Rezension über:

Christoph Driessen: Kleine Geschichte Amsterdams, Regensburg: Friedrich Pustet 2010, 151 S., 36 s/w-Abb., ISBN 978-3-7917-2272-6, EUR 14,90
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Rezension von:
Eric Piltz
SFB "Transzendenz und Gemeinsinn", Technische Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Eric Piltz: Rezension von: Christoph Driessen: Kleine Geschichte Amsterdams, Regensburg: Friedrich Pustet 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/19356.html


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Christoph Driessen: Kleine Geschichte Amsterdams

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In der Reihe kleiner Geschichten europäischer Metropolen im Friedrich Pustet Verlag hat der Journalist Christoph Driessen nach einer ähnlich aufgebauten aber umfangreicheren Geschichte der Niederlande [1] nun ein Geschichte Amsterdams vorgelegt. Amsterdam ist eine Großstadt und ein global village, eine Weltstadt im besten Sinne, haben doch von den 768 000 Einwohnern fast die Hälfte ausländische Wurzeln. 180 Nationalitäten sind hier ansässig. Dementsprechend beginnt das Buch auch mit den Impressionen dieser Vielfalt, die den Besucher gefangen nehmen. Hier spricht, das wird im gesamten Ton spürbar, ein Liebhaber. Das Buch ist in chronologische Groß- und thematisch orientierte Unterkapitel unterteilt, denen vom Text abgesetzte Stichworte (von Anne-Frank-Haus bis Vincent van Gogh) zugeordnet sind. Orts- und Personenregister erleichtern das Nachschlagen. Die Auswahlbibliographie ist für eine kleine Einführung hinreichend und weiterführend, enthält aber vorwiegend niederländische Titel. Driessen schließt - und das ist eine Überraschung für eine der Lieblingsreisestädte der Deutschen - eine Lücke in der jüngeren deutschsprachigen Literatur, konnte der interessierte Laie, an den sich dieses Buch richtet, doch bisher vor allem die stärker erzählerische Stadtbiographie von Geert Mak oder klassische Reiseführer heranziehen. [2]

Das erste Kapitel schildert die Unwahrscheinlichkeit, dass Amsterdam überhaupt existiert, war die Siedlung an der Amstel um das Jahr 1000 doch am und geradezu im Wasser entstanden - die Grachten erscheinen erst im heutigen Blick des Touristen als pittoresk. 1306 erhielt sie Stadtrecht. Das Mittelalter wird eher kursorisch abgehandelt. Die verheerenden Stadtbrände 1421 und 1452, die einen Großteil der Gebäude zerstörten, werden nur kurz erwähnt, so dass sich die Geschichte zunächst wie ein ungebrochener Aufstieg liest. Die prägenden zwei Jahrhunderte von der Reformation bis zur wirtschaftlichen Blüte der Stadt zu einem Welthandelszentrum im 17. Jahrhundert nehmen dafür breiteren Raum ein. Zahlreiche Abbildungen illustrieren nicht nur den Text, sondern sind auch Ausgangspunkt für die Schilderung des städtischen Lebens. So nähert sich der Driessen über eine Stadtansicht aus der Vogelperspektive schrittweise dem Stadtbild des Jahres 1538, um hier schlaglichtartig auf markante Ereignisse hinzuweisen. Exemplarisch für die konfessionellen Kämpfe des 16. Jahrhunderts greift der Autor die Wiedertäufer und die Bilderstürme heraus, um den nicht ungebrochenen Übergang zum Protestantismus zu illustrieren. Das Goldene Zeitalter Amsterdams, das durch den Niedergang Antwerpens Ende des 16. Jahrhunderts eingeleitet wurde, wird als "Labor des Kapitalismus" und - im Bild der kulturellen Vielfalt - mit den Worten eines deutschen Reisenden als "Magazin von gantz Europa" (34) bezeichnet. Das Bankwesen, die Wechselgeschäfte und der Überseehandel blühten im 17. Jahrhundert. Deutlich hörbar im Ton und vielen Anspielungen ist das Anliegen des Autors, die Gegenwart der Vergangenheit zu schildern. Ein sehr schönes Beispiel ist der Börsencrash des Jahres 1688, als übermäßige Aktienkäufe auf eine erwartete Ladung Gold sich als Trugschluss und Fehlspekulation herausstellten. Das 19. Jahrhundert sah einen Niedergang der Stadt - so zumindest die bekannte Lesart, der Driessen folgt. Amsterdam geriet wirtschaftlich gegenüber London ins Hintertreffen, deutlich sichtbar bei der dortigen Weltausstellung 1851, die zu einem Umdenken führte. Der Bau des Hauptbahnhofs 1889, das Eintreffen der ersten Diamantenlieferungen und neue Industrien stellten Ende des Jahrhunderts die Weichen für neues Wachstum. Konnte der Stadtkern weitgehend konserviert werden, gewann Amsterdam neue Gesichter hinzu, die heute selbstverständlicher Teil der städtischen Identität sind. Beispielhaft dafür ist das Fahrrad, dessen Erfolgsgeschichte Driessen als Teil der niederländischen Gesellschaftsgeschichte liest.

