Rezension über:

Andreas Mohr: Das Wissen über die Anderen. Zur Darstellung fremder Völker in den fränkischen Quellen der Karolingerzeit (= Studien und Texte zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit; Bd. 7), Münster: Waxmann 2005, 349 S., ISBN 978-3-8309-1522-5, EUR 34,90
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Rezension von:
Achim Thomas Hack
Institut für Geschichte, Universität Regensburg
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Stellungnahmen zu dieser Rezension:

Stellungnahme von Andreas Mohr mit einer Replik von Achim Thomas Hack

Empfohlene Zitierweise:
Achim Thomas Hack: Rezension von: Andreas Mohr: Das Wissen über die Anderen. Zur Darstellung fremder Völker in den fränkischen Quellen der Karolingerzeit, Münster: Waxmann 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 7/8 [15.07.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/07/9744.html


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Andreas Mohr: Das Wissen über die Anderen

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Legt man die Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft als Maßstab zu Grunde, dann hat die Erforschung von Wahrnehmungsmodi des Fremden und Sichtweisen des Eigenen bereits seit einiger Zeit geradezu Hochkonjunktur, man denke nur an den Freiburger Sonderforschungsbereich "Identiäten und Alteritäten", an das Erlanger Graduiertenkolleg "Kulturtransfer im europäischen Mittelalter" sowie an das Paderborner Graduiertenkolleg "Reiseliteratur und Kulturanthropologie". Andreas Mohr war drei Jahre lang Stipendiat an dem zuletzt genannten Forschungsprojekt und hat in dieser Zeit eine Untersuchung über die "Darstellung fremder Völker in den fränkischen Quellen der Karolingerzeit" verfasst; diese Arbeit wurde 2003 von der Universität Kassel als Dissertation angenommen und ist 2005 im Druck erschienen.

Den Anstoß für derartige Fragestellungen zumindest im deutschsprachigen Raum sind von einer Reihe von methodisch innovativen Studien ausgegangen, die Gerd Tellenbach und Arnold Esch in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren über Reise- und Pilgerberichte des späten Mittelalters vorgelegt haben [1] - eine Tatsache, die der Verfasser in dem u. a. der forschungsgeschichtlichen Positionierung gewidmeten Einleitungsteil seines Buches (11-43) leider nicht erwähnt.

Im zweiten Kapitel legt er dar, dass die Franken sich die Welt als von Völkern bewohnt vorstellten, denen unter Umständen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden konnten (44-87). Die folgenden Abschnitte sind nach den verschiedenen Bereichen des kulturellen Kontaktes untergliedert, nämlich "Handel, Religion und Mission" (88-144), Krieg (145-216) und Diplomatie (217-263). Unter der zuletzt genannten Rubrik wird merkwürdigerweise auch "Die Krönung Karls des Großen im Bild der fränkischen Quellen" abgehandelt (231-236), obwohl dieses oft traktierte Ereignis ohne Beteiligung von ausländischen Diplomaten stattgefunden hat. Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit der Wahrnehmung von "Herrschafts- und Sozialstrukturen fremder Völker" (264-305), die überwiegend sehr bescheiden ausfällt; einzige nennenswerte Ausnahme ist Rimberts Vita Anskarii. Das siebte Kapitel untersucht, ob sich die Darstellung der Langobarden, Sachsen und Normannen nach deren Eingliederung in das fränkische Reich verändert hat (306-320). Während in den beiden ersten Fällen der Wandel vom Feind- zum Freundbild gelingt, bleiben an den Normannen noch lange die negativen Stereotypen haften. Es folgen knappe "Schlussbetrachtungen" (321-331) sowie ein Quellen- und Literaturverzeichnis (332-349). Der Mühe, ein Register zu erstellen, hat sich der Autor bedauerlicherweise nicht unterzogen. Wer sich also etwa auf Seite 299 nicht mehr genau erinnert, wo er schon einmal etwas über Abodriten, Wilzen oder Heveller gelesen hat, kann mit der Lektüre gerade noch einmal von vorne beginnen.

