Rezension über:

Sönke Neitzel: Blut und Eisen. Deutschland im Ersten Weltkrieg (= Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert), Zürich: Pendo Verlag 2003, 272 S., ISBN 978-3-85842-448-8, EUR 9,90
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Rezension von:
Günther Kronenbitter
Universität Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Günther Kronenbitter: Rezension von: Sönke Neitzel: Blut und Eisen. Deutschland im Ersten Weltkrieg, Zürich: Pendo Verlag 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 7/8 [15.07.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/07/5272.html


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Sönke Neitzel: Blut und Eisen

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90 Jahre sind nach den Spielregeln des Erinnerungsbetriebs eigentlich kein "nennenswertes" Alter für ein historisches Ereignis. Dennoch erfreut sich der Erste Weltkrieg pünktlich zum Jahrestag des Kriegsausbruchs relativ großer Medienpräsenz. Ist die öffentliche Aufmerksamkeit auch überraschend, so war doch in der historischen Forschung schon seit einigen Jahren festzustellen, dass der Erste Weltkrieg verstärkt als Untersuchungsfeld gewählt wurde. Für die "Neue Militärgeschichte" mit ihrem stark erweiterten Repertoire an Fragestellungen und Methoden bietet der Erste Weltkrieg eine Fülle von Forschungsgegenständen. Entsprechend umfangreich ist die neuere Forschungsliteratur. Deren Tendenzen Rechnung zu tragen, dabei aber auf begrenztem Raum auch einen Überblick über Ursachen, Verlauf und Ergebnis des Weltkriegs zu geben, ist die schwierige Aufgabe jeder Gesamtdarstellung. Das gilt auch für das Buch von Sönke Neitzel, das die Rolle Deutschlands und dessen Entwicklung im Weltkrieg in den Mittelpunkt rückt.

Neitzel beginnt mit einer kurzen Skizze der Forschungsgeschichte und wendet sich dann den Ursachen und Anlässen des Ersten Weltkriegs zu. Hier knüpft er an eigene Forschungen und an eine Darstellung an, die er ebenfalls für die Buchreihe "Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert" verfasst hat. [1] Bei der Analyse der Konfliktursachen verdeutlicht der Verfasser, wie die deutsche Weltmachtpolitik zur Destabilisierung der internationalen Beziehungen beitrug, sieht aber auch in der Reaktion Frankreichs, Russlands und vor allem Großbritanniens, die Deutschland kaum nennenswerten Expansionsraum eingeräumt hätten, eine Belastung der internationalen Friedensordnung (19). Einen weiteren Akzent setzt Neitzel mit seiner Einschätzung, eine Kollision der Großmächte sei 1914 bestenfalls aufschiebbar, nicht aber vermeidbar gewesen (32 f.). Anknüpfend an die Ergebnisse der Fischer-Ritter-Kontroverse weist er der deutschen Reichsleitung - im Zusammenwirken mit der Führung der Habsburgermonarchie - die Hauptverantwortung für Kriseneskalation und Kriegsausbruch im Sommer 1914 zu.

In einem kleineren Kapitel gibt Neitzel auf der Grundlage neuerer Forschungen eine kritische Einschätzung des "Augusterlebnisses". Je nach sozialer Gruppe und politischem Lager fielen die in den Quellen greifbaren Reaktionen der Bevölkerung auf den Kriegsausbruch unterschiedlich aus. Die Vorstellung von einer allgemeinen Kriegsbegeisterung ist ein Mythos; Neitzel schlägt vor, stattdessen von einer weit verbreiteten "Kriegsaufregung" zu sprechen, einer emotionalen Teilnahme der Zeitgenossen am Geschehen, die von Freude bis zu tiefer Sorge reichen konnte (40).

Das dritte Hauptkapitel ist kurz und bündig "Der Krieg" überschrieben. Es bildet schon vom Umfang her den Schwerpunkt des Buches. Hier setzt Neitzel um, was er in der Einführung postuliert: "Der Krieg war die Grundlage allen außen- und innenpolitischen Handelns, ohne ihn bleibt die Darstellung jener Bereiche Makulatur" (13 f.). Der Kriegsverlauf wird, nach Jahren gegliedert, übersichtlich und anschaulich geschildert. Die strategisch-politische Entwicklung ist der rote Faden, an dem entlang Neitzel den Leser durch das Geschehen führt. Von dieser Ebene aus entwickelt der Verfasser die Dynamik des Kriegsverlaufs. Wichtige Operationen werden von ihm zwar skizziert, aber nur in strenger Auswahl und in groben Zügen. Kurz behandelt werden in zwei Unterkapiteln der See- und der Luftkrieg. Der Kampf um die deutschen Kolonien findet allerdings nicht im Kapitel "Der Krieg" Erwähnung, sondern in der Einleitung (7 f.).

