Rezension über:

Christof Mauch / Thomas Zeller (eds.): Rivers in History. Perspectives on Waterways in Europe and North America, Pittsburgh, Pa.: University of Pittsburgh Press 2008, ix + 229 S., ISBN 978-0-8229-5988-5, USD 27,95
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Rezension von:
Martin Knoll
Institut für Geschichte, Technische Universität, Darmstadt
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Martin Knoll: Rezension von: Christof Mauch / Thomas Zeller (eds.): Rivers in History. Perspectives on Waterways in Europe and North America, Pittsburgh, Pa.: University of Pittsburgh Press 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 3 [15.03.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/03/15015.html


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Christof Mauch / Thomas Zeller (eds.): Rivers in History

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Warum, so fragt David Blackbourn in seinem Beitrag zum vorliegenden Sammelband, sollten sich Historiker für Flüsse interessieren? (23) Er gibt drei Antworten: Erstens seien Flüsse Fundgruben von Mythen und Legenden. Ihre Aufladung mit spiritueller Bedeutung sei Teil der Selbstwahrnehmung menschlicher Gesellschaften. Zweitens gebe es kaum bessere Wege, die Entwicklung dieser Gesellschaften zu studieren, als an ihrem Umgang mit Wasserwegen, von denen sie in so vielfältiger Weise abhängen. An dritter Stelle benennt er die zentrale Rolle der Flüsse in der Hydrosphäre. Blackbourn empfiehlt Wasser, Fauna und Habitate der geschichtswissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Er propagiert eine Historiografie, die sich nicht ausschließlich für die Beziehungen zwischen Menschen interessiere und die genannten Aspekte der Gruppe der Umwelthistoriker ("a group designated as 'environmental historians'", 24) überlasse.

Auf eine derart pointierte Differenzierung zwischen Geschichtswissenschaft auf der einen und Umweltgeschichte auf der anderen Seite verzichten die Herausgeber Christof Mauch und Thomas Zeller in ihrer Einleitung wohlweislich. Gleichwohl betonen auch sie die zentrale Bedeutung der Flüsse für den Menschen und die daraus erwachsende Fülle kultur-, sozial- und umwelthistorischer Implikationen. Waren Flüsse und ihre natürliche Dynamik über Jahrhunderte hinweg gleichermaßen Lebensgrundlage und Bedrohung für die Menschen, so sind es die massive menschliche Umgestaltung fluvialer Systeme der letzten zwei Jahrhunderte mit ihren "Korrekturen", Kanalbauten und Staudammprojekten und die Auswirkungen von Industrialisierung und Urbanisierung, die die Hydrografie in zuvor nicht gekanntem Maße veränderten.

Der kurze Forschungsüberblick diskutiert die unterschiedlichen historiografischen Zugänge zum Thema während der vergangenen Jahrzehnte: Donald Worsters Pionierstudie ("Rivers of Empire", 1985) habe die wasserbaulichen Voraussetzungen der Erschließung des ariden Westens der USA strukturgeschichtlich in den Blick genommen und dabei, inspiriert von Karl Witfogels Konzept der hydraulischen Gesellschaften des alten Orients, nicht nur eine massive Veränderung von Landschaften und Ökosystemen, sondern auch eine Umverteilung von Macht und den Aufstieg neuer administrativer und ökonomischer Eliten erkannt. Eine Reihe von Wissenschaftlern und Journalisten schrieben die Umweltgeschichte moderner Flüsse als Verlustgeschichte, was bereits in Titeln wie "A River Lost. The Life and Death of the Columbia" (Blaine Harden, 1996) deutlich werde. Eine derart reduktionistische und statische Sicht auf das Verhältnis zwischen menschlichen Gesellschaften und Flusssystemen werde von der jüngeren Forschung im Gefolge Richard Whites (The Organic Machine, 1995) dagegen mehr und mehr aufgebrochen. Nun diskutiere man Flüsse "in terms of permanent or dialectical interchanges between the dynamics of nature und human intervention." (7)

Die Publikation geht zurück auf eine im Jahre 2003 am Deutschen Historischen Institut in Washington durchgeführte Tagung. [1] Mit dem Band wird das Anliegen verfolgt, eine vergleichende Perspektive auf die Geschichte europäischer und nordamerikanischer Flüsse zu eröffnen. Dieser Anspruch wird in den Beiträgen auf unterschiedliche Art und Weise eingelöst. Den einzigen transatlantischen Vergleich unternimmt Dorothy Zeisler-Vralstedt mit einer Gegenüberstellung der wasserbaulichen Erschließung von Mississippi und Wolga, hier vor allem der ambitionierten Großprojekte während des "New Deal" und des Stalin'schen Fünfjahresplans der 1930er Jahre. Dabei werden bei allen Unterschieden über die Systemgrenzen hinweg markante Gemeinsamkeiten deutlich. Großtechnische Lösungen und die Dominanz der Ingenieure im Umgang mit Wasserwegen hatten hier wie dort ihre ideologischen Wurzeln in einem sozialen und ökonomischen Modernisierungsoptimismus.

