Rezension über:

Carmen Götz: Friedrich Heinrich Jacobi im Kontext der Aufklärung. Diskurse zwischen Philosophie, Medizin und Literatur (= Studien zum achtzehnten Jahrhundert; Bd. 30), Hamburg: Felix Meiner Verlag 2008, XII + 528 S., ISBN 978-3-7873-1878-0, EUR 98,00
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Rezension von:
Tanja van Hoorn
Deutsches Seminar, Leibniz Universität Hannover
Redaktionelle Betreuung:
Holger Zaunstöck
Empfohlene Zitierweise:
Tanja van Hoorn: Rezension von: Carmen Götz: Friedrich Heinrich Jacobi im Kontext der Aufklärung. Diskurse zwischen Philosophie, Medizin und Literatur, Hamburg: Felix Meiner Verlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 11 [15.11.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/11/14833.html


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Carmen Götz: Friedrich Heinrich Jacobi im Kontext der Aufklärung

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Bei der vorliegenden Monographie handelt es sich um die Druckfassung einer 2004 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf im Fach Philosophie angenommenen Doktorarbeit. Ziel der Darstellung ist es, den oftmals einseitig zum Schwärmer oder 'Gegenaufklärer' stilisierten Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi im breiteren Kontext der Aufklärung zu verorten. Materiale Grundlage dieses Vorhabens sind weniger die Romane oder philosophischen Streitschriften Jacobis, als vielmehr der äußerst umfangreiche und beinahe alle Berühmtheiten der Aufklärung als Kommunikationspartner mit einbeziehende Briefwechsel.

Den durch diese Vorentscheidung nahe gelegten quellenbezogenen, mikrologischen Ansatz ergänzt die Verfasserin durch eine problemgeschichtlich-makrologische Perspektive: Aus den insgesamt 1850 Briefen von und an Jacobi der Düsseldorfer bzw. Pempelforter Zeit (d.h. bis zur Flucht vor den französischen Revolutionstruppen 1794) will sie nicht nur einen neuen Blick auf Jacobi generieren, sondern strebt dabei zugleich auch eine disziplinenübergreifende "tendenziell die gesamte Kulturgeschichte der Aufklärung in den Blick nehmende Untersuchung" (1) an. In der Tat pendelt die Darstellung zwischen einem Porträt Jacobis - äußerst aufschlussreich und nachhaltig irritierend etwa ist der aus den Briefen minutiös rekonstruierte Einblick in die terroristischen Erziehungspraktiken des vermeintlich so Empfindsamen - und überblickshaften, quellengesättigten Spaziergängen durch Lieblingsthemen der Aufklärung wie Lesesucht, Hypochondrie und Gartenmode.

In ihrer mit über achtzig Seiten recht breiten, auch inhaltlich nicht unproblematischen Einleitung steckt die Verfasserin das konzeptionelle Feld ihrer Untersuchung ab. Dabei warten auf den Leser einige Überraschungen. Im zentralen Unterkapitel "Kontextualisierungen" (Kap. I.3) etwa geht es nicht um die Kontexte Jacobis, sondern um die Kontexte, die die Verfasserin für ihren Blick auf das Zeitalter der Aufklärung (dessen "kurze Geschichte - und Theorie" [!] (25) sie im Vorlauf skizzieren möchte) zu benötigen meint: Hier präsentiert die Verfasserin eine "starke anthropologische Aussage" als Fundament ihrer "Theorie", die dann eine "nicht minder starke geschichtsphilosophische Hypothese" nach sich ziehen soll (23).

In anthropologischer Hinsicht greift die Verfasserin auf die Psychoanalyse Jacques Lacans zurück und geht mit ihm von einem "grundlegenden, historisch konstanten Begehren" (55) des Menschen aus, welches sich in der Menschheitsgeschichte in verschiedener Weise Bahn breche. Kulturgeschichte begreift die Verfasserin folglich als die Geschichte der kulturellen Konstrukte, die aus dem anthropologisch konstanten, jedoch nie erfüllbaren Begehren nach "Überwindung der Todesverfallenheit" (26) bzw. dem Begehren nach Unsterblichkeit und Entgrenzung erwüchsen. Diese Grundannahme kombiniert die Verfasserin nicht nur mit der anthropologisch-kulturphilosophischen so genannten "Pathognostik" des Philosophen Rudolf Heinz, sondern auch mit einer neu gefassten Säkularisierungsthese.

Ziel dieses Theorien-Mix ist ein neuer Blick auf die unterschiedlichen "kultisch-liturgischen Elemente der Kultur des ausgehenden 18. Jahrhunderts" (55), die Gerhard Sauder in seiner wegweisenden Empfindsamkeitsstudie "weitgehend ignoriert" (23) habe; Freundschafts- wie Naturkult aber müssten gleichermaßen als das Ergebnis einer nun innerweltlich sich artikulierenden Entgrenzungssehnsucht des Menschen gelesen werden, die in einem Zug nicht nur zu dieser "Sakralisierung des Diesseits" (2) sondern zugleich auch überhaupt erst zur Konstitution des modernen bürgerlichen Subjekts geführt habe.

