Rezension über:

Philipp von Rummel: Habitus barbarus. Kleidung und Repräsentation spätantiker Eliten im 4. und 5. Jahrhundert (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde; Bd. 55), Berlin: de Gruyter 2007, XI + 481 S., ISBN 978-3-11-019150-9, EUR 128,00
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Rezension von:
Stefan Priwitzer
Abteilung für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Priwitzer: Rezension von: Philipp von Rummel: Habitus barbarus. Kleidung und Repräsentation spätantiker Eliten im 4. und 5. Jahrhundert, Berlin: de Gruyter 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 7/8 [15.07.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/07/13773.html


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Philipp von Rummel: Habitus barbarus

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Die Untersuchung von von Rummel, eine Freiburger archäologische Dissertation, zeigt auf beeindruckende Weise, wie aus einem ursprünglich eher konservativ angelegten Thema bei unvoreingenommener und kritischer Herangehensweise Ergebnisse erzielt werden, die weit über das eigentliche Thema heraus relevant sind.

Ausgangsfrage der Arbeit ist "das Problem der vandalischen Gräber und der Erkennbarkeit der barbarischen Eroberer an ihrer Kleidung" (VII) in Nordafrika. Der 'traditionellen' Forschung gemäß hätte das Ergebnis sein müssen, dass den Vandalen eine 'Stammestracht' zuzuschreiben ist. Von Rummel stößt sich dabei an der fehlenden Interdisziplinarität der Herangehensweise, was dazu geführt habe, gewisse Bekleidungsmerkmale als Kennzeichen von bestimmten Ethnien ("Stammestrachten") zu betrachten und dann im Zirkelschluss "ethnische Einheiten als archäologische Konstrukte zu bilden" (12f.). Von Rummel belegt diese Problematik sehr ausführlich in einem Überblick über die Forschungs- und Interpretationsgeschichte (18-64).

Die drei Hauptteile der Arbeit untersuchen spätantike Autoren, Bilddarstellungen und Bodenfunde in Hinsicht auf den habitus barbarus. Von Rummel zeigt in Bezug auf die spätantiken Autoren (83-196), dass die Angaben zu Äußerem und Kleidung von Fremden häufig vorschnell und unter der Voraussetzung einer 'Stammestracht' ausgewertet wurden. Die Erwähnung von Fellbekleidung kann zum Beispiel metaphorisch (148f.) oder topisch sein (wobei nicht vergessen werden sollte, dass für das Funktionieren von Topik ein 'Sitz im Leben' gegeben sein musste); zudem kann nachgewiesen werden, dass Felle durchaus Bestandteile der römisch-spätantiken Soldatenbekleidung waren. Grundsätzlich lässt sich nicht ein realer Gegensatz zwischen "Römischem" und "Barbarischem", sondern vielmehr zwischen "Zivilem" und "Militärischem" erkennen. Gleichzeitig konnte das Militärische allerdings als unrömisch gedeutet werden, da der 'alten' senatorischen Elite die Aufsteiger aus dem militärischen Dienst ein Dorn im Auge waren.

Eine solche Unterscheidung lässt sich auch bei den Bilddarstellungen erkennen (197-268). So würde es auch erstaunen, wenn sich der sogenannte Stilicho des Diptychons aus Monza auf dieser offiziösen Darstellung als 'Barbar' präsentierte. Er wird vielmehr in einer militärischen Tracht dargestellt (210f.). Aber auch hier konnte die Kleidung als unrömisch wahrgenommen werden, zwar nicht alltäglich-realistisch, sondern ideell-propagandistisch: "Sein [Stilichos] persönliches Schicksal entsprach genau dieser Zweideutigkeit: Selbst Römer in jeder Hinsicht, konnte er genau wie die militärische Hosen-Tunika-Kombination nie den Makel des 'Semibarbarischen' ablegen." (213)

Die Bodenfunde (269-375) bereiten auf den ersten Blick das Problem, dass sich kaum Übereinstimmung mit der Text- und Bildüberlieferung ergibt: In den Texten geht es um Männer, die durch Kleidung und Haartracht zu erkennen sind. Die Bodenfunde betreffen zu einem großen Teil Frauen sowie Fibeln, Schnallen und Waffen, die in den Texten nicht erwähnt sind. Dennoch gelingt es von Rummel auch hier überzeugend, die bisher als 'fremd' im Sinne einer konservativen 'Stammestracht' gedeuteten Grabfunde als Zeichen sozialer Distinktion zu interpretieren. Nur an einigen Nebenschauplätzen überzeugt die Argumentation nicht völlig, wenn von Rummel das Fehlen bestimmter Accessoires in bildlichen oder schriftlichen Darstellungen nicht als Argument gegen die Existenz bzw. für einen barbarischen Charakter gelten lassen will (277; 341).

Der sogenannte habitus barbarus als mediterrane Tracht gibt uns also nicht Auskunft über die ethnische, sondern über die soziale Herkunft einer 'neuen Elite', Aufsteigern aus dem militärischen Bereich und ihrer weiblichen Vertreter: "Sichtbar wird hier ein neuer Habitus, der einerseits ganz römisch ist, andererseits aber jederzeit als fremd bzw. barbarisch abgetan werden kann. In ihm kommen keine germanischen Identitäten zum Ausdruck, sondern diejenigen der spätantiken Militäraristokratie." (269)

Mit dieser Neudeutung liefert von Rummel einen wertvollen und äußerst anregenden Beitrag zur aktuellen Diskussion um die Gültigkeit von ethnischen Interpretationen archäologischer Befunde. [1]


Anmerkung:

[1] Vgl. Volker Bierbrauer: Zur ethnischen Interpretation in der frühgeschichtlichen Archäologie, in: Walter Pohl (Hrsg.): Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters, Wien 2004, 45-75; Sebastian Brather: Ethnische Identitäten als Konstrukte der frühgeschichtlichen Archäologie, Germania 78 (2000), 139-177.

Stefan Priwitzer