Rezension über:

Dean Phillip Bell: Jewish Identity in Early Modern Germany. Memory, Power and Community, Aldershot: Ashgate 2007, xii + 188 S., ISBN 978-0-7546-5897-9, GBP 55,00
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Rezension von:
Andreas Gotzmann
Lehrstuhl für Judaistik, Universität Erfurt
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Gotzmann: Rezension von: Dean Phillip Bell: Jewish Identity in Early Modern Germany. Memory, Power and Community, Aldershot: Ashgate 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 3 [15.03.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/03/13618.html


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Dean Phillip Bell: Jewish Identity in Early Modern Germany

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Im Rahmen des deutlichen Aufschwungs des Forschungsinteresses an frühneuzeitlicher Geschichte lässt sich in den letzten Jahren auch ein wachsendes Forschungsaufkommen zur jüdischen Geschichte beobachten. Während die ganz überwiegende Mehrzahl der Studien insbesondere zum deutschen Judentum des 16.-18. Jahrhunderts in traditioneller Weise Forschungstopoi aufgreifen und diese differenzieren, fehlen bislang nahezu vollständig grundlegend neue Ansätze, die übergreifende Forschungsparadigmen definieren und unsere von Sichtweisen der 1960er Jahre bestimmten Zugangsweisen hinterfragen und mögliche neue beschreiben. [1]

Das von Dean Bell vorgelegte Buch ist ein eindrückliches Dokument dieser Zwischen- und Aufbruchsphase eines wachsenden neuen Interesses an dieser Periode und ein solcher Versuch, sich neue Zugangsweisen zu erschließen. Bells Anliegen ist es, das historische Denken des vormodernen deutschen Judentums in seiner Breite zu skizzieren. Bereits dieses erstmalige Aufgreifen eines zum Verständnis der jüdischen Kultur dieser Zeit zentralen Themas sowie die damit zugleich vorgebrachte Kritik an überholten Paradigmen machen dieses Buch zweifellos zu einer grundlegenden Lektüre für alle, die an diesem Forschungszweig und an Geschichtswahrnehmungen der Frühen Neuzeit interessiert sind.

Dieses Buch fußt in der Forschungstradition des Faches Jüdische Geschichte, ein Aspekt, den man in Deutschland eher erwähnen muss, da die ganz überwiegende Mehrzahl der Forschung zum Judentum aus der 'allgemeinen' Geschichtsschreibung kommt, die mit diesen Fachdiskursen wenig vertraut ist. Die besondere Relevanz des Buches lässt sich aber nur dann erfassen, wenn man seinen Ursprung in den Debatten der Jüdischen Geschichte würdigt. Hier sind zweierlei Aspekte zu nennen, von denen der eine zwar immer noch, allerdings zunehmend mit geringerer Vehemenz diskutiert wird, der andere erstaunlicherweise aber seit etlichen Jahrzehnten - wie in anderen Zweigen der Geschichtswissenschaft - eine bleibende Aktualität besitzt.

Der erste Aspekt wird in der Jüdischen Geschichte mit dem Terminus einer 'integrierten Geschichtssicht' definiert, also ein Zusammendenken von jüdischer Geschichte mit der Geschichte der jeweiligen Umgebungskultur. Dies war lange Zeit eine problematische Diskussion, da eine essentialisierte nationalhistorische bzw. eine ethnisch-religiöse Geschichtssicht direkt die Aspekte kultureller Integrität und Autorität betraf.

Bell votiert auch mit seinem neuen Buch - wie er dies bereits mit der 2001 erschienenen Studie 'Sacred Communities' getan hat [2] - eindeutig für eine solche integrative Sichtweise. Weit über den kulturellen Vergleich hinaus ist eines seiner Hauptanliegen, die Bezüge zwischen jüdischen historischen Identitätsdiskursen und jenen der christlichen Umwelt zu beschreiben, was ihm ganz ohne jeden Zweifel gelingt. So werden in den als präzise zugeschnittene Detailstudien geschriebenen Kapiteln häufig direkte Vergleiche zwischen der Geschichtskultur auf beiden Seiten gezogen, etwa von literarischen Werken (z.B. Sebastian Münsters Cosmographia und David Gans' Zemach David) oder in der Darstellung einer auf beiden Seiten stattfindenden Veränderung der Geschichtswahrnehmung und der Geschichtsschreibung seit der Reformation.

