Rezension über:

Florian Hartmann (Hg.): Cum verbis ut Italici solent ornatissimis. Funktionen der Beredsamkeit im kommunalen Italien (= Super alta perennis. Studien zur Wirkung der Klassischen Antike; Bd. 9), Göttingen: V&R unipress 2011, 191 S., ISBN 978-3-89971-737-2, EUR 37,90
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Rezension von:
Rüdiger Lorenz
Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Rüdiger Lorenz: Rezension von: Florian Hartmann (Hg.): Cum verbis ut Italici solent ornatissimis. Funktionen der Beredsamkeit im kommunalen Italien, Göttingen: V&R unipress 2011, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 9 [15.09.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/09/19855.html


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Florian Hartmann (Hg.): Cum verbis ut Italici solent ornatissimis

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Der vorliegende Band ist das Ergebnis einer im Februar 2009 am DHI Rom veranstalteten deutsch-italienischen Giornata di Studi zum Thema "Funktionen der Beredsamkeit im kommunalen Italien". [1] Analog zu den Sektionen des Studientags sind die Beiträge in drei thematische Bereiche unterteilt: mündliche und schriftliche innerkommunale Beredsamkeit, sowie - mit dem kaiserlichen Hof und der päpstlichen Kurie - außerkommunale Rhetorik.

Aufgrund der aus den Quellen evidenten Bedeutsamkeit der Rhetorik in den italienischen Kommunen - sowohl hinsichtlich Bewertungen der Rhetorik in den Quellen, als auch der schieren Zahl überlieferten rhetorischen Schrifttums -, stellt Florian Hartmann die Frage nach dem "Sitz im Leben" der Rhetorik, nach Trägern, Adressaten und Wertigkeit rhetorischer Fertigkeiten. Wie Hartmann zu Recht feststellt, sei der Schwerpunkt, jedoch zugleich auch das Defizit der bisherigen Forschung deren zumeist rein philologischer Blick auf die gattungsgeschichtliche Entwicklung der Rhetorik unter Ausblendung von Fragen ihrer gesellschaftlichen Funktion gewesen. Dem diesen Blickwinkel zugrunde liegenden reduktionistischen, nur auf die Sprachästhetik abzielenden Rhetorikbegriff stellt er aktuelle Forschungen gegenüber, die die sozialen und kontextuellen Bedingungen insbesondere performativer, aber auch argumentativer Rhetorik zu greifen versuchen. Mit der Performativität wird zudem der Blick auf den Rezipienten gerichtet, und die Vorstellungen von Beredsamkeit und argumentativen Strategien, die dieser mit dem Redner teilt, damit letzterer Erfolg haben kann.

Den Abschnitt zur mündlichen, innerkommunalen Beredsamkeit eröffnet Christoph Dartmann. Im Anschluss an die Diskussionen zur symbolischen Kommunikation im Mittelalter über die Praxis der öffentlichen Rede in den Kommunen zeigt er auf, dass die öffentliche Rede im Rahmen von contio und parlamentum eng mit dem Werden der oberitalienischen Kommunen selbst verwoben ist. Den Versammlungen kommt hierbei die Funktion zu, zuvor in der Kommune erzielten Konsens symbolisch und öffentlich durch den performativen Akt der Rede der Amtsträger zu artikulieren, somit zudem das stellvertretende Agieren dieser Delegierten vor der universitas civium zu legitimieren - zugleich musste die Stadtbevölkerung fähig sein, diese (rhetorischen) Legitimierungsstrategien zu durchdringen. [2] Den symbolischen Charakter der einzelnen Schritte der brieflichen Kommunikation zwischen den Kommunen, vom Aufsetzen über die Aushändigung bis zum öffentlichen Verlesen des Schriftstücks, beschreibt Christoph Friedrich Weber. Er zeigt die Rolle der Formalisierung des gesamten kommunikativen Akts und dessen Reflexion in der dictamen-Literatur auf. Die Wandlung des Minoritenordens durch päpstlichen Einfluss hin zu einem Orden von Predigern diskutiert Markus Schürer. Er hebt insbesondere hervor, dass es unter "Bonaventura als zweitem Gründer" (50) zu einer Urbanisierung, Klerikalisierung und damit der Intellektualisierung des Ordens gekommen sei, die erst die später zentrale Rolle der Predigt in dessen Aufgabenfeld ermöglicht habe.

