Rezension über:

Neil Gregor: How to Read Hitler, London: Granta Books 2014, X + 118 S., ISBN 978-1-7837-8028-0, GBP 7,99
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Rezension von:
Roman Töppel
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Roman Töppel: Rezension von: Neil Gregor: How to Read Hitler, London: Granta Books 2014, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 10 [15.10.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/10/25610.html


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Neil Gregor: How to Read Hitler

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"How to Read Hitler" ist einer von zahlreichen Titeln einer "How to Read"-Reihe, die dem Leser als Starthilfe für die vertiefte Lektüre philosophischer, politischer oder literarischer Klassiker dienen. Vertreten sind in dieser Reihe die Philosophen Plato und Descartes ebenso wie Shakespeare, Darwin, Marx und Freud.

Neil Gregors Einführung in Hitlers Schriften erschien in Erstauflage 2005. Offenbar veranlasste die aktuelle Debatte um die Wiederveröffentlichung von "Mein Kampf" in Deutschland Autor oder Verlag zu einer korrigierten Neuauflage. Gegenstand der Untersuchung ist in erster Linie Hitlers "Mein Kampf"; daneben berücksichtigt Gregor aber auch Hitlers so genanntes "Zweites Buch". Zu Recht konstatiert der Verfasser, dass "Mein Kampf" zum einen das Ringen um die Führerschaft innerhalb der völkischen Szene widerspiegele, zum anderen Hitlers Glauben an sich selbst - als Führer, der auserwählt sei, Deutschlands Stärke wiederherzustellen. Bezeichnend hierfür sind die autobiografischen Passagen in "Mein Kampf". Sie sind nicht nur unzuverlässig und verfälscht, sondern transportieren stets eine politische Botschaft. Obwohl Gregor in Hitlers Schriften insgesamt "poverty of thought" feststellt (88), betont er, dass Hitler ernst genommen werden müsse: "To dismiss Hitler's ideas as merely eccentric or deranged is intellectually and morally lazy [...]." (14)

"Mein Kampf", so Gregor, sei kein detailliertes Gesamtprogramm Hitlers, aber nichtsdestotrotz eine reiche Quelle für den Historiker, und zwar als Schlüsseldokument der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Krise der Weimarer Republik. Deshalb verwundere es nicht, dass sich in Hitlers Schriften fast keine originären Gedanken fänden, die nicht bereits in früheren Schriften anderer Autoren zu finden seien. Auch Hitlers Schreibstil sei typisch für seine Zeit und widerspiegele mit ihren vielen Anlehnungen an die Militärsprache des Ersten Weltkriegs die Gewaltkultur aller faschistischen Bewegungen. Dass Hitlers "Sprache der Gewalt", wie Felicity Rash ihre Studie betitelt hat [1], dabei keineswegs wirr und unlesbar war, wird gerade in jüngster Zeit von der Forschung hervorgehoben. [2]

In seinen politischen Ambitionen, so Gregor, sei Hitler mitunter weit über die üblichen völkischen Forderungen hinausgegangen, um sich bewusst als radikalste Kraft der nationalistischen Szene zu etablieren. Dies habe sich etwa an seinen expansiven außenpolitischen Zielvorstellungen gezeigt: Ein bloßer Revisionismus, wie ihn viele Nationalisten verfochten, kam für Hitler bekanntlich nicht in Frage. Der innere staatliche Aufbau, so Gregor, ging bei Hitler mit der Ausdehnung nach außen Hand in Hand. Neil Gregor betont allerdings, dass aus "Mein Kampf" und Hitlers "Zweitem Buch" kein detailliertes außenpolitisches Programm ablesbar sei, ebenso wenig ein Zeitplan. Gregor spricht deshalb von einer außenpolitischen Vision, nicht von einem Programm.

