Rezension über:

Walid A. Saleh: The Formation of the Classical Tafsīr-Tradition. The Qur'ān Commentary of al-Tha'labī (d. 427/1035) (= Texts and Studies on the Qur'ān; Vol. 1), Leiden / Boston: Brill 2004, x + 270 S., ISBN 978-90-04-12777-7, EUR 94,00
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Rezension von:
Stephan Conermann
Institut für Orient- und Asienwissenschaften, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Conermann: Rezension von: Walid A. Saleh: The Formation of the Classical Tafsīr-Tradition. The Qur'ān Commentary of al-Tha'labī (d. 427/1035), Leiden / Boston: Brill 2004, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 12 [15.12.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/12/10566.html


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Diese Rezension ist Teil des Forums "Islamische Welten" in Ausgabe 7 (2007), Nr. 12

Walid A. Saleh: The Formation of the Classical Tafsīr-Tradition

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Bemerkenswerterweise nehmen Korankommentare (tafāsīr, Sg. tafsīr) innerhalb des gesamten Schrifttums islamischer Wissenschaften den größten Raum ein. Sie sind das wichtigste Genre zur Dechiffrierung und Vermittlung der koranischen Botschaft und stehen im Zentrum der Beschäftigung mit der Offenbarung. Die Kette der Korankommentare ist bis heute nicht abgerissen, im Gegenteil, auch in der Gegenwart bedienen sich muslimische Gelehrte und Intellektuelle gerne dieses Mediums, um ihrer Weltsicht Ausdruck zu verleihen. Als ein gutes Beispiel mag der bekannte libanesische Āyātollāh Muḥammad Ḥusayn Faḍlallāh (geboren 1935) mit seinem 30-bändigen, 1998 publizierten Tafsīr ("Min waḥy al-Qur'ān" - "Über die koranische Offenbarung") dienen. Allerdings: das Genre erfreut sich einerseits zwar großer Beliebtheit, doch ist andererseits die Geschichte seiner Anfänge bisher schlecht erforscht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sehr viele Werke ausschließlich in Handschriften vorliegen, die nicht bloß schwer zu lesen, sondern bisweilen auch nur unter großen Schwierigkeiten zu bekommen sind. Insofern bleibt eine Geschichte der Korankommentare ein großes Desideratum der Islamwissenschaft.

In der hier vorgelegten Publikation bietet der Verfasser zweierlei: zum einen stellt er uns einen wichtigen Kommentar ausführlich vor, und zum anderen führt er den Leser im Rahmen der notwendigen Kontextualisierung seines Textes in die Entwicklung des Genres ein. Bei dem Werk handelt es sich um aṯ-Ṯa'labī an-Nīšāpūrīs (gestorben 1035) "al-Kašf wal-bayān 'an tafsīr al-Qur'ān" ("Enthüllung und Erläuterung der koranischen Exegese"), dessen Bedeutung seit einem Jahrhundert bekannt war, ohne dass es jedoch bisher Gegenstand einer eigenen Studie gewesen ist.

Saleh geht es in erster Linie um die bisher nicht beantwortete Frage, wie die Entwicklung des Korankommentares von aṭ-Ṭabarī (gestorben 923), der gemeinhin als der erste wirklich bedeutende Gelehrte auf diesem Feld gilt, bis zu az-Zamaḫšarī (gestorben 1144) verlaufen ist. Bislang vertrat man die These, dass es in jenen 200 Jahren zu keinen grundlegenden Neuerungen gekommen sei. Erst der Mu'tazilit az-Zamaḫšarī habe dann einen wegweisenden neuen Ansatz vorgelegt. Allerdings kann Walid A. Saleh sehr überzeugend nachweisen, dass dies nicht den Tatsachen entspricht. Diese Epoche sah vielmehr das Aufkommen einer von ihm als "Schule von Nīšāpūr" bezeichneten breiten Gelehrsamkeit. In Nīšāpūr, einem der Zentren der Seldschukenzeit, debattierten zahlreiche Philosophen, Theologen und Philologen unter anderem über exegetische Fragen und Probleme. Es sieht ganz so aus, als ob in diesem Umfeld aṯ-Ṯa'labī radikal das Genre reformiert hat und auf lange Sicht gesehen viel einflussreicher als aṭ-Ṭabarī gewesen ist.

Im ersten Kapitel des Buches gibt uns der Autor eine ausführliche Biographie von aṯ-Ṯa'labī. Interessant ist vor allem die Tatsache, dass sein Lehrer Ibn Ḥabīb eindeutig einen karrāmitische Hintergrund besaß. Zwar wurde sein Einfluss auf aṯ-Ṯa'labī später von den Gelehrten heruntergespielt, doch haben hier die bedeutsamen Modifikationen der traditionellen Koranexegese durch aṯ-Ṯa'labī ihren Ursprung. Beispielsweise lässt aṯ-Ṯa'labī im Gegensatz zu aṭ-Ṭabarī alle Überlieferungsketten weg. Darüber hinaus inkorporierte er Prophetenḥadīṯe in seinen Kommentar. Korankommentare enthielten auf diese Weise sowohl das Wort Gottes wie auch das Wort des Propheten. Dies bewirkte, dass beide zur Quelle religiöser Gelehrsamkeit und Inspiration wurden.

