Rezension über:

Sönke Neitzel: Weltkrieg und Revolution. 1914-1918/19 (= Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert; Bd. 3), Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2008, 244 S., 24 Abb., ISBN 978-3-89809-403-0, EUR 19,90
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Rezension von:
Marcus Riverein
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Marcus Riverein: Rezension von: Sönke Neitzel: Weltkrieg und Revolution. 1914-1918/19, Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 4 [15.04.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/04/14505.html


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Sönke Neitzel: Weltkrieg und Revolution

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In der von ihm selbst, Manfred Görtemaker und Frank-Lothar Kroll herausgegebenen Reihe "Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert" legt der Mainzer Historiker Sönke Neitzel, ausgewiesener Experte für militärhistorische Themen, mit "Weltkrieg und Revolution 1914-1918/19" den entsprechenden Band über den Ersten Weltkrieg vor. Mit dieser auf sechszehn Bände angelegten Reihe "wendet sich erstmals eine junge Generation von Historikern dem gerade zu Ende gegangenen 'deutschen Jahrhundert' zu", wie man am Ende des Bandes in einer Übersicht über die noch folgenden Titel erfährt.

Neitzels Darstellung ist im wesentlichen in sechs Kapitel aufgeteilt, die sich mit dem Weg in den Krieg, dem Kriegsverlauf, einem Überblick über die deutsche Außenpolitik während des Krieges, der Gesellschaft im Krieg, dem Zusammenbruch und der darauf folgenden Revolution sowie abschließend den Pariser Friedensverträgen beschäftigen. Auf etwa 170 geschriebenen Seiten stellt Neitzel kompetent und gut lesbar den Ersten Weltkrieg dar, wobei er sich auf "das Geschehen an der Front im Wechselspiel mit dem außen- und innenpolitischen Kontext" (12) konzentriert. Der Verlauf des Krieges nimmt in dem Band demnach auch einen beherrschenden Platz, gut fünfzig Seiten, ein.

Ein zweiter Schwerpunkt in Neitzels Darstellung ist die Behandlung der Außenpolitik und der unterschiedlichen Friedensbemühungen. Bei der Behandlung der deutschen Kriegsziele weist er eindeutig darauf hin, dass die deutsche Fixierung auf einen "Siegfrieden" dem Deutschen Reich den nötigen Handlungsspielraum und somit auch die "Chance auf einen glimpflichen Friedensschluss" (104) genommen habe. In diesem Zusammenhang identifiziert er auch die Inkaufnahme eines Kriegseintritts der USA zu Beginn des Jahres 1917 als den "schwersten Fehler der deutschen Führung im Ersten Weltkrieg" (104).

Mehrfach betont Neitzel die Fehleinschätzungen der politisch Verantwortlichen und der Militärs, wenn es um die Dauer des Krieges geht. Deutlich macht er in diesem Zusammenhang, dass die Erwartung eines kurzen Krieges dazu führte, dass auf vielen Feldern keine ausreichenden Vorkehrungen getroffen wurden. Weder wurde die wirtschaftliche Mobilmachung im Vorfeld ernsthaft vorbereitet (118) noch die Sicherstellung der Ernährung der Bevölkerung planmäßig angegangen (131-132). Vielmehr war "die deutsche Kriegswirtschaft [...] trotz etlicher Innovationen von Halbheiten gekennzeichnet" (120).

Dem Anfänger oder Laien kommt Neitzel größtmöglich entgegen. So werden Begriffe wie "Wilhelmstraße" als Synonym für "die Entscheidungsträger der deutschen Außenpolitik" (13) oder Reichsleitung (16) nicht einfach eingeführt, ohne dem Leser näher zu bringen, was sie bedeuten. Ebenso gelingt es Neitzel auf diese Art zu verdeutlichen, wie vergleichsweise klein der Kreis der politischen Akteure im Vorfeld des Krieges war, was den Teilnehmern einer Einführungsveranstaltung oder allgemein am Ersten Weltkrieg Interessierten das Verständnis sicher wesentlich erleichtert.