Neben der außenpolitischen Maxime "Lebensraum im Osten" stellt der Verfasser auch die anderen zentralen Leitmotive von Hitlers Schriften vor. In erster Linie gehört dazu selbstverständlich Hitlers Judenhass. Für alle angeblichen Verfallserscheinungen, egal ob gesellschaftlich, kulturell, politisch oder wirtschaftlich, machte Hitler die Juden verantwortlich, wobei er seinen biologischen Antisemitismus im Vergleich zu früheren Autoren für "wissenschaftlich" begründet hielt. Die Kirchen griff Hitler in "Mein Kampf" nicht ausdrücklich an, allerdings verdeutlichen die Aussagen zur Eugenik seine antichristliche Einstellung. Ablehnung von Demokratie, "Führerprinzip" nach dem vermeintlich "aristokratischen Grundprinzip der Natur" - womit nichts anderes gemeint war als krasser Sozialdarwinismus - und Kompromisslosigkeit waren weitere Grundsätze Hitlers. Das dominante Leitmotiv war dabei immer der "Kampf", wobei das englische Wort "struggle" hier präziser erscheint als das deutsche Wort Kampf, handelt es sich bei Hitlers "Kampf" doch meist um ein zähes Ringen, das in Hitlers Darstellung nicht nur dessen persönliches und politisches Leben bestimmt habe, sondern auch das Grundgesetz der Natur und der Geschichte sei.

Insgesamt ist Neil Gregor eine eingängig geschriebene Zusammenfassung von Hitlers Gedanken gelungen, die nur wenig Anlass zur Kritik gibt - und diese lässt sich in wenigen Punkten zusammenfassen. Erstens ist die Behauptung, Hitler habe den Großteil von "Mein Kampf" diktiert (5), durch die Forschungen von Othmar Plöckinger widerlegt worden. [3] Zweitens verweist Gregor darauf, dass die biologisch-medizinische Sprache von "Mein Kampf" auf die Völkermord-Botschaft verwies und die Vernichtung legitimierte. Das ist zweifellos richtig, doch hätte erwähnt werden sollen, dass diese Sprache nicht neu war und Juden schon in antisemitischen Schriften des 19. Jahrhunderts als "Bazillen", Krankheitserreger und dergleichen bezeichnet wurden. Drittens ist Gregors Aussage fragwürdig, Hitlers eugenische Gedanken seien radikaler als alles bis dahin Bekannte gewesen. Bereits 1895 hatte Alfred Ploetz, einer der Begründer der "Rassenhygiene" in Deutschland, gefordert, "ein schwächliches oder missgestaltetes" Neugeborenes "durch eine kleine Dosis Morphium" zu töten. [4]

Allerdings können diese vereinzelten Kritikpunkte das Verdienst von Neil Gregor nicht schmälern, Hitlers Gedanken in prägnanter Form einem breiten Leserkreis zugänglich zu machen. Wer sich nicht mit den 750 Seiten des Originals von "Mein Kampf" abmühen oder die 350-seitige textimmanente Interpretation von Barbara Zehnpfennig [5] lesen möchte, sondern eine knappe, sehr gute Zusammenfassung von Hitlers Grundgedanken sucht, greife zu Neil Gregors "How to Read Hitler".


Anmerkungen:

[1] Felicity Rash: The Language of Violence. Adolf Hitler's Mein Kampf, New York 2006.

[2] Vgl. dazu etwa Helmuth Kiesel: War Adolf Hitler ein guter Schriftsteller?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.8.2014, 11.

[3] Florian Beierl / Othmar Plöckinger: Neue Dokumente zu Hitlers Buch Mein Kampf, in: VfZ 57 (2009), 261-318; Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers "Mein Kampf", 1922-1945, 2. Aufl., München 2011, 121-153.

[4] Alfred Ploetz: Grundlinien einer Rassen-Hygiene, I. Theil: Die Tüchtigkeit unsrer Rasse und der Schutz der Schwachen, Berlin 1895, 144.

[5] Barbara Zehnpfennig: Hitlers Mein Kampf. Eine Interpretation, 3. Aufl., München 2006.

Roman Töppel