Rezension über:

Karl-Otto Ambronn / Maria-Rita Sagstetter (Bearb.): Das Fürstentum der Oberen Pfalz. Ein wittelsbachisches Territorium im Alten Reich. Ausstellung des Staatsarchivs Amberg in Zusammenarbeit mit der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (= Ausstellungskataloge der Staatlichen Archive Bayerns; Beiheft 46), München: Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns 2004, 396 S., ISBN 978-3-921635-80-3, EUR 24,00
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Rezension von:
Frank Kleinehagenbrock
Institut für Geschichte, Bayerische Julius-Maximilians-Universität, Würzburg
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Frank Kleinehagenbrock: Rezension von: Karl-Otto Ambronn / Maria-Rita Sagstetter (Bearb.): Das Fürstentum der Oberen Pfalz. Ein wittelsbachisches Territorium im Alten Reich. Ausstellung des Staatsarchivs Amberg in Zusammenarbeit mit der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München: Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns 2004, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/02/9674.html


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Karl-Otto Ambronn / Maria-Rita Sagstetter (Bearb.): Das Fürstentum der Oberen Pfalz

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Die Oberpfalz gehört zu jenen frühneuzeitlichen Territorien, die als Objekt der Landesgeschichtsschreibung nicht im Mittelpunkt der Interessen der nach 1806 formierten staatlichen Gebilde stehen. Dies gilt umso mehr, als dass sie aufgrund des Herrschaftswechsels während des Dreißigjährigen Krieges aus den Zusammenhängen des rheinpfälzischen Kurfürstentums herausgerissen und in das neue bayerische Kurfürstentum integriert wurde. Der Freistaat Bayern pflegt jedoch bis heute vorwiegend das altbayerische Erbe; die Pflege der Erinnerung der Oberpfalz tritt dabei zudem hinter die fränkischen und schwäbischen Landesteile zurück, die später und noch radikaler aus ihren angestammten historischen Zusammenhängen gerissen und strukturell auf das neue Münchener Zentrum ausgerichtet wurden. Ein Prozess, der in der Oberpfalz langsamer und organischer verlief und zu einer stärkeren Integration in den modernen Freistaat geführt hat. Die kurpfälzische Landesgeschichte wirft konsequenterweise nur bis zum frühen 17. Jahrhundert Seitenblicke auf die östlichen Gebiete der kurfürstlichen Territorien mit ihren überaus komplizierten Rechts- und Herrschaftsverhältnissen.

Angesichts des Fehlens eines zentralen, modernen Erfordernissen genügenden Referenzwerkes zur oberpfälzischen Geschichte, insbesondere zur Frühen Neuzeit, ist der hier zu besprechende Katalogband zur Amberger Ausstellung ein nützliches Hilfsmittel. Er reiht sich ein in eine Tradition von Ausstellungen zur Oberpfälzer Geschichte, die vom Staatsarchiv Amberg organisiert wurden, wobei das Engagement und das Verdienst Karl-Otto Ambronns hervorzuheben ist. Auf diese Art und Weise werden die einschlägigen Abschnitte in Meinrad Schaabs Geschichte der Kurpfalz sowie im Handbuch der bayerischen Geschichte (überwiegend von Wilhelm Volkert) ergänzt und die Spezialstudien - vorwiegend zur Oberpfälzer Wirtschafts- und Konfessionalisierungsgeschichte sowie zu den Landständen - zusammengefasst. Dies dokumentiert nicht zuletzt das umfängliche Literaturverzeichnis am Ende des Bandes.

Dem Katalog vorangestellt sind vier hilfreiche moderne und weitere historische Karten sowie einige andere Abbildungen. Daran schließt sich ein Überblicksaufsatz von Karl-Otto Ambronn an, in dessen Mittelpunkt die territoriale Entwicklung der Oberpfalz steht. Zur klaren Strukturierung des Kataloges gehört der Abdruck und die ausführliche Erläuterung der in der Ausstellung präsentierten Archivalien; die zum Teil farbig abgebildeten Exponate sind klar zuzuordnen, archivkundlich ordentlich aufgenommen sowie mit speziellen Literaturangaben versehen. Die Darstellung der territorialen Entwicklung wird flankiert von Exponaten vor allem zur Dynastiegeschichte sowie zum in der Frühen Neuzeit stets spannenden Thema Grenze, ohne dass etwa aktuelle Fragen zur Raumwahrnehmung oder der Herrschaftsausbildung und -festigung diskutiert würden.