Bell beschreibt eindrücklich, in welcher Weise jüdische Historiographie auf die symbolische Übernahme jüdischer Geschichte gerade durch die Reformatoren reagierte, indem man auf diese Gefährdung eigener Ansprüche in einer transreligiös gedachten Geschichtssicht mit Gegenentwürfen reagierte. Über derlei identitätsstiftende Konzepte eigener Vergangenheit, durch welche diese dramatischen symbolischen und in ihrer politischen Umsetzung gefährlichen Kolonialisierungsversuche der Gegenseite abgewiesen und kulturelle Integrität gewahrt wurde, bis hin zu regionalen Verortungen jüdischer Geschichte nicht nur in spezifisch mit dem Judentum und aktuellen Gemeinden, sondern auch mit nicht-jüdischer Geschichte verknüpften Darstellungen, werden die enge Verbundenheit und das Ineinandergreifen, zugleich wohlgemerkt aber auch Distanzierungen und differente Relevanzansprüche beschrieben.

Mit seiner integrativen Darstellung setzt Bell in begrüßenswerter Weise ganz zweifellos diesen oftmals eingeforderten, aber kaum umgesetzten analytischen Zugang, der sich von einer polarisierten Sichtweise jüdischer und letztlich auch christlicher Geschichte als abgeschlossen gedachte und getrennte Sphäre abwendet, beispielhaft um. Dabei zeigt Bell, dass die gegenüber einer solchen Geschichtssicht häufig vorgebrachten Vorbehalte fehl gehen: Eine solche Zugangsweise verdeckt weder die unzweifelhaften Differenzen zwischen jüdischer und christlicher Geschichte, noch untergräbt sie die Legitimität einer primär auf Jüdische Geschichte zugeschnittenen Darstellung. Im Gegenteil werden die Besonderheiten jüdischer kultureller Leistungen erst vor diesem Hintergrund, in der Interaktion und Selbstbehauptung erkennbar, wie dies für die Geschichte einer Minderheit nichts Ungewöhnliches ist.

Trotz dieses konsequenten Schritts hin zu einer neuen Sichtweise jüdischer Geschichte wird dies von Bell selbst nicht offen reflektiert, wie sich der Autor trotz der Konzeption seines Buches - und dies wäre der einzige Kritikpunkt an diesem - generell zu den theoretischen Vorgaben und Positionsbestimmungen letztlich konservativ verhält. So findet sich hinsichtlich des Paradigmas Assimilation, das direkt mit der Debatte einer integrativen Geschichtssicht verbunden ist, lediglich der beiläufige Hinweis: "Jewish culture was not a culture of the ghetto. Rather, Jews often took part in the ruling cultural norms but could give external ideas a Jewish meaning."(68) Diese aus kulturtheoretischer Perspektive zweifellos richtige Feststellung, dass sich Kulturen systemisch verhalten und damit die Frage vermeintlicher Übernahmen oder Anpassungen eine nach kulturimmanenten Legitimationen sein muss, ist in der Jüdischen Geschichte ebenso neu wie für die Geschichtswissenschaft an sich. Leider werden solche Neuorientierungen nicht reflektiert.

Auch hinsichtlich des zweiten Themas des Buches, nämlich der Frage, ob das 'deutsche' Judentum der Frühen Neuzeit überhaupt ein Geschichtsverständnis besessen habe, zeigt sich diese Zurückhaltung gegenüber einem konsequenten Überdenken der kritisierten Ansätze. Diese Annahme wirkt auf dem Hintergrund kulturwissenschaftlicher Theoriebildung eigenartig, sie wird innerhalb des Faches jedoch immer noch diskutiert und geht auf ein Buch Yosef Chaim Yerushalmis zu Beginn der 1980er Jahre zurück, der sich seinerseits auf Maurice Halbwachs und Pierre Nora bezog. Die auch in der Geschichtswissenschaft weiterhin genutzten Modelle etwa einer Differenzierung von Erinnerung und Geschichte und der überholten Begriffe von Gedächtnis führten zu verblüffenden Diagnosen. So sprach man dem vor-modernen Judentum eine 'wirkliche' Geschichtswahrnehmung weitgehend ab, da dessen Geschichtssicht nurmehr eine auf sich bezogene Erinnerungskultur sei, etwa da sie rituell zyklisch und nicht konsekutiv denke.

