Rezension über:

Wolfgang Behringer / Hartmut Lehmann / Christian Pfister (Hgg.): Kulturelle Konsequenzen der "Kleinen Eiszeit". Cultural Consequences of the 'Little Ice Age' (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte; Bd. 212), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, 514 S., 14 Abb., 13 Tab., 33 Graf., ISBN 978-3-525-35864-1, EUR 74,90
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Rezension von:
Winfried Schulze
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Winfried Schulze: Rezension von: Wolfgang Behringer / Hartmut Lehmann / Christian Pfister (Hgg.): Kulturelle Konsequenzen der "Kleinen Eiszeit". Cultural Consequences of the 'Little Ice Age', Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 7/8 [15.07.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/07/8801.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Umweltgeschichte" in Ausgabe 6 (2006), Nr. 7/8

Wolfgang Behringer / Hartmut Lehmann / Christian Pfister (Hgg.): Kulturelle Konsequenzen der "Kleinen Eiszeit"

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Ohne jeden Zweifel liegt die Stärke historischer Untersuchungen in der detaillierten Analyse von einzelnen Sachverhalten. Wann immer uns die Quellen ein Ereignis, einen Prozess, einen Vertragsabschluss oder eine Urteilsvollstreckung mitteilen, dann sind wir auf der sicheren Seite: Ein eindeutiger Quellenbeleg lässt sich (zumeist) einem eindeutigen Sachverhalt zuordnen, und auch die Abfolge solcher Belege erlaubt die Darstellung und Rekonstruktion eines bestimmten historischen Prozesses. Schwieriger wird die Aufgabe für den Historiker, wenn es darum geht, größere Zusammenhänge der historischen Entwicklung in möglichster Eindeutigkeit zu rekonstruieren. Die Quellen bieten im Allgemeinen keine Basis für solche Vermutungen, nur in seltenen Fällen lässt sich aus der Akkumulierung einzelner Daten eine aussagekräftige statistische Reihe entwickeln. Es erstaunt deshalb nicht, wenn die bekanntesten Dispute der Geschichtswissenschaft fast immer um die Interpretation großer Zusammenhänge entstanden sind, der Hinweis auf die marxistische Bewertung der Rolle der Produktivkräfte und ihre historischen Konsequenzen, auf die Protestantismus-These Max Webers oder die These von einem vermuteten 'Sonderweg' Deutschlands mag hier genügen. Bei der Interpretation solcher Prozesse spielen die Quellen zwar ihre Vetofunktion aus, aber sie geben keine belastbare positive Deutung.

Man tut gut daran, auf solche komplexen interpretatorischen Grundfragen zu verweisen, wenn man sich an das Studium dieses außerordentlich interessanten Sammelbandes heranmacht, der die Ergebnisse einer 2002 veranstalteten Konferenz im Göttinger Max-Planck-Institut für Geschichte der Öffentlichkeit zugänglich macht. Seit den Fünfzigerjahren spielt der Begriff der 'Kleinen Eiszeit' in der historischen Forschung eine wachsende Rolle. Zunächst als Spezialbegriff der historischen Klimaforschung entstanden, gewann er zunehmend Bedeutung für die frühneuzeitliche Klimageschichte, wurde auch schon früh in die Diskussion um die so genannte 'Krise des 17. Jahrhunderts' eingebracht. Inzwischen kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass die verschiedensten Quellensorten den Beginn einer 'Klimaungunstphase' seit den 1560er-Jahren belegen. Vor allen Dingen die neueren Forschungen von Christian Pfister und Rüdiger Glaser haben wohl letzte Zweifel ausräumen können. Angesichts der relativen Genauigkeit und Breite der ermittelten Daten konnte es nicht ausbleiben, dass sich die historische Forschung dieses Sachverhalts bediente, um ihn in die allgemeine Geschichte der Frühen Neuzeit einzubringen. Eine der frühesten Verknüpfungen ergab sich im Bereich der Hexenforschung, auch wenn sich in der konkreten Forschung viele Differenzierungen ergaben. Schon früh hatte zudem Hartmut Lehmann auf die frömmigkeitsgeschichtlichen Konsequenzen dieser Diskussion um 1600 hingewiesen. Damit ergab sich eine interessante kulturgeschichtliche Fragerichtung, die den eigentlichen Hintergrund der Tagung abgab. Hier standen also nicht die Tatsächlichkeit der Klimaungunstphase um 1600 zur Diskussion, sondern deren vermutete kulturelle Konsequenzen. Diese Perspektive und ihr forschungsgeschichtlicher Hintergrund werden in einem aufschlussreichen Einführungsessay der Herausgeber aufgezeigt.