Ob diese reichlich allgemein anmutende kulturgeschichtliche These für die Analyse der konkreten Texte der Aufklärung tatsächlich neue Aufschlüsselungsmöglichkeiten bereithält, scheint fraglich und müsste noch gezeigt werden. Etwas unglücklich ist in diesem Zusammenhang jedenfalls der positive Bezug der Verfasserin auf eine vor Jahren als Plagiat enttarnte und zurückgezogene psychologische Habilitationsschrift (nämlich Hanna Gekles "Tod im Spiegel"). Entscheidender aber ist, dass in der vorliegenden Arbeit diese anthropologisch-geschichtsphilosophische Grundierung nicht nur, was ja nicht grundsätzlich problematisch sein müsste, "unzeitgemäß" (23), sondern letztlich unnötig wirkt.

Der Versuch etwa, die Gestalt des Schwärmers in den Romanen der Spätaufklärung als Abbildungen "kollabierender Selbste" (468) im unlösbaren Konfliktfeld von narzisstischem Begehren und den Tod überwinden wollendem Todestrieb zu deuten und sie in einer historischen Entwicklung "von der Transzendenz in die Immanenz" (468) als "Trainingseinheit für den künftigen Immanenzkurs" (469) zu interpretieren, erscheint doch etwas karikaturhaft und wenig überzeugend.

Diese Vorbehalte gegen die theoretische Basis der Arbeit ändern aber nichts daran, dass der Hauptteil, d.h. die Aufbereitung des bislang kaum systematisch erforschten, erschlagend breiten Briefwechsels Jacobis durch inhaltliche Stimmigkeit sowie eine gut geordnete und plastische Präsentation überzeugt.

Ihren Text organisiert die Verfasserin anhand der fünf aus Hartmut und Gernot Böhmes Abhandlung über "Das Andere der Vernunft" übernommenen Begriffe "Gefühl", "Begehren", "Leib", "Natur" und "Phantasie", hinter denen sich gängige Kategorien der Empfindsamkeitsforschung nämlich Freundschaftskult ("Gefühl"), affektregulierende bürgerliche Erziehung ("Begehren"), Hypochondrie als Modekrankheit der Zeit ("Leib"), enthusiastische Verehrung der Natur ("Natur") und Schwärmerdebatte ("Phantasie") verbergen.

Es ist die überaus kluge Entscheidung der Verfasserin, ihr Material nicht chronologisch oder nach Personen, sondern nach diesen systematischen Kriterien zu organisieren; ihre vielleicht größte Leistung ist es, dass sie sich dabei nicht in ihrem Material verliert. Sie bietet vielmehr in fünf großen Kapiteln aus dem Briefmaterial herausgeschälte, immer genau belegte und gleichwohl nie pedantische, exemplarisch am 'Fall Jacobi' plastisch gemachte spotlights auf zentrale Momente der empfindsamen Hoch- und Spätaufklärung.

Wie etwa Jacobi für den abwesenden (!) Friedrich Leopold Graf zu Stolberg eine geradezu kultische Geburtstagsfeier ausrichtete und diese Feier dann in einem Brief an seinen Sohn literarisch reinszenierte, prägt sich ebenso ein wie die Rekonstruktion von Jacobis Streit mit den Berliner Aufklärern über Schwärmerei und Vernunft, in der Jacobi als früher Ahner einer Dialektik der Aufklärung sichtbar wird. Auch die allgemeinen Einschätzungen empfindsamer Phänomene überzeugen: Dass das avisierte reine Brief-Gespräch der 'schönen Seelen' auf einer rigiden Verdrängung von Leiblichkeit beruht und diese permanente Bekämpfung des Körpers geradezu notwendig das Klima für die Modekrankheit Hypochondrie schafft, leuchtet ebenso ein, wie die These, dass der Kult um das Erhabene ein Ersatzphantasma ist, in dem nicht mehr Gott, sondern die Natur sakralisiert wird - ob man hier unbedingt ein historisch konstantes anthropologisches Bedürfnis nach Entgrenzung annehmen muss, sei, wie gesagt, dahingestellt.

Insgesamt legt die Verfasserin, die durch die Herausgabe der Romane als Kennerin Jacobis ausgewiesen ist und eine Herausgabe der Briefe vorbereitet, mit ihrer knapp fünfhundert Textseiten umfassenden Arbeit eine ebenso flüssig wie belehrend zu lesende Studie vor. Nicht nur die Jacobiforschung sollte dieses Porträt eines Vernunftkritikers im Namen der Vernunft zur Kenntnis nehmen.

Tanja van Hoorn