Rezension über:

Birgit Emich: Geschichte der Frühen Neuzeit studieren, Stuttgart: UTB 2006, 304 S., ISBN 978-3-8252-2709-8, EUR 17,90
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Rezension von:
Eric Piltz
Institut für Geschichte, Technische Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Eric Piltz: Rezension von: Birgit Emich: Geschichte der Frühen Neuzeit studieren, Stuttgart: UTB 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8 [15.07.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/07/8876.html


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Diese Rezension ist Teil des Forums "Einführungsliteratur" in Ausgabe 7 (2007), Nr. 7/8

Birgit Emich: Geschichte der Frühen Neuzeit studieren

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Einführungen in ein Teilgebiet der Geschichtswissenschaft haben Konjunktur und haben es gleichzeitig schwer. Die Erfahrungen im Lehrbetrieb zeigen, dass schnelle Informationsermittlung bei Studierenden im Vordergrund steht, was sich vor allem bei der Erstellung von Bibliografien zeigt. Letzteres ist eine Grundfertigkeit, die einerseits im Studium vermittelt werden sollte, andererseits aber eine Frage der Praxis und der Selbstständigkeit der Studierenden ist.

Diese zu unterstützen hat sich die Reihe UTB basics mit den Einführungen in die institutionalisierten Epochen der Geschichtswissenschaft auf die Fahnen geschrieben. Gegenüber älteren Einführungen setzen sie dabei verstärkt auf Übersichtlichkeit und Verständlichkeit. Das Buch richtet sich, wie es der Titel bereits ausweist, direkt an die Studierenden, denen sowohl inhaltliche als auch propädeutische Hilfestellung gegeben werden soll. Dabei wird kein Vorwissen vorausgesetzt, was den Einstieg enorm erleichtert. Hierfür spricht auch die übersichtliche Gliederung in "Praktisches", "Theoretisches", "Methodisches" und "Technisches" des vorliegenden Bandes. Das Inhaltliche bekommt keinen eigenen Punkt zugewiesen, sondern wird mit den einzelnen Problemlagen sinnvoll verknüpft. Am Ende jedes Teilkapitels stehen Aufgaben zum Selbsttest und Literaturtipps.

Emich beginnt mit dem "Praktischen" und der Vorstellung des Studienfachs Frühe Neuzeit. Immer wichtiger dürfte es werden, sich bereits vor Beginn des Studiums zu orientieren. Das Kapitel zu Berufszielen und -perspektiven geht gezielt auf dieses Bedürfnis ein. Vor allem an Erstsemester ist die Vorstellung der Studiengänge adressiert. Ein Überblick über die Unterschiede, Inhalte und Gestaltung der angestrebten Abschlüsse (Bachelor, Magister und Staatsexamen) ist zwar grundsätzlich wichtig. Fraglich ist es aber, ob gerade dieser Teil von den anvisierten Lesern genutzt werden wird. Zumal die Unterschiede zwischen den Universitäten trotz oder gerade wegen des Bologna-Prozesses eher wachsen werden. Das Gleiche gilt für die Erläuterung der Veranstaltungstypen, da Studierende erfahrungsgemäß hierüber genauer in ihren Studienordnungen oder Einführungsveranstaltungen informiert werden. Wer wissen will, was ein Hauptseminar ist, greift nicht unbedingt zu einem Einführungsbuch.

Der Frühen Neuzeit als Wissenschaft ist das zweite Kapitel "Theoretisches" gewidmet. Hier entfaltet Emich präzise die relevanten Fragestellungen und theoretischen Impulse. Historismus, Struktur- und Gesellschaftsgeschichte und Neue Kulturgeschichte werden vorgestellt, wobei die Gewichtung klar zugunsten der kulturgeschichtlichen Themen ausfällt.

Ob allerdings die Droysen'sche Klassifizierung von Quellen in Tradition und Überrest anhand der Überlieferungsintention tatsächlich "unverändert wichtig" ist (65), ist wohl eher fraglich, wie bereits 1991 Winfried Schulze bemerkt hat. [1] Fraglos wichtig ist es dagegen, diese Begriffe ausführlich vorzustellen, wie es Emich tut. Dazu zählen die Dichotomie von Erklären und Verstehen ebenso wie die Debatte um den "linguistic turn". Großen Platz räumt sie der Periodisierung wie den Perspektiven und Spezifika der Frühneuzeitforschung ein. Die Verwendung dieser beiden Kapitel im Proseminar hat sich dort gelohnt, wo nicht mit Vorkenntnissen der Studierenden zu rechnen war.