Ergänzt wird Neitzels Darstellung um eine Auswahlbibliographie, in der angesichts der kaum überschaubaren Zahl von Titeln zum Ersten Weltkrieg "wichtige Werke zur vertiefenden Lektüre empfohlen werden" (196). Dem Leser eine Bresche durch die Masse an Literatur zu schlagen, ist sehr verdienstvoll und unterstreicht den Eindruck, dass sich Neitzels Band, ja die ganze Reihe, eher an Studienanfänger und interessierte Laien richtet. Als einführendes Werk in die Geschichte des Ersten Weltkriegs eignet sich Neitzels Darstellung daher sehr, zumal in den Anmerkungen über die Auswahlbibliographie hinaus weitere wertvolle Literaturhinweise zu finden sind.

Diesem durchaus positiven Gesamteindruck ist aber doch der eine oder andere Kritikpunkt entgegenzusetzen: Die Ausführungen über die Phasen der Erforschung des Ersten Weltkriegs, also den Trends, denen die historische Forschung im Laufe der Jahrzehnte gefolgt ist, sind mit etwas über einer Buchseite (11-12) ausgesprochen knapp gehalten. Eine ausführlichere Darstellung hätte hier als Ergänzung der Auswahlbibliographie dienen können, ermöglicht sie doch dem Anfänger den Überblick über die bereits erschienene wissenschaftliche Literatur.

Etwas unbefriedigend, aber dies ist wohl der Konzeption der Reihe geschuldet, fällt darüber hinaus die Darstellung der Sozialgeschichte des Ersten Weltkrieges aus. So wird zwar in der Einleitung darauf verwiesen, dass das "kulturelle und gesellschaftliche Leben im Kaiserreich bis 1918" (12) in dem ersten Band von Frank-Lothar Kroll behandelt werden wird, da es aber letzten Endes der Krieg ist, der für massive Veränderungen in der Gesellschaft des kaiserlichen Deutschlands sorgt, erscheint es sinnvoll, darauf einen stärkeren Fokus zu richten.

Zudem ist das fünfte Kapitel, "Die Gesellschaft im Krieg", keine ausschließliche Darstellung der Sozialgeschichte des Ersten Weltkriegs. Vielmehr nutzt Neitzel dieses Kapitel in erster Linie, um die Wirtschaft im Krieg und die innenpolitische Entwicklung des Deutschen Reiches, insbesondere die Demokratisierung und Parlamentarisierung, zu behandeln, was in einem Kapitel, das mit Gesellschaft überschreiben ist, etwas fremd wirkt. Lediglich das kurze Unterkapitel, das sich der Ernährungslage widmet, schenkt der sozialgeschichtlichen Dimension größere Beachtung. Sicherlich sind wirtschaftliche Entwicklungen oder Weichenstellungen wie das "Vaterländische Hilfsdienstgesetz" von 1916 immer mit sozialen (und in diesem Fall auch politischen) Auswirkungen verbunden, diese Sphären daher nicht streng voneinander zu trennen, aber eine stärkere Konzentration auf die gesellschaftliche Entwicklung - unabhängig davon, ob sie an anderer Stelle in der Reihe behandelt werden soll - wäre hier wünschenswert gewesen.

Zusammenfassend kann man daher sagen, dass Neitzel dem Zielpublikum des Bandes und der ganzen Reihe mit ihrem Anspruch "in 16 populär geschriebenen Bänden [...] einen unverstellten Blick auf Alltag, Kultur, Politik und Wirtschaft" zu werfen, vollauf gerecht wird, lässt man einmal die ausgesprochen knappe Behandlung der Sozialgeschichte beiseite. Dem am Ersten Weltkrieg interessierten Laien oder dem Studienanfänger gibt er damit ein gutes Einführungswerk an die Hand.

Marcus Riverein