Rezension über:

Gerhard Klier: Die drei Geister des Menschen. Die sogenannte Spirituslehre in der Physiologie der Frühen Neuzeit (= Sudhoffs Archiv. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte; Beiheft 50), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2002, 212 S., ISBN 978-3-515-08196-2, EUR 38,00
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Rezension von:
Tanja van Hoorn
Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA), Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Redaktionelle Betreuung:
Holger Zaunstöck
Empfohlene Zitierweise:
Tanja van Hoorn: Rezension von: Gerhard Klier: Die drei Geister des Menschen. Die sogenannte Spirituslehre in der Physiologie der Frühen Neuzeit, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 3 [15.03.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/03/2655.html


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Gerhard Klier: Die drei Geister des Menschen

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Seit der Antike ist die Frage nach dem Differenzkriterium von belebter und unbelebter Natur Gegenstand philosophischer und medizinischer Debatten. Im Kern geht es dabei um das Problem, wodurch die Prozesse in einem lebendigen Körper angetrieben werden. Das aristotelische, teleologische Konzept der verschiedenen Seelen wird in der Folge Galens zum herrschenden wissenschaftlichen Denkmodell eines oder mehrerer spiritus umgeformt.

Aristoteles unterscheidet bekanntlich die Lebewesen von der unbelebten Natur dadurch, dass er ihnen eine Seele zuspricht: Pflanzen verfügen nur über eine vegetative Seele, mit deren Hilfe sie Nahrung aufnehmen, Tiere besitzen zusätzlich eine animalische Seele, welche es ihnen ermöglicht, sich zu bewegen und nur Menschen kommt darüber hinaus auch eine Vernunftseele zu.

Galen, der bedeutendste Arzt der Antike, entwickelt in Anknüpfung an das aristotelische Drei-Seelen-Modell seine Spirituslehre. Er lokalisiert die verschiedenen Seelen des Menschen konkret in der Leber, dem Herzen und dem Hirn, wo ein jeweils spezifischer spiritus (nämlich der spiritus naturalis, spiritus vitalis und spiritus animalis) aus der aufgenommenen Nahrung und dem so genannten Pneuma 'herausgekocht' wird. Diese spiritus bestehen nach Galen aus einer sehr feinen Substanz und üben eine Mittlerfunktion zwischen Körper und Seele aus. Die Sprituslehre Galens bleibt, wenngleich mit teilweise erheblichen Abwandlungen (Paracelsus) und an die Anforderungen der christlichen Erlösungslehre angepasst, bis in die Frühe Neuzeit (Jean Fernel) wegweisend.

Erst mit René Descartes' radikaler Trennung von res extensa und res cogitans gerät diese Lehre in eine schwere Krise - zwar entwickelt Descartes noch einmal eine bis weit ins 18. Jahrhundert hinein (so etwa von Friedrich Hoffmann) rezipierte neue Theorie der spiritus animales. Er konzipiert diese aber in fundamentaler Abkehr von der tradierten Mittlerfunktion der spiritus explizit als eine materielle, allein der res extensa-Welt zugehörige Substanz und untergräbt damit ihre Sonderstellung. Ausdruck der durch Descartes ausgelösten Krise ist nicht zuletzt Georg Ernst Stahls gerade in Abgrenzung zum cartesianischen iatrophysikalischen Modell entwickelter 'Animismus': Denn auch Stahls These, dass nicht Descartes' materielle spiritus animales, sondern vielmehr die 'anima' selbst die Bewegungen und Verrichtungen des Körpers steuere, ist nicht länger dem alten trinomischen Modell, sondern dem neuen dualen Konzept verpflichtet.

Die Geschichte dieses "Epochenbruchs" (Klappentext) zu skizzieren nimmt sich Gerhard Klier in seiner hier anzuzeigenden, 1999 an der Historischen Fakultät der Universität GH Essen als Dissertation zugelassenen Studie vor. Die Arbeit gliedert sich in drei Hauptteile: einer Darstellung der "Allgemeinen Spirituslehre" (I) folgt eine Skizze der "Leistungen der jeweiligen Spiritus" (II), an die eine Schilderung der "Elimination der Spirituslehre" (III) anschließt.

Im ersten, allgemeinen Teil stellt Klier die Spirituslehre der Frühen Neuzeit zunächst als ein nicht nur medizinisch-physiologisches, sondern auch kosmologisch-spirituelles Erklärungsmodell vor und zeigt auf, wie im zeitgenössischen Denken die spiritus nicht nur zwischen Leib und Seele, sondern auch zwischen Mikro- und Makrokosmos vermitteln. Dabei setzt sich Klier insbesondere das Ziel, die "fraktionsübergreifenden Gemeinsamkeiten" (11) der verschiedenen Ansätze aus dem gesamten zugrundegelegten Quellenkorpus herauszuschälen.

Zweitens nimmt sich Klier dann vor, die Leistung der Spirituslehre an konkreten Beispielen zu illustrieren, um zu belegen, dass mit dieser Lehre "den frühneuzeitlichen Ärzten, Naturforschern und Theologen eine (imaginäre) Wissenschaftsauffassung in die Hand gegeben [ist], welche [...] den Menschen von der Zeugung bis zum Tod zu erklären vermag" (88).