Wie es gerade im Bezug auf das Judentum, das sich seit seinen Anfängen geradezu von Geschichtlichkeit besessen zeigt, zu einer solchen Bewertung kommen konnte, ist im Nachhinein schwer verständlich; es erklärt sich insbesondere über das Aufrechterhalten eines Geschichtsbegriffs als Wissensspeicherung, das sich gerade in den Geschichtswissenschaften noch allenthalben findet, gepaart mit einer qualitativen Hierarchisierung unterschiedlicher Formen historischen Erzählens. Wohlgemerkt wurde Yerushalmis neoromantisch antimodernistische Diagnose, die im Rahmen der aktuellen Theoriedebatten wie Noras Entwurf schon damals rückwärtsgewandt war, bereits kritisiert. Jedoch niemals, indem man seine Diagnose jüdischer Geschichtswahrnehmung prinzipiell in Frage stellte. Dean Bells Buch wird nur auf der Grundlage dieses Modells verständlich.

Wie zuvor argumentiert Bell zwar überzeugend, ohne jedoch die aus einer wahrnehmungstheoretischen Perspektive offenkundig in vielfacher Weise fragwürdigen Vorgaben des kritisierten Modells wirklich zu benennen. Dies müsste nicht stören, wenn diese analytische Reibungsfläche nicht so grotesk wirken würde. Dementsprechend verblüffen die Diagnosen des Buches dadurch, dass sie so naheliegend sind, nämlich dass es eine eigene, in vielfacher Weise in die allgemeinen kulturellen Entwicklungen integrierte jüdische Geschichtssicht gab, die sich auf vielen verschiedenen Ebenen von der Autobiographie bis hin zur der seit der Renaissance sich entwickelnden literarischen Gattung 'eigentlicher' Geschichtsschreibung manifestierte; jene Geschichte, die dann von den Geschichtstheoretikern des 20. Jahrhunderts absolut gesetzt wurde. Wohlgemerkt ist dies weniger eine Kritik an Bells Darstellung [3]; sie trifft vor allem die Theorieferne des Fachs. Wenn aber unterstrichen wird, dass die jüdischen Geschichtsdarstellungen sozial wirksam waren, indem sie Identität bildeten und dabei in vielfacher Weise Identität und Autorität verhandelten, so wirkt die Abwendung von den gar nicht scharf genug zu kritisierenden Paradigmen des Fachs eigen - denn was wäre Geschichte je anderes, als symbolische Schichtungen sozialer Relevanzansprüche, was untrennbar die Aspekte Macht und Identität einbezieht.

Über die forschende Praxis stellt Bell aber wohlgemerkt einen Aspekt überzeugend dar: Anders als man dies bislang sah, schuf sich das deutsche Judentum in der Frühen Neuzeit auf zahlreichen literarischen Wegen eine in sich geschlossene, dabei jedoch nicht abgeschottete historische Selbstwahrnehmung, über die es sowohl seinen Platz in der allgemeinen Gesellschaft verhandelte, als auch gemeindespezifische oder familiäre Ansprüche (etwa hinsichtlich der Aspekte Ehrbarkeit und Familie) durch das Behaupten kultureller und sozialer Relevanz in den nach innen und außen gerichteten Verhandlungsfeldern letztlich als ein eigenständiges kulturelles System absicherte. Hiermit liefert Dean Bell einen entscheidenden Beitrag zu einer neuen Zugangsweise zur jüdischen Geschichte, die sich jenseits überholter Paradigmen dem kulturellen Selbstverständnis und den grundlegenden Wahrnehmungsstrukturen des einzigen nicht-christlichen Bevölkerungsteils des Heiligen Römischen Reiches widmet. Damit - dies muss wohl immer noch gesagt werden - ist dies auch ein Buch, das über den engeren fachlichen Zusammenhang hinaus für das Verständnis europäischer Kulturen grundlegend ist.


Anmerkungen:

[1] Die wesentlichen, bis heute in ihrer Grundstruktur weitgehend noch gültigen Paradigmen gehen auf Jacob Katz: Exclusiveness and Tolerance. Studies in Jewish-Gentile Relations in Medieval and Modern Times, Springfield NJ 1983 (hebr. Org. 1961); zurück. Ein wenig einflussreicher, primär wirtschaftsgeschichtlicher Versuch einer Redefinition dieser Sichtweise stellt Jonathan I. Israels Studie dar; ders.: European Jewry in the Age of Mercantilism (1550-1750), London 31998.

[2] Dean Philip Bell: Sacred Communities. Jewish and Christian Identities in Fifteenth-Century Germany, Boston/Leiden 2001.

[3] Wiewohl Bell auch hier erneut eine konservative theoretische Perspektive beibehält, erkennbar etwa in seiner Übernahme der Unterscheidung zwischen 'real' und 'imagined history' (151).

Andreas Gotzmann