Es folgen zwei Hauptkapitel, die sich der Oberpfalz in kurpfälzischer und kurbayerischer Zeit widmen, von denen das erstere etwas länger ist. Die einzelnen Unterkapitel sind von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren verfasst, wobei auch hier Karl-Otto Ambronn vertreten ist. Es werden parallel - mitunter auch Redundanzen in Kauf nehmend - der Landesherr, strukturgeschichtliche Themen, der Adel, die Klöster, die Städte und Gemeinden sowie der Bergbau und das Hüttenwesen abgehandelt.

Für die Bewertung des gesamten Katalogbandes aufschlussreich erscheint der Text zu Exponat Nr. 34, der das interessante und umstrittene Kapitel der Reichskreiszugehörigkeit der Oberpfalz aufgreift (127 f.); strittig war bis ins 17. Jahrhundert hinein die Zugehörigkeit zum Kurrheinischen oder zum Bayerischen Reichskreis. Das kurfürstliche Interesse an einer Vertretung der Oberpfalz im Kurrheinischen Reichskreis wird hier mit dem Hinweis auf die eine "Eigenstaatlichkeit" der Oberpfalz betonende Terminologie des Kurfürsten bestritten. Die Kategorie des Staates in der Frühen Neuzeit ist bekanntlich ein Thema für sich, doch wird an dieser Stelle das Nebeneinander unterschiedlicher Rechte und Traditionen von Territorien, die durch die Person eines Herrschers verbunden waren, ignoriert. Genau hier aber lagen die Möglichkeiten unterschiedlicher Interessengruppen und Herrschaften begründet, die auch das Vorgehen der oberpfälzischen Landstände zwischen Landesherrn und benachbarten wittelsbachischen Territorien und Bayerischem Reichskreis bestimmt haben. Vertiefungen böten sich also an. Die Betonung der historischen "Eigenstaatlichkeit" der Oberpfalz, die auch noch in kurbayerischer Zeit trotz mancher Anpassungsprozesse bestanden habe und heute nur mehr "als Verwaltungsgebilde" innerhalb des Freistaates Bayern existiere, wie bedauernd angemerkt wird (276), scheint, zugespitzt formuliert, ein zentrales Anliegen des Katalogbandes zu sein.

Dass die Oberpfalz als landesgeschichtliches Forschungsobjekt für Frühneuzeitforscherinnen und Frühneuzeitforscher einen hohen Stellenwert besitzen sollte, verdeutlichen zahlreiche Themen, die angesprochen und deren Forschungspotential und deren allgemeine Relevanz nicht immer ausgeschöpft werden. Den hohen Stand der herrschaftlichen Durchdringung der Oberpfalz dokumentieren beispielsweise jene Exponate, die sich mit der Ämterstruktur befassen (151-157). Ist das ein Nebenprodukt kurpfälzischer Entwicklungen? Gab es endogene Faktoren, die diesen Vorgang beschleunigten? Welche Rolle spielte die wirtschaftliche Entwicklung seit dem späten 14. bis zum 16. Jahrhundert dabei? Solche Fragen bleiben offen. Die starke Ausprägung genossenschaftlicher Beteiligung von Untertanen im Gemeindeleben wird ganz ähnlich nur schlaglichtartig gestreift (228/370), ohne dass daraus ausführlichere Betrachtungen - etwa in Hinblick auf die Ansätze von Peter Blickles Kommunalismustheorie - hervorgingen und Typologisierungen ermöglichten.

Fairerweise sollte jedoch gesagt werden, dass ein Katalogband wie der hier zu besprechende Derartiges auch nicht unbedingt leisten muss. Sollen doch verständliche, eingängige und allgemeingültige Erläuterungen für ein breites Publikum zur Verfügung gestellt werden. Dies leistet der Katalog in nüchterner wie ansprechender Weise. Auch wenn die Aussagen stellenweise entschiedener hätten ausfallen können, bleibt doch die Feststellung, dass ein bodenständiges Kompendium Oberpfälzer Geschichte vorgelegt wurde, das auch der Forschung Zugriff auf die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte eines Territoriums ermöglicht, dessen eigenständige Entwicklungen bis in die Sattelzeit der Moderne im heutigen Bayern erkennbar geblieben sind.

Frank Kleinehagenbrock