Rezension über:

Niklas Holzberg: Ovids Metamorphosen (= C.H. Beck Wissen; Nr. 2421), München: C.H.Beck 2007, 128 S., ISBN 978-3-406-53621-2, EUR 7,90
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Rezension von:
Nils Steffensen
Abteilung für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Nils Steffensen: Rezension von: Niklas Holzberg: Ovids Metamorphosen, München: C.H.Beck 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 10 [15.10.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/10/15567.html


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Niklas Holzberg: Ovids Metamorphosen

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Ovid gilt seit jeher wegen der spielerischen Leichtigkeit und urbanen Eleganz seiner Verse als vielleicht nicht tiefsinnigster, aber doch populärster Dichter, der Werke in lateinischer Sprache hinterlassen hat. Zwar mochte sein Œuvre bisweilen Anfechtungen ausgesetzt sein: der von Winckelmann initialisierten Bewunderung für das Griechentum etwa oder der Prüderie, die Anstoß an der vermeintlichen Frivolität der Amores und der Ars amatoria genommen hat. Unbestritten aber erlebt die (Post-)Moderne eine Aetas Nasonis, und kaum jemand zweifelt Fuhrmanns Diktum an, das Ovid zum "lesbarsten, geistreichsten und 'modernsten' Dichter des alten Rom" erhebt.[1] Indes vermag die augenscheinliche Zugänglichkeit, die Ovids Dichtungen eignet, leicht über die enormen Ansprüche hinwegzutäuschen, die der poeta doctus mit seinen hochkomplexen Schöpfungen tatsächlich an den Leser stellt, wenn ihm an einem möglichst vollkommenen Lektüregenuss gelegen ist.

In der Reihe "C.H. Beck Wissen" ist kürzlich aus der Feder von Niklas Holzberg, dem Verfasser vielbeachteter Darstellungen zur römischen Dichtung, eine Einführung in Ovids Metamorphosen erschienen. Dieser schmale, 128 Seiten umfassende Band schließt als Werkmonographie eine Lücke zumindest im deutschen Sprachraum; er konkurriert allenfalls mit drei Gesamtdarstellungen propädeutischen Charakters und einem eigenen, erfolgreichen Buch.[2] Holzberg wendet sich an ein weitgefächertes Publikum: an Schüler, Studenten und einen "möglichst breiten Leserkreis" (8); sein Ziel ist, ein "möglichst komplexes Bild von den Metamorphosen" (ebd.) zu entwerfen. Dieses Vorhaben schließt sinnvollerweise einen "Überblick über die historischen und literarischen Voraussetzungen [...] des Werkes" (9) ein.

Das Buch zerfällt in drei Teile: eine Einleitung, die biographische, historische und literaturwissenschaftliche Informationen zu Ovid als Dichter und den Metamorphosen bietet (9-28), eine detaillierte Analyse des Werkes (29-117) und ein Kapitel zur Nachwirkung (118-121). Einen Anhang bilden Register und Literaturverzeichnis. Oftmals darf Ovid selbst zu Wort kommen, stets in deutscher Übersetzung. Wo es Holzberg für das Verständnis notwendig erscheint, fügt er das lateinische Original bei. Fachtermini werden dem mit der Altertumskunde nicht vertrauten Leser erläutert. Im Duktus erinnert das Buch vielfach an eine Vorlesung und ist in jenem unprätentiösen Stil geschrieben, der Holzbergs Arbeiten auszuzeichnen pflegt.

Der erste Abschnitt ("Werkübergreifende Aspekte") profitiert von Holzbergs Fähigkeit, vielschichtige Zusammenhänge konzis darzulegen, sei es die Stellung der Metamorphosen im Schaffen des Dichters, sei es die literarische Tradition des Werkes und seine Struktur. Umsichtig verfährt Holzberg bei der Streitfrage der politischen Haltung Ovids. Hätten die elegischen Dichtungen auch konträr zum Restaurationsprogramm des Augustus gestanden, so impliziere Ovids Bekenntnis zum modernen Lebensgefühl ein Lob für dessen Regiment. Esoterische Interpretationsansätze weist Holzberg zurück. Den Gegenstand der Metamorphosen, die permanente Veränderung der Welt, hält er für kein Politikum. Nur dass die "Transformation bestehender Strukturen charakteristisch" (17) für Augustus' Herrschaft gewesen sei, vermag als Argument nicht völlig zu überzeugen. Denn da die Stabilität des Principats auf der Vermittlung der Illusion beruhte, dass die Republik noch immer fortbestehe, konnte Augustus an einer offenen Thematisierung der tatsächlichen Machtverhältnisse nicht gelegen sein. Deshalb durfte ein Eindruck vom Wandel des politischen Systems gerade nicht entstehen. Problematisch erscheint auch Holzbergs Berufung auf Livius als Bürgen für die Unbedenklichkeit, ja Notwendigkeit von politischen Veränderungen, jedenfalls in Hinsicht auf die Alleinherrschaft (17). Nicht nur, dass er die Meinung des Volkstribunen Canuleius mit derjenigen des Historikers etwas apodiktisch in eins setzt. Vor allem aber hielt Canuleius letztendlich ein Plädoyer für die politische Partizipation möglichst vieler Bürger, damit der innenpolitische Frieden gesichert bleibe, während die Macht des Princeps darauf beruhte, dass die gesellschaftlichen Gruppen und politischen Institutionen an Einfluss verloren. Ob jedoch Livius an die Notwendigkeit der Monarchie glaubte, ist trotz aller Verwerfungen des Bürgerkriegsjahrhunderts zweifelhaft.