Mit seiner Untersuchung zur Funktion von Briefen in kommunaler Historiografie wendet sich Enrico Faini den Funktionen von Schriftlichkeit zu. In detaillierter Analyse historiografischer Schriften aus italienischen Kommunen des 12. und 13. Jahrhunderts kann er zum einen zeigen, dass rhetorische Ausgestaltung der dargestellten Kommunikation ein laikales, eindeutig auf die Kommune selbst ausgerichtetes Phänomen sei, zum anderen zwei Funktionen des Inserierens von Briefen plausibel machen: Als Vehikel politisch motivierter Argumentation einerseits, als Beispiele hohen rhetorischen Stils und somit in didaktischer Funktion andererseits. Im "self-fashioning" (123) kommunaler Eliten und der Absicht des Normierens sozialer Hierarchien sieht Florian Hartmann eine Aufgabe der ars dictaminis. Ausgehend von der engen Verbindung der Notare zur städtischen Führungsschicht und der Signifikanz der von den dictatores ausgeübten Briefkommunikation innerhalb der Kommunen untersucht er zwei Gesichtspunkte: Den in der ars propagierten artifiziellen Sprachstil und die Lehre von der salutatio. Beides, so Hartmann, diene elitärer Selbstdarstellung. Ersteres aufgrund der implizierten Bedingtheit von hohem Sprachstil durch nur vermittels hohem sozialen Rang und Talent ermöglichter Bildung. Hinsichtlich letzterem weist der Autor auf die eklatante praktische Nutzlosigkeit der dargestellten, weil in diesem Kontext unausgereiften sozialen Ordnung für das Verfassen von Grußformeln hin, die zudem de facto im Sprachstil der Briefe keinerlei Niederschlag finde. Die sozialen Kategorien der ars dictaminis hätten in ihrer Wiedergabe verbreiteter Ordnungsmuster vielmehr eine normierende Funktion und legitimieren diese, geben dem dictator ein Werkzeug sozialen Kategorisierens an die Hand.

Die aufgrund des großen kommunikativen Handlungsspielraums des Herrschers eher eingeschränkten Möglichkeiten rein argumentativer Strategien thematisiert Knut Görich. Die Art und Weise, wie gesprochen wird, sieht er als eines der wenigen den kommunalen Gesandten zur Verfügung stehenden Mittel, um bei Wahrung des kaiserlichen honor auch Kritik äußern zu können, respektive das teils als willkürlich empfundene Vorgehen Barbarossas zumindest partiell lenken zu können. In kommunaler Historiografie überliefertes "Sprechen vor dem Kaiser" (135) der Gesandten könnte so auch als Sammeln von Beispielen erfolgreicher sprachlicher und argumentativer Strategien gewertet werden. Ein Befund, der mit demjenigen Fainis zur Funktion politischer Briefe in kommunaler Historiografie in Beziehung gesetzt werden könnte. An den Beobachtungen Jochen Johrendts zu "Papst und Rhetorik im 11. und 12. Jahrhundert" ist in diesem Zusammenhang eine besonders hervorzuheben: Durch eine Sichtung päpstlicher Urkunden von etwa 1050 bis 1150 kann er zeigen, dass im Kontext kirchlicher Konflikte gerade auf Seiten der zu Innovation gezwungenen Reformpäpste Ausmaß und Art rhetorischer Ausgestaltung, aber auch Strukturierung der Sprache neben anderem (z.B. Gestaltung der Bleibullen) ein Mittel zur Abgrenzung von opponierenden Papstprätendenten war. Der Sammelband schließt mit Abstracts und einer ersten Synthese durch den Herausgeber.

Zwar treten dem Leser in diesem Sammelband teils stark differierende Blickwinkel auf die mittelalterliche Rhetorik entgegen. Doch neben dem zeitlich und räumlich gesetzten Bezugsrahmen ist es insbesondere die Ausrichtung auf die Funktionalität der Rhetorik, die es ermöglicht, Zugänge und Ergebnisse der einzelnen Studien, die sich darin spiegelnden Appropriationen und Transformationen, aber auch Brechungen antiken Erbes zu erkennen. Die unterschiedlichen Ansätze eröffnen hierbei neue Perspektiven auf mittelalterliche Beredsamkeit und ihren "Sitz im Leben", die erst noch auf breiterer Basis weiterverfolgt werden müssten. Nicht nur, so zeigt dieser Tagungsband, hinsichtlich der oberitalienischen Kommunen; eingedenk der Vorreiterfunktion der Kommunen in diesem Kontext und der sich vervielfachenden Rezeption im lateinischen Europa ist mit diesem Band inhaltlich wie methodisch eine Grundlage für weitere Forschungen gelegt. Es wäre wünschenswert, dass die in den Quellen evidente Signifikanz rhetorischer Fertigkeiten, seien sie nun schriftlicher, mündlicher oder hybrider Natur, in entsprechend verstärktem Interesse der mediävistischen Disziplinen ihren Widerpart fänden.


Anmerkungen:

[1] Vgl. den Tagungsbericht: Julia Becker: Funktionen der Beredsamkeit im kommunalen Italien, in: QFIAB 89 (2009), 423-429.

[2] Vgl. Frank Rexroth: Systemvertrauen und Expertenskepsis. Die Utopie vom maßgeschneiderten Wissen in den Kulturen des 12. bis 16. Jahrhunderts, in: Wissen, maßgeschneidert. Experten und Expertenkulturen im Europa der Vormoderne (= HZ Beihefte N.F.; Bd. 57), hgg. v. Björn Reich / Frank Rexroth, München 2012, 12-44, hier 20 und 30.

Rüdiger Lorenz