Rezension über:

Michael Quinlan: Thinking About Nuclear Weapons. Principles, Problems, Prospects (= Changing Character of War), Oxford: Oxford University Press 2009, XXI + 194 S., ISBN 978-0-19-956394-4, USD 49,95
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Rezension von:
Beatrice Heuser
University of Reading
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Beatrice Heuser: Rezension von: Michael Quinlan: Thinking About Nuclear Weapons. Principles, Problems, Prospects, Oxford: Oxford University Press 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 6 [15.06.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/06/17342.html


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Michael Quinlan: Thinking About Nuclear Weapons

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Das anzuzeigende Buch ist das Vermächtnis eines herausragenden britischen Regierungsbeamten, Sir Michael Quinlan, der im Jahr der Veröffentlichung verstorben ist. Wenige Beamte waren ähnlich einflussreich wie er.

Im Guten wie im Schlechten ist der britische Beamtenapparat durch eine Mauer von der Welt der Universitäten und Thinktanks getrennt. Doch die Mauer ist permeabel: Es gibt Gespräche in strategischen und sicherheitspolitischen Fragen, insbesondere seit Gründung des International Institute for Strategic Studies 1958. Quinlan hat in herausragender Weise dazu beigetragen, dass britische Regierungen ihre Politik nicht nur durchdacht, sondern ihre Sichtweise auch veröffentlicht haben - die von ihm verfassten britischen Weißbücher zum Thema sind im Anhang abgedruckt. Dabei hat er sich bewusst der Debatte mit extremen Kritikern der Regierungspolitik wie mit Strategen gegnerischer Staaten ausgesetzt. An sie alle ist dieses Buch als ein letzter Beitrag einer aufgeklärten Informationspolitik gerichtet.

Die erwähnte Mauer schottete britische Politiker, Regierungsbeamte und Militärs lange von all dem ab, was Experten außerhalb der Regierung schrieben. So hat Quinlan sein gesamtes Denken zu Nuklearwaffen völlig separat und isoliert von den Thinktanks in Großbritannien oder den USA entwickelt: Als er 1954 nach zwei Jahren Militärdienst in der britischen Luftwaffe als junger Beamter dem Luftfahrtministerium beitrat, gab es kaum ein Dutzend Bücher zur Kernwaffenpolitik. Entsprechend stolz war er darauf, seine Überlegungen selbst entwickelt zu haben, basierend allein auf der für seine Generation typischen Schulung im Oxbridge-Studium großer Texte der Antike und abgeleitet vom katholischen Denken über den 'gerechten Krieg', das heute internationale Anerkennung in den Vereinten Nationen gefunden hat. [1] Gleichwohl hat Quinlan sich nie gescheut, katholische Bischofskonferenzen und Päpste wegen ihres unlogischen Denkens zu kritisieren.

Zentral für Quinlans Buch ist der Dialog mit den Friedensbewegungen und den Ethikern, den er auch in seinem mit General Lord Guthrie verfassten Buch über den gerechten Krieg aufgegriffen hat. [2] Quinlan weist jene zurecht, die jede Entscheidung verdammen und nur händeringend die tragische Unerträglichkeit des moralischen Dilemmas beklagen. Für Regierungen, die in der Entscheidungspflicht stehen, ist es verwerflich, in einer ethisch noch so schweren Frage Entscheidungen zu vermeiden. Hier klingt das katholische Verständnis dafür durch, dass Entscheidungen oft ein Abwägen von größeren und kleineren Übeln bedeuten und nicht eine Wahl zwischen Gut und Böse, wie viele Protestanten meinen.

Quinlan wehrt sich gegen den naiven Glauben, Kernwaffen seien die Wurzel alles Bösen: Das sind vielmehr der Krieg selbst bzw. die Bereitschaft der Menschen, ihn zu führen, nicht die Waffen, mit denen er ausgetragen wird. Quinlan weist wiederholt darauf hin, dass fast jedes Mittel recht sein muss, um das Ausbrechen von Weltkriegen durch Abschreckung zu verhindern. Er ist überzeugt, dass etliche existierende Spannungsverhältnisse in der Welt durch Kernwaffen stabilisiert werden: Das zwischen Israel und seinen Nachbarn, das zwischen Indien und Pakistan und das zwischen der Volksrepublik China und Taiwan. Er selbst ist noch nach als Pensionär von der britischen Regierung eingesetzt worden, um in Indien und Pakistan die wichtigsten Prinzipien für einen sicheren Umgang mit Kernwaffen weiterzugeben.

Zu diesen "Quinlan-Prinzipien" gehören das wechselseitige Zugeständnis eines Rechts auf "sichere Abschreckung": Die Fähigkeit zum Vergeltungsschlag, ein Vermeiden aller Anreize zu Präemptivangriffen und der Besitz eines ausreichenden, aber nicht übergroßen Nukleararsenals. (Letzteres ist das in Großbritannien seit den 1950er Jahren entwickelte Prinzip nuklearer Suffizienz. Quinlan sprach sich durchaus gegen zu kleine Arsenale aus, da diese den Gegner zu Präemptivschlägen verlocken könnten.) Als weitere Grundpositionen lassen sich festhalten:

- Kernwaffen müssen immer und überall fest unter der Kontrolle der Regierung stehen.