Die Anlage des Bandes folgt sechs Schwerpunkten. Ein erster 'Ökologie und Ökonomie' behandelt einschlägige Forschungsergebnisse. Hier legt Christian Pfister zunächst eine wichtige Grundlage, indem er die Vermutung einer einheitlichen Kaltzeit zwischen 1560 und 1630 differenziert. Fest steht aber eine überdurchschnittliche Klimabelastung in diesen Jahren, verglichen mit den Epochen vorher und nachher und eine nochmalige dramatische Verschlechterung im Zeitraum zwischen 1585 und 1597. Der Beitrag von Erich Landsteiner setzt diese Grundtatsache in ernährungsgeschichtliche Entwicklungen um, verweist auf Missernten, den Wandel der Ernährungsgewohnheiten und die wachsende Notwendigkeit eines europäischen Getreidehandels, aber auch der Wandel vom Wein- zum Bierkonsum wird in diesen Kontext eingeordnet. Otto Ulbricht weist die Wahrnehmung der extremen Wetterlagen im Diarium Heinrich Bullingers nach und belegt damit, dass autobiografische Quellen ein außerordentliches Gespür für die veränderten klimatischen Bedingungen zeigten. Gerade diese Texte machen immer wieder deutlich, dass hier natürlich noch keine klimahistorische Interpretation vorgenommen wurde, sondern dass sich wirtschaftliche Deutungen mit religiös-kulturellen Interpretationen verbanden.

Der zweite Schwerpunkt verstärkt diesen religionsgeschichtlichen Deutungszusammenhang mit den Beiträgen von Benigna von Krusenstjern, die das sich in Wetterunbilden offenbarende Gottesverständnis des 17. Jahrhunderts beleuchtet, Manfred Jakubowski-Tiessen, der die Bedeutungssteigerung des lutherischen Karfreitags verfolgt, und Hartmut Lehmann, der eine detailgenaue Untersuchung eines Lieds von Paul Gerhard vornimmt, das er als literarische Wirkung der Klimaverschlechterung interpretiert. Der dritte Schwerpunkt versammelt unter dem Titel 'Gesellschaft und Mentalität' Beiträge, die die gesellschaftlichen Wirkungen der Klimaverschlechterung betreffen. Robert Jütte untersucht, wie die Obrigkeiten mit Bettelverboten und einer verstärkten Armenfürsorge eine Art von 'Krisenmanagement' zu betreiben versuchten, Eric Midelfort fragt nach dem Zusammenhang zwischen Klimaungunst und beginnender Melancholie (und verneint den Zusammenhang deutlich), während David Lederer auf den empirisch belegbaren Zusammenhang zwischen vermehrten Selbstmorden und der Klimaverschlechterung aufmerksam macht. Der nächste Schwerpunkt widmet sich dann den vermuteten Widerspiegelungen der Klimaentwicklungen im Bereich der Kunst. Patrice Veit greift noch einmal den Niederschlag im protestantischen Kirchenlied auf, der Kunsthistoriker Lawrence Goedde thematisiert die Diskussion über die Erfindung der Winterlandschaft im späten 16. Jahrhundert, und Bernd Roeck diskutiert in einem bemerkenswerten Beitrag mögliche soziale und klimageschichtliche Hintergründe künstlerischer Stilveränderungen. Der fünfte Schwerpunkt fragt schließlich nach den administrativen Versuchen, ökonomische Krisen zu überwinden. Hier fasst Peter Becker die obrigkeitlichen Strategien zusammen, die auf Disziplinierung, Polizeiordnungen und moralische Sinnstiftung hinausliefen. Henry Kamen eröffnet mit seinem Beitrag über die mögliche Geltung der 'Kleinen Eiszeit' im mediterranen Raum einen eigenen Schauplatz, wenn er feststellt, dass "derzeit ein allgemeiner Konsens über das 'Phänomen' der kleinen Eiszeit in Spanien nicht zu ermitteln ist". Zumindest partiell antwortet darauf im letzten Schwerpunkt 'Forschungsperspektiven' der spanische Historiker Mariano Barriendos, der aus der Existenz religiöser Texte immerhin indirekt auf veränderte klimatische Bedingungen schließen will.