Die Sprache des Verfassers ist zunächst ein wenig gewöhnungsbedürftig. Wo man gemeinhin von Gesandten sprechen würde, sagt Mohr "in diplomatische Abläufe eingebundene Personen" (13), wenige Sätze später ist erneut von "in diplomatische Aktionen eingebundenen Akteuren" (14) die Rede. Auch sonst wirken die Formulierungen oft unnötig kompliziert. Hinzu kommen Neubildungen wie zum Beispiel "Pagane" als Substantiv zu "pagan", das wiederum das problematische Wort "heidnisch" ersetzen soll, dadurch aber nicht weniger problematisch wird, oder "regnal" als deutsches Adjektiv zum lateinischen Substantiv "regnum" (beide durchgängig verwendet). Aus dem Bereich der Semiotik ist vor allem "Schreiber" zu nennen, das mindestens drei Mal pro Seite vorkommt; damit werden stets die Verfasser der Quellentexte bezeichnet, während man sonst darunter vor allem Kopisten versteht, jedenfalls Personen, die nicht selbstständig Texte formulieren.

Sehr problematisch ist der Umgang mit den Quellen. Mohr schreibt u. a.: "Die Briefsammlung des Codex Carolinus schließlich stellt eine wichtige Quelle [...] dar. Diese Briefe stammen aus der Zeit zwischen 739 und 791 und sind hauptsächlich von den Päpsten Gregor III. und Hadrian I. abgesandt worden" (34). Von den 99 Briefen des Codex Carolinus stammen 2 von Gregor III. und 49 von Hadrian I., die übrigen 48 von Zacharias I., Stephan II., Paul I., Stephan III. und Konstantin II. Wer solche Sätze schreibt, kann unmöglich die genannte Quelle ernsthaft gelesen haben. Wie kommt es zu der zitierten Aussage? Als einzige Literaturangabe wird auf einen Artikel von Max Kerner verwiesen, der knapp eine halbe Spalte im Lexikon des Mittelalters füllt. Schaut man nach, so wird dort von "Papstbriefe(n) von Gregor III. bis Hadrian I." gesprochen, das heißt, Mohr hat "bis" in seiner Paraphrase irrtümlich durch "und" ersetzt.

Damit nicht genug. Zehn Seiten weiter heißt es: "Demzufolge werden die Byzantiner in den fränkischen Schriftzeugnissen mit dem Terminus 'Grecus' bezeichnet" (44). Das ist zwar nicht neu, aber richtig. In der dazugehörigen Fußnote wird dann aber neben Reichsannalen und Einhards Vita Karoli Magni auch auf fünf Briefe des Codex Carolinus hingewiesen - also Texte aus der Feder von Päpsten oder deren römischen Helfern. Ein einfaches Versehen? Keineswegs. Auf Seite 205 schreibt Mohr erneut: "Als Hauptquellen von fränkischer Seite kommen für die Darstellung christlicher Feinde die Berichte des Codex Carolinus, der Annales Mettenses, der Lorscher sowie der Reichsannalen [...] in Betracht." Welche Ergebnisse sind bei solchem Umgang mit den Quellen zu erwarten?