Der Hauptteil, die Analyse, ist nach Pentaden und Büchern geordnet. Alle Episoden werden, einem carmen perpetuum entsprechend, der Reihenfolge nach behandelt. Unnötig zu erwähnen, dass Holzbergs Ausführungen auf modernster literaturwissenschaftlicher Methodik beruhen und zu durchweg erhellenden Einsichten führen. Niemals erliegt er der Gefahr eines bloßen Textreferats. Überaus hilfreich sind die tabellarischen Inhaltsübersichten vor jeder Buchinterpretation. Am besten liest man die Analyse abschnittsweise und im Wechsel mit dem jeweiligen Metamorphosen-Buch. Der historisch Interessierte hätte sich jedoch eine differenziertere Behandlung der Weltzeitalter gewünscht, wie der Verfasser sie in "Ovid. Dichter und Werk" auch bietet. Bei der Besprechung des XV. Buches rücken Politik und Geschichte in den Mittelpunkt. Wiederum besticht Holzberg durch Abgewogenheit des Urteils; seine Interpretation führt mehrere denkbare Erklärungsvarianten an. Die Vorsicht, von der Ovid sich beim Schreiben leiten ließ, hebt er ebenso hervor wie das Selbstbewusstsein und Überlegenheitsgefühl des Dichters, das aus den letzten Versen des Werkes spricht (116f.). Zu Recht vermittelt Holzberg eine Ahnung davon, welche Vieldeutigkeit der Dichtung Ovids innewohnt, deren zeitkritisches Potenzial hier klarer zutage tritt als in der Einleitung.

Im Schlusskapitel gelingt es Holzberg, zweitausend Jahre Nachleben der Metamorphosen auf nur drei Seiten Revue passieren zu lassen: eine aus souverän gewählten Beispielen bestehende tour d'horizon. Allenfalls vermisst man im Bereich der Instrumentalmusik die Kompositionen von Ditters von Dittersdorf, Saint-Saëns und Britten. Das Literaturverzeichnis schließlich bildet den derzeitigen Stand der Wissenschaft ab und dokumentiert die begrüßenswerte Offenheit des Verfassers für die englischsprachige Philologie.

Die Reihe "C.H. Beck Wissen" hat Holzberg mit "Ovids Metamorphosen" zweifelsohne um einen vorzüglichen Band bereichert, der sich zumal für eine Erst- oder Wiederbegegnung mit dem Text eignet. Eine dankbare Leserschaft wird der Autor, wie es seiner Absicht entspricht, gerade unter Schülern und sonstigen Interessierten finden: Für sie hat er eine ernst zu nehmende Einführung auf hohem Niveau geschrieben. Wer über eine nähere Beschäftigung mit Ovid nachdenkt, ist durch die Lektüre dieses Buches bestens präpariert.


Anmerkungen:

[1] Nach Ulrich Schmitzer / Helmut Seng / Markus Janka: Vorwort, in: Ovid. Werk - Kultur - Wirkung, hg. von Ulrich Schmitzer/ Helmut Seng/ Markus Janka, Darmstadt 2007, S. vii. Der Band enthält einen exzellenten Forschungsbericht von Janka. Erschreckend ist, dass unlängst die fundamentalistische Pius-Bruderschaft in Frankreich wegen sittlicher Bedenken gegen eine Aufnahme der Ars amatoria in den Lektürekanon der Schulen protestiert hat (Süddeutsche Zeitung vom 27.08.2009).

[2] Siegmar Döpp: Werke Ovids. Eine Einführung, München 1992; Ulrich Schmitzer: Ovid, Hildesheim 2001; Michael v. Albrecht: Ovid. Eine Einführung, Stuttgart 2003. Niklas Holzberg: Ovid. Dichter und Werk, München 32005.

Nils Steffensen