Insgesamt kann man feststellen, dass sich alle Beiträge mit der Grundthese auseinandersetzen und mit ganz unterschiedlichem Quellenmaterial versuchen, Zusammenhänge zwischen den klimahistorischen Fakten und den gesellschaftlichen und kulturellen Reaktionen herzustellen. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Zusammenhänge nicht immer jenen Grad der Eindeutigkeit erreichen, den der Historiker sich wünscht. Folglich liegt dem Band in allen Beiträgen die implizite Warnung vor interpretatorischen Kurzschlüssen zu Grunde, gerade Pfisters Beitrag entwickelt hierfür ein eigenes Modell. Gleichwohl erweist sich seine Ausgangsperspektive nicht nur als anregend, sondern auch als hinreichend scharf formuliert, um sinnvolle Fragen zu stellen. Bei der Lektüre der Beiträge hat man im Allgemeinen jedenfalls nicht den Eindruck, dass hier Zusammenhänge konstruiert würden, die historisch irrelevant wären. Ganz im Gegenteil: Die letztlich bemerkenswerte Koinzidenz der literarischen, künstlerischen und religiösen Äußerungen wirft die Frage nach einer zusammenhängenden Interpretation verstärkt auf und legitimiert somit die Fragestellung des Bandes.

Genau dies ist auch die Absicht des glänzenden Essays von Wolfgang Behringer (415-508), der versucht, die gesamte Diskussion zu bündeln und sorgfältig zwischen relativ gesicherten Zusammenhängen und offenen Fragen zu unterscheiden. Der Beitrag bietet erheblich mehr als nur eine der üblichen Zusammenfassungen von Konferenzergebnissen, er entwickelt vielmehr eine große historische Perspektive, wenn er nach der Möglichkeit einer zusammenhängenden Interpretation der Klimaproblematik für die Frühe Neuzeit fragt. Behringer plädiert für ein sehr viel offensiveres Herstellen von kausalen Beziehungen zwischen verschiedensten kulturellen Erscheinungsbereichen und der Klimaungunstphase. Er fragt letztlich auch nach der Möglichkeit einer Gesamtdeutung der Frühen Neuzeit, wenn er die zwar schon ältere, aber immer noch anregende Arbeit von Theodore K. Rabb [1] aufgreift, die die 'Suche nach Stabilität' als Kennzeichen der frühneuzeitlichen Epoche insgesamt herausstellte. In diesem Zusammenhang könnten sich durchaus Ansatzpunkte für eine größere Interpretation der Epoche ergeben, denn manche der von Behringer angeführten Deutungen sprechen dafür, klassische Interpretationen zu Gunsten eines differenzierten Modells der 'Suche nach Ordnung' aufzugeben, wobei das Klima nur eines der auslösenden Momente der Instabilität wäre. Behringer bestätigt damit insgesamt die Ergiebigkeit der gewählten Fragestellung.

Über seine Bedeutung für die Erforschung der 'Kleinen Eiszeit' ist der Band ein wichtiger Beitrag zur laufenden Diskussion über eine neue Interpretation der gesamten Epoche der Frühen Neuzeit, die angesichts der immer mehr auseinander laufenden Detailforschung stärker in den Mittelpunkt gerückt werden müsste.


Anmerkung:

[1] Theodore K. Rabb: The struggle for stability in early modern Europe, New York 1975.

Winfried Schulze