Rezension über:

Raymond Van Dam: The Roman Revolution of Constantine, Cambridge: Cambridge University Press 2007, xii + 441 S., ISBN 978-0-521-88209-5, GBP 45,00
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Rezension von:
Stefan Priwitzer
Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Priwitzer: Rezension von: Raymond Van Dam: The Roman Revolution of Constantine, Cambridge: Cambridge University Press 2007, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/14309.html


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Raymond Van Dam: The Roman Revolution of Constantine

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Einzelne Persönlichkeiten der Antike sind von so zentralem Interesse, dass trotz unzähliger Vorgängerwerke immer wieder neue Monographien über sie verfasst werden: Alexander der Große, mit dem der Hellenismus beginnt, Augustus, der 'Erfinder' des Principats, oder Konstantin der Große, der erste christliche Kaiser.

Letzterem hat sich Raymond Van Dam gewidmet. Er will dabei aber nicht in erster Linie das Verhältnis Konstantins zum Christentum in den Mittelpunkt stellen (11), nicht die schlechteste Idee, um im Meer der Konstantin-Monographien aufzufallen. Der Titel verspricht viel: 'The Roman Revolution of Constantine' soll bewusst an Syme erinnern. Allerdings ging es dort ja, auf prosopographischer Basis, um die neue regierende Klasse um Augustus. Dies darf man von Van Dam nicht erwarten. Ihm gefällt das Wort 'Revolution', das er im Zusammenhang mit dem christlichen Kaiser sehen will; zudem möchte er wie Syme nicht den Kaiser in den Mittelpunkt stellen.

Dazu geht er in den beiden ersten Teilen von inschriftlich belegten Kommunikationen zwischen dem Kaiser und zwei Städten, Hispellum und Orcistus, aus. Die Inschrift von Hispellum aus den frühen 330er Jahren fand in der Forschung vor allem deshalb Interesse, weil man einen christlichen Skrupel gegenüber der Einrichtung einer aedis nostro nomini dedicata vermutet hat. Van Dam legt hier den Schwerpunkt anders: Konstantin sei es vielmehr um die Bedeutung des italischen Mutterlandes und um seine Nachfolgeregelung gegangen. Um dies zu begründen, holt Van Dam sehr weit aus. Er beschreibt den nachlassenden Vorrang Italiens und speziell Roms (35-78) und die Begründung der Flavischen Dynastie Konstantins, die in der Tradition derjenigen des 1. Jahrhunderts stand, im Gegensatz zur tetrachischen Nachfolgeregelung (79-129). Diese Untersuchung führt Van Dam zu folgendem Schluss: "His [Constantine's] support for a particular Christian orthodoxy, even for Christianity itself, was of secondary importance. Hispellum [...] had successfully played upon this concern about dynastic succession to receive permission to construct a new pagan temple" (129).

Orcistus hingegen stelle sich das Problem, wie man dem Kaiser entgegentreten solle. Van Dam erkennt zwei Problemkreise: Die religiöse Positionierung und die Sprache. Orcistus, unabhängig von der eigenen, nicht mehr eindeutig zu ermittelnden (176-179) religiösen Positionierung, konnte sich kurz nach Konstantins Sieg im Bürgerkrieg gegen Licinius aufgrund der Erfahrung mit anderen Kaisern nicht sicher sein, ob dieser Kaiser seine pro-christliche Positionierung auch tatsächlich beibehalten würde. In dem Schriftwechsel werden die Einwohner von Konstantin als sectatores sanctissimae religionis bezeichnet. So hätten die Einwohner ursprünglich "their description of themselves [...] perhaps intentionally cryptic" formuliert (176), andererseits habe Konstantin pagane Kulte toleriert und "used ambiguous language to describe his own life" (177). Auch mit der Entscheidung, das Anliegen an den Kaiser in lateinischer Sprache abzufassen, lag die Stadt im Griechisch sprechenden Teil des Reiches richtig. Unter dem graeculus Julian wäre dies die falsche Sprachwahl gewesen (206).

Diese beiden Teile, die zwar eine neue und interessante Sicht auf die Vorgänge in Hispellum und Orcistus bieten, hätten sich vielleicht eher in gestraffter Form für ein oder zwei Artikel geeignet, denn die ausschweifende Argumentation (z.B. Vergleiche zur Tetrarchie [1] oder die Nachfolger Konstantins) bietet kaum wirklich neue Aspekte. Dass Van Dam gerade nicht das Verhältnis von Konstantin zum Christentum ins Zentrum rücken möchte, ist nicht zu beanstanden, allerdings kommt auch er nicht um diese Problematik herum. Dabei wird leider nicht ganz klar, ab wann wir seiner Meinung nach bei Konstantin einen christlichen Kaiser vor uns haben [2], was für die Argumentation an vielen Stellen aber durchaus interessant wäre.

Im dritten und letzten Teil des Buches rückt dann der christliche Kaiser in den Mittelpunkt. Es geht aber hier um die Frage der Darstellung des christlichen Kaisers. Da die Argumentation auf literarischen Quellen beruht, ist das von Van Dam neben Syme als Inspiration genannte Werk 'Augustus und die Macht der Bilder' von Zanker (7-9) nur entfernt wiederzuerkennen. Die Herrscherdarstellungen christlicher Autoren sind nach Van Dam nicht nur Reflex von Vorgaben des Kaiserhofes, vielmehr befruchteten sich beide gegenseitig. Die Entwicklung dieses Prozesses zeigt Van Dam bis ins 5. Jahrhundert auf.

Konstantin und seine Zeit sozusagen 'von unten' zu betrachten tut der sonst stark auf die Persönlichkeit Konstantins ausgerichteten Forschung durchaus gut. Die Ergebnisse passen allerdings nicht zur suggerierten 'Revolution'. Es bleibt vielmehr auffällig, dass es unter Konstantin keine grundlegenden Änderungen gab: Die Provinzbewohner richten ihre Wünsche an den Kaiser, der darauf reagiert. Auch die christliche Religion änderte das, abgesehen von der Problematik der religiösen Positionierung, nicht, ebenso wenig wie sie das Kaisertum in seinen Grundzügen unter Konstantin umwandelte.


Anmerkungen:

[1] Wobei Van Dam - wie schon im 3. Kapitel (79-129) - nicht klar genug zum Ausdruck bringt, dass sich Konstantin von der Ordnung der Tetrarchie bewusst abwenden musste, da sie seine Position und Pläne einschränkte bzw. verhinderte.

[2] Die Gesamtschau deutet auf die Zeit direkt nach der Schlacht an der Milvischen Brücke hin (49), selbst den Arius-Streit sieht Van Dam bereits im Zusammenhang mit dem christlichen Kaisertum: "Direct disputation about Father and Son could serve as an indirect discourse about a Christian emperor." (269).

Stefan Priwitzer