichte, der vergleichenden Kloster- und Ordensforschung und der Geschlechtergeschichte sein kann.

Eine historisch-kulturwissenschaftliche Perspektive, die Wissensräume und Wissensorganisation in den Blick nimmt, kann die verschiedenen Forschungsrichtungen verbinden und die erwähnten Beiträge zeigen, wie wichtig es ist, traditionelle Felder der Bibliotheksgeschichte neu auszurichten. Voraussetzung für innovative Zugänge bleibt aber immer die Grundlagenforschung: Erschließung, Rekonstruktion und Zugang zu wissenschaftlichen Informationen und historischem Quellenmaterial wie Handschriften, Illustrationen und Bibliotheksbeständen eröffnen neue Perspektiven für die Mittelalter- und Renaissanceforschung.

Christine Kleinjung