Rezension über:

Florian Hartmann: Hadrian I. (772-795). Frühmittelalterliches Adelspapsttum und die Lösung Roms vom byzantinischen Kaiser (= Päpste und Papsttum; Bd. 34), Stuttgart: Hiersemann 2006, XII + 350 S., ISBN 978-3-7772-0608-0, EUR 136,00
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Rezension von:
Achim Thomas Hack
Historisches Seminar, Universität Regensburg
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Achim Thomas Hack: Rezension von: Florian Hartmann: Hadrian I. (772-795). Frühmittelalterliches Adelspapsttum und die Lösung Roms vom byzantinischen Kaiser, Stuttgart: Hiersemann 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 2 [15.02.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/02/12697.html


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Florian Hartmann: Hadrian I. (772-795)

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Der Pontifikat Hadrians I. ist mit 23 Jahren nicht nur einer der längsten in der Papstgeschichte, sondern gilt darüber hinaus auch als einer der historisch bedeutendsten. Ihm hat sich Florian Hartmann in seiner Bonner Dissertation von 2005 zugewandt, die jetzt als 34. Band in der Reihe 'Päpste und Papsttum' erschienen ist.

Nach einer knappen Einleitung (1-11) geht der Verfasser zunächst auf die beiden römischen Hauptquellen ein, auf denen unser Wissen über den Pontifikat basiert. Das ist zum einen die Vita Hadriani I im Liber Pontificalis, deren historiographischer Teil aber schon im Juni 774 abbricht. Wie Hartmann überzeugend darlegt, sind die letzten Einträge erst über ein Jahr nach den Ereignissen abgefasst worden. Dazu kommen die Briefe Hadrians I., die zum größten Teil im Codex Carolinus überliefert sind. Hier hätte man vielleicht deutlicher hervorheben können, dass diese Schreiben von zwei unterschiedlichen Diktatoren stammen. Besonders hebt Hartmann das schlechte Latein der Papstbriefe hervor, die seinem Befund zufolge "reich mit groben Fehlern bestückt sind" (33). Um sprachliche Vergehen, die sich wie in einem Schulheft anstreichen lassen (vgl. 33f.), handelt es sich aber nur, wenn man die klassische Latinität als allgemeingültigen Maßstab zugrunde legt. In Wirklichkeit hatte sich die Sprache längst fortentwickelt, man mag das begrüßen oder nicht. Denn Hadrian I. ist von Cicero zeitlich genau so weit entfernt, wie wir es von Walter von der Vogelweide sind. Nützlicher als eine Verurteilung von klassizistischer Warte wäre daher eine sprachgeschichtliche Erklärung der einzelnen Phänomene gewesen (Kap. 1, 13-35).

Im zweiten Kapitel charakterisiert der Verfasser Hadrian I. als Mitglied der römischen Militäraristokratie, die sich aufgrund ihrer wirtschaftlich-sozialen Dominanz immer wieder bei den Papstwahlen durchsetzen konnte. Besonders ein Onkel Hadrians, der primicerius notariorum Theodotus, ist in den Quellen gut zu fassen (Kap. 2, 37-79). Einmal ins Papstamt gekommen, griff Hadrian auf die gängigen Mittel der Selbstdarstellung und Machtstabilisierung zurück: die stadtrömische Liturgie sowie die Bau- und Schenkungspolitik, von der umfangreiche Listen im Liber Pontificalis zeugen. In diesem Zusammenhang geht Hartmann auch auf die Arrogation der kaiserlichen Herrschaftszeichen ein, die er auf 775/76 datiert (Kap. 3, 81-111).

Ein zentrales und in der Forschung überaus umstrittenes Thema des Pontifikats ist das angeblich von Karl dem Großen erneuerte Pippinische Schenkungsversprechen; es ist bekanntlich niemals zur Zufriedenheit der Päpste eingelöst worden. Nach Hartmann bildet es schon beim ersten Rombesuch von 774 Stoff für einen heftigen Konflikt, der zur verärgerten Abreise des Königs führte. Die in der Papstvita inserierte Schenkungsurkunde erweist er zumindest partiell als römische Fälschung, genauer als päpstliche Wunschphantasie aus dem Rückblick von 775 (Kap. 4, 113-155).