Aber aṯ-Ṯa'labī hatte auch sufische Neigungen, wie Saleh anhand einer genauen Analyse eines seiner Werke zeigt, in dem die Geschichten derjenigen erzählt werden, die beim Hören des Korans gestorben sind, also der Gruppe der "Qatlā al-Qur'ān". Die Rezitation des Korans wird damit zum Martyrium, zur höchsten Art der Frömmigkeit, zum besten Weg, an dem göttlichen Heil zu partizipieren.

Die übrigen Kapitel des Buches sind dem "Kašf" selbst gewidmet, dessen Manuskripte verstreut in vielen Bibliotheken liegen - von Princeton bis St. Petersburg und von Hyderabad bis Marokko. Allerdings gibt es nur eine vollständige (und durchaus zuverlässige) Kopie (aus dem Jahre 1772), die in Istanbul aufbewahrt wird (Veliyuddin Efendi nos. 130-133). Das wertvollste, da früheste Manuskript stellt aber eine Abschrift des Textes aus der Maḥmūdīya-Bibliothek in Medina dar. In der zwischen 1226 und 1232 angefertigten Kopie fehlen jedoch vier Kapitel.

Der "Kašf" beginnt mit einem Paukenschlag: In einer grandiosen Einleitung bietet aṯ- Ṯa'labī dem Leser eine Zusammenfassung der Tafsīrstudien bis zum 13. Jahrhundert. Er erwähnt jeden größeren Kommentar und zählt dessen Meriten und Fehler auf. Es stellt sich heraus, dass der Autor nicht, wie lange in der Forschung vermutet, aṭ-Ṭabarīs Arbeit fortführte, sondern ihn mit Absicht ignorierte, um ein vollkommen eigenständiges, von dem großen Meister unabhängiges Werk vorzulegen. Er verwendet das Material vor aṭ-Ṭabarī und ergänzt es um neue Abhandlungen aus der Folgezeit. Diese Vorgehensweise ist sicher einmalig und führt dazu, dass sich jeder, der sich mit der Entwicklung des Tafsīr-Genres beschäftigen möchte, fortan mit beiden Exegeten befassen muß.

In den sich nun anschließenden Kapiteln (4-6) folgt eine ausführliche Studie der in den klassischen Korankommentaren angewendeten hermeneutischen Prinzipien. Indem Saleh beschreibt, wie sich die Kommentatoren dem Koran methodisch genähert haben, kann er zeigen, dass dem Genre, wie so oft geglaubt, keine Stagnation inhärent ist, sondern es im Gegenteil Entwicklung und Kreativität prägen. Saleh geht zweigleisig vor: Bei seiner intensiven Lektüre des Textes vergleicht er die von ihm analysierten Passagen immer sofort mit den entsprechenden Stellen in den Kommentaren von aṭ-Ṭabarī, az-Zamaḫšarī, al-Qurṭubī (gestorben 1272), al-Baġawī (gestorben 1122) und ar-Rāzī (gestorben 1210). Ergänzend erfolgt eine genaue Auslotung des kulturellen Umfeldes des Autors. Faszinierend sind insbesondere aṯ-Ṯa'labīs methodischen Aussagen. 14 Regeln müssen, so aṯ-Ṯa'labī, bei der Exegese des Korantextes beachtet werden. Allerdings muss man den theoretischen Ambitionen muslimischer Autoren dieser Zeit mit Vorsicht begegnen, denn meistens lösen sie ihre eigenen Vorgaben im Text selbst nicht ein. Es folgen die beiden Haupteile des Buches. In jedem der zehn Unterkapitel beschäftigt sich Saleh mit einem bestimmten hermeneutischen Aspekt des Werkes. Der Autor bietet uns, und das ist ein wirklich großes Verdienst, ein erstklassiges analytisches Instrumentarium für die Lektüre von Korankommentaren, das es dem heutigen Leser erlaubt, sich diesen Texten auf adäquate Weise anzunähern.

Saleh schließt seine gelungene Studie mit einigen Angaben zur Rezeptionsgeschichte. Aṯ- Ṯa'labīs "Kašf" wurde ab dem 14. Jahrhundert im Kampf zwischen sunnitischen und schiitischen Gelehrten verwendet. Angesichts des in ihm eingefügten schiitischen Materials versuchten die Schiiten, ihre Behauptungen damit zu untermauern. Aus diesem Grund lehnten die Sunniten das Werk bald ab.

Korankommentare sind hochgradig komplexe Texte, vergleichbar nur mit philosophischen oder mystisch-poetischen Abhandlungen. Salehs Werk hat uns bei der Erforschung des Genres ein gutes Stück vorangebracht, doch liegt noch sehr viel Arbeit vor uns. Zahllose Texte sind noch nie untersucht worden, auch wissen wir nichts etwa über die innere Funktionsweise von Glossen und Superkommentaren.

Stephan Conermann