Rezension über:

Niklas Holzberg: Horaz. Dichter und Werk, München: C.H.Beck 2009, 240 S., ISBN 978-3-406-57962-2, EUR 24,90
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Rezension von:
Nils Steffensen
Historisches Seminar, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Nils Steffensen: Rezension von: Niklas Holzberg: Horaz. Dichter und Werk, München: C.H.Beck 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 3 [15.03.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/03/16035.html


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Niklas Holzberg: Horaz

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Zu Horaz steht die Gegenwart in eigentümlicher Distanz. Lange Zeit hatte sein Werk eine nahezu unumschränkte Autorität auf jeden ausgeübt, der in der Poesie nach höchster Anerkennung strebte, und abgesehen von der Wertschätzung für seine formale und sprachliche Virtuosität galt er stets als Dichter für anspruchsvolle Kenner, die gleichermaßen amüsante Unterhaltung wie philosophische Belehrung suchten. Seine Liebhaber schätzten in ihm einen angenehmen Gesellschafter und Lebenskünstler, der mit Spott und Heiterkeit, nicht mit trockener Pedanterie die menschlichen Laster aufzeige und fröhlich das recte vivere, den Gebrauch und Genuss des Lebens, vermittle. [1] Heutzutage jedoch stehen sprachliche Hürden und Horaz' Neigung zu reflektierenden Betrachtungen der Popularität des Dichters entgegen. Warum eine moderne Leserschaft sich mit ihm schwertut, mag aber auch im womöglich beunruhigenden Facettenreichtum des Werkes liegen, der jeden Anschein zudringlicher Vertrautheit abweist: in der Selbstironie, der vermeintlichen Zweideutigkeit im Politischen, dem philosophischen Eklektizismus und schließlich der Verbindung von aristokratischem Formwillen mit frivoler Leichtfertigkeit. Die These liegt nahe, dass Horaz bestenfalls als gleichsam zerstückelter Dichter überlebt habe, den man nurmehr aus einzelnen Zitaten und Phrasen kennt.

So sieht es zumindest Niklas Holzberg. Seiner langen Kette von Monographien über antike Dichter hat er ein weiteres Glied angefügt: "Horaz, Dichter und Werk". Erneut schließt er, zumindest im deutschen Sprachraum, eine empfindliche Lücke. [2] Das Buch wendet sich wie seine Vorgänger an ein interessiertes Publikum jenseits der Fachgelehrsamkeit; es versteht sich als eine "einführende Gesamtdarstellung" (56), die aufzeigen will, was Horaz' moralphilosophische Ansichten "heute noch zu sagen ha[ben]" (8). Erfreulicherweise kommt der Dichter sehr oft selbst in ausführlichen Zitaten zu Wort. Natürlich weiß Holzberg, dass Horaz' Wirkung größtenteils auf seiner einzigartigen Formulierungskunst beruht, jener hochgezüchteten Vornehmheit par excellence, die einst Friedrich Nietzsche rühmte. Der Verlag setzte jedoch offenbar kein Zutrauen in Vorkenntnisse und Aufnahmebereitschaft der Leser, denen nur ausnahmsweise der lateinische Text präsentiert wird. Stattdessen sucht der Autor mit, wie er ankündigt, möglichst genauen Prosaübersetzungen eine "gewisse Vorstellung" (8) von der artistischen Meisterschaft des Dichters zu erzeugen.

Nach antiken Gepflogenheiten liest Holzberg das Œuvre des Horaz linear. Ihm kommt es weniger auf die systematische Zusammenstellung der vielen unterschiedlichen Aspekte des Werkes an als auf die Rekonstruktion eines poetischen Selbstportraits, das leicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt würde, wenn man seinen Zusammenhang auflöste. Der Band ist in vier Teile gegliedert. Am Anfang steht eine Einführung mit vielen nützlichen Informationen zur Biographie, zum historischen Kontext, zu literarischen Vorbildern und zur Rezeptionsgeschichte (11-61). Dann folgt ein Durchgang durch das Werk, der Horaz' Dichtungen in (fast) chronologischer Reihenfolge und jedenfalls nach Gattungen geordnet vorstellt: die Satiren (62-95), die Epoden (96-113), die Oden (114-186) und die Episteln (187-220). Hilfreiche Anhänge beschließen das Buch (221-240): eine Zeittafel, die das Leben des Dichters mit der politischen Ereignisgeschichte verknüpft, ein Glossarium, zwei Indizes, vor allem aber ein ausführliches, umsichtig ausgewähltes Literaturverzeichnis, das Holzbergs souveräne Beherrschung der internationalen Forschung dokumentiert.

