Rezension über:

Gustav Adolf Lehmann: Perikles. Staatsmann und Stratege im klassischen Athen. Eine Biographie, München: C.H.Beck 2008, 367 S., 14 Abb., 6 Karten, ISBN 978-3-406-56899-2, EUR 24,90
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Rezension von:
Stefan Priwitzer
Abteilung für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Priwitzer: Rezension von: Gustav Adolf Lehmann: Perikles. Staatsmann und Stratege im klassischen Athen. Eine Biographie, München: C.H.Beck 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 2 [15.02.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/02/14440.html


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Gustav Adolf Lehmann: Perikles

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Perikles war eine der prägenden Gestalten im Athen des 5. Jahrhunderts zwischen Perserkriegen und Peloponnesischem Krieg. Ein Werk über "Perikles. Staatsmann und Stratege im klassischen Athen" bedarf daher keiner gesonderten Begründung. Daraus aber - wie die Titelei im Innern verspricht - eine "Biographie" zu zaubern, gelingt selbst Lehmann nicht. Denn tatsächlich Konkretes zu Perikles begegnet insgesamt in höchstens einem Viertel des Werkes, der Rest behandelt die Geschichte Athens im 5. Jahrhundert unabhängig von Perikles. Dennoch ist Lehmann mit seinem Werk ein großer Wurf gelungen; ein vorzügliches Buch, das den Grat zwischen einer für den Laien abschreckenden Wissenschaftssprache und einem für den Studenten oder Experten unbrauchbaren populärwissenschaftlichen 'Historienroman' - wofür z.B. Perikles' Gattin Aspasia Material bieten würde - glänzend meistert.

Der Leser mag sich zuerst verwundert die Augen reiben, wenn auf den ersten Seiten ausführlich das Ende des Peloponnesischen Krieges geschildert wird. Lehmann zäumt das Pferd von hinten auf und kommt über den Umweg der "Kriegsschuldfrage" auf die Quellenproblematik für die Zeit des Perikles zu sprechen. Einen besonders wertvollen Informanten erkennt Lehmann in Thukydides (15-22), dessen geformten Reden er eine inhaltliche Übereinstimmung mit den Originalreden bzw. Argumenten zubilligt (76), was wohl nicht jeder Forscher in diesem Maß unterschreiben würde.

Die recht üppig erscheinende Quellenlage (13-29) lässt den Autor einer Biographie allerdings für die Zeit bis zum "Einstieg in die Politik" (Kapitel 4, 83ff.) großenteils im Stich. Die Erziehung des Perikles wird anhand eines idealen Lebenslaufes rekonstruiert. Dies hat zur Folge, dass Perikles erst nach dem ersten Drittel des Buches (74ff.) konkreter und häufiger in Erscheinung tritt. Zuvor erfährt man viel über seinen Vater und die Zeitumstände, die Perikles laut Lehmann geprägt haben: die Verletzlichkeit Attikas von Land her, die Stärke Athens zur See und das unsichere Verhältnis zu Sparta (65).

Wie weit Lehmann ausholen muss, um die "Biographie" zu füllen, belegt auch das Kapitel 7 (163-178), das den viel versprechenden Titel "Friedensjahre und perikleische Ära trägt", dann aber zum überwiegenden Teil von der panhellenischen Kolonie Thurioi handelt (170-178), wobei der Bezug zu Perikles doch sehr schwach ist: "An den Planungen für das aufwendige Thurioi-Projekt [...] ist Perikles zweifellos in erheblichen Maß beteiligt gewesen [...]" (173).

In Bezug auf die Forschungsdiskussion liefert sich Lehmann geradezu einen Kleinkrieg mit Christian Meier, den er namentlich im Fließtext kritisiert (162, 181). Spitzen gegen andere Forscher finden sich auch in den Anmerkungen, z.B. im Kapitel "Einstieg in die Politik", in dem Lehmann die Meinung vertritt, Perikles sei bereits früh in den fünfziger Jahren des 5. Jahrhunderts belegbar in die Politik eingetreten. Ob man seiner These folgen mag oder nicht (die Bedeutung der Aussagen bleibt vielleicht etwas unklar): Lehmann gelingt es zumindest ein konsistentes Perikles-Bild zu präsentieren, z.B. als Kultur-Politiker. An anderer Stelle beweist der Autor, dass er es versteht, Probleme der Forschung weniger harsch zu präsentieren und zu kommentieren, z.B. bei der Frage der Bürgerrechtspolitik (123ff.). Im Zusammenhang mit dem so genannten Kalliasfrieden von 449 v. Chr. zwischen Athenern und Persern vermisst man zumindest einen Hinweis auf Klaus Meister. [1]

Dass zugunsten der ausführlichen Anmerkungen (297-340) auf ein Literaturverzeichnis verzichtet wurde, mag betriebswirtschaftlich Sinn machen, verwehrt dem Buch aber trotz Glossar, Zeittafel und Register einen würdigen Abschluss. Und bei einer zweiten Auflage wäre ein anderer Titel wünschenswert: "Perikles und Athen im 5. Jahrhundert v. Chr." würde dem Buch und dem Verdienst des Autors viel eher gerecht.


Anmerkung:

[1] Klaus Meister: Die Ungeschichtlichkeit des Kalliasfriedens und deren historische Folgen, Wiesbaden 1982.

Stefan Priwitzer