Mit der deutschen Außenpolitik im Weltkrieg setzt sich der anschließende Hauptabschnitt auseinander. Dabei geht es vor allem um die Kriegsziele und die Friedensinitiativen der Mittelmächte, die aber möglichst im Kontext der Mächtebeziehungen betrachtet werden - wie es bei Fragen der internationalen Politik nicht anders sein sollte. Der thematische Bogen dieses Kapitels reicht von den Anfängen der Kriegszieldiskussion in Deutschland bis zum Frieden von Bukarest. Die Initiativen des amerikanischen Präsidenten Wilson bis hin zum 14-Punkte-Programm finden relativ breiten Raum. Sehr plausibel belegt Neitzel, wie durch das Zusammenspiel von Bündnisverpflichtungen, militärischer Lage und innenpolitischen Zwängen alle Initiativen für einen echten Verhandlungsfrieden scheiterten. Der deutschen Reichsleitung muss nach Ansicht des Verfassers der Vorwurf gemacht werden, zumindest in der zweiten Kriegshälfte dazu entscheidend beigetragen zu haben. Nicht allein die rigorose Siegfriedens-Politik gegenüber Russland und Rumänien 1917/18 lässt sich als Beleg dafür nennen, sondern auch die fahrlässig anmutende Provokation der USA durch U-Boot-Krieg und Zimmermann-Telegramm. Die Aussicht auf einen Status-quo-ante-Frieden im Westen sei erst durch den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten endgültig zerstört worden. Die deutsche Außenpolitik habe somit 1917 den Spielraum für Friedensverhandlungen geopfert: "Das Beharren auf dem Versuch, im Osten und im Westen die eigenen expansiven Kriegsziele durchzusetzen und endlich den Durchbruch zur allseits respektierten, unabhängigen Groß- beziehungsweise Weltmacht zu schaffen, stellte zur Jahreswende 1916/17 unwiderruflich die Weichen zum Weg in den Untergang" (156).

Die militärische und außenpolitische Rolle Deutschlands im Ersten Weltkrieg ist nicht erklärbar ohne einen Blick auf die inneren Verhältnisse des Kaiserreichs. Ihnen ist das letzte große Kapitel des Buchs gewidmet. Die Rüstungssituation, die Ernährungslage und die innenpolitische Entwicklung bilden dabei die Hauptthemen. Zentrales Anliegen des Verfassers ist es, die Schwächen der militärisch geprägten Organisation der Rüstungswirtschaft und des Ernährungswesens herauszustellen (183 f., 192). Im Bereich der Innenpolitik legt Neitzel den Schwerpunkt auf die Veränderungen im Lager der Sozialdemokraten. Die Spaltung der Sozialdemokratie ist zweifellos für das Verständnis der politischen Entwicklung in Deutschland im Herbst und Winter 1918/19 von besonderer Bedeutung, aber bei vielen Lesern dürfte der Wunsch bestehen, auch über die anderen politischen Gruppierungen etwas mehr zu erfahren. In jedem Fall vermittelt der Abschnitt einen Eindruck von der wirtschaftlichen und politischen Krise, in der Deutschland schon im Frühjahr 1918 steckte.

Das Scheitern der letzten großen West-Offensive und der Offenbarungseid der 3. Obersten Heeresleitung führten den Kollaps des Kaiserreichs herbei. Unter dem Titel "Zusammenbruch" beschreibt Neitzel die wichtigsten Ereignisse im Spätsommer und Herbst 1918 in einem knapp gehaltenen Kapitel. Eine Schlussbetrachtung deutet an, wie nachhaltig der Weltkrieg die internationale Ordnung geschädigt hat. Der Verfasser bezieht hier deutlich Position, wenn er den Ersten Weltkrieg zwar als Auftakt einer bis 1989/90 reichenden Epoche sieht, aber hinzufügt: "Wenngleich er den Nährboden für den nächsten globalen Konflikt legte, sollte man nicht von einem Dreißigjährigen Krieg von 1914 bis 1945 sprechen, da dies die grundsätzlichen Differenzen zwischen den politischen Prägungen beider Auseinandersetzungen verwischt. Im Zweiten Weltkrieg ging es um eine rassistischen Ideen folgende totale Umwälzung der Weltstaatenordnung, somit um Ziele, die sich zwischen 1914 und 1918 allenfalls andeuteten" (219).

Insgesamt bietet Neitzels Darstellung auf engem Raum - und zu einem sehr günstigen Preis - eine gute Einführung in die Geschichte Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Bewusst liegt ihr Schwerpunkt auf dem Gebiet des militärischen und politischen Geschehens. Längst nicht alle Dimensionen der Forschung können dabei eingehend berücksichtigt werden, aber das Buch wird dem Anspruch gerecht, "das Geschehen an der Front" konsequent "im Wechselspiel mit dem außen- und innenpolitischen Kontext" (14) zu betrachten. Das Buch füllt damit eine Lücke, denn ein ähnlich kompakter und leserfreundlich geschriebener Überblick über das Kriegsgeschehen hat bislang gefehlt.


Anmerkung:

[1] Sönke Neitzel: Kriegsausbruch. Deutschlands Weg in die Katastrophe 1900-1914 (Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert), Zürich 2002.

Günther Kronenbitter