- Eine Kommunikation mit der gegnerischen Führungsspitze muss immer möglich sein.

- In Krisenzeiten gilt es Maßnahmen zu vermeiden, die missverstanden werden könnten. Entsprechend müssen Prozesse vorab auf solche Fehlinterpretationen hin untersucht werden.

- Notwendig sind Sicherheitsvorkehrungen gegen Unglücksfälle oder unautorisiertes Abfeuern von Kernwaffen sowie die Bereitschaft, den Gegner umgehend über solch einen Fall zu informieren. Aus eigener Erfahrung ist Quinlan dabei recht gelassen, was die Wahrscheinlichkeit solcher Vorkommnisse betrifft - zumindest in entwickelten Kernwaffenstaaten.

- Kernwaffenstrategie darf weder einen klassischen militärischen Sieg noch ein Entwaffnen des Gegners bezwecken. Von Kernwaffen anvisierte Ziele können militärischer Art sein, sollen aber vorerst nur eine letzte Warnung geben. Nur falls diese vom Gegner nicht befolgt wird, müssen Ziele zerstört werden, die den Angreifer zu erneuter Offensive unfähig machen werden. Die Interpretation liegt nahe, dass Quinlan dabei Bunker der gegnerischen Führung anvisieren würde, wozu sehr präzise Waffen sowie gute Lageinformationen notwendig sind. Quinlan hat sich deswegen immer dafür eingesetzt, dass seine Regierung die präzisesten Waffen und die beste Aufklärung über Ziele haben sollte, die es gibt - was die Zusammenarbeit mit den USA immer notwendig machte.

Die unbedingte Einhaltung dieser Regeln verspreche, so Quinlan, einiges an Stabilität. Weniger gelassen war Quinlan, was das Szenario von Kernwaffen in "instabilen Händen" (154) angeht. Offensichtlich vertraute er Regierungen bestehender Kernwaffenstaaten, nicht aber a priori allen Besitzern von Kernwaffen.

Langfristig wollte Quinlan eine Welt ohne Kernwaffen; die Abrüstungsverpflichtungen im Nichtverbreitungsvertrag von 1968 nahm er sehr ernst. Allerdings kam hier zugleich eine zweite Überzeugung zum Tragen: Nukleare Abrüstung allein wäre unsinnig, wenn dadurch nur die Tür für konventionelle Kriege geöffnet würde. Er unternahm noch im letzten Lebensjahrzehnt große Anstrengungen, Forschungsprojekte zu initiieren, wie man zu einer kernwaffenfreien, aber dennoch militärisch stabilen Welt finden könnte. Quinlan verstand wohl, dass es in einer Welt souveräner Staaten nie völlige Sicherheit geben kann, in der alle Staaten vertragliche Verpflichtungen einhalten, da eine der definierenden Charakteristika von Souveränität gerade darin liegt, Verpflichtungen unilateral aufkündigen zu können (160). Eine Weltregierung erschien ihm aber zu entfernt. Daher fragte er, wie man mittelfristig bindendere Verpflichtungen schaffen könne.

Eine weitere Ansicht, für die Quinlan berühmt ist, ist das Bestehen auf der Notwendigkeit glaubwürdiger, operationeller nuklearer Einsatzpläne. Diese setzen reale Arsenale voraus, woraus sich Quinlans Ablehnung aller Vorschläge zur Abrüstung bis hin zu virtuellen Arsenalen und dergleichen ergibt. Weniger überzeugend ist sein Glaube, dass der Ersteinsatz von Kernwaffen beim Gegner eher einen Ernüchterungsschock auslösen würde statt wütende Vergeltung. Er meinte deswegen, dass ein Ersteinsatz unbedingt zu glaubhaften Einsatzplänen gehören müsse - und auch, dass dieser weniger eskalierend wirken würde als ein Vergeltungseinsatz. Um die Strategie des Warschauer Paktes, in der Vergeltung und der Kenntnis des gegnerischen Feuerns im Mittelpunkt stand [3], hat sich Quinlan nie sehr gekümmert, sondern exzessiv zur Annahme geneigt, dass seine westlich-katholische Sichtweise auch von anderen Kulturen geteilt werden müsse.

Trotz dieses Mangels zählt das hier entwickelte, fest im Boden der Praxis verwurzelte "Quinlan-Vermächtnis" zu den wichtigsten Publikationen zum Thema Kernwaffenstrategie neben Bernard Brodie und dem absurden Herman Kahn. Experten wird fast alles, was Quinlan in diesem schmalen, aber substanzreichen Band sagt, bekannt vorkommen, aber wir sehen hier veröffentlicht, was er Jahrzehnte lang in kleinen Kreisen gepredigt hat, und was nicht nur die britische Strategie, sondern auch jene der NATO entscheidend mitbestimmt hat.


Anmerkungen:

[1] Vgl. UN High Level Panel on Threats, Challenges and Change (2004): A More Secure World: our shared responsibility, URL: http://www.un.org/secureworld/report.pdf (14. Juli 2009).

[2] Michael Quinlan / Charles Guthrie: Just War: The Just War Tradition - Ethics in Modern Warfare, London 2007.

[3] Beatrice Heuser: Warsaw Pact Military Doctrines in the 70s and 80s. Findings in the East German Archives, in: Comparative Strategy 12 (1993), H. 4, 437-457.

Beatrice Heuser