Rezension über:

Arnd Kluge (Hg.): Die Hofer Chronik. 1633 - 1643 (= Berichte des Nordoberfränkischen Vereins für Natur-, Geschichts- und Landeskunde; Bd. 55), Hof: Nordoberfränkischer Verein für Natur-, Geschichts- und Landeskunde 2006, 339 S., ISBN 978-3-928626-54-5, EUR 12,80
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Rezension von:
Frank Kleinehagenbrock
Institut für Geschichte, Julius-Maximilians-Universität, Würzburg
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Frank Kleinehagenbrock: Rezension von: Arnd Kluge (Hg.): Die Hofer Chronik. 1633 - 1643, Hof: Nordoberfränkischer Verein für Natur-, Geschichts- und Landeskunde 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 2 [15.02.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/02/12549.html


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Arnd Kluge (Hg.): Die Hofer Chronik

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Wer den hier zu besprechenden Band zur Hand nimmt, ist zunächst ratlos. Es liegt ganz offenkundig eine Edition einer Chronik aus Hof aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges vor, die als 55. Bericht des Nordoberfränkischen Vereins für Natur-, Geschichts- und Landeskunde erschienen ist und anscheinend vom Stadtarchiv Hof besorgt wurde. Es handelt sich dabei um eine regional bereits weithin rezipierte Quelle zur Stadtgeschichte in den Jahren von 1633 bis 1643, die schon im 19. Jahrhundert - sowohl unwissenschaftlich, als auch mit wissenschaftlichem Anspruch ediert - wurde. Versuche einer Neuedition im 20. Jahrhundert erreichten nur das Manuskriptstadium. Dem Titelblatt und dem Inhaltsverzeichnis folgen zwei unmotiviert wirkende, sich durch die Erläuterungen zunächst nicht erschließende Abbildungen und dann sogleich der 234 Seiten lange edierte Text. Daran schließen sich ein rund dreißig Seiten umfassender Kommentar, sowie ein recht ausführlicher "Nachschlageteil" an. Erst im Kommentarteil erfahren die Leserinnen und Leser die Gründe für die Neuedition, nämlich den defizitären Charakter der älteren Editionen und das Bedürfnis nach Einordnung der Quelle in den Kontext aktueller geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse (243 f.).

Ein ordentliches und informatives Vorwort des Herausgebers mit knappen Angaben zu seinem Projekt wäre gewiss von Nutzen gewesen. Der Kommentarteil ist zwar ungeschickt strukturiert, macht jedoch deutlich, dass die hier vorliegende Edition der stadtgeschichtlichen Quelle prinzipiell von arbeitsintensiven Nachforschungen begleitet war. So ist hervorzuheben, dass die lediglich im Text genannten (!) Bearbeiterinnen Katharina Schönlein, Ulrike Kendl und Regina Kilian sehr umsichtig die Frage nach der Entstehung der Chronik angegangen sind, die in früherer Zeit allein dem Hofer Organisten Jobst Christoph Rüthner zugewiesen wurde. Sehr abwägend und plausibel argumentierend können sie dagegen unterschiedliche Phasen kenntlich machen, in denen eindeutig dem genannten Organisten zuzuschreibende Textpassagen mit anderen chronistischen Quellen kompiliert und verschiedenen redaktionellen Bearbeitungen unterzogen wurden. Dies geschah hauptsächlich wohl in den Jahren 1653 bis 1656. Zuletzt haben zwei Schreiber zumindest abschriftlich im 18. Jahrhundert die der nun vorliegenden Edition zugrundeliegende Fassung, die im Staatsarchiv Bamberg verwahrt wird, erstellt.

