Rezension über:

Christian Hartmann: Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 1941/42 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; Bd. 75), München: Oldenbourg 2009, 928 S., ISBN 978-3-486-58064-8, EUR 59,80
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Dieter Pohl: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; Bd. 71), München: Oldenbourg 2008, IX + 399 S., ISBN 978-3-486-58065-5, EUR 39,80
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Christian Hartmann / Johannes Hürter / Peter Lieb / Dieter Pohl: Der deutsche Krieg im Osten 1941-1944. Facetten einer Grenzüberschreitung (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; Bd. 76), München: Oldenbourg 2009, IX + 404 S., ISBN 978-3-486-59138-5, EUR 29,80
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Rezension von:
Roman Töppel
München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Roman Töppel: Wehrmacht in der NS-Diktatur (Rezension), in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 7/8 [15.07.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/07/17107.html


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Forum:

Wehrmacht in der NS-Diktatur

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Die hier zu besprechenden Bände sind alle im Rahmen des Projekts "Wehrmacht in der NS-Diktatur" des Instituts für Zeitgeschichte München - Berlin entstanden. Das Projekt wurde 1999 vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Wissenschaft und Kunst bewilligt und hat in den zehn Jahren seines Bestehens eine Vielzahl von Veröffentlichungen hervorgebracht, darunter vier Monografien, die sich mit der Frage der Verantwortung der Wehrmacht und ihrer Angehörigen für Krieg und Verbrechen beschäftigen. [1]

Christian Hartmann untersucht in seinem Buch Strukturen der Wehrmacht und ihres Einsatzes, und zwar am Beispiel von fünf Divisionen, die er als repräsentativ für das Ostheer bzw. als "Prototypen der deutschen Landstreitkräfte" ansieht (241). Sein Sample umfasst die 4. Panzerdivision, einen Eliteverband des deutschen Heeres, die 45. Infanteriedivision, eine "infanteristische Durchschnittsdivision", sowie die 296. Infanteriedivision, einen weniger schlagkräftigen Kampfverband, der erst während des Krieges aufgestellt worden war. Hinzu kommen zwei Besatzungsverbände, und zwar ein "frontnaher", der im unmittelbaren Hinterland der Front zum Einsatz kam (Korück 580), und ein "frontferner", der die rückwärtigen Gebiete der Heeresgruppe Mitte sichern sollte (221. Sicherungsdivision).

Detailliert stellt Hartmann zunächst die fünf Verbände seines Samples vor. Dabei geht er nicht nur auf ihre Formierung und die sehr heterogene Alters- und Sozialstruktur ihrer Soldaten und Offiziere ein, sondern untersucht auch Motivation und Kampfkraft dieser Verbände, die sich nicht zuletzt in den Tapferkeitsauszeichnungen, aber auch in den Verlusten widerspiegelten. Die Verluste waren in der Tat enorm und führten rasch zur Relativierung des Lebens, zu Abstumpfung, Härte und zum Teil zu Brutalität. Hohe Ausfälle erlitten aber nicht nur die Kampfverbände: Auch der Partisanenkrieg war verlustreich und zwar nicht nur für die irregulären Kämpfer und jene Zivilisten, welche die Deutschen als "Partisanen" ansehen wollten, sondern auch für die Wehrmacht.

In einem weiteren Kapitel schreibt Hartmann sodann ein Stück Operationsgeschichte 'seiner' Divisionen und folgt ihnen auf ihrem Weg im ersten Jahr des Krieges gegen die Sowjetunion. Zentrales Thema sind immer wieder die Verbrechen, die von den fünf Verbänden seines Samples begangen wurden, und das waren nicht wenige. Besonders brutal ging die 221. Sicherungsdivision vor, deren Angehörige praktisch jeden Tag Kommissare, Juden oder verdächtige Zivilisten und Kriegsgefangene erschossen (335). Die Brutalität nahm mit der steigenden Bedrohung durch sowjetische Partisanen und "Diversanten" immer mehr zu und erlebte schließlich einen Höhepunkt, als der deutsche Vormarsch vor Moskau zum Stehen kam und die Rote Armee zum Gegenangriff antrat: Im Kampf um die nackte Existenz "begann man sich viel stärker an seinen sozialdarwinistischen Handlungsrichtlinien zu orientieren" (383).

Mit einer bewussten nationalsozialistischen Überzeugung lässt sich die gesteigerte Rücksichtslosigkeit gegenüber Zivilisten und Kriegsgefangenen jedoch kaum erklären. Das zeigt auch Hartmanns viertes großes Kapitel, in dem es um die Topografie des Unternehmens "Barbarossa" geht. Denn Verbrechen, so stellt Hartmann fest, waren an Räume gebunden, und es kam darauf an, wo ein Verband stand, ob "vorn" oder "hinten". Im Hinterland wurden wesentlich mehr Verbrechen begangen als an der Front; doch gerade die Angehörigen der Sicherungsverbände, auf deren Konto das Gros der Morde ging, schienen für solche Vergehen am wenigsten prädestiniert zu sein. Schließlich dominierten unter ihnen ältere Jahrgänge und Reservisten, die ihre Sozialisation nicht im Nationalsozialismus erfahren hatten und viel seltener Mitglied einer NS-Organisation waren als ihre jüngeren Kameraden aus den aktiven Verbänden.