Abschließend verfolgt Klier im dritten Teil die Schritt für Schritt sich vollziehende Destruktion der Spirituslehre. Den entscheidenden Umschlagpunkt bildet seiner Auffassung nach auch die cartesianische Zwei-Substanzenlehre, in deren Folge die tradierte Vorstellung einer engen Zusammenarbeit von so genannten Seelenfakultäten und spezifischen spiritus zugunsten einer neuen, sei es mechanistischen, sei es organistischen Körper-Konzeption ad acta gelegt wird.

Klier legt mit seiner Arbeit eine Studie zu einem weitgehend unbestellten Feld vor, die nicht nur vor dem Hintergrund der neueren interdisziplinären Forschungsansätze Beachtung fordert, sondern sich auch als Beitrag zur Frühgeschichte der Anthropologie lesen lässt. Allerdings wird diese durchaus gelehrte und kenntnisreiche Arbeit derartigen Erwartungen letztlich nicht gerecht. Dies hat methodische, inhaltliche, formale und sprachliche Gründe.

Methodisch entscheidet sich Klier für ein Vorgehen, das insbesondere im ersten Teil nicht einzelne Autoren und ihre Werke in den Mittelpunkt stellt, sondern auf Belege aus den verschiedenen zeitgenössischen physiologischen, philosophischen und mystischen Texten zurückgreift. Diese Vorgehensweise (die allerdings wohl kaum "methodisch raffiniert" genannt werden kann, wie der Klappentext behauptet) könnte theoretisch allgemeine Grundzüge der Spirituslehre klar und unabhängig von privaten Fehden und unbedeutenden Meinungsverschiedenheiten präsentieren. Im Ergebnis erweist sich dieses Vorgehen im Rahmen einer Arbeit, die sich größtenteils auf nur in Umrissen bekannte Quellen bezieht, jedoch als problematisch.

Denn im unübersichtlichen Feld der Spirituslehren des 16. und 17. Jahrhunderts hat der Leser auch nach dem Studium dieser Arbeit noch keinen klaren Überblick über Frontstellungen, Strömungen und Eckpfeiler der Entwicklung. Dies liegt zu einem nicht geringen Teil daran, dass Autoren einschlägiger Beiträge nie auch nur ansatzweise eingeführt werden: Klier gibt Vornamen grundsätzlich auch bei erstmaliger Nennung nicht an, erwähnt keine Lebensdaten (unklare Ausnahme: 139) und nennt Titel selbst von zentralen Hauptwerken im Text nicht. Wer also nicht schon vor der Lektüre dieses Buches wusste, wer Jean Fernel ist und worin seine Bedeutung besteht, wird es auch nachher nicht leicht wissen.

Durch diese Darstellungsweise wirkt Kliers Arbeit nicht nur insgesamt hermetisch, unanschaulich und wenig adressatenbezogen, von Zeit zu Zeit stellt sich auch die inhaltliche Frage nach der Repräsentativität der ausgewählten Textbelege. So darf wohl zumindest hinterfragt werden, ob der junge Schüler Friedrich Hoffmanns und Johann Gottlob Krügers, Ernst Anton Nicolai, mit seiner die zeitgenössischen Tendenzen zur Rehabilitierung der Epigenesis-Theorie nicht aufnehmenden Zeugungs-Schrift berechtigterweise als Fluchtpunkt einer sich auf den Begriff des Organismus hinbewegenden Wissenschaftsentwicklung zitiert werden kann (167).

Fataler erscheint, dass sich in Kliers Buch Sorglosigkeiten bezüglich der Terminologie finden, die doch gerade für den heutigen Leser eine entscheidende Hürde zum Verständnis bildet. Nicht nur werden grundsätzlich die Begriffe kaum eigens expliziert und einlässig eingeführt (auch ein Register sucht man vergebens). Verwirrend und unverständlich sind auch die Nachlässigkeiten im Detail, etwa wenn ein Titel "Die jeweiligen Spritus: Spiritus fixus und Spiritus influens" (42) ankündigt, im betreffenden Kapitel dann aber der "Spiritus fixus" gar nicht mehr erwähnt wird und stattdessen ein "Spiritus insitus" auftaucht.

Dass man Kliers Arbeit aber von Beginn an mit einem gewissen Unwillen liest, liegt an der unverständlich großen Zahl von Flüchtigkeits- und Tippfehlern, an den vielen unvollständigen und dadurch unverständlichen Sätzen und an den sprachlichen Sperrigkeiten und auffälligen Wiederholungen immergleicher Anfangsformeln: Dieses Buch ist offensichtlich weder redigiert noch lektoriert worden.

Insgesamt bleibt so der Eindruck, dass hier ist eine Chance vertan worden ist: Seit zwei Jahrzehnten beschäftigt sich die Aufklärungsforschung unter dem Schlagwort 'Anthropologie' mit der cartesianischen Folgelast. Dass die Sprirituslehre der in der Folge Descartes' endgültig verabschiedete 'Kitt' zwischen Leib und Seele war und wie dieser Kitt funktionierte, wie also "die Spirituslehre [das] Fundament für eine noch zu schreibende Anthropologie der frühen Neuzeit" (11) sein konnte, das wäre doch eigentlich interessant gewesen. Eigentlich.

Tanja van Hoorn