Das vorrangige Zielpublikum sind mithin nicht die Fachhistoriker. Der Stil ist im positiven Sinne feuilletonistisch-anekdotisch. Als Leiter des dpa-Büros in Köln liegt dem Autor Prägnanz nahe. Im Kapitel zu den Jahren der deutschen Besatzung (1940-45) heißt es in einer Bildunterschrift zu jüdischen Kindern bei einer Theatervorstellung lakonisch: "Sie sollen alle sterben." Sachlich nicht falsch, da etwa 75 % der niederländischen Juden deportiert und hingerichtet wurden, in Amsterdam waren es 80 000 Menschen, aber doch etwas zu plakativ. Lesenswert ist das Kapitel über Amsterdam als Zentrum der Gegenkultur in den 1960er und 1970er Jahren, als Happenings, der anfängliche Widerstand gegen den deutschen Ehemann von Königin Beatrix, anarchistische Kleinkunstprojekte, Hausbesetzer ('Krakers') und Drogenkonsum das Klima bestimmten. Die vielgepriesene Kultur der Toleranz ist jedoch in den Niederlanden in den letzten Jahren zunehmend brüchig geworden. Das kurze Kapitel zum Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh deutet dies nur an. Auch die problematische Seite der "Vielvölkerstadt" (127), die freiwillige Segregation (die freilich nicht so bezeichnet wird) und die damit einhergehenden politischen Konflikte weichen eher der nach wie vor bestehenden Faszination eines bunten städtischen Prismas. Leider zu kurz kommt Amsterdam als Ort der Literatur, von renommierten Verlagen wie "De Bezige Bij" oder Schriftstellern wie Brederode, Multatuli, W.F. Hermans oder A.F.Th. van der Heijden. Wie kurzlebig dagegen der Wunsch nach Aktualität sein kann, zeigt das Infokästchen zu Louis van Gaal und dessen Bekenntnis zum FC Bayern. Ein Eintrag zum Traditionsverein Ajax Amsterdam könnte in einer zweiten Auflage an dieser Stelle stehen. Die subjektiven Gewichtungen, die der Autor vornimmt, spiegeln sich dann auch in der Zeittafel am Ende, wo die Hippie Ära nach der deutschen Besatzung und vor der Globalisierung als Art Epochenbezeichnung fungiert. Gleichwohl liegt er nicht falsch damit, das zeittypische und besondere herauszustellen, geht es doch nicht darum, möglichst große historische Objektivität zu erzielen, sondern den potentiellen Besucher der Stadt für dessen Geschichten einzunehmen, die bis heute z. T. sichtbar nachwirken und Teil der lebendigen Erinnerung sind. Christoph Driessen hat somit eine erfrischende und facettenreiche kleine Stadtgeschichte geschrieben, die in ihrer Kürze für alle, die Amsterdam erst noch oder näher kennenlernen wollen, ein kurzweiliges wie lehrreiches Vademekum sein kann.


Anmerkungen:

[1] Christoph Driessen: Geschichte der Niederlande. Von der Seemacht zum Trendland, Regensburg 2009.

[2] Geert Mak: Amsterdam. Biographie einer Stadt, München 2006.

Eric Piltz