Auf die Dauer sehr ermüdend ist die Neigung des Verfassers zu selbstevidenten Feststellungen, wie zum Beispiel: "das so genannte Altsächsische Taufgelöbnis ist bezeichnenderweise nicht in Latein, sondern im altsächsischen Dialekt verfasst" (36). In manchen Fällen stellt sich die Frage, ob sich der Verfasser über die Konsequenzen seiner Aussagen wirklich im Klaren ist. So konfrontiert er etwa die ethnische Vielfalt im byzantinischen Reich mit der verkürzenden Bezeichnung bei den fränkischen Autoren: "Diese ethnisch-kulturelle Heterogenität wird durch den Begriff 'Greci' als Ausdruck eines sozialen Deutungsschemas im Sinne einer Darstellung der Byzantiner als 'gens Grecorum', als Volk der Griechen, nicht deutlich. [...] Die Franken verwenden die (sic) Terminus 'Greci' als pauschale Bezeichnung für sämtliche aus dem byzantinischen Bereich kommenden Fremden, ohne näher zwischen den verschiedenen ethnischen und sprachlichen Gruppen zu differenzieren" (46 f.). Der Rezensent gesteht offen ein, dass auch er die Bewohner Deutschlands oft pauschalisierend als "Deutsche" bezeichnet, obwohl er eigentlich genau weiß, dass hier viele Türken, Spanier und Italiener, Dänen, Friesen und Sorben, nicht zuletzt Sinti und Roma leben, die er keineswegs zu diskriminieren beabsichtigt. Muss er sich deshalb eines gentilen Denkens zeihen lassen, wie es für das frühe Mittelalter angeblich charakteristisch ist? Bedenklich ist es seines Erachtens viel eher, dass sich der Verfasser den Herrschaftsbereich der Muslime als "von arabischsprachigen Sarazenen dominierten Kulturraum" (68) vorstellt; in Wirklichkeit war ein großer Teil der "Sarazenen", mit denen die Franken in Kontakt kamen, Angehörige bzw. Nachkömmlinge eines Berberstammes, die zeitweise mit den arabischstämmigen Muslimen in Konflikt standen. Ich breche damit die Reihe der beliebig fortsetzbaren Einzelbeobachtungen ab.

Forschungen zum "Wissen über die Anderen" sind keineswegs neu. So hat Horst Zettel schon 1977 eine Arbeit über die Sicht der Normannen vorgelegt, Ekkehard Rotter 1986 eine Untersuchung über die Wahrnehmung der Sarazenen [2] - beides hervorragende Dissertationen, die man immer wieder mit großem Gewinn zur Hand nimmt. Während sie sich einem klar begrenzten Thema zuwenden - konkret: einem bestimmten "Volk" -, übernimmt sich Mohr mit dem Versuch, gleich alle den Franken bekannte Völker vergleichend zu behandeln. Seine Auswahl der Quellen bleibt lückenhaft und unsystematisch, die verwendete Sekundärliteratur beschränkt sich nicht selten auf Einführungs- oder Überblicksdarstellungen. Französische Titel werden schon kaum zitiert, italienische fehlen praktisch ganz. Viele Ergebnisse, wenn sie denn richtig sind, bleiben an der Oberfläche haften oder gehen nicht über den bereits gewonnenen Kenntnisstand hinaus. Angesichts dieser massiven Mängel vermag der Rezensent leider keinen nennenswerten Nutzen des Buches für die Wissenschaft zu erkennen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Gerd Tellenbach: Zur Frühgeschichte abendländischer Reisebeschreibung, in: Ders., Ausgewählte Abhandlungen und Aufsätze III, Stuttgart 1988, 1099-1128 (zuerst 1977); Gerd Tellenbach: Glauben und Sehen im Romerlebnis dreier Deutscher des fünfzehnten Jahrhunderts, in: ebd., 1151-1180 (zuerst 1979); Arnold Esch: Vier Schweizer Parallelberichte von einer Jerusalemfahrt im Jahre 1519, in: Nicolai Bernhard / Quirinus Reichen (Hg.): Gesellschaft und Gesellschaften. FS Ulrich Im Hof zum 65. Geburtstag, Bern 1982, 138-184; Arnold Esch: Gemeinsames Erlebnis - individueller Bericht. Vier Parallelberichte von einer Reisegruppe von Jerusalempilgern 1480, in: ZHF 11 (1984), 385-416; Arnold Esch: Anschauung und Begriff. Die Bewältigung fremder Wirklichkeit durch den Vergleich in Reiseberichten des späten Mittelalters, in: HZ 253 (1991), 281-312.

[2] Horst Zettel: Das Bild der Normannen und der Normanneneinfälle in westfränkischen, ostfränkischen und angelsächsischen Quellen des 8. bis 11. Jahrhunderts, München 1977; Ekkehard Rotter: Abendland und Sarazenen. Das okzidentale Araberbild und seine Entstehung im Frühmittelalter (= Studien zur Sprache, Geschichte und Kultur des islamischen Orients, NF XI), Berlin 1986

Achim Thomas Hack