Das Kapitel "Methodisches" geht gezielt auf Quellen und die Verfahren der Forschung ein, wobei der Westfälische Frieden als Beispiel dient, um u. a. Aspekte der Reichsverfassung und der Konfessionen zu klären. Die Hilfswissenschaften werden sachbezogen bei der Vorstellung der Text- und nichtschriftlichen Quellen diskutiert. Bilder als historische Quelle bilden einen gut ausgearbeiteten eigenen Schwerpunkt. Sehr schön zeigt Emich anhand der "Beschwörung des Spanisch-Niederländischen Friedens" von Ter Borch, wie Bildrhetorik und Wirkungsgeschichte aufzuarbeiten sind. Zu kurz kommt leider die Historische Geografie. Ebenso wie die Historische Bildkunde einen Brückenschlag zu den Kunsthistorikern ermöglicht, wäre es wünschenswert gewesen, die neuere Forschung zu Karten und räumlichen Repräsentationssystemen an dieser Stelle vorzustellen.

Das "Technische" des Geschichtsstudiums ist oft die größte Hürde für alle Studienanfänger. Hier hilft Emich mit den Gebrauchsanweisungen zum Bibliografieren ebenso wie bei der Frage, wie mit der Literatur umzugehen ist. Auch die Grundfertigkeiten des wissenschaftlichen Schreibens wie Exzerpieren, Protokoll und Rezension kommen in einführenden Seminaren oft zu kurz.

Nicht nur inhaltlich, auch sprachlich kennzeichnet den Band das Bemühen, die Studierenden "ins Boot zu holen" anstatt sie mit wissenschaftlichem Gestus abzuschrecken. Dieses Verdienst ist der Autorin geschuldet, die es versteht, verständlich zu schreiben und gleichzeitig den Leser in den Fachjargon einzuführen. Umgekehrt ist dann zu fragen, wie sich die Verwendung des Buches in der Lehre gestaltet. Der Einsatz im Proseminar, bei der der Rezensent mit Magister-, Lehramtsstudierenden und Bachelor-Studenten gearbeitet hat, hat sich für beide Seiten als sinnvoll und hilfreich erwiesen. Die farblich hervorgehobenen zentralen Begriffe und die Kurzdefinition am Rand erleichtern dabei die Arbeit.

Die Aufbereitung als Lehr- und Arbeitsbuch ist zudem ein Ausweis dafür, dass der Band seine Entstehung dem praktischen Lehralltag verdankt. Dies muss allerdings nicht zur Folge haben, dass stellenweise ein lehrerhafter Ton zum Tragen kommt. Von Studierendenseite wurde z. B. angemerkt, dass der Hinweis, man solle nicht in Bibliotheksbüchern herumschmieren, da dies asozial sei (47), zwar einleuchte, dies aber allgemein bekannt sei und in einer solchen Einführung deplatziert wirke. Die "Aufgaben zum Selbsttest" sind durchaus zwiespältig zu beurteilen. Die Anwendung dieser Aufgaben ist nicht unbedingt zu erwarten. Wohl aber liegt hierin eine Stütze und Hilfe bei der didaktischen Aufbereitung eines Seminars für den Dozenten / die Dozentin. Denn die Fragen zielen auf genau das Kernwissen, das am Ende des Grundstudiums oder des Einführungsmoduls vorausgesetzt werden sollte.

Emich ist betont aktuell und nah am Studium, was man von der Gestaltung des Einbandes leider nicht behaupten kann. Für weitere Auflagen sollte man doch hier auf eine schlichtere oder zumindest optisch ansprechendere Variante umschwenken. Über ein Register und ein Glossar ist der Band gut erschlossen. Die Literaturempfehlungen am Schluss animieren die Studierenden zum Weiterlesen, anstatt sie mit einer umfangreichen Bibliografie zu erschlagen. Zur Aktualisierung und begleitend zum Buch betreut die Autorin zudem die Homepage http://www.fruehe-neuzeit.info/joomla/ - nicht zu verwechseln mit der Zeitschrift.

Emich hat eine fachspezifische Einführung vorgelegt, die den Einstieg in das Fach erleichtert. Den Studierenden, nicht nur der Frühen Neuzeit, wird das wichtigste Rüstzeug an die Hand gegeben. Der Vorteil des Buches liegt darin, dass es Anfängern Anlaufstation sein kann für alltägliche Probleme im Studium und gleichzeitig die Grundzüge der Epoche und ihrer Erforschung vermittelt.


Anmerkung:

[1] Winfried Schulze: Einführung in die Neuere Geschichte, 2. Aufl. Stuttgart 1991, 33.

Eric Piltz