Im letzten und umfangreichsten Kapitel befasst sich Christian Hartmann ausführlich mit den Verbrechen der Wehrmacht an der Ostfront. Anhand der Kriegstagebücher und privater Selbstzeugnisse zeigt er auf, dass der "Kommissarbefehl" von allen fünf untersuchten Verbänden ausgeführt wurde, von manchen allerdings weniger häufig als von anderen. Besonders rigoros ging bei der Ermordung der sowjetischen Kommissare die 221. Sicherungsdivision vor. Im Gegensatz zu entsprechenden Behauptungen von Hannes Heer, auf dessen Publikationen immer wieder kritisch Bezug genommen wird, hält Hartmann aber fest, dass es auch hierbei einen Unterschied zwischen Front und Hinterland gab. Im Alltag der Truppe habe die Umsetzung des "Kommissarbefehls" nur eine untergeordnete Rolle gespielt (513). Ebenso seien Morde an Kriegsgefangenen in der Gefechtszone Ausnahmen geblieben (531, 566f.). Erst auf den Transporten und in den völlig überbelegten Gefangenenlagern kam es dann zu dem bekannten Massensterben der Kriegsgefangenen. Hartmann hält fest, dass es zwar keinen vorsätzlichen Plan zur Ermordung der Kriegsgefangenen gegeben habe. Aber die im Herbst 1941 erlassenen Befehle, die nicht arbeitende Gefangene praktisch dem Hungertod preisgaben, hatten verheerende Folgen: Allein im Winter 1941/42 starben 2 Millionen sowjetische Kriegsgefangene (592).

Verheerende Auswirkungen hatte auch die Radikalisierung des Partisanenkrieges, die in einem Blutbad endete, "wie es in der Geschichte des Krieges nur selten vorkam" (762). Doch auch hier fanden die schlimmsten Ausschreitungen nicht an der Front statt, sondern im Hinterland. Das gilt ebenso für den Mord an den Juden im Osten, bei dem Hartmann eine "hohe Mitverantwortung der Wehrmacht" feststellt (695). Zwar blieb die direkte Beteiligung ihrer Verbände eher gering und ist nicht mit den Massenmorden zu vergleichen, welche SS- und Polizeieinheiten begingen. Aber alle Oberbefehlshaber duldeten oder begrüßten die Verbrechen und auch von den fünf untersuchten Divisionen liegen erschreckende Selbstzeugnisse vor. Während sich bei der 45. Infanteriedivision kaum Hinweise auf Morde finden, sprechen die Quellen bei der 296. Infanteriedivision eine andere Sprache (675). Und ausgerechnet die Führung der 4. Panzerdivision, deren Offizierkorps ein besonders konservatives und elitäres Selbstbild pflegte, erließ 1941/42 direkte Aufrufe zum Mord an Juden (666f.). Die breiteste Blutspur hinterließ wiederum die 221. Sicherungsdivision, der "frontferne" Besatzungsverband. Hartmann konstatiert: "Ob aus Soldaten Mörder wurden oder nicht, entschieden - und das ist eigentlich das Frappierende - weniger Weltanschauungen oder Meinungen. Oft waren viel banalere Faktoren ausschlaggebend wie etwa Funktion, Standort, Alter oder Beziehungen" (698).

Bestechend an Hartmanns Buch ist die ungeheure Sachkenntnis, die der Autor sowohl bei den großen Linien des Geschehens als auch bei Details unter Beweis stellt. Sein Buch ist sprachlich brillant und mit Einfühlungsvermögen geschrieben und der Autor bemüht sich immer wieder um ausgewogene Urteile und größtmögliche Objektivität.

Einen anderen Ansatz als Christian Hartmann verfolgt Dieter Pohl, der in seiner als Habilitationsschrift entstandenen Studie die Besatzungsherrschaft der Wehrmacht in den Jahren 1941 bis 1944 untersucht. Geht es bei Hartmann um den Blick "von unten", so bei Pohl um den "nach hinten", also auf das Hinterland der besetzten Gebiete der Sowjetunion. Zunächst wirft Pohl einen Blick auf die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, in dem das Baltikum, Weißrussland und die Ukraine schon einmal unter deutscher Besatzungsherrschaft gestanden hatten. Der Autor konstatiert, dass diese Herrschaft zwar eine harte gewesen sei, dass aber keine Radikalisierung der Besatzungspolitik stattgefunden habe, die schon auf die Entwicklung im Zweiten Weltkrieg hingedeutet hätte. Von Judenverfolgung und Massenmorden war seinerzeit noch keine Rede. Der Umgang der deutschen Soldaten mit der Bevölkerung besetzter Gebiete sei im Ersten Weltkrieg zudem weitaus weniger brutal als das Vorgehen von Österreichern, Russen und Osmanen gewesen.