Das erste Kapitel legt die für das Verständnis des Horaz notwendigen Grundlagen. Was dort jedoch zu seinem Vermächtnis für die europäische Literatur ausführt wird, leidet aller Stringenz und Klarheit zum Trotz an übergroßer Knappheit; vergeblich sucht man die Namen so berühmter Nachfolger und Interpreten wie Balde, Hagedorn, Wieland oder Herder. Lobenswert ist, wie Holzberg die Biographie des Dichters vorführt. Indem er, kritisch die Tradition durchmusternd, Horaz' Vita aus den antiken Testimonien rekonstruiert, erlaubt er dem Leser, an der Enthüllung mancher Mythen im Leben des Dichters teilzunehmen, die als vermeintliche Gewissheiten noch heute in Literaturgeschichten angeführt werden. Anschließend erörtert er die Entwicklung des Œuvres, des "Aufstieg[s] von Rolle zu Rolle", des Fortschreitens zu einer immer höheren Gattung, und steht nicht an, sogar Datierungsfragen zu behandeln und die Werkgruppen in ihren jeweiligen historischen Zusammenhang einzuordnen. Hervorgehoben zu werden verdienen auch die Bemühungen des Autors um die Vermittlung metrischer Grundlagenkenntnisse, ein Unterfangen, das allerdings wegen des weitgehenden Verzichts auf das lateinische Original mit enormen Problemen behaftet ist.

Im Hauptteil wendet sich Holzberg dem Werk selbst zu. Beinahe jedes der 161 Gedichte wird besprochen: ein atemberaubender Parforceritt im Tonfall eines lässigen Parlando, dem jede magistrale Steifheit fremd ist. Suggestive Kapitelüberschriften verhelfen zu einer gewissen Orientierung bei der Vermessung von Horaz' Selbstportrait, das aus vielen, oftmals einander bedingenden Elementen besteht: Politik, Gesellschaft, Literatur, (Lebens-)Philosophie, Liebe und Erotik, letzteres von Holzberg mit lustvoller Hingabe behandelt. Wer, vom eingängigen Duktus des Autors verführt, das Buch in einem Zug durchliest, dem wird schwindeln von der Fülle an Themen, Motiven und Bezügen, so dass jedem dringend angeraten sei, eine Ausgabe oder Übersetzung bei der Lektüre herbeizuziehen, wenn ihm am Gewinn bleibender Einsichten liegt. Zu einem vertieften Verständnis der Gedichte tragen besonders die intertextuellen Bezüge sei es zu griechischen, sei es zu römischen Vorläufern bei, die Holzberg mit subtilem Gespür aufdeckt. Nur manchmal wirken seine Erkenntnisse etwas outriert. Bezieht sich die Formulierung aere perennius wirklich auch auf Ennius, den Ahnherrn des römischen Epos, dem Horaz Konkurrenz zu machen selbstironisch erwägt (171), und spielen in Satire 1,7 die Verse 1 und 3 ([V. 1] ... Regis Rupili pus ... [V. 3] ... et lippis notum ...) tatsächlich lautmalerisch auf die Schlacht bei Philippi an (74)? Auf fast jeder Seite jedoch hat der Verfasser etwas Originelles, Kühnes, Überzeugendes zu bieten. Einigermaßen abrupt endet das Buch mit der Besprechung der "Ars Poetica".

Alles in allem erscheint Horaz nach der Lektüre als ein undogmatischer Epikureer, der seine innere Freiheit gegen jedwede Anfechtung zu verteidigen bestrebt war und den Princeps aufrichtig lobte, weil er die Segnungen des Augusteischen Zeitalters zu schätzen wusste und auch persönlich von ihnen profitierte. Für einen subversiven Kritiker hält Holzberg ihn deshalb nicht. Indes: Die Anlage des Buches bringt mit sich, dass von Horaz kein wirklich prägnantes, scharf konturiertes Bild entsteht. Vielleicht hätte der Autor nicht gänzlich auf systematisierende Kapitel verzichten sollen. Auch sonst erfordert der Anspruch, das gesamte Werk einer linearen Lektüre zu unterziehen, mancherlei Opfer. Für detaillierte Erörterungen bleibt nicht immer der notwendige Platz, und einige Interpretationen sind etwas summarisch geraten, so zu den "Römeroden" oder zur "Ars Poetica". Mitunter drohen interessante Beobachtungen, beispielsweise zu Horaz' Verständnis von libertas im Principat (32), im Fließtext unterzugehen.

"Horaz. Dichter und Werk" will eine "einführende Gesamtdarstellung" sein. Doch wer nach dieser Ankündigung eine konventionelle Biographie erwartet, wird sich in seinen Hoffnungen wahrscheinlich getäuscht sehen. Womöglich hat Holzberg etwas Anspruchsvolleres geschaffen: einen Lesekommentar für einen weiten Adressatenkreis, der nicht das Bedürfnis nach schneller Information befriedigt, wozu ein dürrer Lexikonartikel genügte, sondern der auf meisterlichem Niveau zu einer gründlichen Erkundung des Textes zwingt. Mit Holzbergs Buch muss der Leser arbeiten. Umso reicher wird er nach einer solchen Lektüre belohnt.


Anmerkungen:

[1] Johann Gottfried Herder: Adrastea, 5. Band, 9. Stück: Briefe über das Lesen des Horaz an einen jungen Freund, Frankfurt a.M. 2000, 748f. (erstmals 1803).

[2] Das Erscheinen von Eckard Lefèvre: Horaz. Dichter im augusteischen Rom, München 1993 liegt bereits 17 Jahre zurück, und etwas zu bieder geraten ist Gregor Maurach: Horaz. Werk und Leben, Heidelberg 2001.

Nils Steffensen