Charles Closman arbeitet am Vergleich einer britischen und einer deutschen Industrieregion (Yorkshire und Ruhrgebiet) die prekäre Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und Verschmutzungskontrolle heraus, die sich durch steigenden Wasserbedarf bei gleichzeitig enorm zunehmender Verschmutzung konstituierte. In seiner Analyse der politisch-administrativen Dimension attestiert Closman dem dezentralen System englischer waterboards über lange Zeit hinweg größere Problemlösungskompetenz als den vergleichbaren Einrichtungen auf deutscher Seite.

David Blackbourn macht mit der Erschließung des Oderbruchs unter Friedrich II., der vom Wirken des Badener Ingenieurs Johann Gottfried Tullas (1770-1828) ausgehenden Rheinbegradigung und schließlich dem in Deutschland vergleichsweise spät einsetzenden Bau von Staudämmen drei "Episoden" deutscher Geschichte (13) zum Ausgangspunkt seiner Betrachtung, denen auch Kapitel in seiner viel beachteten deutschen Landschaftsgeschichte "The Conquest of Nature" [2] gewidmet sind. Blackbourn interessiert sich für die Beziehungen zwischen den kulturellen und politischen Bedeutungen, die Flüssen zugewiesen werden, und der Geschichte ihrer materiellen Transformation. Die Bezwingung von Natur steht hier im Zusammenhang mit Prozessen der Staatsbildung und der gesellschaftlichen Modernisierung.

Die übrigen Beiträge ergänzen das Bild durch Einzelstudien zu Flüssen bzw. Regionen. Isabelle Barouche für Paris und die Seine sowie T. M. Collins, E. K. Muller und J. A. Tarr für Pittsburgh und den dortigen Zusammenfluss von Allegheney und Monongahela zum Ohio analysieren die Entwicklung der Beziehungen zwischen Fluss und Stadt unter den Vorzeichen der Industrialisierung und Urbanisierung. Auf beiden Schauplätzen wird der Fluss zunächst auf seine Infrastrukturfunktion für eine sich industrialisierende Wirtschaft reduziert, während im Laufe des 20. Jahrhunderts - nicht zuletzt bedingt durch die Krise der großen Industrien - Flüsse samt ihrer ökologischen und ästhetischen Qualitäten wieder ins Blickfeld von Stadtplanung und Stadtbevölkerung treten. Zwei weitere Beiträge widmen sich alpinen bzw. subalpinen Flusslandschaften. Jacky Girel findet ein Bündel von sozioökonomischen Motiven für die Verbauung des Flusses Isère in dem ab dem 19. Jahrhundert französischen Teil des Piemont. Nicht unwesentlich sei die homogenitäts- und identitätsstiftende Wirkung für die Integration der ethnisch und kulturell heterogenen Alpenregion ins französische Staatsgebiet. Ute Hasenöhrl zeigt, dass in der Debatte zwischen Energieerzeugern und Naturschützern um den Ausbau der Wasserkraft am südwestbayerischen Lech nach dem Zweiten Weltkrieg beide Konfliktparteien mit unterschiedlichen Konzepten von Naturästhetik und Tourismus operierten. Thomas Lekan diskutiert den Rheinschutz als Motor der Internationalisierung von Umweltpolitik. Steven Hoelscher widmet sich dem zeitweise sehr erfolgreichen landschaftsfotografischen Wirken des Henry Hamilton Bennett in den Wisconsin Dells. Er zeigt, dass Hamiltons Bildinszenierungen gezielt die ästhetischen und moralischen Vorstellungen des viktorianischen Stadtbürgertums bedienten, um die Region touristisch zu entwickeln.

Flüsse erfreuen sich wachsender historiografischer Würdigung. [3] Nicht jeder der in den Beiträgen des vorliegenden Sammelbandes beleuchteten Aspekte weist Wege in eine wissenschaftliche terra incognita. Und doch liegt mit diesem thematisch ebenso facettenreichen wie runden Band ein wichtiger und lesenswerter Beitrag zur Geschichte von Menschen und Flüssen diesseits und jenseits des Atlantiks vor.


Anmerkungen:

[1] Vgl. den Tagungsbericht: http://www.ghi-dc.org/publications/ghipubs/bu/034/34.220.pdf.

[2] Vgl. die Rezensionen von Verena Winiwarter in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 (15.05.2007), http://www.sehepunkte.de/2007/05/10656.html, und Christoph Bernhardt in: H-Soz-u-Kult, 04.02.2008, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-1-095.

[3] Vgl. das Forum zur Geschichte des Rheins in sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 (15.05.2007), http://www.sehepunkte.de/2007/05/forum.html.

Martin Knoll