Nach der Schilderung der Planungen für die Besetzung der Sowjetunion durch die Wehrmacht und der Beschreibung der "Experimentierfelder" Polen und Südosteuropa gibt Pohl einen Überblick über die zum Teil verwirrenden Strukturen der Besatzungsherrschaft im Osten. Er nennt die Hauptverantwortlichen und hält fest, dass die Bedeutung des Oberkommandos des Heeres für den Vernichtungskrieg, für Massenverbrechen und die schlechte Behandlung der sowjetischen Bevölkerung lange Zeit unterschätzt wurde. Tragischerweise deckte sich das deutsche Besatzungsgebiet genau mit jenen Regionen, die in den 1930er Jahren von den Folgen der stalinistischen Landwirtschaftspolitik am härtesten betroffen waren. Infolgedessen hatten nicht wenige ukrainische Bauern mit der deutschen Besetzung die Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Situation verbunden. Diese Hoffnungen wurden aber bitter enttäuscht, denn positive Folgen, so Pohl, habe die deutsche Besatzungsherrschaft lediglich für die Religionsausübung gehabt. So wurden in der Ukraine circa 1.500 Kirchen wieder eröffnet. Das verhasste Kolchossystem wurde hingegen nicht aufgehoben und die zahllosen Verbrechen ließen bald die Sympathien für die Deutschen verschwinden. Die Massenmorde an Kriegsgefangenen und Zivilisten und die Vernichtung der Juden stehen im Zentrum des Buches und werden von Pohl ausführlich geschildert. Leider treten andere Facetten der Besatzungsherrschaft wie zum Beispiel die Überlebensstrategien der sowjetischen Bevölkerung, das Zusammenleben mit den Besatzern, Kollaboration, Propagandaaktionen zur Gewinnung von Sympathien und anderes stark in den Hintergrund. Zweifellos muss gewürdigt werden, dass Pohl die Leiden der Bevölkerung unter der deutschen Herrschaft und die zahllosen Verbrechen in einer Synthese der östlichen und westlichen Forschung mit beachtlicher Sach- und Sprachkenntnis ausführlich darstellt und dabei die nicht zu leugnende Mitwisser- und Mittäterschaft der Wehrmacht immer wieder aufzeigt. Allerdings vermisst man in der zuweilen recht monoton wirkenden Aneinanderreihung deutscher Verbrechen oft jenes Bemühen um Ausgewogenheit, das die Studie von Christian Hartmann auszeichnet.

Das dritte hier zu besprechende Buch, der Sammelband "Der deutsche Krieg im Osten 1941-1944", ist der Abschlussband des Projekts "Wehrmacht in der NS-Diktatur". Er gibt noch einmal neun der insgesamt mehr als fünfzig Beiträge wieder, die im Rahmen des Projekts in zehn Jahren entstanden sind. Sämtliche abgedruckten Beiträge sind bereits an früherer Stelle erschienen, die meisten in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte. Der Band, quasi ein Resümee, verdeutlicht, dass das Projekt "Wehrmacht in der NS-Diktatur" nicht zuletzt in Reaktion auf die umstrittene Wanderausstellung "Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht" entstanden ist. In mehreren Beiträgen wird auf diese Ausstellung und ihre begleitenden Publikationen sehr kritisch eingegangenen und aufgezeigt, wie dilettantisch und unsachlich die Ausstellungsmacher gearbeitet haben. Mehr noch: Wie Peter Lieb in der Nachbemerkung zu seinem Beitrag (303f.) festhält, hat Hannes Heer Stellen im Tagebuch des Kommandeurs des Infanterieregiments 747, Oberst Carl von Andrian, sogar erfunden (!), um zu belegen, dass Andrian über Judenerschießungen im Voraus informiert gewesen sei. So etwas bezeichnet man im Allgemeinen als Geschichtsfälschung.

Im Gegensatz zu den holzschnittartigen und einseitigen Aussagen der "Wehrmachtausstellung" und der in ihrem Umfeld entstandenen tendenziösen Veröffentlichungen zeigen die Publikationen des Projekts "Wehrmacht in der NS-Diktatur", dass der Krieg im Osten sehr facettenreich war und dass es "die Wehrmacht" so gar nicht gab. Es handelte sich um ein sehr heterogenes und vielschichtiges Gebilde mit immerhin 18 Millionen Angehörigen, das sich jeder pauschalisierenden Aussage entzieht. Dies gilt nicht nur hinsichtlich ihrer Struktur, ihrer Weltanschauung und ihrer Einsätze, sondern auch ihrer Verbrechen.


Anmerkung:

[1] Neben den hier besprochenen Bänden von Christian Hartmann und Dieter Pohl sind das: Johannes Hürter: Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42, München 2006 (vgl. hierzu die Rezension von Jochen Böhler, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 7/8; URL: http://www.sehepunkte.de/2008/07/11499.html), sowie Peter Lieb: Konventioneller Krieg oder Weltanschauungskrieg? Kriegführung und Partisanenbekämpfung in Frankreich 1943/44, München 2007.

Roman Töppel