Rezension über:

Paul Cartledge: Eine Trilogie über die Demokratie (= SpielRäume der Antike; Bd. 1), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2008, 112 S., ISBN 978-3-515-09221-0, EUR 24,00
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Rezension von:
Karl-Wilhelm Welwei
Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Karl-Wilhelm Welwei: Rezension von: Paul Cartledge: Eine Trilogie über die Demokratie, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 3 [15.03.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/03/15257.html


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Paul Cartledge: Eine Trilogie über die Demokratie

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Der vorliegende schmale Band enthält deutsche Übersetzungen der Vorträge, die Paul Cartledge 2006 bei der Eröffnung des Zentrums für Altertumswissenschaften der Universität Heidelberg gehalten hat. In der ersten Vorlesung (11-35) erörtert er das umstrittene Problem der Anfänge der athenischen Demokratie. Er weist zunächst auf die Mehrdeutigkeit des Begriffs demos hin, der sowohl die Bürgergemeinschaft insgesamt als auch die breite Masse sowie diejenigen Bürger bezeichnen kann, die an der Entscheidungsfindung in der Volksversammlung teilnehmen. Ferner macht er darauf aufmerksam, dass in keiner antiken Demokratie eine Gewaltenteilung im heutigen Sinne existierte und es zwar bürgerliche oder staatsbürgerliche Rechte, aber keine Menschenrechte gab und Bestrebungen, das Individuum vor dem Staat zu schützen, unbekannt waren.

In der Frage der Entstehung der athenischen Demokratie geht Cartledge von der Prämisse aus, dass die politische Sprache der Griechen "grundsätzlich bewusst und vorsätzlich wertbehaftet" gewesen sei (15). Als Beleg hierfür führt er an, dass Herodot (3,80) in der "Verfassungsdebatte" das Wort demokratia vermieden habe, weil es negativ als "Herrschaft der niederen Schichten" verstanden werden konnte (16). Dass Herodot (6,131,1) Kleisthenes als Begründer der Demokratie in Athen betrachtete, erklärt Cartledge (17) mit einer bekannten, aber auch umstrittenen Wendung Herodots (3,66,2), wonach Kleisthenes vor seinen Reformen ton demon proshetairizetai. Cartledge interpretiert diese Formulierung mit den Worten, Kleisthenes habe versucht, "das niedere Volk auf seine Seite zu ziehen". Für Cartledge war dies eine Transformation des Wesens der Polis. Faktisch war Kleisthenes indes zweifellos bemüht, nicht nur das "niedere Volk" zu gewinnen. Ohne eine beachtliche Gefolgschaft in den Reihen der Pentakosiomedimnoi und Hippeis hätte er die Reformen schwerlich durchführen können.

Im Kontext der Diskussion über die Entstehung des Begriffs demokratia misst Cartledge der Wendung demou kratousa cheir in Vers 604 der 463 v. Chr. aufgeführten "Schutzflehenden" des Aischylos mit Recht große Bedeutung bei. Gemeint sind hier die Mehrheitsbeschlüsse bei Abstimmungen in der Ekklesia durch Handzeichen (cheirotonia). Die von Cartledge wahrscheinlich lizensierte deutsche Übersetzung dieser Worte durch Marco Mattheis lässt vermuten, dass Aischylos sich auf Kontrollbefugnisse des demos beziehen könnte. Zweifellos wollte der Dichter aber die "Macht" des demos (kratousa cheir) bei der Entscheidungsfindung zum Ausdruck bringen.

Die Zeitgenossen des Kleisthenes hatten freilich noch keine konzeptionellen Vorstellungen von demokratischen Institutionen und kannten noch keinen Demokratiebegriff. Gleichwohl lässt Cartledge mit Kleisthenes eine "erste Demokratie" in Athen beginnen. Eine "andersartige, weiter entwickelte Demokratie" ist für ihn die politische Ordnung nach den Reformen des Ephialtes. Nicht in jedem Fall sollte aber eine Erweiterung der Teilhabe der Bürger an der Entscheidungsfindung als Übergang zur Demokratie gedeutet werden, wie dies Eric W. Robinson versucht hat. [1] Übrigens hat vor einer Reihe von Jahren Jochen Martin vermutet, dass sogar "der Demokratie-Gehalt der Maßnahmen von 462/1 den Athenern erst nachträglich bewußt" wurde. [2]

Die zweite Vorlesung handelt von der "Herausforderung der Demokratie" (37-59). Cartledge erörtert hier vor allem die Kritik an der Demokratie im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. Er beginnt mit einer gewagten These, indem er vermutet (38), dass Gegner der Demokratie schon 458/7 die Zügel in Athen ergriffen hätten, wenn die Spartaner nach der Schlacht bei Tanagra oligarchische Athener unterstützt hätten. Nach Thukydides (1,107,4) gab es aber damals allenfalls nur eine kleine prospartanische Gruppe, und die bei Tanagra siegreiche spartanische Armee konnte nur mit größter Mühe über die Geraneia-Berge die Peloponnes wieder erreichen, da die athenische Flotte den Korinthischen Golf blockierte.

Sehr pointiert ist auch die von Cartledge vertretene Auffassung (48), dass in der von einem unbekannten Autor verfassten pseudo-xenophontischen Athenaion Politeia der demos immer nur in einem "pejorativen, exklusiven und klassenkämpferischen Stil verstanden wird". Das Wortfeld "Klassenkampf" ist in diesem Kontext irreführend. Peter J. Rhodes hat kürzlich darauf hingewiesen, dass keine Tagung der athenischen Ekklesia bekannt ist, in der die Abstimmung an Klassengegensätzen orientiert war.

Im dritten Vortrag (61-87) fasst Cartledge die wichtigsten Thesen der beiden ersten Vorträge zusammen, um auf dieser Basis den Prozess gegen Sokrates zu bewerten. Er betont, dass in der Polis die Religion nicht von der Politik "im weitesten Sinne" zu trennen war (66), so dass to kratos des demos auch religiöse Macht implizierte (68). Unter diesem Aspekt vertritt er die Auffassung, das gegen Sokrates verhängte Todesurteil sei nach den Maßstäben der damaligen athenischen Demokratie verständlich und berechtigt gewesen. Er verweist aber auch darauf, dass Sokrates als Lehrer des erwiesenen Verräters Alkibiades und des Kritias, des Anführers der verhassten "dreißig Tyrannen", als belastet galt. Insofern räumt er ein, dass die Mehrheit der Geschworenen voreingenommen war. Von den 501 Geschworenen waren aber immerhin etwa 220 offenbar nicht überzeugt, dass Sokrates einen Religionsfrevel begangen hatte.

Cartledge hat mit großem Überblick die wesentlichen Unterschiede zwischen der Demokratie im antiken Athen und den modernen westlich-liberalen Demokratien aufgezeigt. In diesem Zusammenhang ist vor allem sein Hinweis auf die antike Sklaverei als Antithese zur Freiheit zu beachten (43). Überzeugend sind auch seine Ausführungen zur direkten und persönlichen Kommunikation in politischen Gemeinschaften im antiken Griechenland.


Anmerkungen:

[1] E. W. Robinson: The First Democracies. Early Popular Government Outside Athens, Stuttgart 1997.

[2] J. Martin: Von Kleisthenes zu Ephialtes. Zur Entstehung der athenischen Demokratie, in: Chiron 4 (1974), 5-42, hier 41.

[3] P. J. Rhodes: Democracy and Empire, in: L. J. Samons II (ed.): The Cambridge Companion to the Age of Pericles, Cambridge 2007, 24-45, hier 30.

Karl-Wilhelm Welwei