Die geschichtswissenschaftliche Einordnung der Quelle in die Zusammenhänge des Dreißigjährigen Krieges und speziell in das Hofer Umland fällt cum grano salis zuverlässig, aber nicht vollständig überzeugend aus. Dabei werden die Kriegsgründe und das Kriegsgeschehen im Hinblick auf die Ebene der europäischen Mächte betont und der Aspekt des Konfessionskonfliktes heruntergespielt. Entsprechend ließe sich auch kein "abfälliges Wort über den Katholizismus" (273) in dieser lutherisch geprägten Chronik finden. Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass darin eben auch konfessionell motivierte Gewalt dokumentiert wird (etwa 50). Einige Einordnungen sind freilich bedenklich, etwa das in Anmerkung 1377 geäußerte Erstaunen über die ausgebliebene Konfessionsproblematik zwischen den rekatholisierten Oberpfälzern und den Einwohnern des Markgraftums Brandenburg-Bayreuth. Denn keineswegs ist davon auszugehen, dass Konfessionalisierungsprozesse abrupt verliefen und ältere Loyalitäten in kürzester Zeit beseitigt gewesen wären. Gleichsam fragwürdig erscheint die Bewertung von täglichen Gerüchten über bevorstehende Einquartierungen mit dem Hinweis auf das in andere Regionen verlagerte Kriegsgeschehen. Solche Textpassagen sind mehr als redaktionelle Lückenbüßer, deren Wahrheitsgehalt zu vernachlässigen sei (281), könnte doch einer solchen chronistischen Angabe auch die Wirkmächtigkeit von Gerüchten und die Unübersichtlichkeit der Verhältnisse für Zeitgenossen entnommen werden. Der gegebene Überblick über das Kriegsgeschehen ist an jenen Stellen informativ, wo er lokale Begebenheiten thematisiert, so etwa die Integration von Exilanten aus dem nahen Böhmen seit 1626 (284 f.).

Eine sichere Beherrschung der allgemeinen, neueren Literatur zum Dreißigjährigen Krieg ist freilich nicht erkennbar. Allein Burkhardts Dreißigjähriger Krieg wird intensiver herangezogen, auch die Überblicksdarstellungen von Georg Schmidt und Gerhard Schormann sind bekannt. Der Hinweis auf den Gebhardt (272) meint die neunte und nicht die aktuelle Auflage. Das dem Register angeschlossene Literaturverzeichnis ist dann auch entsprechend kurz, gelegentlich überdies unpräzise (etwa bei Auflagenzahlen), aber vermittelt einen nützlichen Überblick über regionalgeschichtliche Studien zum Dreißigjährigen Krieg in Hof und Umgebung.

Im "Nachschlageteil" ist besonders das Personenregister hervorzuheben, das durch die Angaben zu den angeführten Namen in prosopographischer Hinsicht wertvoll ist. Entsprechende Daten zu den genannten Orten finden sich hingegen in den Fußnoten, die vom Editionsteil bis in den Kommentarteil durchgezählt sind, was wenig praktikabel erscheint. Die Auswahl der Stichworte im Sachregister ist unglücklich und hätte gründlicher ausfallen können. Beispielsweise fehlen Einträge zu Salvagardia oder Kontribution. Das umfängliche Glossar ist gründlich gearbeitet und wird vor allem nichtwissenschaftlichen Rezipienten das Verständnis des edierten Textes erleichtern. Die Editionskriterien werden im Kommentarteil erläutert (245-248) und folgen gängigen Mustern.

Die edierte Chronik ist in der Tat wertvoll. Sie führt deutlich vor Augen, wie der Alltag in der verkehrsgünstig gelegenen Stadt Hof zu Kriegszeiten fast ständig beeinflusst und geprägt war von der Präsenz des Militärs, sei es bei Einquartierungen und Durchzügen von Soldaten, sei es bei Zwischenfällen auf den unsicheren Straßen. Die Chronik macht deutlich, wie sehr sie die hergebrachte Ordnung störten; entsprechend häufig werden auch die Exzesse breit vorgeführt. Und vor allem mussten große Summen aufgebracht werden - reguläre Kontributionen gleichsam wie erpresste Summen. Daneben interessieren den Chronisten vor allem die Getreidepreise, aber auch einzelne Ereignisse wie Mehrlingsgeburten oder Spenden zur Kirchenausstattung. Die durchaus reichhaltige Bebilderung hätte ausführlichere Bildunterschriften verdient.

Dem eigenen Anspruch, die Hofer Chronik in den aktuellen geschichtswissenschaftlichen Debatten verorten und entsprechend kommentieren zu wollen, genügen Herausgeber und Bearbeiterinnen nicht vollkommen befriedigend. Der Wert der vorliegenden Edition der Hofer Chronik 1633-1643 liegt darin, die wichtige stadtgeschichtliche Quelle einem breiteren, wahrscheinlich vor allem lokal- und regionalgeschichtlich interessierten Publikum wieder zugänglich gemacht zu haben, und das zu einem erschwinglichen Preis. Um die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges besser zu verstehen und irreführende Generalisierungen zu vermeiden, ist sich die Forschung heute bewusst, regionale Differenzierungen vornehmen zu müssen. Eine Editionsleistung, wie die hier vorliegende, stellt somit nicht nur für die regionalgeschichtliche Forschung eine wichtige Arbeitsgrundlage dar, weil sie den unerlässlichen Zugriff auf die Vielfalt regionaler Quellen erleichtert.

Frank Kleinehagenbrock