Eng damit verbunden ist der Prozess der Ablösung von Byzanz, der, obwohl längst eingeleitet, unter Hadrian seinen Höhepunkt fand. In diesem Kontext verortet Hartmann die Entstehung der Konstantinschen Fälschung, die er erstaunlich exakt in das Jahr 776 datiert. In einem Brief an Karl den Großen aus diesem Jahr (Codex Carolinus Nr. 60) wird seiner Meinung nach direkt darauf Bezug genommen. Diese These ist bekanntlich nicht ganz neu und hat nie allgemeine Anerkennung gefunden. Vor allem unterschlägt der Verfasser alle Indizien, die für eine Entstehung des Dokuments unter Stephan II., Paul I., Leo III. oder erst im Verlauf des 9. Jahrhunderts sprechen - insofern eine starke Verkürzung der sehr komplexen Problematik (Kap. 5, 157-195).

Das längste Kapitel ist dem Verhältnis zu Karl dem Großen gewidmet, dem wichtigsten Partner der päpstlichen Politik. In sieben Abschnitten arbeitet Hartmann vor allem die Konfliktpunkte zwischen König und Papst heraus, bei denen Hadrian immer wieder den Kürzeren zog. Diese Skizzen sind mit detektivischem Scharfsinn gearbeitet, fallen aber insgesamt zu einseitig aus. So zentrale Themen wie die umfangreichen Gebetsleistungen des Papstes für die fränkischen Siege und den Fortbestand der karolingischen Königsherrschaft etc. [1] werden einfach übergangen. Die Auswahl beschränkt sich beinahe ausschließlich auf die so genannte Realpolitik - die Stärke Karls -, während die religiösen und legitimatorischen Aspekte - die Stärken Hadrians - fast völlig ausgeblendet werden (Kap. 6, 197-265).

Im letzten Kapitel beschäftigt sich Hartmann mit der theologischen Bildung des Papstes und kommt zu einem verheerenden Resultat: Im Bereich des Kirchenrechts, der Liturgie und Dogmatik im engeren Sinn (Bildtheologie) war Hadrian ganz und gar nicht auf der Höhe seiner Zeit (Kap. 7, 267-291).

Wie schon dieser knappe Überblick zeigt, ist die Arbeit von Hartmann ausgesprochen thesenfreudig. Sie wird damit die Diskussion zweifellos anregen, auch wenn man ihr vielleicht nicht in jedem einzelnen Punkt folgt. So kann - um nur ein Beispiel zu nennen - die "Adaption kaiserlicher Vorrechte durch Hadrian I." (164-181) nur durch ein ganzes Bündel stark hypothetischer Annahmen in das Jahr 775/76 datiert werden. Vielleicht war auch der Bruch gar nicht so stark, wie immer wieder unterstellt wird. Immerhin hat Hadrian noch 785 Konstantin VI. auf die Einholung des Kaiserbildes angesprochen - ein unvorstellbarer Affront, wenn es nicht der historischen Realität entsprochen haben sollte. Rein spekulativ und damit nutzlos bleibt die Überlegung, ob sich 775/76 auch die Datierung in den Papstbriefen (vorher Kaiser-, dann Papstjahre) geändert hat, denn alle erhaltenen Schreiben sind ohne Datierung überliefert.

Diese wenigen kritischen Anmerkungen sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Verfasser eine gewichtige Arbeit vorgelegt hat, die vor allem durch ihre quellennahe Argumentation überzeugt. Er nimmt den Leser mit auf eine diffizile Spurensuche, die in die unterschiedlichsten Bereiche des kirchlich-politischen Lebens führt. Dabei erliegt er nicht der Versuchung, eine Biographie im modernen Sinne schreiben zu wollen, sondern beschränkt sich sehr klug auf die "Perspektiven, Strategien und Möglichkeiten des Papsttums im ausgehenden 8. Jahrhundert" (Fazit, 295-300).


Anmerkung:

[1] Vgl. Sebastian Scholz: Politik - Selbstverständnis - Selbstdarstellung. Die Päpste in karolingischer und ottonischer Zeit (= Historische Forschungen, 26), 78-107, besonders 86-89.

Achim Thomas Hack